24.11.2008

TERRORISMUS„Die gefährlichste Frau der Welt“

Aafia Siddiqui stammt aus wohlhabender pakistanischer Familie und machte Karriere in den USA. Plötzlich verschwand sie, dann tauchte sie nach fünf Jahren in Afghanistan auf. Sie behauptet, sie sei von der CIA entführt und gefoltert worden. Ist sie eine Lügnerin oder Opfer der US-Geheimdienste?
Am Abend des 17. Juli 2008 strömen die Männer nach dem Gebet aus der Bazazi-Moschee in Ghazni, einer Provinzhauptstadt südlich von Kabul. Doch dann stocken sie, denn da ist eine Frau. Die Männer bilden einen Kreis um die Fremde in der blauen Burka. Sie kauert auf dem Boden, neben sich zwei kleine Taschen, an der Hand einen Jungen, vielleicht zwölf Jahre alt. Einer ruft die Polizei, es könnte ja sein, dass die seltsame Frau eine Bombe unter ihrer Burka trägt.
Kurz darauf klingelt gut 11 000 Kilometer entfernt in der Zentrale des FBI in Washington das Telefon. Danach streicht irgendjemand den Namen Aafia Siddiqui auf dem Fahndungsplakat durch und schreibt darüber: verhaftet.
Mehr als zwei Wochen später wird Aafia Siddiqui vom US-Luftwaffenstützpunkt Bagram nach New York geflogen, sie trägt jetzt einen Trainingsanzug, hat zwei Einschüsse im Bauch und wiegt 40 Kilogramm, bei einer Größe von 1,63 Meter.
Am 11. August erscheint Aafia Siddiqui zu einer Anhörung vor dem Bundesgericht in Manhattan, da sitzt sie im Rollstuhl, einen Schal über den Kopf gezogen, stumm. Im Oktober wird sie für ein psychologisches Gutachten in das Carswell Psychiatric Center in Fort Worth, Texas, gebracht.
Aafia Siddiqui, geboren am 2. März 1972, pakistanische Staatsbürgerin, Mutter dreier Kinder, war vier Jahre lang die meistgesuchte Frau der Welt. Sie galt dem FBI als so gefährlich, dass Justizminister John Ashcroft sie 2004 auf die Liste der "Tödlichen Sieben" setzte, als einzige Frau. Die "Mata Hari" der Qaida und ihr "weibliches Genie" taufte die amerikanische Presse Siddiqui. Sie soll Gelder für al-Qaida besorgt haben, indem sie Spenden eintrieb und Diamanten schmuggelte.
"Sie ist der wichtigste Fang seit fünf Jahren", sagte der frühere CIA-Terroristenjäger John Kiriakou bei ihrer Festnahme. Doch Aafia Siddiqui ist bisher nicht als Mitwisserin oder Mittäterin der Terroranschläge angeklagt, das ist das Seltsame, sondern wegen versuchten Mordes an US-Soldaten und FBI-Agenten, die sie in Afghanistan mit einer Waffe angegriffen haben soll. Ihr drohen bis zu 20 Jahre Haft.
Die Vorwürfe gegen Aafia Siddiqui sind gewaltig, und sie sind spektakulär, weil es sich um eine Frau handelt. Eine Frau, die aus einer bürgerlichen pakistanischen Familie stammt und über zehn Jahre an Elite-Universitäten in den USA verbracht hat. Die als Stipendiatin am Massachusetts Institute of Technology Biologie studierte. Die danach an der Brandeis-Universität promovierte, wo sie als eine herausragende Wissenschaftlerin gilt.
Bis sie vor über fünf Jahren aus ihrer Heimatstadt Karatschi verschwand, mitsamt ihren drei Kindern Ahmed, 7, Mariam, 5, und Suleman, 6 Monate, die zwei älteren sind amerikanische Staatsbürger. Aafia Siddiqui behauptet, sie sei damals verschleppt und von Amerikanern in einem Geheimgefängnis eingesperrt und gefoltert worden; man habe ihr die Kinder weggenommen, die noch immer verschwunden seien, bis auf eines.
Die CIA dementiert, dass ihre Agenten Siddiqui verschwinden ließen. Michael Scheuer, von 1996 bis 1999 in einer Einheit, die Osama Bin Laden jagte, meint kurzangebunden: "Wir haben nie eine Frau verhaftet oder gefangen gehalten. Sie ist eine Lügnerin." Wenn aber wirklich eine Frau gefoltert und in einem Verlies verschwunden sein sollte, dann wäre das ein Novum in der Welt nach dem 11. September, ein weiteres Beispiel für den Verlust der Maßstäbe in Amerika.
