03.11.2008

INTEGRATIONCousin und Cousine

Geschichten türkischer Mädchen, die in Deutschland zwangsverheiratet werden, sind bekannt. Über die Männer, die zur Ehe gezwungen werden, gegängelt und erpresst, spricht kaum jemand.
Jenen Tag im September 2005 kann Azad nicht vergessen. Er feierte in Stuttgart Hochzeit und erlebte Stunden größter Scham: "Das ist richtig übel, wenn du dich zum Sex mit einer Verwandten zwingen musst", sagt der 20-jährige Kurde. "Das ist doch krank. Mit meiner Cousine ersten Grades."
Mit 16 hatte er von seinen Eltern erfahren, dass er sich mit seiner gleichaltrigen Cousine aus Ostanatolien verloben soll. Als er sich weigerte, drohte seine Mutter mit Selbstmord. "Du wirst mich am Strick im Keller finden", sagte sie. 17 Jahre alt war Azad, als er während eines Urlaubs in der Türkei standesamtlich verheiratet wurde, 18, als die Braut nach Deutschland kam und die verschnörkelten Hochzeitseinladungen verschickt wurden. In einem schwäbischen Mittelklassehotel fand die Hochzeitsnacht statt: "Es war der reine Horror", sagt Azad.
Die Geschichten türkischer Mädchen in Deutschland, die zwangsverheiratet werden, geschlagen und unterdrückt, sind oft schon erzählt worden. Schriftstellerinnen wie Necla Kelek oder Serap Çileli haben sie ausführlich beschrieben. Dass es aber auch viele junge muslimische Männer gibt, die gegen ihren Willen heiraten müssen und Gewalt durch ihre Familie erfahren, ist weitgehend unbekannt. Für diese Männer gibt es kaum Hilfsangebote, viele schämen sich so, dass sie es nicht wagen, über ihr Schicksal zu sprechen. Auch Azad mag seinen richtigen Namen nicht öffentlich nennen - zu groß sind Angst und Scham.
Buchautorin Çileli, selbst einst Opfer einer Zwangsheirat, berät seit Ende der neunziger Jahre türkische Mädchen und Frauen. Çileli und ihre Mitarbeiter bei "Peri - Verein für Menschenrechte und Integration e. V." (www.peri-ev.de) leisten Fluchthilfe und kümmern sich um die Opfer. Meistens sind es verzweifelte Frauen, doch immer wieder bitten auch Männer um Hilfe. Der jüngste war 16 Jahre alt, der älteste 48. Azad war einer von ihnen.
Der Psychologe Kazim Erdogan, der in Berlin-Neukölln ehrenamtlich eines der ersten Beratungsangebote für türkische Männer in Deutschland eingerichtet hat, ist mit dem Problem vertraut. "Es gibt auch junge Männer, die von ihren Familien gegängelt, erpresst oder verprügelt werden", sagt er.
Manchmal sind es in Deutschland geborene und aufgewachsene Türken, die in falsche Kreise geraten sind. Drogen, Einbrüche, Prügeleien. Die Familien wollen ihre Söhne wieder auf den Pfad der Tugend führen und suchen für sie unbescholtene Frauen aus Anatolien. Was Braut oder Bräutigam davon halten, zählt nicht.
Bisweilen wird aber auch der Ehemann importiert. Etwa dann, wenn die Familie das Gefühl hat, sie könne in Deutschland keinen ehrenhaften Gatten für ihre Tochter finden. Der Importbräutigam hat kaum eine Chance, sich gegen die Verbindung zu wehren, setzt seine eigene Familie daheim doch die ganze Hoffnung auf seine - hoffentlich finanziell glänzende - Zukunft.
Oder aber es läuft wie im Fall Azad: In Deutschland geboren, war er kaum drei Monate alt, da schickten sie aus der Türkei schon die ersten Fotos seiner Cousine. "Für meinen Verlobten", stand auf der Rückseite. "Ich dachte immer, das sei ein Witz", sagt der gelernte Mechaniker.
Ähnliches erlebte Cem, Mitte 20, der sich wegen seiner deutschen Freundin Julia weigerte, die Cousine zu heiraten. Seine Geschichte erzählt die Schriftstellerin Çileli*.
