27.10.2008

KINOReise ins Ich

Der israelische Regisseur Ari Folman rekonstruiert in „Waltz with Bashir“ seine Kriegserinnerungen - als Animationsfilm. Auch Araber sind begeistert.
Die Hunde kommen jede Nacht, ein ganzes Rudel, 26 große Tiere, mit entblößten Fangzähnen, von denen der Speichel tropft, rennen eine Straße entlang, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie stoßen Tische und Stühle eines Cafés um, Passanten flüchten, eine Frau nimmt schützend ihr Kind auf den Arm.
Die Hunde haben nur ein Ziel: einen Mann zu finden, den sie von früher kennen. Vor einem Apartmenthaus bleiben sie schließlich stehen, bellen, fletschen die Zähne, hasserfüllt. An einem Fenster hoch oben erscheint ein Gesicht.
Mit dieser Alptraumsequenz, unterlegt mit einem pulsierenden Rhythmus, beginnt "Waltz with Bashir", der faszinierendste Dokumentarfilm des Jahres. Visuell ein aufregendes Werk, weil es die erste Kinodokumentation überhaupt in Gestalt eines Animationsfilms ist. Inhaltlich verstörend, weil der Regisseur den Zuschauer mitnimmt auf eine dunkle Reise: in die eigene Vergangenheit, zurück zu einem in Europa fast vergessenen, blutigen Kapitel des Nahost-Konflikts.
Lange hatte Ari Folman, 46, der Regisseur von "Waltz with Bashir", diese Ereignisse verdrängt, obwohl sie ein Teil seines Lebens sind: 1982 war Folman als junger Wehrpflichtiger mit der israelischen Armee in den Libanon einmarschiert, um die PLO zu zerschlagen. Die Truppen, kommandiert vom damaligen Verteidigungsminister Ariel Scharon, rückten bis zur Hauptstadt Beirut vor.
Ein erfolgreicher Einsatz, bis Bashir Gemayel, der Anführer der Falangisten - einer christlichen Miliz, die mit Israel verbündet war -, durch einen Bombenanschlag getötet wurde. Die Falangisten nahmen schreckliche Rache: In den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila am Rande von Beirut ermordeten sie mindestens 800 Palästinenser, darunter viele Frauen und Kinder. Israelische Soldaten, zu ihnen gehörte Ari Folman, nur wenige hundert Meter vom Ort der Massaker entfernt, griffen nicht ein. Die Welt reagierte geschockt, viele Israelis waren tief beschämt. Scharon wurde entlassen.
Über 20 Jahre hatte Folman die Ereignisse von damals "nicht im System", wie er im Film sagt - keine Alpträume, keine Flashbacks, nichts. Bis ein Freund ihm seinen eigenen Traum mit den dämonischen Hunden erzählte. Im Libanon-Krieg hatte der Freund die Wachhunde von Palästinensern erschießen müssen, insgesamt 26 Tiere, "ich erinnere mich an ihre Blicke". Folman, der Regisseur, sollte helfen, denn: "Filme sind doch wie Psychotherapie, oder?"
Folman begann, das schwarze Loch in seinem Gedächtnis zu erforschen: Er interviewte Freunde, Kameraden von damals, ehemalige Vorgesetzte, von denen viele seine Amnesie teilten, zumindest teilweise. Wohl auch deshalb wollte er keine klassische Dokumentation drehen - sprechende Köpfe "waren mir zu langweilig". Stattdessen ist "Waltz with Bashir" nun ein kunstvoll animiertes Mosaik geworden, ein Puzzle aus rekonstruierten Erlebnissen und dem, was von ihnen übrig geblieben ist. Nachgezeichnete Interviewsequenzen von heute mischen sich mit (ebenfalls gezeichneten) oft surrealen Kriegsszenen von damals.
Einmal läuft der Sohn eines Freundes mit einem Spielzeuggewehr durch den Garten; dann wieder feiern Soldaten auf einem Kommandoschiff vor der libanesischen Küste wilde Partys zur Musik der New-Wave-Band OMD - bis ein Luftangriff die Idylle in eine Flammenhölle verwandelt.
Mitunter weiß der Zuschauer nicht, wo die Halluzinationen anfangen: Wenn die Soldaten mit ihren Panzern einfach parkende Autos platt walzen? Wenn diese Panzer plötzlich aus dem Hinterhalt beschossen werden? Oder erst, wenn die Leichen der Kameraden, eingepackt in Alufolie, in der Sonne glänzen? "Es ist kein Kriegsfilm", beharrt Folman, "er war nicht als solcher gedacht."
In jedem Fall war es konsequent, jetzt den Leerstellen in der eigenen Vergangenheit nachzugehen. Denn als junger Regisseur hatte Folman neun Monate lang für Steven Spielbergs Stiftung gearbeitet, die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden aufgezeichnet. "Ich habe nicht mal Fragen gestellt", sagt Folman, selbst Kind von Auschwitz-Deportierten, "nur die Scheinwer-fer aufgebaut, die Kamera eingeschaltet und zugehört. Es war deprimierend."
Folman scheint, trotz seiner Erlebnisse, kein unglücklicher Mensch zu sein. Während der vierjährigen Produktionszeit von "Waltz with Bashir" setzten seine Frau und er drei Kinder in die Welt. Zur Weltpremiere des Films im Mai beim Festival von Cannes reiste er mit seiner 86-jährigen Mutter an.
Mittlerweile wird "Waltz with Bashir", eine israelisch-deutsch-französische Co-Produktion, praktisch überall gefeiert, in Israel und darüber hinaus. "Der beste Film des Jahres", urteilte die "Jerusalem Post". Folman soll für Israel ins Oscar-Rennen gehen, am 6. November startet der Film in den deutschen Kinos.
Besonders stolz ist der Regisseur jedoch auf etwas anderes: eine Filmkritik in "al-Schark al-Ausat", einer der größten arabischen Tageszeitungen, finanziert von Saudi-Arabien - einem Staat, der Israel nicht anerkennt. "Ein israelischer Regisseur zeigt eine Perspektive, zu der selbst arabischen Regisseuren der Mut fehlt", lobte "al-Schark al-Ausat".
Schade nur, dass sich nicht alle Araber eine eigene Meinung bilden können: In Saudi-Arabien gibt es keine Kinos.
MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 44/2008
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