10.11.2008

AFFÄRENDer Frauenflüsterer

Wie konnte der mutmaßliche Erpresser Helg Sgarbi die Milliardärin Susanne Klatten so sehr täuschen? Ex-Arbeitskollegen zeichnen nun das Psychogramm eines hochintelligenten Fallenstellers.
Im Sommer 2007 betritt Susanne Klatten das Hotel Lanserhof bei Innsbruck. Sie ist die reichste Frau Deutschlands und ihr Leben bis zu diesem Tag vermutlich das biederste, was man so aus acht bis neun Milliarden Euro machen kann. Kein Bussi-Bussi, kein Chi-Chi und auch kein Mo-Mo, heute Monaco, morgen St. Moritz. Stattdessen ein Leben nach der Leistungsformel Arbeit geteilt durch Zeit. Portioniert auf Familie und Beruf. Vollgestopft mit Pflichten. Deshalb ohne besondere Vorkommnisse. Sieht man mal von den Dividendenausschüttungen ab. Den 100 Millionen im Jahr.
Jetzt steht sie in einem Wellness-Hotel, falsch, in einer Wohlfühl-Welt mit abgerundeten Möbelkanten, weichem Licht, mit Ruheräumen, die an Science-Fiction-Filme erinnern, in denen Raumfahrer sich für den Sternenflug in einen pulsgedämpften Tiefschlaf legen. Susanne Klatten, 45, will heilfasten, ihren Körper entschlacken, ihren Geist "entschleunigen", wie sie das hier im Lanserhof nennen. Und sie soll etwas tun, was sie sonst nie tut: sich völlig freimachen von allem.
Es könnte also gar keinen besseren Ort geben. Allerdings nicht für Susanne Klatten. Sondern für Helg Sgarbi. Einen Mann, der schon seit Jahren reiche Frauen betört und betrügt. Der sie erobert, um sie dann zu erpressen, mit heimlich gedrehten Filmen von gemeinsamen Liebesstunden.
Auf eine wie Klatten hatte er genau hier gewartet. Und gegen einen Sgarbi und seinen mutmaßlichen Komplizen Ernano Barretta hatte nicht mal die spröde, öffentlichkeitsscheue Erbin aus dem Industriellen-Clan der Quandts eine Chance. Nicht in ihrem entschleunigten Zustand.
Seit einer Woche ist Sgarbi, 43, der bekannteste Gigolo Europas; immer mehr Fälle werden bekannt, in denen ihm vermögende Damen verfielen. Nur: Wie Sgarbi das schaffte, warum es ihm gelingen konnte, selbst eine hochintelligente Frau wie Susanne Klatten erst um den gesunden Menschenverstand und dann um sieben Millionen Euro zu bringen, das schien immer noch ein Rätsel zu bleiben. So schwer zu durchschauen wie der Mann selbst.
Nun aber erklären frühere Wegbegleiter und die Akten der Ermittler das Geheimnis seines Erfolges - und natürlich Sgarbis Vorleben, die Geschichte eines so begnadeten wie gnadenlosen Verführers, eines Lügenmeisters und religiösen Fanatikers. Zumindest, soweit sich diese Geschichte ohne ihn rekonstruieren lässt. Denn Sgarbi sitzt in München in U-Haft und überlässt es anderen, über ihn zu reden.
Nur gegenüber dem SPIEGEL gab er eine kurze, gewundene Erklärung ab. "Ich beklage, dass es zu einer öffentlichen Debatte gekommen ist, bei der sowohl die Namen sogenannter Opfer wie auch von Menschen aus meinem familiären und persönlichen Umfeld auftauchen, die einer angeblichen Komplizenschaft bezichtigt werden. All dies kann schädlich sein für das gerichtliche Verfahren, wo ich gegebenenfalls noch umfassend aussagen werde." Als Erklärung für das Rätsel Sgarbi taugt das leider nicht.
Geboren wird Sgarbi 1965 mit dem Nachnamen Russak. Er wächst in einer großbürgerlichen Familie auf, lernt perfekte Manieren, selbstbewusstes Auftreten. Und weil sein Vater, Topmanager beim Maschinenbaukonzern Sulzer, für Jahre nach Brasilien geht, inhaliert schon der junge Russak jene Weltgewandtheit, mit der er später bei den Damen der besseren Gesellschaft nicht nur den billigen Beau, sondern den Mann von höchstem Niveau geben kann.
