24.11.2008

AFGHANISTANTöten und verhandeln

Mit einer Doppelstrategie will Barack Obama eine Wende im Krieg am Hindukusch erzwingen. Nach dem Vorbild Irak sollen militärische Erfolge den Weg zu Verhandlungen ebnen. Schon umwirbt Hamid Karzai seinen Erzfeind Mullah Omar - aber lassen sich die Taliban auf einen Deal ein?
Wie eine Festung liegt die Stadt Quetta da, eingeschlossen von sandbraunen Gipfeln, in einem der am wenigsten zugänglichen Gebiete Pakistans. Die grauen Slums stoßen an glitzernde Basarstraßen, die Armee bildet ihre Elite aus, und Taliban-Chef Mullah Omar lebt meist hier, seit er aus Afghanistan fliehen musste. Er genießt den Schutz des Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI). Besser kann er es kaum haben.
Dass der einäugige Mullah Omar in Quetta zu finden ist, gilt als offenes Geheimnis. Der afghanische Präsident Hamid Karzai, der früher oft nach Quetta kam und noch immer gute Verbindungen in die Stadt 200 Kilometer südöstlich von Kandahar pflegt, nennt die Hauptstadt der Provinz Belutschistan das "Hauptquartier der Taliban". "Jeder weiß, wo ihre Führer sind", sagt der pakistanische Autor Ahmed Rashid, der die kenntnisreichsten Bücher über die Länder der Region schreibt.
Zehn Millionen Dollar Kopfgeld hat die US-Regierung auf Mullah Omar, der sich "Befehlshaber der Gläubigen" nennt, ausgesetzt. Er blieb dennoch bislang unbehelligt, ganz wie Osama Bin Laden, der im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan vermutet wird.
Mullah Omar verbringe die meiste Zeit in "Safe Houses", in Gästehäusern, die unter dem Schutz des ISI von religiösen Parteien betrieben werden, heißt es in Geheimdienstkreisen. Der Bauernsohn aus Oruzgan gebe den Taliban noch immer die große Richtung vor, er kontrolliere die Geldströme und organisiere die Kontakte zwischen den Kommandeuren in Afghanistan und dem pakistanischen Geheimdienst.
Mullah Omars Gastgeber sind Männer mit langen, weißen Bärten, Veteranen des "Heiligen Krieges" erst gegen die Sowjetunion, dann gegen die USA. Viele von ihnen sind schon 30 Jahre im Geschäft und versorgen die Taliban mit Fußsoldaten und Selbstmordattentätern, mit Waffen und Geld. Es sind Männer wie Maulana Noor Mohammed, der im Armenviertel Paschtunabad eine Art Zentrum der Taliban-Bewegung betreibt, die Shaldara-Koranschule.
Der alte Mann sitzt mit weißer Hemdbluse und weißem Turban auf dem Teppich im Schneidersitz in seinem Büro. Er ist Funktionär der belutschischen Jamiat-Ulema-i-Islam-Partei und stolz darauf, dass er einige der brutalsten Taliban-Kommandeure ausgebildet hat. Auch heute drängt er die Jugendlichen seiner Lehranstalt in den Krieg nach Afghanistan: "Sie haben die Pflicht, für den Islam zu kämpfen und wenn nötig zu sterben", sagt er.
So sieht es auch Mullah Omar. Er rief die Taliban über den arabischen TV-Sender al-Dschasira zum Widerstand auf: "Amerika ist ein großes Land, hat aber ein kleines Hirn. Wir setzen den Dschihad gegen die USA und alle Invasoren fort."
Der Aufruf zeigte Folgen. Seit Mai sterben monatlich mitunter mehr US-Soldaten in Afghanistan als im Irak. Aber auch Dutzende der Taliban-Kommandeure kamen in dieser Zeitspanne ums Leben. Die Koalitionstruppen töten 30, 40 Aufständische pro Tag. Nun zwingen die Verluste alle Seiten offenbar, über den blutigen Krieg nachzudenken und nach politischen Alternativen zu suchen.
