24.11.2008

NORDKOREADer große Abwesende

Ist er schwerkrank oder nur abgetaucht? Aus Kim Jong Ils Hungerreich kommen Gerüchte, der „liebe Führer“ sei regierungsunfähig und sein Regime womöglich am Ende.
In Pjöngjang schreiben sie das Jahr Juche 97, berechnet nach dem Geburtsdatum des Staatsgründers Kim Il Sung, der am 15. April 1912 das Licht der Welt erblickte. Zwar ist der Mann, der in den Stand eines gottgleichen Führers erhoben wurde, schon seit 14 Jahren tot, aber er muss als ewiger Präsident weiter amtieren. Sein Regierungspalast ist ein Mausoleum, in dem er über das Wohl der Nation wacht. In der U-Bahn-Station unter dem weißen Gebäude, einzig für Kim errichtet, hält seit langem kein Zug mehr.
Um die alltäglichen Regierungsgeschäfte kümmert sich Kim Jong Il, 66, der Sohn des Verblichenen. Der Thronfolger begnügt sich mit dem Rang des Vorsitzenden der mächtigen Militärkommission und dem Job des Generalsekretärs der Arbeiterpartei. Von seinen gut 23 Millionen Untertanen lässt er sich mit dem Titel "lieber Führer" huldigen.
Die Arbeitsteilung hat sich eigentlich gut eingependelt, so gesehen ist Nordkorea eine funktionstüchtige Familiendiktatur, in der der Vater seinem Sohn Legitimation verleiht. Kim junior zementierte seine Macht im Land mit dem Mythos des toten Kim senior. Gegenüber der feindlichen Außenwelt - und die Kims sahen sich schon immer von ungezählten Feinden umzingelt - verteidigte er sein Hungerreich mit atomaren Drohungen gegen den Kapitalismus in Südkorea und vor allem natürlich in den USA.
Das ging erstaunlich lange gut, nicht zuletzt deshalb, weil China, die Schutzmacht, ein Interesse an der Stabilität dieses Armenhauses mit Nuklearwaffen hat. Es kam auch schon öfter vor, dass Kim Jong Il für längere Zeit von der Bildfläche verschwand. So ist es auch jetzt wieder, und deshalb gibt Nordkorea seit einigen Wochen der Welt Rätsel auf. Denn der "liebe Führer" ist nicht nur abwesend, sondern offenbar schwer erkrankt.
Am 9. September blieb er überraschend der Jubelfeier zum 60. Jahrestag der Staatsgründung fern, ganz sicher ein Pflichttermin sogar für launische Führer. Seitdem tauchte Kim allenfalls auf Fotos auf, von denen ein paar so aussehen, als sei er nachträglich zum Nachweis seiner Existenz hineinmontiert worden. Und seitdem machen sich die Koreaner im Norden wie im Süden, aber natürlich auch im Rest der Welt Gedanken darüber, was sein Ausfall oder gar sein Tod für Konsequenzen hätte.
Die Gerüchte über Kim erhalten ständig neue Nahrung: In Südkorea meldeten die Medien, Kim habe einen Schlaganfall erlitten, er sei teilweise gelähmt, könne sich aber die Zähne putzen. In Tokio gab Premier Taro Aso japanische Geheimdienst-Erkenntnisse preis: Es gehe Kim nicht gut, aber der Herrscher halte alles unter Kontrolle. In Peking jagten Reporter einem französischen Neurochirurgen hinterher, der angeblich den kranken Kim behandeln sollte. Der Doktor dementierte.
Auf die Flut der Gerüchte im Ausland reagierte das Regime in Pjöngjang überaus nervös. Zweimal in kurzer Folge veröffentlichte es Fotos: Auf dem einen Bild ist Kim abgebildet bei der Besichtigung einer Kaserne, dabei trägt er eine graue Jacke und sein Markenzeichen, die riesige Sonnenbrille. Das andere Foto zeigt ihn als Zuschauer eines Fußballspiels zwischen zwei Armee-Mannschaften.
Als die Nachricht umging, der "liebe Führer" habe einen zweiten Schlaganfall erlitten, konterte das Regime mit der Information, der angeblich kranke Kim habe bei einem Militärfest "herzlich zu den enthusiastisch jubelnden Darstellern zurückgewinkt". Wann genau er sich da wo hatte blicken lassen, erfuhren die Untertanen allerdings nicht.
Anstatt die Zweifel zu zerstreuen, fachte Pjöngjang die Gerüchte übers Siechtum des großen Abwesenden noch an. In China, Japan, Südkorea, Russland und den USA sind seither Gedankenspiele im Gang, wer auf Kim folgen und ob das Regime zusammenbrechen könnte.
Seinem Land bescherte Kim eine große Tragödie. Schätzungsweise zwei Millionen Landsleute ließ er Mitte der neunziger Jahre verhungern, mehr als 200 000 Menschen darben nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen in Konzentrationslagern, oft sind es ganze Familien, die deportiert werden. Die Nordkoreaner leben seit Jahren am Rande des Existenzminimums. Weil es an Diesel fehlt, bearbeiten die Bauern mit Ochsen oder auch mit bloßen Händen die kargen Felder.
Über dem ganzen Elend wacht eine korrupte Elite, vorneweg die privilegierte Führung der Streitkräfte. Die mit Orden behängten Generäle haben ihre Karriere auf Kim gebaut, sie wurden gedrillt im Glauben, dass die USA ihr Land eines Tages angreifen würden. Um die militärische Kaste bei Laune zu halten, hat Kim vor kurzem weiße VW Passat als Dienstwagen spendiert.