Er studiert Jura in Zürich, arbeitet bis 1996 bei der Schweizerischen Kreditanstalt, später bei einem Hightech-Unternehmen für Schweißtechnik, Leister Technologies. Aber dann passiert offenbar etwas mit ihm, was den makellosen Manageraufstieg jäh unterbricht. Als nächste Station seines Lebenslaufs steht in einem späteren Urteil des Bezirksgerichts Bülach gegen ihn: "Von 1999 bis 2001 hielt sich der Angeklagte in Europa sowie Nord- und Südamerika auf, wo er als Spieler seinen Lebensunterhalt bestritt."
Ob er wirklich in Casinos zockte, schwer zu sagen. Fest steht aber, dass Russak, der später den Namen seiner Frau Sgarbi annahm, schon damals begonnen hatte, mit Frauenherzen zu spielen, mit wesentlich höheren Gewinnchancen als beim Poker. Der Mann, der den strebsamen Banker offenbar zum Frauenfänger umpolte, ihm die ergaunerten Millionen abnahm, ist nach Erkenntnissen der Ermittler der Italiener Ernano Barretta, 63. Auch der sitzt nun in U-Haft.
Wenn Sgarbi auf Frauen hypnotisch wirkte, dann dieser Barretta anscheinend nicht weniger auf Sgarbi. Barretta, der Charismatiker, der Manipulierer. Der Erleuchtete einer Sekte in den Abruzzen, von dem Anhänger behaupten, er könne übers Wasser gehen, sie hätten es selbst gesehen. Und wenn er heile, dann fließe plötzlich Blut aus Händen und Füßen und Brust, wie bei Jesus am Kreuz.
In jungen Jahren kam Barretta als Gastarbeiter in die Schweiz. Schon in den Neunzigern scharte er Jünger um sich. Dass ihr Meister es nur zum Hilfsarbeiter gebracht hatte, darüber sahen sie ehrfürchtig hinweg. Schließlich erschien ihnen, wenn man nur glaube, in Barretta das "Werkzeug Gottes". Auch Helg Russak gehörte zum Kreis seiner Adepten.
Weil aber der Meister trotz himmlischer Eingebung offenbar keine Lottozahlen voraussagen mochte, lieferten die Gläubigen Barrettas jeden Monat einen Teil ihres Gehalts ab. Angeblich für ein Therapiezentrum für Alte und Kranke in Italien, das allerdings wohl nie einer zu sehen bekam. Dafür empfingen die weiblichen Sektenanhänger einen Gotteslohn: Sex mit Barretta. "Er sagte, sein Sperma sei das Blut Jesu Christi", erinnerte sich eine Ex-Geliebte im Zürcher "Tages-Anzeiger". "Hatten wir Sex, sagte er mir immer, er heile mich damit."
Später folgten ihm Jünger in die Abruzzen, nach Pescosanonesco, wo er die Männer zum Arbeiten auf den Bau schickte, die Frauen in das luxuriöse Landhotel, das er hier gebaut hatte. "Die Anhänger waren psychologisch beeinflusst und wurden wie Sklaven für Arbeiten benutzt", heißt es dazu in der italienischen Ermittlungsakte. Einer dieser Ergebenen aber war dem Meister offenbar zu schade fürs schnöde Schuften. Helg Sgarbis Talente, so vermuten die Fahnder, sollten sich anders verzinsen.
Sgarbi wird der Frauenflüsterer. Spätestens seit 2001 schleicht er sich mit seinem Charme und seinen Lügen in die Träume von begüterten Damen, die sich trotz ihres Reichtums verloren glauben, verloren an den Alltag, an das Alter, verloren an die Agonie ihres vollversorgten Daseins.
Eine der Ersten, die von dem Illusionisten der großen Gefühle brutal desillusioniert werden: die Comtesse Verena du Pasquier-Geubels, die den ersten Teil ihres Namens und Vermögens einem seligen Graf du Pasquier verdankte, den zweiten einem ebenfalls verblichenen belgischen Medienzaren. Die Schweizer Gräfin, damals 83, inzwischen verstorben, residierte für eine Million Franken pro Jahr im Hôtel de Paris von Monte Carlo und regenerierte sich regelmäßig bei Besuchen des Edeljuweliers Van Cleef & Arpels. Dieser Umstand war auch aller Welt bekannt, nicht zuletzt durch eine Geschichte im SPIEGEL, der ihr 1997 den Besitz von "Diamanten so groß wie Erdbeeren" bescheinigt hatte. Sgarbi tauchte in Monte Carlo auf, schickte ihr Rosen in die Suite. Er bot ihr seine Hilfe an, als Jurist, als Banker. Dabei habe er trotz seiner 36 Jahre so lauter und rein gewirkt wie ein Internatsschüler, erinnert sich eine Vertraute der Gräfin. Es dauerte nicht lange, und die Comtesse glaubte wieder an die Liebe. Von Heirat war die Rede, und dann übertrug sie ihm einen großen Teil ihres Geldes. Angeblich einen zweistelligen Millionenbetrag in Franken, dazu als Zeichen größten Vertrauens, den Wappenring mit der neunzackigen Grafenkrone derer du Pasquier.
