27.10.2008

TENNISDer Andere

Ein Prozess in Frankreich gibt den Blick frei in die Abgründe des Leistungssports: Der renommierte Trainer Régis de Camaret soll 13 seiner Spielerinnen sexuell missbraucht haben. Schon vor dem Urteil gilt die Frau, die den Skandal publik machte, als Heldin.
Das gemauerte Häuschen ist wenige Meter breit und hat nur ein Fenster. Mit einem Ruck lässt sich die Tür öffnen. Rechts lehnt ein Regal an der Wand, auf den Brettern liegen Tennisschläger, Bälle, eine zerschlissene Sporttasche und Putzzeug. Links hängen ein Stromzähler und ein paar Boiler für die Duschen im angrenzenden Kabinentrakt. In der Ecke steht ein verstaubter Holztisch.
In diesem Abstellraum, sagt Isabelle Demongeot, habe ihr Trainer sie als Jugendliche vergewaltigt. Sie steht noch immer draußen, sie weigert sich, das Häuschen zu betreten.
Sie ist jetzt 42 Jahre alt. Sie hat eine sportliche Figur, glattes blondes Haar, die Haut ist gebräunt. Sie führt über die Tennisanlage am Ortsrand von St. Tropez. Die Sonne hat den Kunststoffboden auf den vier Plätzen ausgebleicht, die Netze sind ausgeleiert, die Fangzäune haben Löcher. Heute spielen hier nur noch die Gäste eines Hotels.
Madame Demongeot leitet ein paar Kilometer weiter eine eigene kleine Tennisschule, fast täglich führt sie ihr Weg zur Arbeit vorbei an dem schrecklichen Ort. Sie wirkt gefasst und klar. "Es muss irgendwann zu Ende sein", sagt sie.
Bis Anfang der neunziger Jahre befand sich auf dieser Anlage die wichtigste Privatakademie des französischen Tennis. Geführt wurde sie von Régis de Camaret. Der Trainer war der Herrscher dieses Camps, impulsiv, kernig, ein Mann, der sich nichts sagen ließ von den Verbandsfürsten in Paris und der die begabtesten Spielerinnen nach seinen eigenen Regeln formte.
De Camarets Beste war Nathalie Tauziat, die er bis zu ihrem Karriereende 2003 als Trainer begleitete. 1998 erreichte Tauziat das Finale von Wimbledon, zwei Jahre später wurde sie die Nummer drei der Weltrangliste, vor sich nur noch die Amerikanerin Lindsay Davenport und die Schweizerin Martina Hingis.
De Camarets Zweitbeste war Isabelle Demongeot. Sie war 11, als ihre Eltern sie bei ihm anmeldeten, mit Tauziat bildete sie später eines der besten Doppel der Welt. Als sie 22 war, verließ Demongeot das Camp, plötzlich und ohne erkennbaren Grund.
Gut 16 Jahre später, im Oktober 2005, meldete sich Isabelle Demongeot bei der Gendarmerie in Draguignan, einem Garnisons- und Verwaltungsstädtchen im Hinterland der Côte d'Azur, und zeigte de Camaret an. Der Vorwurf: Ihr früherer Coach habe sie neun Jahre lang sexuell missbraucht und vergewaltigt.
Für ein Verfahren war es zu spät, nach französischem Strafrecht waren Demongeots Anschuldigungen verjährt. Dennoch gingen die Beamten den Hinweisen nach. Systematisch befragten sie alle Spielerinnen, die jemals unter der Obhut des Trainers in St. Tropez gestanden hatten. Das Ergebnis ihrer Ermittlungen gibt den Blick frei in die Abgründe des Leistungssports: Zwölf weitere Frauen gaben bei den Vernehmungen zu Protokoll, Opfer von de Camaret gewesen zu sein.
Nun stehen die Ermittlungen gegen den Mann, der sogar dem damaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing Tennisunterricht erteilte, unmittelbar vor dem Abschluss. De Camaret wird sich im kommenden Jahr wegen "Vergewaltigung einer Minderjährigen unter 15 und versuchter Vergewaltigung einer Minderjährigen unter 15 als Aufsichtsperson" verantworten müssen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.
Die Anklage stützt sich auf die Aussagen zweier ehemaliger Spielerinnen, deren Anschuldigungen noch nicht verjährt sind. Die anderen elf mutmaßlichen Opfer, deren Vorwürfe strafrechtlich nicht mehr relevant sind, werden als Zeuginnen aussagen, auch Isabelle Demongeot.
Eine der beiden Klägerinnen leidet heute an einer schweren Depression. Sie hatte sich bereits 2002 an die Strafverfolger in Draguignan gewandt, ein Ermittlungsverfahren kam damals jedoch nicht in Gang. Warum der Tenniscoach vor sechs Jahren unbehelligt blieb, ist rätselhaft. Die Staatsanwaltschaft äußert sich dazu nicht.