Unter dem Vorwand einer Urlaubsreise hatten Cems Eltern ihren Sohn an die türkische Schwarzmeerküste gelockt, nahmen ihm dort den Pass weg und setzten ihn so lange unter Druck, bis er den Ehevertrag
unterzeichnete. Als Cem frisch vermählt nach Deutschland zurückkehrte, wollte Julia ihn zur Flucht überreden. Aber er schaffte es nicht, endgültig mit seinen Eltern zu brechen. Am Ende blieb er bei Frau und Familie.
Eine Umfrage in Berlin hat ergeben, dass von 300 befragten türkischen Frauen in der Hauptstadt jede fünfte einen Verwandten geheiratet hat. "Eine solche Ehe garantiert die Geschlossenheit der Familie", sagt Çileli.
Wie oft hörte auch Azad von seinem Vater: "Junge, wir müssen zusammen stark sein." Die Cousine zu heiraten heißt, die Familie zu stärken. "Selbstgemachter Joghurt ist bekömmlicher als fremde Sauermilch", lautet ein türkisches Sprichwort. "Viele Deutsche können gar nicht verstehen, wie wichtig der Zusammenhalt bei uns ist", sagt Azad.
Jeden Sonntag versammeln sich die Mitglieder seiner Familie zu Hause bei Azads Eltern: 40, 50 Leute kommen zusammen. Sie sitzen im Wohnzimmer auf Kissen um niedrige Esstische, und wenn Azads Vater den Raum betritt, stehen alle auf. Er ist der Älteste, die Respektsperson. "Der Pascha", sagt Azad.
An einem dieser Sonntage, kurz nach seiner Verlobung, hielt Azad es nicht mehr aus: "Dieser Druck, diese Erwartungen, das war zu viel." Er verschwand in die Küche, fing an zu weinen. Seine ältere Schwester folgte ihm, wollte wissen, was los sei. Er sagte: "Ich will nicht heiraten."
Im Wohnzimmer bekam die Familie mit, dass etwas nicht stimmte. Gabeln blieben im ölgetränkten Reis stecken, der Tee wurde kalt in den Tassen. Nach und nach füllte sich die Küche mit Frauen. Azads Mutter betrat den Raum, sank zu Boden und schluchzte laut. Andere stimmten in das Wehgeschrei ein, kauerten auf den Küchenfliesen. Azad stand dazwischen und sagte: "Ist gut. Ich mach's."
Es ist nicht immer einfach, die Grenze zwischen einer arrangierten Ehe und einer erzwungenen Ehe zu ziehen. "Für meine Schwester war es immer okay, dass sie ihren Cousin heiraten soll", sagt Azad, "für mich aber nie."
Ist es erst Zwang, wenn Drohungen und Schläge nachhelfen, oder gilt das schon, wenn sich die Menschen einfach nicht trauen, die Erwartungen der Familie zu enttäuschen? "Manche kommen erst gar nicht auf die Idee, dass ihre Eltern falsch entscheiden könnten", sagt Psychologe Erdogan.
Auch Azad ist nicht mit körperlicher Gewalt zur Heirat gezwungen worden. Die Selbstmordankündigung der labilen Mutter war Druck genug. "Mein Vater hat mich nicht geschlagen", sagt er und verbessert sich: "Geschlagen hat er mich schon öfters. Richtig heftig sogar. Aber jetzt nicht direkt vor der Hochzeit."
Azad hatte in die Verbindung mit seiner Cousine eingewilligt, weil es eben erwartet wurde und weil er seine Familie nicht enttäuschen wollte. "Ich hatte vor meinem Vater wahnsinnigen Respekt", sagt er. "Ich wollte ihm keine Schande machen."
Die Hochzeitsfeierlichkeiten mit 300 geladenen Gästen gingen dann zunächst auch fröhlich los. Zum ersten Mal sah er seinen Vater ausgelassen kurdische Tänze tanzen. "In diesem Moment war mir so warm ums Herz", sagt Azad. "Ich dachte, das ist einfach mein Schicksal. Das muss so sein."
Nach wenigen Wochen Ehe wurde ihm allerdings klar: "Das geht alles gar nicht." Gemeinsam mit seiner Cousine wohnte er bei den Eltern im Dreifamilienhaus. Schlafzimmertür an Schlafzimmertür mit seiner Schwester und ihrem Mann - dem Bruder von Azads Frau.
"Ich bin jeden Abend um halb zehn ins Bett, damit ich nicht mit meiner Cousine schlafen musste. Oder aber ich war unterwegs", sagt er, "habe was mit anderen Mädchen angefangen."
