24.11.2008

FUSSBALLFremde Kulturen

Ernst Middendorp verließ vorzeitig seinen Trainerposten in der chinesischen Liga. Standen die Ergebnisse einiger Spiele schon vor dem Anpfiff fest?
Der Fußballtrainer Ernst Middendorp hat in Ghana gearbeitet, in Südafrika und in der zweiten iranischen Liga. Er lerne gern andere Kulturen und Gebräuche kennen, sagt er, er kann das Erlernte auch anwenden, wenn ihn die Jobtournee durch die Fußballwelt mal wieder in Deutschland aussteigen lässt, wo dann die Spieler aus Asien oder Afrika kicken, mit ihren Riten und Religionen.
Diese Art Kultur jedoch, die ihm in den vergangenen drei Monaten in der chinesischen Super League begegnete, kannte er noch nicht. Vor dem Auswärtsspiel seiner Mannschaft Changchun Yatai, des amtierenden Meisters, beim Tabellenvorletzten FC Liaoning meldete sich Middendorps Torwart unvermittelt mit Nackenbeschwerden ab. Am anderen Morgen teilte ihm der Mannschaftsarzt mit, dass sich auch noch ein Verteidiger gezerrt habe. Im Spiel gab es dann eigenartige Szenen, bei Standardsituationen ließen Changchuns Spieler die Gegner gewähren, am Ende verlor das Team des deutschen Trainers mit 0:3.
In China werden jedes Jahr illegal Hunderte Millionen Dollar auf Fußballspiele gewettet, es gibt auch eine Reihe von Manipulationsskandalen im chinesischen Fußball. Middendorp, 50, sagt, er habe keine Beweise, nur Indizien - und "ein gewisses Unwohlsein", Freunde hätten das Spiel im Fernsehen verfolgt und es auch gemerkt. Der Generalmanager des Clubs habe, als er seinen Verdacht vortrug, nur gelächelt. "Don't worry", habe er gesagt und alles abgestritten. Es habe geklungen, sagt Middendorp, wie: Frag nicht so viel.
Inzwischen hat er seinen Vertrag gekündigt, aus persönlichen Gründen. Einen Monat vor Ablauf des Kontrakts, der mit dem Saisonschluss am 30. November endet, hat er das Land verlassen.
Falls er sein ausstehendes Gehalt nicht bekommt und auch keine Bestätigung, dass die fristlose Kündigung akzeptiert wird, will er notfalls die Fifa einschalten. Er braucht die Bestätigung, um frei zu sein für einen neuen Club, und er will sein Recht.
Einem Sportrechtsanwalt hat er die Sache bereits geschildert. Der Anwalt sagte ihm, er kenne einen Weg, die Ansprüche durchzusetzen. Middendorps chinesischer Club könnte seine vertraglichen Pflichten verletzt haben, wenn es wirklich Ergebnisabsprachen gab. Beim Weltverband Fifa gibt es den Grundsatz der Wettbewerbsintegrität. Also könnte man bei der Fifa eine Klage einreichen, der Weltverband müsste die merkwürdigen Spiele dann zumindest untersuchen.
Das wäre eine interessante Drohkulisse und womöglich ein Mittel im Kampf gegen Wettmanipulationen weltweit. Ernst Middendorp, der in Deutschland unter anderem den VfL Bochum und dreimal Arminia Bielefeld trainierte, sagt, er sei kein Revolutionär oder Pionier, auch kein Vorkämpfer für die Sauberkeit des chinesischen Fußballs. Er hat dort viele gute Spiele gesehen, auf Bundesliganiveau. Es gebe seriöse Clubs wie Peking Guo'an oder Shandong Luneng, da würde er gleich wieder arbeiten. Es gehe ihm nur um seine Rechte.
Das erste Spiel, das ihn zweifeln ließ, war ein Heimspiel Mitte Oktober gegen den FC Guangzhou. Beim Gegner saßen plötzlich die beiden Besten, zwei Ausländer, nur auf der Bank. Deren Trainer sagte zur Begründung, es sei ihnen zu kalt. Middendorps Team gewann 6:0. Das war nicht schwer. Es habe Situationen gegeben, da spielten die Gegner unbedrängt einen Pass quer durch den eigenen Strafraum, ein Mittelfeldspiele Changchuns habe da einfach den Ball genommen und ihn ins Tor gedroschen.
Alles nur Indizien. Vor der Niederlage in Liaoning, so erinnert sich der deutsche Coach, habe es beim Club einen Anruf des Gegners gegeben. Ob man das Spiel nicht verlieren wolle. Changchuns Funktionär sagte, er habe das entrüstet abgelehnt. Aber wenn es solche Telefonate schon gebe, fragt Middendorp, sei dann nicht alles möglich? CATHRIN GILBERT, JÖRG KRAMER
Von Cathrin Gilbert und Jörg Kramer

DER SPIEGEL 48/2008
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