Als aber Freundinnen ihr hinterbrachten, es gebe offenbar eine ganze Reihe Damen, die sich von Sgarbi ausgenommen fühlten, wollte sie alles rückgängig machen. Er zahlte einen Teil zurück, worauf die Gräfin eine Klage stoppte.
Im Jahr 2003 stand der Verzauberer dann zum ersten Mal als böser Zauberer vor Gericht, im schweizerischen Bülach. Christina W. hatte ihn angezeigt. Die Society-Dame, eine Freundin der Comtesse, hatte Sgarbi nachgestellt, und nicht nur ihm, auch Barretta. Sie streute in Sgarbis Umfeld, er sei ein "Gigolo", ein "Betrüger", auch Barretta sei ein übler Bursche.
Allerdings endete auch die hartnäckige Verfolgung des schäbigen Herrn Sgarbi umgehend im Bett des schönen Herrn Sgarbi, zuletzt am 19. Februar 2002. Heimlich liefen eine Videokamera und ein Tonbandgerät mit, kurz danach tauchte bei Christina W. ein Kuvert mit der Kassette und der Warnung auf, sie solle sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angingen. Wie später Susanne Klatten zeigte W. ihren Geliebten an; Sgarbi kassierte sechs Monate auf Bewährung.
Eine Comtesse, noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Und eine Frau, die Sgarbi unbedingt zur Strecke bringen wollte. Kann man erklären, warum ihm trotzdem beide erlagen? Zwei Schweizer können es.
Bitte keine Namen, sagen sie, aber sie arbeiteten früher mal in Zürich bei der Sunrise AG, dem zweitgrößten Schweizer Mobilfunkkonzern, und im Frühjahr 2004 bekamen sie einen neuen Kollegen: Helg Sgarbi. Bis Ende 2006 saßen sie mit ihm Tisch an Tisch in der Beschwerdestelle. Und schon bald entpuppte sich Sgarbi als Spezialist für komplizierte Fälle jeder Art. Nicht nur, was unzufriedene Kunden anging.
"Der Helg gab jedem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein", erinnert sich der eine Sunrise-Sachbearbeiter, "der hat dich in Sekundenschnelle gescannt und deine Schwachstellen erkannt. Und dann erklärt: Ich weiß, wie ich dir helfen kann." Bei ihm, damals 24, war die weiche Stelle der frühe Tod seines Vaters. Also schlüpfte Sgarbi sofort in die Vaterrolle. Mal warmherzig, mit Stolz in der Stimme: "Du könntest Staatsanwalt sein, so präzise, wie du arbeitest." Oder: "Du bist ein Rohdiamant, der nur noch geschliffen werden muss." Dann wieder zornig, strafend, ein Pedant, der binnen Sekunden eiskalt wurde, der wegen einer Verspätung von fünf Minuten einen Satz sagte wie: "Du hast mich tief enttäuscht." Und mit bebender Stimme: "Bei der Mafia lägst du längst mit einem Gewicht an den Füßen im Zürichsee."
Als Sgarbi die verwitwete Mutter seines Schreibtischnachbarn kennenlernen wollte, trafen sie sich zu dritt in einem Restaurant. Beim Dinner fragte er die Mittfünfzigerin plötzlich: "Darf ich Sie duzen?" Und ohne die Antwort abzuwarten, schmalzte er: "Ich muss dir ein Kompliment machen: Du bist eine wunderschöne Frau."
Den zweiten Sunrise-Mann schätzte Sgarbi offenbar anders ein - der war schon 28 und veranstaltete nebenher Partys. Man könne doch, schlug Sgarbi vor, im Winter nach St. Moritz fahren, sich in Hotelbars setzen, mit reichen Damen flirten. Die würden für Sex bezahlen, und zufällig kenne er sogar einen erfahrenen Gigolo, der den Kollegen in das Geschäft einweihen könne. Allerdings soll Sgarbi gewarnt haben, dass man in diesem Metier leider auch Frauen beglücken müsse, mit denen es wirklich keinen Spaß mehr mache. Es blieb dann bei der Idee.
