27.10.2008

FUSSBALLSzenen einer Ehe

Der Konflikt zwischen Kapitän Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw ist das Resultat einer Entfremdung. Ob sie sich jemals wieder vertragen?
Nach einem Tag Besinnungspause wählte Joachim Löw am vergangenen Donnerstag endlich die Nummer von Michael Ballack. Aber der gekränkte Spielführer der Nationalmannschaft ging nicht ans Telefon, er rief auch in den nächsten Minuten nicht zurück, und sogar diese Form von Funkstille wurde im Lager des Bundestrainers gleich wieder als Affront gewertet.
Die Kommunikation ist gestört zwischen Löw und seinem wichtigsten Spieler, so viel steht fest. Und wer nicht miteinander redet, das wissen beziehungsgestählte Menschen, schafft Raum für Missverständnisse. Ballack jedenfalls war an diesem Nachmittag nicht zu erreichen, weil er nach seiner Fuß-Operation im Reha-Zentrum des FC Chelsea trainierte. Dort gibt es keinen Handy-Empfang, der frühere Chelsea-Trainer José Mourinho hatte das angeordnet. So dauerte es bis zum Abend, bis die beiden Parteien doch noch miteinander sprachen, zumindest einigten sie sich darauf, einen Termin für ein Vieraugengespräch zu finden.
Kompliziert, das alles: Ballack beklagt mangelnde Zuneigung, Löw fand Ballacks Aufritte zuletzt wohl nicht mehr so prickelnd. Moderne Paare gehen in solchen Situationen zum Ehetherapeuten.
Ausgelöst hat Ballack mit seiner Trainerschelte Mitte der Woche eine mittelprächtige Staatsaffäre. Sein Interview in der "Frankfurter Allgemeinen" war eine Tirade gegen Löws Personalpolitik und dessen angeblich mangelnde Loyalität. Schon vorher umwehte Deutschlands Fußballauswahl nach der Abreise von Kevin Kuranyi und den Rücktrittsüberlegungen von Torsten Frings eine sonderbare Alarmstimmung. Inzwischen ist das Ringen um eine Entschuldigung und die Autorität des demonstrativ empörten Bundestrainers ("Ich lasse mir das nicht gefallen") zur veritablen Machtprobe geraten.
Es ist noch gar nicht lange her, da unterbrach Löw auf dem Trainingsplatz den Unterricht, wenn der Kapitän aus London nachträglich zur Mannschaft stieß - er plauderte dann mit Ballack, während sich weniger wichtige Spieler die Beine vertraten. Löw hatte die Teamhierarchie von Jürgen Klinsmann übernommen, der Ballack 2004 zum Spielführer gemacht hatte. Löw übernahm auch weitgehend das Personal und die Taktik, bis zur Europameisterschaft im Juni, als in den Medien erste Kritik daran aufkam, dass der Bundestrainer keinen Umbruch eingeleitet habe.
Nach dem Turnier reagierte Löw darauf mit einem verblüffend radikalen Schnitt. Altgediente wie Christoph Metzelder und Torsten Frings können sich seither ihrer Position im Team nicht mehr sicher sein, es gebe keine Stammplätze mehr, sagt Löw und ermuntert ausdrücklich junge Nachrücker, Machtansprüche zu stellen.
Ballack hat das irritiert. Als Mitspieler seinen manchmal herablassenden Führungsstil als Kapitän kritisierten, verteidigte Löw ihn nicht mal intern. Er weihte ihn auch nicht mehr in seine Entscheidungen ein. So abrupt ist nur einmal ein Bundestrainer von seinem Kapitän abgerückt, nämlich Berti Vogts bei der WM 1994 von Lothar Matthäus.
In solchen Situationen wird auf jedes Wort geachtet. Als Löw vor knapp drei Wochen öffentlich sagte, dass es in der Nationalelf Führung nur durch die Trainer gebe und sich die Spieler deren Regeln zu unterwerfen hätten, nistete sich eine Vokabel wie ein böses Virus in Ballacks Kopf ein: "unterwerfen". Als ihm sein Manager vor den WM-Qualifikationsspielen gegen Russland und Wales empfahl, den angestauten Frust im Gespräch mit dem Coach zu entladen, winkte er süffisant ab: Wie solle das gehen, er müsse sich doch Löw unterwerfen.
So fasste Ballack den Entschluss, ein Interview zu geben. Und er glaubt nun wirklich an all die leicht paranoiden Theorien, in die er sich im ständigen Austausch mit seinem Umfeld hineingesteigert hat. Demnach gebe es eine Kette von hinterlistigen Operationen der DFB-Trainer, unliebsame Spieler zu entsorgen. Sie mieden, glaubt Ballack, das offene Wort und versuchten, Spieler wie einst Oliver Kahn oder nun Frings zum Rücktritt zu provozieren - oder zu Fehlern in der öffentlichen Darstellung. Man fragt sich, warum Ballack dann nun selbst in diese Falle tappte.
Der verbitterte Mann aus Görlitz glaubt auch, dass Oliver Bierhoff, der Teammanager, Löw gegen ihn aufhetze. Mit seinem Intimfeind Bierhoff lieferte er sich nach dem EM-Finale ein heftiges Wortgefecht ("Du Obertucke"), es heißt, er habe ihn schon früher als Spieler für einen "Vollblinden" gehalten. Mit Beginn der Ära Klinsmann und Bierhoff zog zudem modernes Management in die Welt der Nationalelf ein. Es gibt jetzt Workshops, Kompetenzteams, Powerpoint-Präsentationen. Der kurze Austausch mit dem Leitwolf der Elf in der Kabine kommt in diesem Kommunikationsmodell nicht mehr vor. Daher blieb Löw auch Ballacks Gemütslage über Wochen verborgen.
Noch immer, heißt es, sei der Wahl-Londoner überzeugt, aus "tiefer Sorge ums Allgemeinwohl" gehandelt, einen "Hilferuf" ausgesandt zu haben. Dass er nun in der Öffentlichkeit wie eine alternde Diva belächelt wird, überrascht ihn. Er sah sich als Widerstandskämpfer.
Am Freitag schien Ballack bereit, sich zu entschuldigen, wusste aber noch nicht wirklich, wofür. Und sollte nun Miroslav Klose statt seiner zum Kapitän bestimmt werden, auch gut. Klose, so die Verschwörungstheorie, merke bloß nicht, dass er als Nächster rasiert werden solle.
JÖRG KRAMER
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 44/2008
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