27.10.2008

KulturDie Solotänzerin

Nahaufnahme: Im Theater ist Susanne Wolff ein Star. Jetzt glänzt sie in den Filmen „Das Fremde in mir“ und „Die Glücklichen“.
Sie werde sich die Stimme ruinieren an diesem Tag, das sei schon mal sicher, sagt sie, "vor lauter Schlafmangel und Gebrüll". Aber um zehn Uhr morgens klingt diese Stimme nur ein bisschen rau, während Susanne Wolff auf einem Stahlrohrstuhl im Hof vor der Probebühne des Hamburger Thalia Theaters Kaffee trinkt und von ihrer ziemlich späten Filmkarriere erzählt. "Ich möchte einfach nicht in Filmen mitmachen, die ich mir selber nicht angucken würde", sagt sie beispielsweise.
Die Sache ist die: Susanne Wolff hat keinen Fernseher. Deshalb spielt sie nur in Filmen mit, die zumindest das Zeug dazu haben, im Kino zu laufen.
Eine fahle Herbstsonne scheint auf die schick hergerichteten Industriehallen des Hamburger Stadtteils Altona, zwischen denen die Theater-Probebühne liegt, und diese Sonne spiegelt sich auch in Susanne Wolffs grünen Augen, die oft so irritierend finster dreinblicken, als sei eben wieder ein mittelschweres Unglück passiert.
Wolff, 35, kommt gerade vom Bahnhof, von ihrer bisher aufregendsten Filmpremiere. Die war am Abend zuvor in Berlin. "Ich hatte ein Dauergrinsen im Gesicht, als hätte ich dreimal hintereinander Geburtstag gehabt", sagt sie, trotzdem hätten während der Premierenparty viele Kollegen sie übertrieben vorsichtig angesprochen, "oft sagten sie sofort, sie wollten mich gar nicht stören. Da frage ich mich: Was strahle ich eigentlich aus? Dass man mich bloß nicht behelligen soll?"
In dem von der Regisseurin Emily Atef inszenierten Film "Das Fremde in mir" spielt Susanne Wolff eine Frau, von der anscheinend alle erwarten, dass sie vor Freude strahlt, der aber leider zum Heulen zumute ist. Die Menschen in ihrer Umwelt macht die Euphorieverweigerung ratlos und aggressiv.
Rebecca, so heißt die junge Frau im Film, hat ein Kind bekommen. Doch schon, als man ihr im Kreißsaal das Neugeborene in die Hände drückt, umarmt sie den Babykörper schlapp und unbeholfen. Und blickt merkwürdig gleichgültig drein.
Atefs Geschichte erzählt davon, wie die Heldin nicht mit der Mutterrolle klarkommt;
wie sie fast ihr Kind und bald darauf beinahe sich selbst umbringt; wie sie schließlich in einer psychiatrischen Klinik landet und mit Hilfe der Therapeuten in eine wacklige Selbstsicherheit (und ein bisschen auch zu ihrem Kind und zu ihrem Ehemann) zurückfindet.
"Das Fremde in mir" wäre ein solider, lehrreicher Film über das Krankheitsbild der postnatalen Depression, würde nicht Susanne Wolff die Hauptrolle spielen. Dank ihrer Ausdruckskraft und ihrer Sinnlichkeit ist "Das Fremde in mir" auch ein toller psychologischer Thriller.
Eine zum Strahlen verdammte Frau, die plötzlich nicht mehr mitmachen will, spielt Wolff in ihrem nächsten, auch schon heftig gelobten Film. Der läuft in ein paar Wochen an, heißt "Die Glücklichen" und stammt von dem Regisseur Jan Georg Schütte.
"Die Glücklichen" erzählt von einem Landwochenende unter Freunden, die einander versprechen, zwei Tage lang alle ihre Probleme und die der ganzen Welt von sich fernzuhalten. Was natürlich lustig schiefgeht.
Wolff verkörpert in diesem Film eine Kunsthändlerin, die sich als große Siegerin aufspielt; und dann lässt diese Supertussi aufs Herzergreifendste das Bild, das die Umgebung sich von ihr macht, in sich zusammenstürzen. Für die Aggressivität, die Wucht und das Feuer ihres Spiels lobte man Wolff nach dem Münchner Filmfest als Entdeckung.
Sowohl die junge Mutter in "Das Fremde in mir" als auch die Businessfrau in "Die Glücklichen" sind nur scheinbar Alltagsfiguren. Sie sind der Welt merkwürdig entrückt, als seien sie mit ihrem Schicksal nicht nur geschlagen, sondern auch in eine Art Gnadenstand erhoben. Gestalten mit ähnlicher Strahlkraft gelingen Susanne Wolff im Theater des Öfteren; vor allem in den Inszenierungen des Regisseurs Stephan Kimmig, als dessen Hamburger "Maria Stuart" sie im Mai beim Theatertreffen in Berlin gefeiert wurde.
Das Störrische, Flirrende, das ihre Darstellungskunst auszeichnet, macht ihr offenbar bei der Arbeit manchmal zu schaffen. "Ich kann nicht nachtanzen, was mir jemand vorschreibt, ich muss mir meinen Weg selber nehmen", sagt sie.
Wolff ist in Bielefeld aufgewachsen und nach einer Ausbildung in Hannover schnell am Hamburger Thalia Theater gelandet. Kritiker sülzten zwar manchmal peinlich von ihrem Äußeren, von ihrem Model-Körper und ihren Lippen, aber lobten eben auch ihr Spiel; nur die Kino- und Fernsehleute kapierten lange nicht, dass hinter ihrer Schönheit eine poetische Verletzlichkeit lauert.
Mit Kimmig, der Wolff "eine Kämpferin mit präziser Intuition und einem wirklich tollen Dickschädel" nennt, probt sie derzeit in der Thalia-Probebühne in Hamburg den Part der Erna in Horváths "Kasimir und Karoline". Bevor sie durch die graue Stahltür des Gebäudes aus der Herbstsonne ins Theater verschwindet, schwärmt sie noch ein wenig von ihrer Rolle.
"Gerade wenn es gut läuft", würde sie toben und schreien, was die Kehle hergibt, auch wenn nach den Proben "meine Stimme für eine Woche kaum mehr zu gebrauchen ist".
Das Gebrüll müsse sein. Denn sie spiele in dem Stück nun mal eine der Rollen, die sie liebt: ein Mädchen, "das pausenlos was auf die Mütze kriegt und immer so tut, als wäre sie happy". Bis sie eines Tages explodiert. "Sie sagt immer, es mache ihr nichts. Aber es macht ihr eben doch etwas."
WOLFGANG HÖBEL
* Oben: in "Das Fremde in mir".
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 44/2008
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