Die andere Klägerin sitzt in einem Restaurant am Hafen von La Londe-les-Maures, einem Küstenort in der Nähe von St. Tropez. Ihren Namen will sie nicht veröffentlicht sehen, um ihre Privatsphäre zu schützen. "Ich war sehr erleichtert, als die Gendarmerie sich bei mir meldete", sagt die Mutter zweier Kinder, die heute in Avignon lebt und eine Event-Agentur leitet. "Ich hatte jahrelang darauf gewartet."
Dann erzählt sie, was sie auch der Polizei erzählte, sie spricht mit fester Stimme. Anfang der neunziger Jahre war sie als 13-Jährige in de Camarets Akademie gewechselt. Anders als Isabelle Demongeot, die bei ihren Eltern blieb und nur zum Trainieren auf die Anlage am Stadtrand kam, zog sie in das Haus "Le Refuge" im Zentrum von St. Tropez ein. Dort hatte de Camaret etwa zehn minderjährige Mädchen aus ganz Frankreich untergebracht. Auch er wohnte in dem Haus, bis zur Trennung sogar mit seiner Frau.
"Wir durften die Zimmer nicht abschließen", sagt die Klägerin, "auch die Badezimmertür nicht. Wir haben das als Aggression empfunden."
Einmal, fährt sie fort, habe de Camaret versucht, ihr den Bademantel auszuziehen, sie habe sich ihrem Trainer gerade noch entzogen. Nach acht Monaten habe er sie vergewaltigt. Noch am selben Tag rief sie zu Hause an und ließ sich von ihrer Mutter abholen.
Über de Camaret verlor sie kein Wort, sie fühlte sich schuldig. "Er war der Gott des Tennis, für mich war es ein Traum gewesen, dort trainieren zu dürfen. Oft sind die Trainer so etwas wie Götter. Wenn sie den Eltern sagen: Ihre Tochter muss Hundefleisch essen, damit sie gut Tennis spielt, dann lassen sie ihr Kind eben Hundefleisch essen."
Sie wollte alles abhaken, zur Seite schieben, aber das funktionierte nicht lange: "Ich bekam Probleme mit meiner Persönlichkeit und ein gestörtes Verhältnis zu Jungs." Mit 22 begann sie eine Therapie, die ihr das Schuldgefühl nahm. "Viele Vergewaltigungsopfer haben das Problem wie ich, nicht nein gesagt zu haben."
Bei der Gegenüberstellung mit der Klägerin vor dem Untersuchungsrichter hat de Camaret ihre Schilderungen als Lügen bezeichnet. Er habe sich den Spielerinnen gegenüber immer "väterlich" verhalten. Sein Rechtsbeistand Emmanuel Daoud, ein Staranwalt aus Paris, der die Verteidigung übernommen hat, obwohl de Camaret finanziell so gut wie am Ende ist, betont: "Mein Mandant bestreitet jede Form der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen." Bei dem Prozess in Draguignan wird es nicht nur um die Frage gehen, ob de Camaret schuldig gesprochen wird. Es geht auch darum, die Grenzbereiche neu zu justieren, in denen sich das oft einseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Trainern und minderjährigen Leistungssportlerinnen ständig bewegt: Wo beginnt die psychische Manipulation? Wo die Züchtigung? Wo die Erniedrigung? Und wo die Unterwerfung?
So war es auch vor mehr als zehn Jahren, als der Skandal um den Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr die deutsche Öffentlichkeit verstörte. Das Stuttgarter Landgericht verurteilte den gebürtigen Tschechen zu zwei Jahren auf Bewährung, dreijährigem Berufsverbot und Schmerzensgeld in Höhe von 18 000 Mark, weil er einer 17-Jährigen beim Training mehrmals an den Busen gegrabscht und ihr einmal auch in die Hose gegriffen hatte. Ein anderes Mädchen hatte Fajfr nach einer misslungenen Übung angebrüllt: "Du musst mal wieder ordentlich gefickt werden, damit du die Beine besser hochkriegst."
Wie fatal sich das Verhältnis zu einem Trainer entwickeln kann, musste auch die deutsche Tennisspielerin Anna-Lena Grönefeld erfahren. Jahrelang versuchte der Spanier Rafael Font de Mora, sie in einer Art Isolationsbetreuung zur Weltklassespielerin zu trimmen. Sie wirkte, als wäre sie ihm hörig. Nachdem Grönefeld vor zwei Jahren die Verbindung gekappt hatte, wollte Font de Mora sie zermürben. So setzte er sich bei ihrem Erstrundenspiel der French Open in Paris für sie gut sichtbar zum Anhang ihrer Gegnerin. Prompt verlor Grönefeld die Fassung - und das Match.
"Man braucht viel Zeit, um alle Zusammenhänge zu verstehen", sagt Isabelle Demongeot, "ich wollte zunächst einmal nur vergessen. Erst Jahre später habe ich gemerkt, wie dramatisch die Konsequenzen waren, bis hin zum vollständigen Identifikationsverlust. Ich hatte kein Selbstvertrauen mehr."
