17.11.2008

VENEZUELADie Oligarchen von Barinas

Wieder muss sich Staatschef Hugo Chávez einer Machtprobe stellen, bei Gouverneurswahlen. Selbst in seiner Heimat sind inzwischen viele unzufrieden mit ihm und mit dem Chávez-Clan.
Drei gepanzerte Ford-Geländewagen und sieben Leibwächter begleiten Doña Elena Frías de Chávez zum Kirchgang. Es ist kurz nach sieben, die Messe in der Kirche Cristo Rey in Barinas, einer Stadt mit 270 000 Einwohnern in den heißen Ebenen im Westen Venezuelas, hat bereits begonnen. Die Mutter des venezolanischen Präsidenten nimmt in der zweiten Reihe Platz, sie trägt eine türkisfarbene Bluse und eine Sonnenbrille, das Haar ist blond gefärbt.
Die Chávez sind eine gläubige Familie. Früher kam Doña Elena zu Fuß zur Messe, die Kirche liegt nur zwei Blocks von ihrem alten Haus entfernt. Jetzt aber bewohnt sie mit ihrem Mann ein riesiges Anwesen in einem vornehmen Stadtteil von Barinas.
Das alte Haus steht leer. Nichts weist darauf hin, dass in dem schmucklosen gelben Flachbau der Präsident aufwuchs. Dabei ist Hugo de los Reyes Chávez, der Vater des Staatsoberhaupts, seit zehn Jahren hier Gouverneur. Bei seiner Wiederwahl vor vier Jahren trat er mit dem Slogan an: "Stimmt für den Vater, denn der Sohn kann ihm keinen Wunsch ausschlagen."
Das gilt offenbar für die ganze Familie. Seit Hugo Chávez, gelernter Fallschirmspringer, später Putschist und nunmehr Führer der lateinamerikanischen Linken, 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, ist aus der einfachen Mestizen-Familie ein wohlhabender Clan geworden: 17 Farmen sollen der Sippe gehören. Mehrere dieser Anwesen habe die Familie über Strohmänner erworben, behauptet die Opposition. "Die Chávez sind die neuen Oligarchen von Barinas", sagt Antonio Bastidas, ein ehemaliger Nachbar, der heute der Opposition angehört.
Sechs Söhne hat der ehemalige Dorflehrer Hugo de los Reyes Chávez, den sie in Barinas nur "El Maestro" nennen, und alle sind bestens versorgt. Adelis steht der Bank Sofitasa vor, welche die Geschäfte der Regierung von Barinas abwickelt. Aníbal ist Bürgermeister von Chávez' Geburtsort Sabaneta, Narciso für die venezolanisch-kubanische Zusammenarbeit zuständig und Argenis Kabinettschef seines Vaters - er gilt als graue Eminenz, denn "El Maestro" erlitt vor einigen Jahren einen Schlaganfall. Cousin Asdrúbal schließlich ist Vizepräsident für das Raffineriegeschäft bei der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA.
Adán aber, der älteste der Chávez-Brüder, steht im Ruf, der Intellektuelle der Familie zu sein, er war schon Botschafter in Kuba und Erziehungsminister. Von allen Brüdern vertraut ihm der Präsident am meisten. Deshalb hat er ihn jetzt mit einer heiklen Mission betraut: Adán tritt als Kandidat für die Nachfolge seines Vaters bei den Gouverneurswahlen am kommenden Sonntag an. Er soll den Präsidenten vor einer schmachvollen Niederlage in der "Wiege der Revolution" bewahren, wie Chávez seinen Heimatstaat gern nennt.
Die Regionalwahlen sind die erste Machtprobe für den Staatschef seit dem gescheiterten Verfassungsreferendum vor einem Jahr, mit dem sich Autokrat Chávez eigentlich die unbegrenzte Wiederwahl sichern wollte. Umfragen zufolge könnten sechs wichtige Bundesstaaten an die Opposition fallen.
Eine wirksame Gegnerschaft ist dem Comandante pikanterweise vor allem im eigenen Lager erwachsen, unter den "Chavistas", manche der Renegaten treten nun als selbständige Kandidaten an. In Barinas beispielsweise liefert sich Adán ein Kopfan-Kopf-Rennen mit dem Bürgermeister, der früher ebenfalls ein Chávez-Anhänger war. "Wir haben den Nepotismus der Präsidentenfamilie satt", sagt Oppositionskandidat Simón Jiménez: "Chávez hat eine neue Monarchie errichtet."
Im Mikrokosmos von Barinas lassen sich Aufstieg und Fall des Caudillo bestens studieren. Eine vierspurige Autobahn führt zu dessen Geburtsstadt Sabaneta, 60 Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt. In der Mitte der Trasse fehlt eine Leitplanke: Chávez landet mit seinem Jet auf der Betonpiste, wenn er seinen Geburtsort besucht.
Bürgermeister Aníbal Chávez hat die Straßenschilder rot streichen lassen, das Geburtshaus des Präsidenten ist rosarot, es beherbergt ein Parteibüro. Viele Straßen der staubigen Kleinstadt sind ungepflastert, bei Regen versinkt man bis zum Knie in den Pfützen.
