27.10.2008

AUTORENDer amerikanische Wüterich

In der politischen Korrespondenz des bedeutenden US-Schriftstellers Norman Mailer, vom SPIEGEL exklusiv in Auszügen auf Deutsch präsentiert, spiegelt sich mehr als ein halbes Jahrhundert engagierter Zeitgenossenschaft - und große Sorge um seine Heimat.
Alles, nur das nicht! "Mir ist es egal, ob die Leute mich einen Radikalen nennen, einen Rebellen, einen Roten, einen Revolutionär, einen Außenseiter, einen Gesetzlosen, einen Bolschewiken, einen Anarchisten, einen Nihilisten oder gar einen Linkskonservativen", schreibt Norman Mailer im Dezember 1962 an den "Playboy", "aber bitte nennen Sie mich nie einen Liberalen."
Nein, ein Liberaler ist er nie gewesen, der große amerikanische Schriftsteller, der
vergangenen November mit 84 Jahren in New York starb. Ein Liberaler, das klingt so wohlerzogen, so lauwarm, ausgewogen und wischiwaschi. Das klingt wie all das, was Mailer sein Leben lang bekämpft hat. Er wollte ein Querdenker sein. Frei, laut, wild, ehrgeizig bis zum Größenwahn.
Unermüdlich hat sich Mailer rund 60 Jahre lang in die zeitgeschichtlichen Debatten Amerikas gestürzt: ein Wüterich mit losen Fäusten und loser Feder, der dennoch vorbildlich die Rolle des öffentlichen Intellektuellen einnahm. Neben mehr als 30 Büchern, Dutzenden von Essays und einer nahezu unüberschaubaren Menge journalistischer Arbeiten hat Mailer auch noch rund 50 000 Briefe verfasst. Aus diesem gigantischen, noch nicht veröffentlichten Konvolut haben Mailers Nachlassverwalter nun eine Auswahl seiner politischen Korrespondenz destilliert, die der SPIEGEL exklusiv für den deutschsprachigen Raum ausgewertet hat.
Die 130 ausgewählten Briefe, verfasst zwischen 1945 und 2006, zeichnen das höchst lebendige Bild eines Mannes in seiner Zeit. Mailers Korrespondenz ist das Dokument einer bewusst gelebten Zeitgenossenschaft, immer engagiert, immer betroffen, immer bereit, Stellung zu beziehen - und geprägt von großer Liebe zu seinem Heimatland, aber auch von Sorge.
"Ein großer Teil von mir befürwortet alles, was den Krieg verkürzen wird", schreibt Mailer, noch als Soldat auf den Philippinen stationiert, am 8. August 1945 an seine erste Frau Beatrice - zwei Tage nach dem Abwurf der US-Atombombe auf Hiroshima. "Aber trotzdem, was ist das für eine schreckenerregende Aussicht. Wir haben immer davon gesprochen, dass sich die Menschheit selbst zerstören wird, doch jetzt scheint diese Möglichkeit so nahe zu rücken, nur noch eine Frage von Jahrzehnten und einer leicht zu zählenden Anzahl von Bomben."
Im Zweiten Weltkrieg wird Mailer erwachsen. 1923 geboren, behütet in bürgerlichen jüdischen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsen, hatte er in den vierziger Jahren in Harvard Ingenieurwissenschaften studiert und dort unverhofft sein Interesse an Literatur entdeckt. Als 21-Jähriger wird er eingezogen, und obwohl er kaum Zeit an der Front verbringt, verarbeitet Mailer die Kriegserfahrung zu seinem ersten Roman "Die Nackten und die Toten" (1948). Das Buch wird als eine der wichtigsten amerikanischen Kriegserzählungen aller Zeiten gefeiert und macht ihn schlagartig zum literarischen Nachwuchsstar.
Von nun an ist Mailer eine öffentliche Figur, wird es sein Leben lang bleiben, und wann immer er Gefahr läuft, in Vergessenheit zu geraten, versteht der Provokateur es, sich neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mit kontroversen Essays wie "The White Negro" (1957), seiner Auseinandersetzung mit den Wurzeln und Werten der rebellischen Beat-Generation, erkämpft er sich seinen Platz in der New Yorker Dichter-und-Denker-Szene der fünfziger und sechziger Jahre, auch wenn er alles andere als ein akademisch geprägter Grübler ist.
Mailer habe es geliebt, "über Ideen zu streiten, vor allem über seine eigenen", erinnert sich Norman Podhoretz, selbst der Inbegriff des versnobten New Yorker Intellektuellen, in seinen Memoiren an den ehemaligen Freund. Dennoch sei ihm Mailer immer "sonderbar ungebildet" erschienen, wie "einer jener Autodidakten, die durchs Greenwich Village stromerten und ihre großen und gewöhnlich konspirativen Theorien verkündeten". Doch Podhoretz erkennt auch an, dass Mailer "ein Mann war, der seinen eigenen Weg finden und Dinge für sich selbst entdecken musste". Das sei "eine der Antriebskräfte seines Talents als Romanautor" gewesen.
Mailers Briefe untermauern diese Einschätzung: Er entwickelt selten einen Gedankengang konsequent zu Ende, doch dafür erliegt er auch keinem ideologischen Dogma, wie sich an seinen Ausführungen über die Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele in einem Schreiben an Jack Henry Abbott (siehe Seite 164) nachlesen lässt. Abbott war ein verurteilter Schwerverbrecher und talentierter Autor, mit dem sich Mailer auf eine fast väterliche Brieffreundschaft eingelassen hatte.
