24.11.2008

DEMONSTRANTENProjekt Pinocchio

Warum die Ochsentour durch Parteien machen? Ein Hamburger Bürger hat einen flotteren Weg gefunden, seine politische Botschaft regelmäßig in ganz Deutschland kundzutun - er narrt die Medien.
Wahr ist, dass der Mann sich geärgert hat. Es ist die Zeit der Finanzkrise, die Bundesregierung hat aus 500 Milliarden Euro ein Rettungspaket für die Banken geschnürt. Um 22.15 Uhr berichten die Tagesthemen von den Reaktionen. Im ersten Beitrag zeigen sie das Kanzleramt, davor stehen Presseleute, Polizisten und dieser Mann mit dem großen Schild. Er trägt einen hellen Anzug, eine blau-gelb gestreifte Krawatte und eine große Sonnenbrille, wie man sie von Filmsternchen kennt.
"Ein etwas ungewöhnlicher Demonstrant hat sich unter die Menge gemischt", sagt der Sprecher aus dem Off. "Stoppt die Steuergeldverbrennung!", steht auf seinem Schild, daneben klebt ein Bild mit flackernden Geldbündeln. Die Kamera zoomt auf die Brille, Schwenk auf das Plakat, Schnitt auf den Demonstranten. Er spricht jetzt in den Tagesthemen, er hat über zwei Millionen Zuschauer.
Es ärgere ihn, sagt er, dass nun das Geld der Steuerzahler den Bankern hinterhergeworfen werde. "Das wird fehlen bei Hochschulen, bei Schulen, bei Kindergärten, das ist völlig klar", sagt der Demonstrant, dessen Namen und Beruf die Tagesthemen auf einem blauen Streifen einblenden: "Manuel Dörsam, Rechtsanwalt".
Das ist der unwahre Teil. Denn der Mann ist gar kein Rechtsanwalt. Und er heißt auch nicht Manuel Dörsam.
Wer im Internet stöbert und Archive durchkämmt, findet zu diesem Manuel Dörsam keinen Kontakt, aber Presseartikel, die ihn zitieren, und Fotos, die ihn zeigen, zur Lage der SPD, zum Kohlekraftwerk in Hamburg. Immer trägt er ein Plakat, schwarze Schrift auf weißem Grund, und manchmal auch ein Clownskostüm mit Pinocchiomaske.
Dahinter steckt ein Mensch, der mit Botschaften in die Medien drängt, der damit sein Geltungsbedürfnis befriedigt und die Gier der Medien nach Bildern, nach Slogans. Es ist die perfekte Symbiose. Im Sommer, als Barack Obama Berlin besuchte, stand der Demonstrant in der Menge und hielt ein Schild in die Luft: "Obama for Kanzler". Griffiger konnten es die Fotografen kaum haben. Das Motiv wurde millionenfach gedruckt, auch im SPIEGEL. Die "SuperILLU" schrieb seinen wahren Namen unter das Bild: Dirk Mirow, 41, Kanzler der Kunsthochschule in Kiel.
Es ist November geworden, um fünf Uhr nachmittags hängt der Himmel schwarz über der Kieler Förde. Dirk Mirow sitzt in einem Hafencafé bei stillem Wasser und Käsebrot. Er sieht sehr bürgerlich aus mit seinem Schlips und dem gebügelten Hemd, er hat jetzt nichts Pinocchiohaftes. Bei Fragen nach seinen Aktionen grinst er, aber nicht allzu breit; er wirkt zufrieden. "Man stellt fest, dass es gar nicht schwierig ist, sich öffentlich einzumischen und seine Botschaften zu verbreiten", sagt er.
Mirow fordert glaubwürdige Politiker vom Schlage Obamas und eine gerechte Gesellschaft, er malt Plakate für eine bessere Welt, und er malt sie nicht nur für sich. "In der Bevölkerung wächst die Sorge darüber, dass in Deutschland vieles schiefläuft", sagt Mirow. "Ich gebe dem Unmut der bürgerlichen Mitte eine Stimme."