Hugo de los Reyes Chávez und seine Frau lebten hier mit den beiden Ältesten, bis sie Ende der sechziger Jahre nach Barinas zogen. "Hugo, der Zweitgeborene, war der umgänglichste der Söhne", erinnert sich der frühere Nachbar Bastidas: "Er war fasziniert von Waffen und interessierte sich für Geschichte."
Vater Hugo gehörte der christdemokratischen Partei Copei an, doch seine Söhne lehnten sich gegen die "verfaulte Elite Venezuelas" und die "Parteiendiktatur" auf, die das Land bis zu Chávez' Wahlsieg 1998 ihrer Meinung nach beherrscht hatten. Doña Elena hielt den Clan mit eiserner Hand zusammen.
Der Dorflehrer und seine Frau waren Leute mit einem bescheidenen Einkommen. Heute ist das Gehalt des Gouverneurs Staatsgeheimnis, und Doña Elena macht keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für teuren Schmuck. In Barinas kursieren viele Geschichten darüber, wie der Clan zu Geld gekommen ist, zwei Untersuchungsverfahren wegen illegaler Bereicherung liegen bei der Staatsanwaltschaft auf Eis.
Als besondere Schmach empfinden die Einwohner die Geschichte des Fußballstadions La Carolina. Die Sportstätte sollte im vergangenen Jahr zur amerikanischen Fußballmeisterschaft Copa América eingeweiht werden, aber sie ist bis heute nicht fertig. Nur die Partie USA - Paraguay fand tatsächlich statt - auf der Baustelle und bei Tag, weil die Flutlichtanlage fehlte. Für die Finanzierung des Mammutprojekts war Adelis Chávez zuständig.
Es gibt noch andere Geschichten. Zum Beispiel die von der staatlichen Zuckerraffinerie CAAEZ: Das 100-Millionen-Dollar-Projekt bei Sabaneta weihte der Staatschef gleich dreimal ein, aber der Bau ist noch immer erst zur Hälfte fertig. Oder jene Geschichte, welche die Bauern der Region bewegt: Die bauten früher Mais und Reis an; Chávez überzeugte sie dann, lieber Zuckerrohr zu pflanzen. Jetzt müssen sie die Hälfte der Ernte verbrennen, weil das Rohr nicht weiterverarbeitet werden kann. "Der Präsident hat die Leute betrogen", sagt David Hernández, früher ebenfalls Chávez-Anhänger.
Auch die Einwohner von Sabaneta sind nicht gut auf die Präsidentenfamilie zu sprechen. Bei Studentenprotesten kam es vor drei Wochen sogar zu einer Straßenschlacht, acht Demonstranten und drei Polizisten wurden verletzt. Dissident Hernández wurde zweimal zur Geheimpolizei zitiert. Gelegentlich erhält er Morddrohungen, nachts wagt er sich nur noch mit Leibwächtern auf die Straße.
Chávez hat die Machenschaften seines Clans nie öffentlich kommentiert, aber bei einem Familientreffen soll er sich über die Bereicherung seiner Verwandten beklagt haben. In Barinas erzählt man sich, dass er den protzigen Hummer-Geländewagen seines Bruders Argenis mit einem Baseballschläger zertrümmert habe - erst Mutter Elena habe Frieden gestiftet.
Eigentlich sollte Argenis die Nachfolge seines Vaters als Gouverneur antreten, doch weil er in allzu viele Skandale verwickelt ist, nahm ihn der Präsident aus der Schusslinie. "Chávez will nicht die Sicherheit seiner Familie riskieren", sagt Oppositionskandidat Jiménez.
Adán, der Älteste, der jetzt eingesprungen ist, verteilt üppig Wahlgeschenke, um die Bevölkerung trotz allem bei Laune zu halten. In einem Armenviertel von Barinas verkaufen Chávez-Anhänger Schweinehaxen und Kühlschränke zu Vorzugspreisen. Besonders begehrt ist der Kaffee Marke "Venezuela - 100 Prozent Nacional" zu fünf Bolívar das Pfund, denn in den Supermärkten ist Kaffee knapp, eine Folge der sozialistischen Mangelwirtschaft.
Kubanische Ärzte, die Fidel Castro als Gegenleistung für verbilligte Öllieferungen nach Venezuela schickte, verschreiben unterdessen kostenlos Brillengestelle und Medikamente. "Wir stimmen alle für Adán", versichert Alberto Bueno, ein Zimmermann, der im Stadtviertel Mi Jardín II für eine neue Brille ansteht.
Für den Abend hat die sozialistische Einheitspartei des Präsidenten ein "Konzert für die Jugend" organisiert, auf einem Sportgelände am Stadtrand. Das Publikum wird mit Bussen herangekarrt, doch der Platz ist viel zu groß.
Chávez-Bruder Adán winkt ins Publikum, eine Rede erspart er sich. Es gibt eine Ehrentribüne, auf der seine Eltern sitzen, sie ist rot wie das T-Shirt, das seine Mutter trägt. Doña Elena gibt sich entschlossen, sie reckt die Faust zum Kampf.
Vor den Wahlen am kommenden Sonntag wird sie wie immer zur Messe gehen. Sie will für ihre Söhne beten. JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 47/2008
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