17.11.2008

AuslandEin bleibender Wert

Global Village: Bei Christie's in New York lässt die Frau des ehemaligen Bankchefs von Lehman Brothers ihre Kunst versteigern.
Am Abend fahren Limousinen vor und warten mit laufendem Motor, damit ihre Besitzer nicht frieren müssen in den kalten Stunden. Vor dem Eingang zu Christie's, 20 Rockefeller Plaza, eine Adresse wie ein Versprechen, drängt eine lange Schlange edelgekleideter Menschen auf Einlass.
Drinnen gleiten die Blicke der Damen und Herren vorsichtig durch den Raum. Sie umarmen ihre Auktionskataloge wie Bibeln, Damen mit Frisuren, die aussehen, als wären sie ewig, Herren mit Schals, die sie wie Kunstwerke um ihren Hals wickelten. Die Menschen hier wirken wie abgekoppelt von der um sie herum taumelnden Welt.
Sie sind an diesem Abend gekommen, um Kunst zu ersteigern. Kunst, die einen Millionenwert hat. Eines der Werke, die einen neuen Besitzer suchen, ist die Zeichnung einer Frau, das kostbarste Stück in einer privaten Kollektion. Christie's schätzt den Wert der Zeichnung auf drei bis vier Millionen Dollar, weil es die Hände Willem de Koonings waren, die sie schufen. Er zeichnete sie 1951 mit Bleistift, Kohle, Pastellfarben und Öl und nannte sie "Woman". Dann radierte er sie wieder aus, und sie wurde eine schemenhafte Figur, eine Unnahbare.
Kathy Fuld mochte die Frau, sie wollte sie besitzen. Sie kaufte sie für zwei Millionen Dollar, sieben Jahre lang gehörte sie ihr. Doch irgendwann im vergangenen Sommer beschloss Kathy Fuld, sich von der Kostbarsten zu trennen. Vielleicht ahnte sie etwas.
Kathy Fuld hat einen Blick für die Kunst, für das Wertvolle. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Beirats des Museum of Modern Art. Sie sammelt Werke von großen Malern und Residenzen in New York, Connecticut, Vermont, Idaho und Florida. Seit September gehört zu ihrer Sammlung auch ein arbeitsloser Mann.
Kathy Fuld ist die Ehefrau von Richard S. Fuld, dem Mann, der bis vor kurzem der Chef der Investmentbank Lehman Brothers war. Lehman Brothers war vor ein paar Jahren in den Vereinigten Staaten einmal die "Bank des Jahres", ihr Erfolg ruhte auf dem Geschäft mit gebündelten Immobilienkrediten. Der Name der Bank wurde ein Synonym für einen Handel mit Werten, die es in der Wirklichkeit nicht gibt. Lehman Brothers war der Mittelpunkt einer Welt des schönen Scheins.
Richard S. Fuld hat mit dem Reichtum seiner Bank Wohltätigkeiten über die Welt verteilt, er war ein Förderer des internationalen Kunstmarkts, Geldgeber für Guggenheim, das Museum of Modern Art, den Louvre. Lehman Brothers und seine Geschwister, Merrill Lynch oder Morgan Stanley, haben Geld gegeben, damit Leonardo da Vinci, Francisco de Goya und Jackson Pollock öffentlich ausgestellt werden konnten. Dann implodierte die Welt der gebündelten Immobilienkredite, und Lehman Brothers löste sich auf. Es riss Löcher auch in Amerikas Kunstlandschaft.
Kathy Fuld war eine Sammlerin, keine Händlerin. Sie hatte ein Auge für bleibende Werte, für Werke, die immer wertvoller wurden. Sie trennte sich selten von ihnen. Doch im vergangenen Sommer veränderte sich etwas. Sie beschloss, ihre Sammlung von 16 Zeichnungen bedeutender Maler zu verkaufen. De Kooning war einer von ihnen, Arshile Gorky ein anderer. Sie besaß eine Zeichnung, die Gorky 1947 vollendet hatte, doch plötzlich wirkte sie wie ein Blick in die Zukunft, ein Werk aus dem Herbst 2008. Gorky nannte die Zeichnung "Study for Agony I", eine Betrachtung in den Zeiten der Agonie.
Als Kathy Fuld ihre Sammlung zum Verkauf anbot, stolperten Christie's und Sotheby's übereinander in ihrem Verlangen, sie versteigern zu dürfen. Sie witterten ein großes Geschäft. Am Ende gab Kathy Fuld Christie's den Zuschlag, doch sie verlangte Sicherheit. Sie wollte sich nicht der Unberechenbarkeit des Marktes unterwerfen und klammerte das Risiko aus. Sie ließ sich 20 Millionen Dollar garantieren und machte sich unabhängig von Gewinn und Verlust. Vielleicht hatte sie das von ihrem Mann gelernt.
Am Morgen vor der Auktion steht Robert Manley zwischen der Kostbarsten und der Agonie. Er ist Senior Vice President bei Christie's, er leitet die Abteilung für Nachkriegs- und Gegenwartskunst, und er denkt darüber nach, ob er zu aggressiv war in seinem Werben um diese Werke. "Wir sind jetzt in einer anderen Welt", sagt Manley. Er scheint etwas zu ahnen.
Am Abend steigt Christopher Burge, der Auktionator, auf sein Podest und blickt in den überfüllten Saal. Er sieht aus wie ein Lord, und sein britisches Englisch ist quite marvellous. Er ist der Zeremonienmeister, es ist seine Aufgabe, die Bieter vornehm aufeinanderzuhetzen. Wenn der eine den anderen überbietet, lehnt Burge sich vor, sieht den Überbotenen an und sagt: "Es steht gegen Sie, Sir. Es ist seins, nicht Ihres."
Der Moment, in dem die Krise den Saal erreicht, kommt mit Werk Nummer 27. Christie's glaubte, dass Francis Bacons "Study for Self-Portrait" 40 Millionen Dollar erreichen könnte. Doch als die Bieter bei 27,4 Millionen verstummen, bricht Burge ab. Bacon gehört jetzt zu den Schwerverkäuflichen. Ein Raunen geht durch die Reihen, ein paar Herren pfeifen.
Kathy Fuld erscheint nicht an diesem Abend. Sie wurde der Kostbarsten, seit dem Bankrott von Lehman Brothers, immer ähnlicher, unnahbar. Die Werke, für die Christie's ihr 20 Millionen Dollar zahlen muss, wechseln für 13,5 Millionen den Besitzer. Die Kostbarste, für die Kathy Fuld einmal 2 Millionen Dollar bezahlt hatte, geht für 2,7 Millionen über den Tisch, die Agonie für 2,2 Millionen.
Kathy Fuld ist wertvoller geworden. Sie hat ein Geschäft gemacht. MARIO KAISER
Von Mario Kaiser

DER SPIEGEL 47/2008
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