Ihr inneres Gleichgewicht erlangte Demongeot erst wieder, nachdem sie sich 2005 einem Psychologen anvertraut hatte. Zur Therapie gehörte auch, dass sie Anzeige gegen de Camaret erstattete und dass sie begann, ein Buch über die Jahre zu schreiben, in denen sie ihrem Trainer psychisch und körperlich ausgeliefert war. "Ich wollte die Dinge endlich loswerden, die auf mir lasteten", sagt sie.
Auch ihren Eltern eröffnete sie ihre komplette Geschichte erst nach Beginn der Therapie. Die hatten schon genügend Probleme zu akzeptieren, dass sie lesbisch ist.
Als 23-Jährige hatte Isabelle Demongeot ihrem Vater gegenüber lediglich einmal angedeutet, dass sie von ihrem früheren Trainer vergewaltigt worden sei. "Aber ich war unfähig, ihm die Details zu schildern: dass de Camaret mich auf seiner Tennisanlage missbraucht hatte, auf Autobahnrastplätzen oder im Hotelzimmer, wenn wir bei Turnieren waren. Ich konnte meinem Vater nicht einmal sagen, dass ich zwölf Jahre alt war, als alles begann."
Im vorigen Frühjahr erfuhr es dann die ganze Nation, als Demongeots Buch "Service Volé" auf den Markt kam. Das Vorwort stammt von Yannick Noah. "Nur dank des Muts von Isabelle", schreibt der frühere Tennis-Star, "werden wir alle zusammen unsere Kinder schützen können vor denjenigen, die ungestraft so viele Lebenswege zerstören, indem sie ihren Einfluss missbrauchen."
Demongeot nennt de Camaret in dem Buch "L'Autre", den Anderen. Ihre Abrechnung mit dem mutmaßlichen Peiniger und ihre Reflexionen über Macht und Ohnmacht führten in Frankreich zu heftigen Diskussionen über sexuellen Missbrauch im Spitzensport.
Als einer der Ersten meldete sich Nicolas Sarkozy. Demongeot hatte ein Exemplar ihres Buchs in den Elysée-Palast geschickt, wenige Wochen später traf sie den Präsidenten persönlich. Sarkozy stellte ihr drei Fragen: Wie geht es Ihnen? Was machen Sie aus Ihrem Leben? Was kann ich für Sie tun?
Demongeot hatte sich vorbereitet. Sie machte Vorschläge, wo der Staat sich ihrer Ansicht nach einmischen müsse. Sie sprach von Aufklärung in den Leistungszentren des Landes, von anonymen Telefonnummern für Vergewaltigungsopfer, von Kampagnen im Internet und von wissenschaftlichen Untersuchungen über Ursachen und Verbreitung sexueller Gewalt im Sport.
Kurze Zeit später trat sie mit der Sportministerin Roselyne Bachelot vor die Presse. "Ich brauche Sie an meiner Seite, Sie haben gar keine andere Wahl", hatte ihr die Politikerin ausrichten lassen und sie zur "Technischen Beraterin" ernannt - seither ist Isabelle Demongeot das Gesicht der französischen Regierung, wo immer es um sexuelle Gewalt im Sport geht.
Doch Demongeot hat sich auch Feinde geschaffen. Den heftigsten Widerspruch erfährt sie ausgerechnet von ihrer früheren Doppelpartnerin Nathalie Tauziat. "Das Buch enthält viele Lügen", behauptet die ehemalige Weltklassespielerin. Sie hat Demongeot wegen Rufschädigung verklagt, weil diese in einem Interview behauptet hatte, Tauziat habe von sexuellen Übergriffen de Camarets gewusst.
Tauziat verteidigt ihren einstigen Trainer gegen den Vorwurf der Pädophilie. In seinem Wohnort Capbreton an der Küste im Südwesten Frankreichs trifft sie sich regelmäßig mit Freunden und Bekannten de Camarets, die einen Verein zu seiner Unterstützung gegründet haben. Seit 1995 betreiben die beiden ein Tenniszentrum. Arbeiten darf de Camaret dort zurzeit jedoch nicht. Als er im Juni 2007 aus der Untersuchungshaft kam, untersagte ihm das Gericht bis zum Prozess Tennisunterricht mit Minderjährigen.
De Camaret selbst kommentiert Demongeots Äußerungen und Aktivitäten nicht öffentlich, sein Anwalt hat ihm dazu geraten. Dafür geht der Jurist in die Offensive. "In Frankreich gibt es die Tendenz, vorgebliche Opfer politisch auszunutzen", sagt Daoud süffisant. Er behauptet auch, Präsident Sarkozy und Ministerin Bachelot einen Brief geschrieben zu haben, "um sie an die Unabhängigkeit der Justiz zu erinnern".
Eine Antwort, sagt er, habe er bislang nicht erhalten. PETRA TRUCKENDANNER,
MICHAEL WULZINGER
Von Petra Truckendanner und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 44/2008
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