Frauen haben diese Freiheiten nicht: Sie müssen zu Hause mit den Schwiegereltern sitzen, während die Männer kleine Fluchten wagen. Der Berliner Psychologe Erdogan sieht ein weiteres Problem: "Manche Männer lassen ihren Frust ungezügelt an ihrer Frau aus und werden gewalttätig." Vor allem bei Importbräutigamen sei das Frustrationspotential hoch, sagt er.
Sie haben oft Probleme mit der ungewohnten Rollenverteilung. Der deutschen Sprache noch nicht richtig mächtig, finden sie keine Jobs, und auch der Kampf mit der Bürokratie ist schwierig. "Für manche ist der Gedanke unerträglich, dass sie ,Taschengeld' von der Ehefrau bekommen und nicht einmal allein ein Formular ausfüllen können", sagt Erdogan.
Azad hat seine Cousine nie geschlagen. Er ist nach einigen Monaten einfach abgehauen. "Ich wollte zu Hause nicht mehr so tun, als wäre die Welt in Ordnung", sagt er. Ein paar Mal war er vorher schon getürmt, aber immer wieder zurückgekehrt. Einmal, weil er im Obdachlosenheim die Nachricht bekam, dass seine Mutter sterbenskrank sei. Tatsächlich hatte sie nur einen Schwächeanfall. Ein anderes mal baute Azad "große Scheiße", wie er heute sagt, und er brauchte die Hilfe seiner Familie: Sie musste mit 15 000 Euro eine Ehrenschuld begleichen: Azad hatte mit einer jungen Kurdin angebändelt, die noch Jungfrau war. Ihre Familie drohte, Azad umzubringen. Geld oder Ehrenmord. Azads Vater, Besitzer mehrerer türkischer Restaurants, zahlte.
Erst als Azad über Freunde die 18-jährige Laura kennenlernte, schaffte er den Absprung. An einem Nachmittag im Mai dieses Jahres ging er einfach aus dem Haus. Ohne Zeugnisse, ohne Bargeld, ohne alles. In Lauras 17-Quadratmeter-Wohnung in München fand er Unterschlupf.
"Wir hatten so einen Schiss, dass da etwas schiefgeht", sagt die blonde Verkäuferin. "Todesangst", sagt er. "Wer weiß, wie mein Vater ausgerastet wäre, wenn er uns gefunden hätte."
Die beiden sitzen händchenhaltend vor dem Lokal City Lounge am Stachus in München. Verheiratet ist Azad noch, "aber nur auf dem Papier", wie er sagt. "Es ist vorbei." Er trägt die Kleidung, in der er sein Elternhaus verlassen hat. Jeans, schwarze Jacke, Nike-Turnschuhe. Viel mehr Klamotten hat er nicht. "Wir sind gerade erst dabei, uns nach und nach alles aufzubauen", sagt Laura. Vor einigen Tagen hat Azad bei einer Zeitarbeitsfirma angefangen. "So langsam wird das schon", sagt er.
Mittlerweile hat Azad sogar mit seiner Schwester telefoniert. "Mein Vater wird nie wieder mit mir reden, das ist klar", sagt er. "Aber vielleicht renkt sich das Verhältnis zu meinen Geschwistern wieder ein." Seinem Vater könne er nie verzeihen, den anderen schon. "Die haben sich ja auch alle nur gefügt."
Scheiden lassen will sich der 20-Jährige erst einmal nicht. Zum einen liegen die nötigen Papiere in Stuttgart bei seiner Familie in einer Schublade. Zum anderen fehlt ihm das Geld. "Außerdem kann ich das meiner Cousine nicht antun. Die kann ja überhaupt nichts dafür, dass alles so gelaufen ist", sagt er. "Die Rückkehr als geschiedene Frau nach Anatolien wäre eine Schande für sie."
Fand Azad seine Cousine eigentlich attraktiv oder nett? "Klar, die ist in Ordnung", sagt er. "Sieht auch echt gut aus. Tolle Haare und so." Dann legt er seine Hand auf Lauras Arm und sagt: "Meine Schwester ist auch wunderschön. Aber Sex will ich mit der trotzdem nicht."
KATRIN ELGER
* Serap Çileli: "Eure Ehre - unser Leid". Blanvalet Verlag, München; 240 Seiten; 14,95 Euro.
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 45/2008
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