24.11.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEGottes Soundtrack

Wie Kirchenglocken zu einer Gefahr für Leib und Leben wurden
Wenn Don Stefano Queirolo vor seine Kirche Santo Stefano in Lavagna tritt, emporblickt zum Glockenturm und nichts hört, dann fasst er es noch immer nicht. Dort oben, 115 Stufen höher, hängen sechs wunderbare Glocken, sechs "Stimmen Gottes", wie der Padre sie nennt, aber er darf sie nicht mehr läuten, weil sie ihn vor Gericht brachten und seine Gemeinde an den Rand des Ruins, und wie der Herrgott das alles vermerken wird, steht noch dahin.
Don Stefano ist ein zierlicher 65-jähriger Mann, zuständig für Santo Stefano und die benachbarte Kirche Madonna del Carmine, er hat eine warme Predigerstimme, doch wenn er um Worte ringt, merkt man: Es brodelt.
In Lavagna, in der Nähe von Genua, leben rund 13 000 Menschen. Man ist stolz auf den Strand und den Yachthafen, es gibt jeden Sommer ein Fest, zu dem die größte Torte Liguriens gebacken wird. Doch jetzt hat man sich zum Gespött gemacht.
Santo Stefano ist das Wahrzeichen Lavagnas, die Kirche wurde 1653 errichtet, gut 200 Jahre lang erklangen die Glocken, einwandfrei. Sie riefen an Sonn- und Feiertagen dreimal zum Gottesdienst, um 9, 10 und 18.30 Uhr. Das fromme Geläut gehörte zum Soundtrack des Ortes, die Glocken waren der Ruf Gottes. Dann kam Unruhe nach Lavagna.
Die Unruhe kam aus Mailand. Sie kam in Person einer Frau, einer Lehrerin, die ihren Ruhestand in Lavagna verbringen wollte.
Signora Flora Leuzzi ist ein paar Jahre älter als der Padre, sie bezog in den achtziger Jahren eine Wohnung in der Via Cavour, wenige Meter neben Santo Stefano. Signora Leuzzi geht nicht ans Telefon, und wenn man den Padre nach ihr fragt, sagt er, sie lebe zurückgezogen und gelte bei den Bürgern, nun ja, als wunderlich. Gott will, dass wir vergeben, doch es gibt Grenzen.
Der Streit um die Glocken begann 1985, Signora Leuzzi fühlte sich durch das Läuten in ihrem Sehnen nach Ruhe gestört. Sie forderte den Vorgänger des Padre auf, leiser zu läuten, der weigerte sich, sie zog vor Gericht.
Es folgte ein verbissener Kampf des lokalen Katholizismus gegen die strenge EU-Lärmschutzpolitik, es ist die Schlacht der Tradition gegen die Vereinheitlicher aus Brüssel. Wie viel Dezibel darf Religionsausübung beanspruchen, und darf überhaupt die Kirche noch den Rhythmus der italienischen Gesellschaft vorgeben? Jahrelang währte der Kampf, aber das Ergebnis war schlecht für die Kirche und erfreulich für Signora Leuzzi, die Glockenstube musste schallgedämmt werden.
Als Don Stefano vor sieben Jahren Padre in Lavagna wurde, übernahm er nicht nur die Gemeinde, sondern auch ihren Kultur- und Glockenkampf. "Lass dir das Läuten nicht verbieten! Führe unsere Sache weiter", schwor ihn sein Vorgänger ein. Don Stefano, den sie in der Gemeinde für seine Besonnenheit rühmen, dachte bei sich, die Sache entwickle sich schon von allein zum Guten, mit Gottes Hilfe.
Doch dann kam das Jahr 2008 und endlich ein Gerichtsurteil.
Schlechter Witz, dachte der Padre, als er die Urteilsschrift in den Händen hielt. Auf 18 Seiten ist dort zu lesen, was die Glocken von Lavagna aus weltlich-richterlicher Sicht darstellen: ein Gesundheitsrisiko.
Für Signora Leuzzi hatte ein knappes Dutzend Zeugen ausgesagt. "Das Geläut war unerträglich, vor allem an Mariä Himmelfahrt war ununterbrochen Krach", sagte einer. "Ich konnte Signora Leuzzi nicht mehr besuchen, weil ich Kopfschmerzen bekam", sagte ein anderer. "Ich konnte keine Gäste mehr einladen, weil mir der Lärm peinlich war", sagte Signora Leuzzi selbst.
Das Amtsgericht hatte Signora Leuzzi recht gegeben. Die unverhältnismäßig laute Beschallung durch die Glocken habe deutlich über dem zulässigen Dezibelwert gelegen, das soziale Leben der Klägerin zunichtegemacht. Ein medizinisches Gutachten befand bei Signora Leuzzi eine chronische Depression, Panikattacken und ein permanentes Fiepen im Ohr. Ursächlich, dies stehe außer Frage, sei das Geläute von Santo Stefano und der Carmine-Kirche.
Don Stefano darf nur noch zur Sonntagsmesse und an Weihnachten und Ostern läuten - und das höchstens 20 Sekunden lang. 60 019,37 Euro muss Don Stefanos Gemeinde an die Klägerin zahlen. 2000 Euro für jedes Jahr, in dem Signora Leuzzi von den Glocken gestört wurde. Dazu 4673,12 Euro für seelische Schäden, 9346,25 Euro für physische Schäden.
Um ein Haar hätte der Padre die Beherrschung verloren, aber Jähzorn ist eine Sünde, und so dachte er, nur ein Wunder könne helfen.
Und so trat eines Tages ein Mann herbei, der eigentlich dem Lager der Ungläubigen angehört. Der Klang der Glocken habe für Generationen das Leben der Menschen gegliedert, "ob das von Gläubigen oder das von Ungläubigen", sagte Mauro Armanino, ein ehemaliger Kommunist, der jetzt Tourismusdezernent ist.
Sie kämpfen jetzt gemeinsam, Kirche und Politik. Die Gemeinde will nun Geld für einen neuen Rechtsstreit sammeln, der Glockenkampf geht weiter.
NICOLAS BÜCHSE
Von Nicolas Büchse

DER SPIEGEL 48/2008
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Gottes Soundtrack

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