27.10.2008

Kultur„Logik der Gewalt“

Aus einem Brief Mailers an den Sträfling Jack Henry Abbott, 18. April 1979
Lieber Jack,
sehen Sie, ich war einige Jahre lang auch Marxist, wenngleich kein so guter und gründlicher und schon gar kein so hingebungsvoller wie Sie. Allerdings ist mein Freund Malaquais Ihnen mehr als ebenbürtig, was die marxistische Kultur betrifft, und ich war eine Zeitlang sein Schüler, habe mich aber schließlich von seinem Gedankengut abgewandt, weil ich es - und dieses Wort wird Sie zornig machen - unerträglich steril fand. Und in Ihren Gedanken finde ich die seinen wieder, außer dass Sie betonen, was er sich nie ganz eingestehen konnte, dass nämlich diese Logik zu Gewalt führt und dass Gewalt tatsächlich die einzige Folge dieser Logik ist. Nun bin ich keiner von denen, die sagen: "Oh Graus! Wir reden über Gewalt." Ich weiß, dass Gewalt als eines der fundamentalen Gefühle hinter allem menschlichen Verhalten steht, eines jener unausrottbaren Gefühle, so wie Sex und der Hunger nach Gerechtigkeit. Aber Gewalt im Dienst eines intellektuellen Systems hat mir immer Angst gemacht, weil ich glaube, dass ihre logische Konsequenz sich in den Taten ausdrückt, die von algerischen Separatisten im Paris der frühen sechziger und späten fünfziger Jahre begangen wurden - sie haben Plastiksprengstoffbomben in Briefkästen versteckt, und die Briefkästen explodierten dann zwei Stunden später und töteten jeden, der sich an der Straßenecke befand. Das hätten sehr wohl auch die Frauen oder Kinder von Freunden sein können, denn wie zum Teufel sollte man wissen, wer sich zu diesem Zeitpunkt gerade in der Gegend befinden würde?
Nun können Sie dem entgegenhalten, dass die Gewalt, von der Sie sprechen, eine ganz andere sei, eine zielgerichtete, die eine logische Absicht verfolgt. Darauf kann ich nur erwidern, dass mir meine Erfahrung sagt, dass jedes intellektuelle System, welches selbstgefällig auf der Idee gründet, Gewalt sei eine besondere Waffe in seinem Arsenal, notwendigerweise in eine Form von Nihilismus münden muss, die glaubt, dass die Zerstörung aller Systeme die Aufgabe der Zukunft sei. Ich hingegen habe mich bis zum Hals darauf eingelassen, was ich den viel größeren Horror finde, nämlich mit der Welt genau so zu leben, wie sie ist, genau das, was Sie eine schwächliche, intellektuelle, bourgeoise Selbstverhätschelung nennen würden. Und eine jüdische zweifellos auch, denn ich bin Jude.
Ihr Brieffreund Norman

DER SPIEGEL 44/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kultur:
„Logik der Gewalt“

  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp