27.10.2008

LITERATURRitt auf dem Drachen

Der junge Amerikaner Christopher Paolini schickt sich an, mit seiner „Eragon“-Saga das Erbe Harry Potters anzutreten.
Wie ein Komet erschien Anfang Oktober auf den deutschen Bestseller-Listen ein Roman in englischer Sprache, dessen Titel mancher Leser für einen Druckfehler oder für eine neue Heavy-Metal-Band hielt: "Brisingr". In den USA waren innerhalb eines Tages mehr als 500 000 Exemplare verkauft worden, und auch hierzulande besaß sein Autor Christopher Paolini, 24, offenbar schon genug Fans, um einen Harry-Potter-mäßigen Boom auszulösen, noch bevor der Band auf Deutsch erschien.
Diese Fans hatten natürlich längst zusammen mit ihrem 15-jährigen Helden Eragon von dem weisen Brom gelernt, dass das Wort "Brisingr" in einer uralten, "äonenlang" vergessenen Sprache "der wahre Name des Feuers" ist. Ein magisches Wort. Wer wie Eragon im Lande Alagaësia auserwählt ist, auf Drachen zu reiten, kann im Schlachtengetümmel seinen Drachen mit diesem Zauberwort in einen fliegenden Flammenwerfer verwandeln und die Bösewichte scharenweise niedersengen.
Der Sammelbegriff für dieses Getümmel heißt Fantasy: Literatur, die mit all ihren märchenbuchhaften Recken, Drachen, Gnomen, Elfen nicht aus Lebenserfahrung kommt, sondern aus immer der gleichen, auch in Filmen und Videospielen vielfach recycelten Literatur - dicke Schwarten und vielbändige Zyklen, die vor allem von Teenagern wie süchtig verschlungen und nachphantasiert werden.
Als einsamer Junge im Paradise Valley in Montana hat Paolini die Abenteuer des 15-jährigen Waisenkinds Eragon für sich zu erträumen begonnen, und nun, ein Jahrzehnt später, ist der Träumer ein Star. Die deutsche Publikation von "Brisingr", dem dritten Band der "Eragon"-Saga, unter dem Titel "Die Weisheit des Feuers", ist am Wochenende mit volksfestartigem Rummel im bayerischen Schliersee begrüßt worden*.
Paolini hat nie eine Schule besucht. Seine Eltern gehörten einer Endzeit-Sekte an, die sich in den achtziger Jahren in einem Ranch-Areal mit einer Bunkeranlage am Rand des Yellowstone National Park ansiedelte, um den für 1990 prophezeiten nuklearen "Doomsday" zu überleben. Doch da hatten die Paolinis die Sekte längst verlassen; die Kinder Christopher und Angela unterrichteten sie von Anfang an selbst und publizierten später ein Buch über ihre Sektenerfahrungen sowie eines über ihre (von Maria Montessori geprägte) Erziehungsmethode - wenig Fernsehen, viel gemeinsame Lektüre und eine große Videosammlung.
Christopher machte mit 15 Jahren an einem Fernlehrinstitut seinen High-School-Abschluss, und die Eltern ermutigten ihn, den Roman, von dem er schon länger träumte, richtig in Angriff zu nehmen. Der Junge entwarf mit Hilfe entsprechender Do-it-yourself-Anleitungen gleich eine voluminöse Trilogie, und nach zwei Jahren lag der erste Band auf dem Tisch.
Die Eltern waren überwältigt. Sie beschlossen, all ihre Ersparnisse und ihre Kraft auf "Eragon" zu setzen, das Manuskript nach gründlicher Korrektur in Heimarbeit am Computer druckfertig zu machen und im Selbstverlag herauszubringen. Im Jahr 2002 zog die Kleinfamilie mit einem Minivan voller Bücher los: Landauf, landab trat Christopher erzählend und
vorlesend als Selbstdarsteller in mittelalterlichem Kostüm auf und brachte seinen Schmöker unter die Leute. Am Ende waren rund 10 000 Stück verkauft.
Zum ersten Teil der Paolini-Saga gehört die geradezu messianische Selbstgewissheit, mit der da ein Junge, der kaum etwas von der wirklichen Welt gesehen hatte, seinen Helden ins weite Weltreich der Fantasy schickte. Der Enthusiasmus des Erzählers überwand alle Unzulänglichkeit. Das fand man offenbar auch im New Yorker Großverlag Random House, denn dorthin gelangte - so der zweite Teil der Paolini-Saga - im Sommer 2002 durch die ansteckende Begeisterung eines zwölfjährigen Lesers ein "Eragon"-Exemplar.
Das Weitere ist eine Chronik von Rekorden. Als Paolini 21 war und der zweite Band erschien, hatte Random House in den USA rund zwei Millionen des ersten verkauft, ferner waren ein Videospiel und eine Verfilmung in Arbeit (die, wie sich zeigte, mit großem Aufwand danebenging). Die Paolinis im Paradise Valley zogen in ein etwas größeres und noch etwas einsamer gelegenes Haus, Christopher schrieb und schrieb über den tapferen Eragon und seinen treuen Drachen Saphira und das angehimmelte Elfenmädchen Arya und all die Bösewichte, bis sich erwies, dass aus dem geplanten Schlussband zwei werden mussten. "Brisingr" oder "Die Weisheit des Feuers" ist also nicht das Ende, und die Fans freuen sich, weil man des Guten nie genug kriegen kann.
Neuerdings gesteht Paolini, dass es auch eine Fron sei, nach zehn Jahren noch an seine Phantasien von damals gebunden zu sein. Heute würden ihn ganz andere Stoffe reizen. Doch die Vollendung der "Eragon"-Saga meint er sich und seiner Familie schuldig zu sein. Braver Junge: Er schreibt sich nicht nur Tag um Tag dem Endsieg über den erzbösen König Galbatorix entgegen, sondern hilft Mama auch weiterhin beim Staubsaugen und Geschirrspülen. URS JENNY
* Christopher Paolini: "Eragon - Die Weisheit des Feuers". Aus dem amerikanischen Englisch von Joannis Stefanidis. Verlag cbj, München; 864 Seiten; 24,95 Euro.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 44/2008
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