Politisiert wird der Sohn eines Schiffszimmermanns aus Hamburg-Harburg in der Schule, wo ein unangepasster Gemeinschaftskundelehrer namens Peter Dörsam die Klasse zum Querdenken anregt, zur Einmischung. Dörsam ist sein Spiritus Rector. Am 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Wiedervereinigung, tritt Mirow in die SPD ein.
Er will Politik machen, aber er strebt auch nach beruflicher Sicherheit. Mirow macht ein Diplom zum Verwaltungswirt und studiert Jura, es ist eine Ausbildung für künftige Beamte, keine für Visionäre. Für seine politischen Ambitionen bleibt ihm nur der SPD-Ortsverein. Ein Zeitungsfoto aus seinen Juso-Jahren zeigt ihn 2002 beim Sommerfest der Harburger SPD. Er steht am Grill und wendet Würstchen.
Er fängt an, Leserbriefe zu schreiben, an das "Hamburger Abendblatt", die "Zeit", "taz", "Welt", "SZ". Die Themen variieren, es geht um die Freiwillige Feuerwehr in Harburg, um eine Reform der Juristenausbildung, um den Klimawandel. Zur Schließung eines Aluwerks schreibt Mirow: "Obwohl ich persönlich nicht betroffen bin, ist in mir kalte Wut hochgestiegen."
Genosse Mirow ficht für den hilflosen Arbeiter, den der Sturm der Globalisierung hinwegfegt. Doch die hehren Ziele allein verleihen Mirows politischem Wirken keine Wucht. Die Jahre vergehen mit Würstchen und Briefen; öffentlich kaum Widerhall.
In den Medien sorgen andere Bilder für Aufruhr. Im Februar 2003 präsentiert US-Außenminister Colin Powell Satellitenfotos, die angeblich irakische Anlagen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zeigen. Mirow ist überzeugt, dass die Bilder gefälscht sind. Damals habe er begriffen, sagt er heute, wie manipulierbar die Medien seien.
Das Thema beschäftigt Mirow, er diskutiert es mit Freunden, immer wieder. Inzwischen hat er Karriere gemacht, hat bei der Bertelsmann-Stiftung Projekte geleitet und die renommierte Bucerius Law School in Hamburg mitaufgebaut. 2005 wird er zum Kanzler der Muthesius Kunsthochschule in Kiel gewählt, in ein kreatives Umfeld. Die Studenten beschäftigen sich auch mit Kunst im öffentlichen Raum, mit politischer Intervention. Mirows Idee reift.
Juni 2007, G-8-Gipfel in Heiligendamm, Proteste sind angekündigt. Hier will Mirow politisch intervenieren, mit Widerhall in den Medien. Er wettet mit Freunden, dass SPIEGEL ONLINE ein Foto von ihm veröffentlicht. Wetteinsatz: eine Kiste Bier.
Am 2. Juni fährt Mirow zur Demo nach Rostock. Er trägt einen schwarzen Dreiteiler, ein Plastikgewehr und um den Hals ein Plakat: "Ich bin ein bewaffneter Aufstand". Die Fotografen machen ihren Job, SPIEGEL ONLINE macht ihn ebenfalls. Mirow gewinnt die Bierkiste.
Er ist jetzt angefixt. Was einmal funktioniert, klappt womöglich auch ein zweites Mal, zum Beispiel in Sachen SPD. Denn was dort seit Anfang 2008 passiert, findet Mirow ziemlich ärgerlich.
In Hessen erwägt die SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti entgegen ihrem Wahlversprechen eine rot-grüne Minderheitsregierung, toleriert von der Linken. Parteichef Kurt Beck signalisiert Unterstützung. In der SPD herrscht Tumult. Als die Partei dann noch Wolfgang Clement ausschließen will, malt Dirk Mirow ein Plakat und fährt nach Düsseldorf zur SPD-Zentrale.
"Clement weg - Agenda 2010 weg - Volkspartei SPD?" steht auf dem Schild. Ein Reporter fragt den Demonstranten nach seinem Namen. Mirow denkt an seinen Gemeinschaftskundelehrer und nennt ein Pseudonym. Am nächsten Tag zitiert ihn das Online-Portal der WAZ-Mediengruppe: "Manuel Dörsam ist Sozialdemokrat seit 19 Jahren und könnte es die längste Zeit gewesen sein. ,Wenn Wolfgang Clement aus der Partei geworfen wird, trete ich auch aus', droht er."
