24.11.2008

KONGORaubbau der Rohstoffe

Parlamentspräsident Vital Kamerhe, 49, über den Krieg im Kongo und die Mitschuld der Industriestaaten
SPIEGEL: Warum schafft Ihre Regierung es nicht, den Osten des Kongo zu befrieden?
Kamerhe: Nach dem Friedensabkommen von 2002 wurden die Verbände der Rebellen in die Armee aufgenommen. Deshalb bestehen unsere Truppen aus regulären Soldaten und ehemaligen Milizionären. Diese Armee ist fragil, frustriert, unterwandert - so kann man Frieden nicht durchsetzen.
SPIEGEL: Die Soldaten überfallen Zivilisten, plündern und vergewaltigen.
Kamerhe: Alle für Massaker Verantwortlichen gehören vor ein internationales Gericht. Wir hatten wegen des Kriegs im Osten noch keine Zeit für die Reform der Sicherheitskräfte und der Justiz.
SPIEGEL: Rebellenführer Laurent Nkunda, Ihr Hauptgegner, behauptet, er müsse die Tutsi im Osten vor den Hutu-Killern schützen, die 1994 nach dem Völkermord in Ruanda in den Kongo flüchteten.
Kamerhe: Das ist nur ein Vorwand. Heute gibt es in der kongolesischen Armee Tutsi-Generäle, Tutsi arbeiten in staatlichen Unternehmen. Ihr bester Schutz sind die Institutionen der Republik, nicht eine Rebellenarmee.
SPIEGEL: Treibt nicht der Kampf um Rohstoffe den Krieg an?
Kamerhe: Unser Land ist ein geologischer Sonderfall. Wir haben kostbare Bodenschätze wie Coltan, Gold und Diamanten. Unsere Rohstoffe werden von den Nkunda-Rebellen abgebaut, der Verkauf läuft über Ruanda. Großkonzerne in China, Russland, Europa und den USA sind Abnehmer. Sie sind für diesen Raubbau mitverantwortlich. Wir ziehen eine legale Nutzung vor.
SPIEGEL: Der Uno-Sicherheitsrat will seine 18 000 Blauhelme um 3000 Mann verstärken. Reicht das?
Kamerhe: Wir brauchen die internationalen Truppen für den Schutz der Bevölkerung. Daneben muss es politische Gespräche mit Nkunda geben und dazu diplomatische Bemühungen, um die Beziehungen zwischen Kongo und Ruanda wiederherzustellen. Das braucht Zeit. Vorab wünschen wir uns ein EU-Kontingent - 850 Mann könnten helfen, die humanitäre Katastrophe zu stoppen.

DER SPIEGEL 48/2008
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