Offenbar hatte Sgarbi in dieser Zeit auch andere Pläne. Am 28. Juni 2005, um 7.43 Uhr, schickte er eine E-Mail an eine Schweizer Geschäftsfrau. Sie begann in Deutsch, dann wechselte Sgarbi in die Sprache des Romeos, Italienisch. "Du hast gesagt, du lebst für die Liebe. Und das machst du richtig, denn genau das ist das Leben. Die Momente von gestern kommen nicht mehr zurück, aber wir haben einen Schatz daraus gemacht", säuselte er. Und: "Du bist eine außergewöhnliche Frau, voller Leben, und du kannst sehr viel geben. Es stimmt, manchmal braucht man Mut, um zu lieben." Es war die Art von Sätzen, die dann so viele Frauen daran glauben ließen, dass es einem Sgarbi nie um ihr Alter ging, nie um ihr Aussehen, nur um Gefühle. Ehrliche, große Gefühle.
Aus seiner Rolle fiel Sgarbi nur, wenn es um seine eigene weiche Stelle ging: den Glauben. Als sich einer der beiden Sunrise-Mitarbeiter mal über die Darstellung der Juden als brutale Henker in Mel Gibsons Kinofilm "Die Passion Christi" erregte, platzte es aus Sgarbi förmlich heraus. "Das Volk Juda", wetterte er apokalyptisch, werde "knietief in seinem Blute waten, bis es dereinst den Namen unseres Herrn Jesu Christi anerkennt". Die Verfolgung durch Römer, Kreuzfahrer, Nazis und Stalinisten sei die "gerechte Strafe" für Jesu Tod am Kreuz. In seinem 300er-Mercedes fuhr Sgarbi mit einer Jesusfigur, einer Padre-Pio-Plakette und einem Rosenkranz herum; im Kofferraum lagen mehrere Flaschen Weihwasser und ein Gebetbuch. "Das gehört zu mir", erklärte Sgarbi einem seiner Kollegen, "zu meinem Leben."
Das war mal keine Lüge, ausnahmsweise. "Helg hat unzählige Geschichten über sich erzählt - und am Ende wusste man gar nichts über ihn. Nicht das Geringste", sagt der Mann, der mit ihm nach St. Moritz sollte. Einmal behauptete Sgarbi, dass er am Abend mit seiner Ehefrau verabredet sei. Einem anderen Kollegen tischte er dagegen die Geschichte auf, sie habe ihn verlassen - nach der zweiten Totgeburt. Nun irre sie durch Europa, schicke manchmal eine SMS. Demnächst müsse er nach Rom, um an der Spanischen Treppe auf sie zu warten, die Liebe seines Lebens.
In Wahrheit aber verehrte er die Frauen nicht, er verachtete sie, brach sie. Glaubt man den beiden Sunrise-Mitarbeitern, begann er eine Affäre in der Firma. Als es vorbei war, veränderte sich die Frau, wurde stiller, verschlossener. Schließlich verließ sie die Firma, heute soll sie in einem Kloster leben.
Kurz bevor Sgarbi aber selbst ging, bat er seinen jüngeren Kollegen in ein leeres Konferenzzimmer. Blickte ihn ernst an. Sagte dann: "Eines Tages wirst du von mir Sachen hören, für die du mich hassen und verfluchen wirst. Wie alle anderen wirst du mich verurteilen." Es sei eine Stimmung wie beim letzten Abendmahl gewesen. Sgarbi als Jesus, der Kollege als Petrus.
Den letzten Anruf bekam er dann Mitte 2007. Sgarbi meldete sich mit unterdrückter Nummer. "Du wirst jetzt längere Zeit nichts von mir hören", sagte er geheimnisvoll. "Ich muss ins Ausland, ich habe einen dicken Fisch an der Angel."