Dann kommt der 12. August. Hessens SPD-Chefin kündigt an, tatsächlich mit der Linken kooperieren zu wollen. Mirow ist fassungslos. Er denkt an die Lügenpuppe im Märchen, Ypsilanti wirkt wie ein hessischer Pinocchio. Mirow muss wieder intervenieren, ein Zeichen setzen, ein noch prägnanteres diesmal. Er besorgt ein Pinocchio-Kostüm, bastelt eine Gipsmaske mit einer langen Nase und fährt zur SPD-Zentrale nach Frankfurt.
Vor dem Haus drängen sich Fotografen und Kamerateams. Auch die Tagesthemen sind vor Ort. Abends sieht Deutschland den Beitrag: ein SPD-Pressesprecher im Dialog mit Pinocchio.
Pressesprecher: "Wer sind Sie denn?"
Pinocchio (nuschelnd hinter der Maske): "Ich bin auch Genosse."
Pressesprecher: "Ehrlich?" Er liest vor, was auf dem Plakat steht. "Wahlversprechen - Jeder kann sich mal versprechen." Er zuckt mit den Schultern, guckt ratlos.
Pinocchio: "Das Wort ist gebrochen, finde ich schade."
Der Auftritt ist Mirows bislang größter Erfolg, das Presseecho enorm. Die Aktionen haben sich nun zu einem Projekt verdichtet, angesiedelt zwischen politischem Statement, Kunst-Happening und Medienkritik, denn der telegene Demonstrant kann den Journalisten erzählen, was er will. Sie schreiben es einfach.
Ein Reporter von Focus online beginnt seinen Artikel über Ypsilantis Wortbruch so: "Manuel Dörsam versteht die Welt nicht mehr. Am 3. Oktober 1990 ist der Krankenpfleger in die SPD eingetreten, weil er die Sozialdemokraten im neuen Deutschland stärken wollte."
Als die Hamburger Grünen mit dem Versuch scheitern, das Kohlekraftwerk in Moorburg zu verhindern, muss Mirow schon gar kein neues Plakat mehr malen. Im NDR-Regionalfernsehen ringt sich die Grünen-Senatorin Christa Goetsch eine Erklärung ab. Hinter ihr steht Pinocchio mit dem Schild. Es ist dasselbe Plakat wie bei der Ypsilanti-Aktion, nur das SPD-Logo hat Mirow überklebt: mit dem Grünen-Emblem.
Er freut sich darüber, als Manuel Dörsam die Presse vorzuführen, aber diese Kunstfigur ist für ihn auch ein Schutzschild, der seine bürgerliche Existenz bewahrt. Mirow will Grenzen überschreiten, ohne die Bodenhaftung zu verlieren, er mischt mit, ohne Verantwortung zu tragen, er sucht das abgesicherte Risiko und findet es auch, meistens.
Am Tag als die Bundesregierung das Rettungspaket für die Banken verabschiedet, nimmt Mirow Urlaub, zieht seinen hellen Anzug an, setzt die Sonnenbrille auf und fährt mit seinem Plakat nach Berlin, zur CDU-Zentrale und zum Kanzleramt. Dorthin, wo er Kameras erwartet.
Für den freundlichen Reporter von den "Tagesthemen" erfindet Manuel Dörsam noch eine Anwaltskanzlei in Zehlendorf. Der Reporter möchte ihn dort filmen, um ein paar Schlussbilder für seinen Beitrag zu haben. Es ist eine beliebte journalistische Machart, man kommt am Ende des Stücks noch mal auf den Anfang zurück, so hat die Geschichte eine Klammer, sie ist dann "rund".
Manuel Dörsam schlägt dem Reporter die Bitte ab, er sagt, er wolle jetzt nach Hause, zu seiner Familie. Heute fahre er nicht mehr in die Kanzlei. MERLIND THEILE
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DEMONSTRANTEN:
Projekt Pinocchio

  • Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug