24.11.2008

REICHEDer Milliardär und die Gier

Der Unternehmer Adolf Merckle hat sich an der Börse verzockt und zittert nun um sein Imperium. Die Banken fordern seine Schweizer Firmen als Pfand - und einen Verkauf von Ratiopharm.
Die internationale Finanzkrise hat viele Schauplätze, einer der skurrilsten liegt auf der Schwäbischen Alb. In der beschaulichen Kleinstadt Blaubeuren bangt der Multimilliardär Adolf Merckle, 74, um sein Lebenswerk, zu dem so prominente Firmen wie Ratiopharm, Pharmagroßhändler Phoenix, Heidelberg Cement und der Pistenbully-Hersteller Kässbohrer gehören.
Mehrere Dutzend Banker feilschten in der Nacht zum Mittwoch der vergangenen Woche mit seinen Unterhändlern in einer Telefonkonferenz um die Zukunft des Firmenimperiums. In den Kassen der Familienholding VEM Vermögensverwaltung klaffte seit Ende Oktober eine Finanzierungslücke von rund 600 Millionen Euro.
Die Banken hatten der Firma bis Mitternacht Zeit gegeben, das Geld zu besorgen. Doch die Verhandlungen gestalteten sich schwierig, die VEM drohte unterzugehen.
Kurz nach Mitternacht kam Entwarnung. Die Banken einigten sich faktisch auf einen erneuten Aufschub für den Superreichen.
Trotzdem musste Merckle weiter zittern. Erst Donnerstag gegen 13 Uhr waren auch die letzten Unterschriften unter dem Stillhalteabkommen trocken. Das Ultimatum läuft 14 Tage.
Das nächtliche Gepoker ist der jüngste Höhepunkt einer der wildesten Spekulantenkrimis der deutschen Börsengeschichte. Patriarch Merckle und seine VEM hatten im Finanzcasino mit einem riesigen Einsatz mehrere Wetten laufen - und verloren beinahe alles. Jetzt fordern die Banken für frisches Geld mehr Sicherheiten und womöglich den Verkauf des Pillenherstellers Ratiopharm. Selbst eine politisch kaum vermittelbare Landesbürgschaft für den milliardenschweren Zocker stand in Baden-Württemberg kurzzeitig zur Diskussion. Nun erhöht die Landesbank Baden-Württemberg in dieser Woche wohl notfallmäßig die Kreditlinien.
Noch Mitte Oktober hoffte Merckle an der Börse auf gute Preise und gute Besserung. Stattdessen versenkte der Wahlschwabe Unsummen und befindet sich nun in bester Gesellschaft mit so manchem Hedgefonds und Investmentbanker. Sie gehören alle zu den Verlierern im Monopoly um die Übernahme von Volkswagen durch den Sportwagenbauer Porsche.
Das undurchsichtige Spiel der Stuttgarter sorgte im Oktober für eine anhaltende Kursrallye. Bald lag der Preis der Volkswagenaktie weit über den realistischen Bewertungen für den Konzern. Also spekulierten unzählige Großinvestoren auf einen bevorstehenden Kurssturz. Sie verkauften geliehene Aktien - in der Hoffnung, sie vor der Rückgabe an den Ausleiher billig zurückkaufen zu können und die Differenz als Profit zu kassieren. Ein solcher Leerverkauf erschien als todsicheres Geschäft - ein teurer Irrtum.
Um sich lautlos an Volkswagen heranzuschleichen, hatte Porsche über komplexe Finanzprodukte die Menge frei handelbarer Aktien massiv verknappt. Gleichzeitig trieb die Übernahmephantasie den Volkswagenkurs weiter nach oben. Immer mehr Leerverkäufer rutschten immer tiefer in die Verlustzone und kauften schließlich panisch die Aktie zurück, um die Einbußen zu begrenzen. In dem ausgetrockneten Markt drückte diese Hektik den Kurs noch steiler nach oben.
Merckle saß damit in der Falle. Er hatte mittels Verkaufsoptionen, die er sich über die Commerzbank und seine Hausbank LBBW besorgt hatte, ebenfalls auf die fallenden Kurse gesetzt.
Im Milliardenportfolio brannte es noch an einer anderen Ecke. Die Merckles setzten nicht nur auf sinkende VW-Kurse, sondern auf eine Erholung der restlichen Dax-Werte - und lagen wieder falsch. Allein der Volkswagen-Flop kostete die Dynastie knapp 200 Millionen Euro - oder "einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag", wie es offiziell heißt. Manche Banker sprechen dagegen von über einer Milliarde.
Hinzu kam eine fatale Kettenreaktion in einer waghalsigen Finanzierungsstruktur: "Die VEM hat bei Beteiligungsunternehmen, insbesondere bei Heidelberg Cement, Kapitalerhöhungen in größerem Umfang durchgeführt, die teilweise mit Krediten finanziert wurden", gesteht Junior und VEM-Mitgeschäftsführer Ludwig Merckle, als Sicherheiten für diese Kredite seien Aktien hinterlegt. Eine seriöse Finanzierung sieht anders aus.
Dabei wirkten die Merckles bislang nicht wie Londoner Heuschrecken, sondern eher wie bodenständige Kaufleute - zumindest nach außen. Gern verbreitet Clanchef Adolf Merckle in der Öffentlichkeit das Bild vom bescheidenen Schwaben. Statt Luxusyachten und mondäne Partys propagiert er Fahrräder und Bergsteigen.
Nahe beim Volk will Merckle sein. Im familieneigenen Skiliftparadies in der Steueroase Kleinwalsertal kontrolliert er die Fahrkarten angeblich schon mal selbst, und mit dem Zug reist er nur in der zweiten Klasse. "Wir sind lieber unter den normalen Leuten, nicht unter den Großkopferten", sagt er gern.
In Wirklichkeit haben die Merckles mit dem gemeinen Volk wenig gemein. Laut US-Magazin "Forbes" gehört der Patriarch mit einem Vermögen von über sieben Milliarden Euro zu den zehn reichsten Deutschen. Und im Ostdorf Hohen Luckow gehört dem Pillenpaten ein ganzes Schloss.
Hinter der volkstümlichen Kulisse herrscht knallharter Ellbogenkapitalismus. Aus dem Handelsunternehmen "Drogen und Chemikalien en gros" seines Großvaters zimmerte der Enkel innerhalb weniger Jahrzehnte ein verschachteltes Firmenimperium mit zweistelligen Milliardenumsätzen, steuerminimierenden Strukturen - und mitunter fragwürdigen Geschäftsmethoden. Als "raffgierig, nachtragend, missgünstig" schilderte ihn einst ein ehemaliger Geschäftsführer von Ratiopharm, dem Hersteller von Nachahmermedikamenten mit Sitz in Ulm.
Immer wieder glänzte der passionierte Skifahrer in der Vergangenheit durch Rücksichtslosigkeit. Als es etwa darum ging, im Jahr 2003 den Pistenbully-Hersteller Kässbohrer vor einer Übernahme durch den kanadischen Konkurrenten Bombardier zu retten, bekamen Vorstand und Aufsichtsrat die harte schwäbische Hand bald zu spüren.
Merckle drängte forsch in den Aufsichtsrat - und dort den lokalen Sparkassenchef raus, obwohl der 40 Prozent des Unternehmens kontrollierte. Kurz danach musste der erfolgreiche Vorstandschef abdanken. Sein Nachfolger blieb auch nicht lange.
Auch bei Ratiopharm führten rustikale Praktiken zum Erfolg. Jahrelang soll die Vertriebstruppe gierige Ärzte mit versteckten Zahlungen gefügig gemacht haben. Staatsanwälte ermitteln seit 2006 gegen Ärzte wegen Untreue und möglicher Beihilfe von Ratiopharm-Mitarbeitern. Dort will man "ein laufendes Verfahren" nicht kommentieren.
In Merckles Reich ist Gier also kein Fremdwort. Doch ist es vom biederen Schlitzohr zum abgebrühten Zocker nicht ein zu weiter Weg?
Ist es nicht. Merckle senior liebt offenbar seit Jahren das schnelle Börsengeschäft. Dafür soll er mitunter Firmen mit so skurrilen Namen wie Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke oder der Pommerschen Provinzial-Zuckersiederei benutzen. "Bei Aktien bin ich manchmal ein Daytrader", zitiert ihn die "Frankfurter Allgemeine".
Mit dieser Einstellung führte er das Imperium binnen kurzem an den Abgrund. "In der Familie gehen die Emotionen hoch, da schiebt jeder dem anderen die Schuld in die Schuhe", sagt ein Insider.
Die gigantischen Spekulationsverluste waren der Auslöser, die verschärfte Finanzkrise besorgte den Rest: Nun droht das ganze auf Pump und hochvolatilen Aktienwerten aufgebaute Firmenkonstrukt zusammenzukrachen. Beinahe über Nacht standen 30 Banken vor der Tür und wollten ihr Geld teilweise zurück - oder zusätzliche Sicherheiten. In der Kasse der VEM Holding klafft ein Liquiditätsloch von 600 Millionen Euro, und auf der Bilanz lasten sechs Milliarden Euro Schulden, behaupten Insider.
Hektisch engagierte Merckle international erfahrene Schuldenspezialisten, die mit Firmenkonglomeraten am Rande des Kollapses einschlägige Erfahrungen haben. Zuerst mussten die nervösen Banker beruhigt werden. Nach zähem Ringen unterschrieben sie Ende Oktober ein erstes Stillhalteabkommen - mit Verfallsdatum vergangenen Dienstag.
Jetzt geht's ans Familiensilber. Die Gruppe der 30 Banken, die neben der Commerzbank und der LBBW auch von der Deutschen Bank, der HypoVereinsbank, der Royal Bank of Scotland und einer großen Kanzlei angeführt wird, verlangt für eine tragfähige Lösung weitgehende Zugeständnisse der Familie.
Neben persönlichen Bürgschaften gilt der Verkauf von Ratiopharm als so gut wie beschlossen. Denn die anderen Teile des Imperiums sind entweder aus rechtlichen Gründen nicht so schnell verkäuflich oder bereits zum größten Teil verpfändet.
Im Tresor des Milliardärs liegt noch ein weiteres, bislang nur Brancheninsidern bekanntes Juwel. In der Nähe von Basel besitzt die Familie mehrheitlich die Mepha-Gruppe, die restlichen Aktien teilen sich Ärzte und Apotheker. Zusammen mit der Novartis-Tochter Sandoz ist Mepha Marktführer im Schweizer Markt für Generika.
Im Tauziehen zwischen Familie und Banken soll die Mepha neben anderen Beteiligungen als zusätzliches Pfand für eine stabile Finanzierung im Gespräch sein. Bei der VEM will man sich zu "Details aus Bankengesprächen wegen der laufenden Verhandlungen nicht äußern".
Merckle bleibt Zeit bis zum 2. Dezember, 24 Uhr. Auf der Schwäbischen Alb geht das Zittern weiter. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 48/2008
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