DIE GEHEIME GEFANGENE
Am 1. März 2003 wird Chalid Scheich Mohammed, Chefplaner der Anschläge vom 11. September, in Rawalpindi festgenommen - der bislang größte Fang im Kampf gegen die Qaida. Er wird von der CIA an einem unbekannten Ort verhört und berichtet aus dem Innenleben des internationalen Terrorismus. Kurz darauf beginnt eine Serie von Verhaftungen, und es heißt, dass Mohammed auch Siddiquis Namen genannt habe. Wen er nennt, der gilt der CIA als wichtiger Qaida-Terrorist.
Genau an jenem 1. März schickt Aafia Siddiqui von Karatschi aus eine E-Mail an ihren Professor Robert Sekuler von der Brandeis-Universität bei Boston, sie sucht einen Job. "Ich würde am liebsten in den USA arbeiten", schreibt sie, denn es gebe in Karatschi keine Stelle für eine Frau mit ihrer Ausbildung. Wenige Tage später verschwindet Aafia Siddiqui. Sie verlässt früh- morgens ihr Elternhaus, sie hat ihre drei Kinder dabei und wenig Gepäck. Ein Taxi bringt sie zum Flughafen, sie will den Morgenflug nach Islamabad nehmen, wo sie ihren Onkel besuchen will.
Aafia Siddiqui sagt, sie sei an diesem Tag auf dem Weg zum Flughafen gekidnappt worden, ihre Entführer hätten ihr Ahmed und Mariam sowie den Säugling entrissen. Das Letzte, was sie gespürt habe, sei eine Spritze in ihrem Arm gewesen. Sie sei erst in einer Gefängniszelle wieder zu sich gekommen; sie glaube, auf einer Militärbasis in Afghanistan gewesen zu sein, denn sie habe Flugzeuge starten und landen gehört. Über fünf Jahre sei sie in Isolationshaft gehalten worden, befragt von den immer gleichen Amerikanern, ohne Masken und ohne Uniform. Tagelang hätten sie ihr auf Tonband das Angstgeschrei ihrer Kinder vorgespielt, sie sei gezwungen worden, Hunderte Seiten über den Bau schmutziger Bomben und über Anschläge mit Viren aufzuschreiben.
Suleman hätten sie ihr gleich weggenommen. Von Ahmed, dem Siebenjährigen, hätten sie ihr ein Foto gezeigt, da habe er in einer Blutlache gelegen. Nur Mariam hätten sie ihr ab und zu gezeigt, als Schatten hinter einer Milchglasscheibe.
Kann das wahr sein?
Tatsächlich haben mehrere pakistanische Medien von ihrer Festnahme berichtet. Die gewöhnlich gut informierte Tageszeitung "Dawn" zitierte ein Jahr später einen Sprecher des Innenministeriums, der bestätigte, dass Siddiqui in Karatschi verhaftet und später den Amerikanern übergeben worden sei. Auch der US-Fernsehsender NBC berichtete in seinen Abendnachrichten am 21. April 2003 über Siddiquis Festnahme.
Aus Kreisen des pakistanischen Geheimdienstes heißt es, dass Siddiqui bis Ende 2003 in pakistanischer Haft war und dass ihr Sohn Suleman in dieser Zeit erkrankte und starb. Es ist bekannt, dass Terrorverdächtige oft einige Zeit im Land blieben, bevor sie den Amerikanern übergeben wurden. Die Asian Human Rights Commission spricht von 52 Geheimgefängnissen im Land, Tausende Pakistaner sind darin vermutlich seit Beginn des Anti-Terror-Kriegs verschwunden.
Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram, dem wichtigsten Internierungslager in Afghanistan, wollen einige Gefangene eine Frau schreien gehört haben, manche reden sogar von zwei Frauen. Sie nennen sie die "Graue Dame von Bagram".
Die Anwältin Elaine Whitfield Sharp, die die Familie seit 2003 vertritt, gibt sich überzeugt davon, dass Aafia Siddiqui als hochkarätige Gefangene eingeschätzt wurde und fünf Jahre in einer der "Black Sites" in Bagram verbracht hat, in einem dieser schwarzen Löcher des Rechts.
DIE STUDENTIN MIT BESTNOTEN
Wer aber ist Aafia Siddiqui? Ihre Schwester Fauzia Siddiqui hat mehrere Fotoalben vor sich liegen, die eine Antwort geben sollen. Gartenfeste, Familienfeiern und Kindergeburtstage sind darauf zu sehen. Aafia, die fünf Jahre jüngere Schwester, mit einem Meerschweinchen im Arm, einer Katze, einer Ziege, einem Lamm.