Für den neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama hat Afghanistan Priorität. Nach seiner Auffassung ist die Rückkehr und die neue Schlagkraft der Taliban und der Qaida eine Folge des falschen Krieges, den die Vereinigten Staaten im Irak führten. Er will zusätzlich 7000 Soldaten an den Hindukusch verlegen, um die Aufständischen und die Terroristen zurückzuschlagen. Aber er tritt auch für einen Dialog mit versöhnungswilligen Taliban ein und will zudem Gespräche mit Iran führen, Afghanistans Nachbarn im Westen.
Die richtige Einschätzung, dass Afghanistan keine isolierte Kampfzone darstellt, sondern ein regionales Problem, das am ehesten mit Iran, Pakistan, Indien und auch mit Russland gelöst werden könnte, hat Bruce Riedel dem 44. Präsidenten nahegebracht. Er ist ein ehemaliger CIA-Agent, der Obama nun als Berater dient.
Die neue Strategie soll David Petraeus anwenden, der General, der es schon im Irak verstand, für - fragile - Stabilität zu sorgen. Mittlerweile ist er der Chef im Central Command der US-Streitkräfte in Florida. Dort ist er für beide Schlachtfelder zuständig, für Afghanistan wie Irak.
Petraeus beauftragte ein 100-Mann-Team damit, in die Region zu reisen und ihm bis Ende des Jahres eine Analyse der Lage vorzulegen. "Wir sollten uns klarmachen, dass eine Widerstandsbewegung nicht ausschließlich durch Töten oder Verhaften niederzuschlagen ist", sagt der General.
Im Irak vermochte es Petraeus, die einheimischen Aufständischen in der sunnitisch dominierten Provinz Anbar davon zu überzeugen, dass sie mit den USA einen gemeinsamen Feind hätten: die Terroristen der Qaida. Ähnliches hat er nun in Afghanistan vor: die paschtunischen Stämme gegen die Taliban aufrüsten und sie dann trennen von Bin Ladens Dschihadisten.
Dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai kommt es gelegen, dass der neue US-Präsident und sein General ans Verhandeln mit den Taliban denken. Schon vor ein paar Wochen trafen sich Vertreter der Taliban und Karzais, unter Vermittlung Saudi-Arabiens, in Mekka. Die Parteien saßen in verschiedenen Räumen, ein Vertrauensmann pendelte hin und her. Dabei haben hochrangige Mitarbeiter des saudischen Königs dem Taliban-Chef Mullah Omar politisches Asyl angeboten.
Ein schwieriger Anfang, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Kürzlich erneuerte der afghanische Präsident sein Werben um Mullah Omar: "Wenn ich von ihm höre, dass er bereit ist, nach Afghanistan zu kommen oder über Frieden zu verhandeln, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um seine Sicherheit zu garantieren. Wenn ich sage, ich will Sicherheit für Mullah Omar haben, hat die internationale Gemeinschaft, wenn sie damit nicht einverstanden ist, die Wahl zwischen zwei Optionen: entweder mich loszuwerden oder das Land zu verlassen."
Die Taliban von heute sind ein loser Verbund bewaffneter Milizen, angeführt von lokalen Kommandeuren mit jeweils weniger als 50 Kämpfern und diversen angeschlossenen Trupps, die ihren eigenen Geschäften nachgehen. Für Gespräche müsste man all diese Gruppen zusammenbringen - eine schwierige Aufgabe. "Im Westen sieht man die Taliban, auch wegen ihrer immer professionelleren Medienarbeit, als geschlossene Einheit mit einer Führung", sagt Joanna Nathan, Afghanistan-Analystin der International Crisis Group, "doch das ist reine Phantasie."
Die Dschihad-Legende Jalaluddin Haqqani und sein Sohn Siraj etwa gingen schon immer eigene Wege. Der Clan arbeitet eng mit al-Qaida zusammen und soll zugleich vom ISI protegiert werden. Die Familie versucht, die Provinz Khost mit Anschlägen zu "befreien". Mit Kabul wolle er nicht verhandeln, ließ Haqqani kürzlich verbreiten.
