27.10.2008

ARCHÄOLOGIEDer Abfall des Empörers

Bierkrüge, Spielzeugmurmeln, eine Kinderarmbrust: Luthers Hausmüll wurde aufgespürt. Eine Ausstellung zeigt die Funde - sie werfen ein neues Licht auf das Privatleben des Reformators.
In der schwarzen Kutte der Augustiner saß der beleibte Bruder Martin im Kloster zu Wittenberg auf der Toilette, als ihm jäh die grundlegende Idee seines reformatorischen Gedankenguts kam.
Dass sich die Geburtsstunde des Protestantismus auf dem Donnerbalken vollzog, hat Martin Luther selbst in zwei Tischreden (Nr. 1681 und 3232 b) mitgeteilt: "Diese Kunst hat mir der spiritus sanctus auf dis cloaca eingegeben."
Gleichwohl mochten sich Historiker mit dem Hinweis nicht recht anfreunden. Mit cloaca sei wohl ein "Waschraum" gemeint, hieß es; vielleicht stehe der Ausdruck auch allgemein fürs "Diesseits".
Doch die Wahrheit ist wirklich so anrüchig, wie der Meister sie aussprach. Grabungen im Kloster von Wittenberg haben nicht nur Reste von Luthers alter Studierstube zutage gefördert, sondern direkt darunter im Keller auch ein "kleines Plumpsklo mit Deckel", wie der Archäologe Mirko Gutjahr berichtet.
Die neue Erkenntnis verdankt sich einer archäologischen Großfahndung, die 2003 begann und erst vor wenigen Wochen mit letzten Auswertungen endete: Bauforscher, Keramikspezialisten und Zoologen haben die Küchenabfälle jenes Welterschütterers entdeckt, der sich stolz "Doctor über alle Doctor im gantzen Bapsttum" nannte.
Dutzende Biografien wurden über den Nationalhelden verfasst. Seine Bibelübersetzung wirkte stilbildend, seine Flüche taten es auch. Nun liefert überraschend die Spatenzunft neue Erkenntnisse. Gleich an drei Orten wurde dem Gottesmann nachgespürt. Die Forscher
‣ legten den Fußboden in seiner Geburtsstätte in Eisleben frei;
‣ durchkämmten das Elternhaus in Mansfeld;
‣ untersuchten das Anwesen in Wittenberg, wo der Ex-Mönch mit seiner Gattin und sechs Kindern lebte.
Spielzeug und Essensreste kamen so ans Licht, kaputtes Geschirr und Getreidekörner (mit der C-14-Methode aufs Jahr 1500 datiert). Man fand den Goldring der Ehefrau sowie einen Schatz aus 250 Silbermünzen.
Pünktlich zum Reformationstag an diesem Freitag stellt das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle den privaten Krimskrams vor. Der Ausstellungskatalog spricht von "sensationellen" Funden, "ganze Kapitel der Lebensgeschichte" könnten neu betrachtet werden**.
Bei den Evangelischen Landeskirchen hat die Schnüffelei im Unrat ihres Stammvaters eher Verstimmung ausgelöst. Dass die Familie Luther tote Katzen in den Müll warf, halten sie ebenso wenig für religionsrelevant wie den Verdacht, der Mönch habe seine Thesen nicht angenagelt, sondern mit Reißzwecken an die Schlosskirche geheftet.
Doch die Überbleibsel lassen sich nicht kleinreden. Einige davon, mit kriminalistischen Methoden untersucht, berühren das geistige Werk des Reformators - und zeihen ihn sogar der Lüge.
Schon bei den sozialen Verhältnissen der Eltern hat der Gelehrte gemogelt. Sohn eines "armen Häuers", der mit der Hacke im Bergwerk pickelte, sei er gewesen, hatte er behauptet: "Meine Mutter hat all ihr Holz auf dem Rücken eingetragen."
Richtig dagegen ist: Der Vater besaß bereits als junger Mann eine Kupfermühle. Die Mutter entstammte dem Bürgertum Eisenachs und hatte gute Beziehungen zur gräflichen Bergwerksverwaltung.
Als die Familie 1484 mit dem Säugling nach Mansfeld umzog, stieg der Vater schnell zum erfolgreichen Hüttenmeister auf. Er betrieb drei Kupferschmelzen, besaß 80 Hektar Land und verlieh gegen Zinsen sein Kapital.
Entsprechend prächtig sah das Heim aus, wie nun herauskam. "Seine Straßenfront erstreckte sich auf 25 Meter Länge", erklärt der Ausgräber Björn Schlenker. Freigelegt wurden wuchtige Kellergewölbe. Der Hinterhof war umrahmt von großen Wirtschaftsgebäuden.
In diesem Gut lief klein Martin in derben Beinlingen mit seinen Geschwistern zwischen Gänsen und Hühnern umher. Ausweislich der Scherben spielten sie mit Armbrüsten, Tonmurmeln und einem Kegelspiel aus Rinderknochen; das konnte sich damals nicht jeder leisten.
Die auf dem Grundstück entdeckten Küchenabfälle beweisen, dass die Familie häufig Gänsebraten und zartes Fleisch junger Schweine aß. Während der Fastenzeit kam teurer Seefisch auf den Tisch: Hering, Dorsch und Scholle.
Sogar Feigen und Weintrauben wurden kredenzt, auch Rebhühner und Singvögel: vor allem Rotkehlchen. Die Familie jagte sie mit tönernen Lockpfeifen.
Das Braten der Piepmätze erfolgte in der geräumigen Küche. Große Dreibeintöpfe standen dort. Zum Heizen des Herds wurde heiße Kupferschlacke aus der Erzhütte genutzt. Abgekühlt auf 1000 Grad schaffte man die Brocken auf Holzkarren heran.
Wegen einer gestohlenen Nuss sei er von der Mutter einmal "bis aufs Blut" geschlagen worden, erinnerte sich der Theologe später. In der örtlichen Lateinschule brachte der Flegel es an einem Vormittag auf 15 Stockhiebe.
Dass die Eltern fest an Hexen und den Teufel glaubten ist bekannt. Nun gibt es weitere Details. Im Schutt lagen Bruchstücke eines "Aachhorns": Derlei Tröten konnten Wallfahrer in Aachen erwerben. Offenbar war der Vater ins deutsche Lourdes gepilgert, um dort die Windeln Jesu zu bestaunen.
An derlei Reliquien nahm der junge Luther noch keinen Anstoß, als er in Erfurt Jura studierte. Plötzlich jedoch brach er die Universitätsausbildung ab. Der Student floh ins Kloster. Warum?
Der Reformator selbst erklärte den Entschluss später mit einem schweren Unwetter, in das er am 2. Juli 1505 geraten war. Nach einem Blitzschlag legte er demnach spontan das Gelübde ab: "Ich will ein monch werden."
Moderne Historiker haben die Angaben dramatisch ausgeschmückt. "Der Blitz fuhr so dicht neben ihm in den Boden, dass er von dem Luftdruck ein paar Meter weiter geschleudert wurde", heißt es beim Theologen Hanns Lilje. Andere unterstellten Luther "Todesangst".
Doch die Sache mit dem himmlischen Fingerzeig ist aufgebauscht. In Wahrheit floh der 21-Jährige vor einer drohenden Zwangsehe.
"Neuentdeckte Archivunterlagen zeigen, dass der Vater bereits drei seiner Töchter und einen Sohn mit den Kindern reicher Hüttenmeister verheiratet hatte", erklärt der Experte Schlenker. Nun war offenbar Martin an der Reihe.
Doch statt sich zu fügen, begab sich der junge Mann in die Abtei der Augustiner-Eremiten von Erfurt. 50 Mönche lebten dort: kreisrunde Tonsur, schwarze Kutte. Um zwei Uhr nachts mussten sie raus zum ersten Chorgebet.
Den Neuen störte das nicht, er kriegte vom Kasteien gar nicht genug. Ständig saß er im Beichtstuhl, wo er sich nach Angaben eines Mönchs selbst kleinste Vergehen ("Humpelwerk und Puppensünden") von der Seele redete.
Der Grund: In Bruder Martin rumorte der Dämon schonungsloser Selbstzergliederung. Ständig prüfte er sein Inneres. Doch je tiefer er schaute, desto mehr böse Lust und versteckte Triebe blickten zurück.
So stieg die Seelenangst des jungen Novizen, zumal er - noch ganz dem Mittelalter verhaftet - Christus vor allem als Rächer betrachtete, der bald zum Jüngsten Gericht herabsteigen werde, um alle Sünder ins ewige Feuer zu stoßen.
Als der Pope nach Wittenberg wechselte, wurde die Sache nicht besser. Beim Lesen einer Bibelzeile über Besessene fiel er mit dem gellenden Schrei "Ich bin's nicht" zu Boden.
Es ist diese fast schon psychoanalytisch zu bezeichnende Nabelschau, durch die der Mönch die alten Glaubensgewissheiten verlor. Bald dehnte er seine ketzerischen Gedanken auf die Ablassbriefe aus, mit denen sich Christen von ihren Sünden freikaufen konnten. Damit griff er den Lebensnerv des Vatikans an. Die Kirche verdiente mit den Briefen Millionen.
Im "Turmerlebnis" von 1516 folgte der endgültige Bruch. Nur durch die "Gnade" Gottes werde man erlöst, meinte Luther, nicht durch Büßerei und gutmenschelndes Getue. Aus seiner Sicht blieb der Mensch ein unwürdiger Knecht, stets dem Bösen verhaftet. Dass Jesus ihn trotzdem mit seinem Heil bedachte - das eben war das Credo, das dem Wittenberger auf dem Klosterklo durch den Kopf schoss.
Die daraus resultierenden 95 Thesen führten im Europa des frühen 16. Jahrhunderts schnell zu einem Flächenbrand. Der Kaiser bedrohte den Aufrührer mit dem Tode. Der verschwand auf die Wartburg und schrieb munter weiter. Von den sieben Sakramenten ließ er nur noch zwei (Taufe und Abendmahl) gelten. Den Kult um die Reliquien geißelte er als "tod ding".
Immer mehr Völker gerieten so in den Sog der Empörung. Die Einheit der Christenheit zerbrach.
Bereits 1522 machte das Kloster in Wittenberg dicht. Luther erhielt das Gebäude zur privaten Nutzung und gründete dort nach der Heirat mit der entlaufenen Nonne Katharina von Bora - von ihm schrullig "Herr Käthe" genannt - einen Hausstand.
Vom Zölibat wollte er nichts mehr wissen, der sei wider die Natur: "Genau so gut", meinte er, hätte die Kurie "das Scheißen verboten haben" können.
In der alten Klostervilla in Wittenberg haben die Ausgräber besonders emsig spioniert. Im Hinterhof landeten sie einen Volltreffer. Gefunden wurde eine Abfallgrube, gefüllt mit dem gesammelten Sperrmüll der Familie.
Den Funden zufolge arbeitete der Doktor in einem Raum mit Heizung und Elbblick. Abends schrieb er beim Schein von mit Tierfett gefüllten Lampen. Beschläge von Pergamentbüchern kamen zum Vorschein, mehrere "Federmesser" zum Anspitzen von Gänsekielen sowie vier Schreibsets für Streusand, Tinte und Griffel.
Die Produktivkraft des gelehrten Denkers war enorm. Im Schnitt 1800 Seiten pro Jahr sprudelten aus ihm heraus.
Sein Ton klang zunehmend schroffer. Türken rempelte er als "Teufel" an, Juden als "Lügner". Schwule Priester nannte er "Gartenbrüder, die es miteinander treiben". Rom sei umgeben von "Sautheologen".
Nach derlei Derbheiten tafelte der wortgewaltige Reformator aus Fayence-Schalen und türkischen Prachtkannen. Die Ausgräber fanden feinste Ofenkacheln mit alttestamentlichen Motiven sowie über 1600 Scherben von Hohlgläsern, aus denen der Schmausbruder seinen großen Bierdurst löschte.
Derlei Betäubung tat not. Nur um den Preis depressiver Verstimmtheit hatte der Aufrührer den Apostolischen Stuhl angegriffen. Ständig wurde er von der Traurigkeit versucht.
In reuigen Momenten deuchte dem Geplagten, der Teufel wolle ihn zum Widerruf bewegen. Stracks warf er ihm Tintenfässer nach, oder er setzte Darmwinde ein: "Und dennoch widerstehe ich dem Satan. Jag ihn oft auch mit einem Furz hinweg."
Kein Wunder, dass bei all dem Stress mit dem Papst die Gesundheit litt. Rheuma und Harnsteine plagten ihn. Entkräftet ließ er sich im Handkarren in den Hörsaal fahren. Hinzu kamen Angstzustände durch Angina pectoris. Seine Texte schrieb er mit zunehmend gichtigen Fingern.
Und dann das Übergewicht. Erst wog der Doktor 100, dann 120 und schließlich (ausweislich einer Federzeichnung, die man vom frisch Verstorbenen anfertigte) geschätzte 150 Kilogramm.
Die Archäologen fanden Dutzende kleiner dosenartiger Töpfchen. Es sind Behälter, in denen der Hausherr seine vielen Salben und Arzneien einkaufte.
So siechte er dahin, der Ringkämpfer des Herrn, der - von der Unvollkommenheit allen Tuns überzeugt - auf dem Sterbebett demütig notierte: "Wir sind Bettler." MATTHIAS SCHULZ
* Bildnis von Lucas Cranach, 1528.
** Harald Meller (Hg.): "Fundsache Luther". Theiss Verlag, Stuttgart; 344 Seiten; 29,90 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 44/2008
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ARCHÄOLOGIE:
Der Abfall des Empörers

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