Das Geheimnis seines Erfolges ist in diesem Sommer der Lanserhof, Treffpunkt der Hochverdiener, aber keines dieser Hotels, in denen sich Frauen mit Mehrkarätern an den Fingern zuprosten und zuprotzen. Der Lanserhof will aus Multi-Millionären und Multi-Milliarden-Managern für zwei, drei Wochen wieder einfache Menschen machen. Sie schlurfen alle im gleichen weißen Bademantel herum. Sie konzentrieren sich beim Heilfasten mit Basen-Brühen auf ihren Verdauungstrakt. Und mit den Kilos sollen sie auch ihren seelischen Ballast abwerfen. Das Ambiente, heißt es auf der Homepage, verschaffe ihnen "geistigen Freiraum", damit sie "Lebensstil-Veränderungen zulassen", "eine lustvolle Reise zu sich selbst".
Hier quartiert sich Sgarbi im Sommer 2007 gleich zweimal ein. Er pirscht sich an Frauen heran, die ihren Panzer, der sie sonst schützt, abgeworfen haben. Was für ein Jagdrevier. Schon nach kurzer Zeit hat er Elfriede R. und Monika S. erlegt. Die Erste, eine Kauffrau aus dem Raum München, zahlt ihm zwar angeblich nie etwas, aber Monika S., Unternehmerin aus Nordbayern, schenkt ihm später 300 000 Euro. Und dann erscheint eine Frau von ganz anderem Format in Sgarbis Arena der leichten Beute. Susanne Klatten.
Übergewicht kann nicht ihr Problem sein. Aber das Wellness-Team des Lanserhofs liebkost auch die Ausgebrannten und Abgespannten, die Selbstzweifelnden und trotz Geld Verzweifelten. Sgarbi kommt mit ihr ins Gespräch; er gefällt ihr. Sie gibt ihm eine Visitenkarte, er googelt ihren Namen; jetzt weiß er, wen er vor sich hat: die reichste Deutsche; 12,5 Prozent der Aktien von BMW.
Ein elegantes Auftreten, eine liebenswerte, faszinierende Person, so beschreibt sie später bei der Polizei ihren Eindruck von ihm. Es wird Liebe, eine Amour fou. Sie ist eigentlich viel zu sehr Familienmensch, Quandt-Familienbande, als dass es wirklich etwas werden könnte. Aber sie lässt sich treiben.
Sie schreibt ihm Briefe in mädchenhafter Handschrift, sie treffen sich in Hotels. Sie hat keine Ahnung davon, keinen Instinkt dafür, dass Sgarbi sie dabei im Münchner Holiday Inn filmen lässt, beim Sex, vermutlich von Barretta im Nebenzimmer. Dann die erste zarte Forderung. Er habe erzählt, sagte sie später der Polizei, dass er in Miami das Kind einer Mafia-Familie angefahren habe. Er brauche zehn Millionen Euro, habe aber nur drei. Er sei so traurig gewesen, sie habe sich ihm so nah gefühlt.
Susanne Klatten gibt ihm das Geld, als "Darlehen", aber nun will er noch mehr, erst 49 Millionen, dann 14. Im Dezember kommt ein Drohbrief, mit einem Foto aus dem Video, aber jetzt hat die Milliardärin ihren Panzer wieder angelegt. Sie lässt Sgarbi auffliegen, riskiert den Skandal. Die Polizei nimmt ihn im österreichischen Vomp fest. Auch Barretta ist dort; in seinem Auto liegt eine Namensliste, auf der auch Elfriede R. und Monika S. stehen.
Sgarbi kommt in Haft, Barretta darf noch nach Italien zurückkehren. Aber die Polizei überwacht ihn, hört sein Telefon ab. Dann nimmt sie auch ihn fest, seine Frau, seine beiden erwachsenen Kinder, Sgarbis Frau. Die Ermittler finden Geldbündel mit Banderolen der Deutschen Bank.
Barrettas Anwalt sagt trotzdem, sein Mandant habe mit Erpressungen nichts zu tun, das Geld seien Ersparnisse. Das aber wäre eigentlich nun der Zeitpunkt für Helg Sgarbi, Barretta zu belasten, um sich selbst zu entlasten, spätestens im Prozess in München. Doch mal abgesehen davon, dass Sgarbis Frankfurter Anwalt Egon Geis und sein Schweizer Kollege Till Gontersweiler sich nicht äußern, deutet darauf nichts hin. Im Gegenteil. Wer Sgarbi kennt, ist überzeugt, dass er niemals gegen Barretta aussagen würde.
Denn auch ein Verführer ist manchmal nur ein Verführter.
JÜRGEN DAHLKAMP, CONNY NEUMANN,
SVEN RÖBEL, ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Jürgen Dahlkamp, Conny Neumann, Sven Röbel und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 46/2008
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