Häufig auch erspürt Mailer instinktiv den verborgenen Kern eines historischen Augenblicks. Die Ermordung John F. Kennedys kommentiert er im Dezember 1963: "Ich habe nicht das Bedürfnis gehabt, auch nur ein Wort über die ganze Angelegenheit zu schreiben, dazu bin ich einfach in jeder Hinsicht zu verflucht deprimiert gewesen. Der größte Verlust ist, glaube ich, ein kultureller." Durch Kennedy sei "der Deckel" von der amerikanischen Gesellschaft genommen worden, "und ich fürchte, jetzt wird er wieder ganz fest aufgelegt".
Tatsächlich werden sich die USA unter den nächsten beiden Präsidenten, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon, immer tiefer in den Vietnam-Krieg verstricken, und die aufkeimenden Protestbewegungen der Bürgerrechtler und Kriegsgegner werden mit wachsender Härte bekämpft.
Als 1975 der Krieg endlich offiziell beendet ist, schreibt Mailer an einen japanischen Freund: "Was die allgemeine Stimmung im Lande angeht, so kann ich mich an nichts Vergleichbares erinnern. Sie ist nicht aufgewühlt, ganz im Gegenteil, sie ist geradezu ein wenig apathisch, aber es herrscht ein sonderbares, durchdringendes Unbehagen, als ob sich die Menschen allerorten zum ersten Mal der Tatsache bewusst werden, dass die Politik vielleicht auch keine substantielleren Antworten als die Metaphysik bietet. Es ist, als würde mein junges Heimatland endlich - wie ein Kind - erkennen, dass es eines Tages sterben wird, und so sickert langsam das Bewusstsein ins amerikanische Leben ein, dass wir nicht für alle Ewigkeit die größte Macht auf Erden sein werden."
Mailer hat sich mit vielen angelegt, und seine testosterongeladene Kampfeslust hat gelegentlich seinen Beitrag zum "amerikanischen Jahrhundert" überschattet. Zu schaurig ja auch die Anekdote, wie er 1960 am Ende einer langen Party betrunken auf seine zweite Frau Adele einstach und sie fast umgebracht hätte; und zu gruselig die Geschichten von den Dreharbeiten zu "Maidstone", bei denen der Amateurregisseur Mailer 1970 versuchte, das Ohr seines Hauptdarstellers Rip Torn abzubeißen. Auch Mailers - wenn auch nur verbale - Fehde mit den Anführerinnen der US-Frauenbewegung, die ihn vehement des Sexismus bezichtigten, haben das Bild des sechsmal verheirateten Autors als unbelehrbarer Macho gefestigt.
Die Instinkte, auf die er sich so oft verlassen konnte, haben ihn bei anderer Gelegenheit verlassen: Sein krimineller Schützling Abbott, für dessen Entlassung 1981 sich Mailer vehement einsetzte, brachte nach sechs Wochen in Freiheit einen weiteren Menschen um.
Mailers Korrespondenz zeigt, dass er - im Guten wie im Schlechten - nichts halbherzig unternehmen kann. Er ist ein treuer Brieffreund, oft über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg, witzig, charmant und interessiert, er lobt großzügig die Werke anderer, aber er kritisiert auch unverblümt, was ihm nicht passt. Was ihm fehlt, ist jedes taktische Denken: Mailer prescht los, auch auf dem Papier. Obwohl der Autor mit den Kennedys befreundet war (und 1968 zur Ehrenwache am Sarg des ermordeten US-Senators Robert Kennedy gehörte), obwohl er ein halbes Dutzend Präsidentschaftswahlkämpfe als Berichterstatter begleitete, über praktisch alle wichtigen politischen Ereignisse seiner Zeit schrieb und selbst 1969 bei der New Yorker Bürgermeisterwahl antrat, hat Mailer nie die Fähigkeit eines Politikers zu Kompromiss und Berechnung entwickelt.
Er ist aber bis zuletzt ein kluger Beobachter geblieben. Über Bill Clinton bemerkt er im März 1999, dessen Verbrechen sei nicht gewesen, "dass er im Weißen Haus herumgemacht hat - man wird schließlich zum erfolgreichen Politiker, indem man sich von der Masse umarmen lässt, und nach einer Weile ist das wie die Mahlzeit für einen hungrigen Mann".
Ein wenig ist in Vergessenheit geraten, dass Norman Mailer, mit seiner unverhohlenen Sehnsucht nach Größe und seinem Mut zur unbequemen Stellungnahme, Vorbild für eine ganze Generation amerikanischer Schriftsteller und Intellektueller war, darunter selbst für solch kühle Skeptiker wie Don DeLillo. Mailers Korrespondenz erinnert jetzt eindrücklich daran, warum er so wichtig für Amerika war - und dass er fehlt.
Im März 1999 schreibt er an einen Freund: "Wenn dieses Land in die Binsen geht, und das tut es bestimmt, dann glaube ich, man könnte den Niedergang nicht nur anhand der Moral abbilden, sondern auch im Sinne eines gesellschaftlichen Eklats und gesellschaftlicher Standards - ich glaube, man könnte die Niedergangskurve direkt neben den Anstieg des Dow Jones zeichnen: je höher der Dow, desto niedriger die Standards. Geld zerstört alle anderen Werte. Ich kann die rechtskonservativen Republikaner sogar dafür respektieren, dass sie bestimmte Werte hochhalten, aber sie nehmen sich nie den Kapitalismus vor, der - ungezügelt - die schlimmste Geißel menschlicher Werte unserer Tage darstellt."
Was Norman Mailer wohl heute schreiben würde? SUSANNE WEINGARTEN
* Während seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt.
Briefmaterial: Copyright © 2008, The Norman Mailer Estate, All Rights Reserved.
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 44/2008
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