"Steht wie Stahl vor dem Feind", appellierte der Taliban-Führer Mullah Omar kürzlich in einer dürren Nachricht an seine Anhänger: Amerika habe "niemals mit so viel Widerstand gerechnet". Zu hohen Feiertagen verschickt der "Befehlshaber der Gläubigen" Grüße per E-Mail.
Seine Anhänger vermissen allerdings dann und wann unzweideutige Direktiven: Einer der Weggefährten des Taliban-Führers in Peschawar wollte wissen, was brave Dschihadisten tun sollen - ob es beispielsweise erlaubt sei, einen Gefangenen zu köpfen, und ob der islamische Glaube es erlaube, Zivilisten zu töten. Die Taliban müssten einen weiten Weg gehen, um mit Karzai und den Amerikanern zu verhandeln.
"In Washington hört es sich gut an, wenn die Idee aufkommt, Gespräche zu führen", sagt Oberstleutnant David Ell in seinem Holzverschlag im Camp Salerno nahe der pakistanischen Grenze. "Aber zumindest hier ist niemand, der mit uns reden will."
Ell kommandiert rund tausend amerikanische Soldaten der 101. Airborne Division. Kaum ein Tag vergeht ohne Opfer: "Hier wollen die Taliban nur eines - so viele Amerikaner töten wie möglich."
Ehe er nach Afghanistan versetzt wurde, war Oberstleutnant Ell im Irak und führte auch Verhandlungen mit sunnitischen und schiitischen Milizen. Er ist skeptisch, ob sich das am Hindukusch wiederholen lässt: "Afghanistan ist anders, diese Gesellschaft mit ihren Hunderten Stämmen und und Milizen ist viel differenzierter."
Zu General Petraeus' Doppelstrategie gehört es, erst einmal militärische Härte zu entfalten, um dann aus einer Position der Stärke verhandeln zu können. Deshalb sind von den Koalitionstruppen in nächster Zeit Angriffe in Afghanistan und in Pakistan, dem Rückzugsgebiet der Taliban, zu erwarten. Im Grenzgebiet schlug das US-Militär in den vergangenen Wochen öfter mit Drohnen zu. Immer hagelte es Protest von der Regierung in Islamabad - Protest nach Absprache.
Im August traf sich Petraeus mit dem Kommandeur der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, General David McKiernan, und dem pakistanischen Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani auf einem Flugzeugträger im Indischen Ozean. Kayani besuchte vorige Woche zudem die Nato in Brüssel. In den USA trainiert schon eine Art Sondereingreiftruppe, die im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan kämpfen soll. Die USA haben wohl die stillschweigende Billigung der Pakistaner für solche Einsätze.
Die Absprache gehört zur großangelegten Bemühung, die Verhältnisse in Afghanistan zum Besseren zu wenden. Es wird auch Zeit.
"Wir verlieren, und dieser Trend ist seit 2004 gleich geblieben", sagt der angesehene US-Militärexperte Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies. Dies sei ein "afghanischpakistanischer Krieg und zum großen Teil ein paschtunischer Krieg", aber der Westen habe sich noch nicht darauf eingestellt. Amerika müsse deshalb den Pakistanern größere Anreize zur Zusammenarbeit bieten - "Hilfe, Training, Bestechungen".
Es werde in jedem Fall ein langer Krieg, meint Cordesman.
Noch ein langer Krieg dürfte Amerika schwerfallen, zumal in der Krise des Kapitalismus. Auch deshalb sieht der neue Präsident Afghanistan immer im Spiegel der Veränderungen in Bagdad und Umgebung: "Es gibt eine nützliche Lehre, die wir aus dem Irak ziehen können. Ob es dieselben Möglichkeiten auch in Afghanistan gibt, müssen wir ausleuchten", meint Barack Obama.
MATTHIAS GEBAUER, SUSANNE KOELBL, CORDULA MEYER
Von Matthias Gebauer, Susanne Koelbl und Cordula Meyer

DER SPIEGEL 48/2008
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