Gut möglich, dass dieses Regime ohne Kim kollabieren würde. Um einem Ansturm hungernder Flüchtlinge aus dem Nachbarland vorzubeugen, stockte China seine Truppen an der Grenze zu Nordkorea vorsorglich auf. Zu den Szenarien, die jetzt in Tokio, Seoul und Washington kursieren, gehört auch die Invasion der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Sollte Nordkorea in Anarchie versinken, könnte das Reich der Mitte als "Stabilisierungskraft" versuchen, die Atombomben unter Kontrolle zu bringen. Russland soll diesem Vorhaben zugestimmt haben.
Als Kim Il Sung vor 14 Jahren starb, stand sein Sohn als Nachfolger bereit. Anders als sein Vater bestimmte der "liebe Führer" aber keinen seiner drei Söhne als Erben.
Der Älteste, Kim Jong Nam, 37, entstammt einer Verbindung des Diktators mit der Schauspielerin Sung Hae Rim, die 2003 in Moskau starb. Der "kleine General" verbrachte einen Teil seiner Schulzeit in der Schweiz. Berühmt wurde er 2001 durch den Versuch, mit einem gefälschten Pass der Dominikanischen Republik nach Japan einzureisen. Als Grund gab er an, er habe mit seiner Familie das Disneyland in Tokio besuchen wollen.
Der Sohn Kim zog dann mit Anhang in eine Villa im südchinesischen Spielerparadies Macau, wo er öfter im Hotel Mandarin Oriental und einigen Casinos aufgetaucht sein soll. Ganz in der Nähe befindet sich die Banco Delta Asia: Die Konten des nordkoreanischen Regimes ließ die US-Regierung zeitweise sperren, weil Kim dort angeblich Gelder aus dem Drogenschmuggel wusch und gefälschte Dollar in Umlauf brachte. Heute lebt der junge Kim unter anderem in Peking.
Mit seinem zweiten Sohn Jong Chol, 27, schien der Vater Größeres vorzuhaben: Jong Chol und sein jüngerer Bruder Jong Un, 25, entstammen Kims Liaison mit der Tänzerin Ko Young Hee. Diese Frau wurde von der Propaganda schon zur Landesmutter aufgebaut. Sie hätte vielleicht als Übergangsfigur einem ihrer Kinder die Erbfolge sichern können, doch starb sie 2004 an Krebs.
Auch Jong Chol ging in der Schweiz zur Schule. Mittlerweile soll er in Pjöngjang einen wichtigen Posten in der Partei übernommen haben. Bei einem Bankett für den chinesischen Staats- und Parteichef Hu Jintao im Jahr 2005 saß er im Saal. In den Staatsmedien tauchte er allerdings bislang nicht auf. Und sein kleiner Bruder ist ebenfalls zu jung, um für die dynastische Folge in Frage zu kommen.
Innerhalb des Regimes haben noch Kims Schwager Chang Song Taek, 62, und seine Schwester Kim Kyung Hee, 62, Gewicht. Beide sollen angeblich Jong Nam als Thronfolger bevorzugen.
Der machterprobte Chang soll momentan die Aufsicht über Partei und innere Sicherheit innehaben, damit ist er die Nummer zwei in der Hierarchie. Der Genosse, der bei Besuchen in China durch gutsitzende Anzüge auffiel, wurde vom "lieben Führer" einst zur Umerziehung aufs Land geschickt - auf diese Weise zeigte der misstrauische Diktator auch engsten Vertrauten hin und wieder, von wessen Gnade ihr Leben abhängt.
Im Hintergrund zieht offenbar Kims jetzige Lebenspartnerin, die über 20 Jahre jüngere Pianistin Kim Ok, die Fäden. Sie soll früher seine Sekretärin gewesen sein. Und falls die Nachfolge mehr oder weniger geschmeidig geregelt werden sollte, dann dürften überdies Kims Tochter Sol Song und sein Halbbruder Kim Pyong Il, ein hoher Offizier, der als Botschafter nach Finnland und Polen abgeschoben wurde, eine Rolle spielen.
Der Kim-Clan ist ziemlich groß. Er lebt abgeschottet wie die ganze Elite und führt ein Eigenleben im Elendsreich. Im Vergleich dazu wirkte der Kreml vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wie ein offenes Buch.
Das Zentralorgan der kommunistischen Partei Nordkoreas heißt "Arbeiterzeitung", und dieses Blatt wird in Seoul, Tokio und Peking genau auf Signale hin gelesen. "Unsere Revolution ist in das Stadium eingetreten, in der die dritte und vierte Generation die Hauptrolle ausüben", hieß es vor kurzem in einer Ausgabe. "Erst wenn die dritte und die vierte Generation gefestigt sind, können die fünfte und die sechste Generation die Staffel der Revolution übernehmen."
Was das wohl heißt? Ist das ein Hinweis auf eines der Kinder Kims? Oder hat der deutsche Korea-Experte Rüdiger Frank recht, der annimmt, dass die Partei anstelle der Familie über den nächsten Führer des Landes bestimmen werde?
Mehr Gewissheit über die Ereignisse lässt sich nicht einmal in Peking gewinnen. Immerhin reichern die Fachleute hier die Gerüchte mit einer eigenen Theorie an: Danach hat kein Familienmitglied die Chance, Kim zu beerben, stattdessen werde eine Junta aus Militärs und Zivilisten die Macht übernehmen und Pfründen sichern.
Falls der "liebe Führer" nicht doch wieder auftaucht, überraschend.
ANDREAS LORENZ, WIELAND WAGNER
Von Andreas Lorenz und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 48/2008
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