Fauzia Siddiqui trägt einen locker um das Haar geschlungenen Schal, sie empfängt auf der Terrasse. Die Köchin trägt auf, der Springbrunnen plätschert. Eine Oase mitten in der Millionenstadt Karatschi, umgeben von einer hohen Mauer.
Die Siddiquis sind eine pakistanische Musterfamilie, modern und fromm zugleich. Der Vater war Chirurg, die Mutter ist Hausfrau, sie haben in Manchester gelebt und in Sambia. Alle drei Kinder haben im Ausland studiert, Mohammed lebt als Architekt in Houston, Fauzia ist Ärztin, sie arbeitete als Neurologin an einer der besten Kliniken in Boston und lebte einige Jahre im selben Haus wie ihre Schwester.
Vor einiger Zeit ist sie nach Karatschi zurückgekehrt, sie arbeitet jetzt an der Aga-Khan-Universität und erzählt, dass sie gern ein Institut gründen würde, um Neurologen zu schulen. Den Armen zu helfen, sagt sie, sei Tradition in ihrer Familie. Genauso sei Aafia Siddiqui gewesen, immer für andere da. "Meine Schwester ist unschuldig, sie könnte niemandem etwas zuleide tun. Irgendetwas ist einfach nicht richtig, es muss einen Fehler geben."
Dann greift sie wieder zu den Alben, sie hält sich an ihnen fest wie eine Schiffbrüchige am Rettungsring. Aafia am Klavier. Aafia in ihrem Studentenwohnheim, zusammen mit vier chinesischen Kommilitoninnen. Eine junge Frau, die gern vor der Kamera posiert und bunte Seidenkleider liebt, aber selten ein Kopftuch trägt.
Kann so jemand "die gefährlichste Frau der Welt" sein?
In Boston führt Aafia Siddiqui nicht nur ein Leben zwischen zwei Ländern, sondern zwischen zwei Welten. Die prallen aufeinander, als die Eltern nach ihrem Studienabschluss 1995 die Heirat arrangieren. Die Braut sieht ihren Ehemann vor der Hochzeit nicht, sie heiraten am Telefon, sie in Boston, er in Karatschi.
Ihr Ehemann Amjad Khan ist Anästhesist, sein Vater besitzt eine Medikamentenfabrik, die Eltern nennen ihn eine gute Partie. Als er nach Boston kommt, hat er kein Geschenk dabei, keine Blumen, er schimpft nur, dass die Familie so viel Geld ausgegeben hat für eine kleine Feier, für ein Hotelzimmer, für ein weißes Seidenkostüm mit vielen Perlen für Aafia, in dem sie aussieht wie eine Prinzessin. Man solle das Geld lieber spenden, sagt er. Gebe es nicht genug Bedürftige in Pakistan?
Ihr Mann findet einen Job in einer Bostoner Klinik, sie bekommen zwei Kinder, Ahmed und Mariam. Sie streiten viel, er schlägt seine Frau, auch die Kinder. Kurz nach den Anschlägen am 11. September 2001 kehrt Aafia Siddiqui mit den Kindern nach Karatschi zurück, einige Monate darauf ist sie wieder in Boston. Ein halbes Jahr später löst das Ehepaar die Wohnung auf, verschenkt die Möbel und fliegt am 26. Juni 2002 zurück nach Pakistan. Wenige Wochen später trennt sich Amjad Khan von seiner Frau, da ist sie schon mit Suleman schwanger; eigentlich ist eine Scheidung nach islamischem Recht zu diesem Zeitpunkt gar nicht möglich.
Sie promoviert in Neurowissenschaften, es geht um Lernen durch Imitation. Ihre Schwester sagt, Aafia Siddiqui habe eine Vorschule in Boston gründen wollen, in der die Kinder mit diesen Techniken lernen. Das ist die eine Aafia Siddiqui, die kluge Akademikerin und duldsame Ehefrau.
Es gibt aber auch die andere Aafia, die fromme Moralistin und eifrige Spendensammlerin.
Als junge Biologiestudentin lädt sie Nichtmuslime zum Abendessen ein, wirbt für den Islam und hält Korankurse für Konvertiten ab. Über die muslimische Studentenverbindung am MIT lernt sie mehrere überzeugte Islamisten kennen. Suheil Laher beispielsweise, den Imam der Verbindung, der vor dem 11. September offen für Islamisierung und Dschihad eintrat und der auch vorübergehend Chef des islamischen Wohltätigkeitsvereins Care International war, der nichts mit der gleichnamigen Hilfsorganisation zu tun hat. Der Verein soll Gelder für Dschihad-Kämpfer in Bosnien, Afghanistan und Tschetschenien gesammelt haben; inzwischen wurde er aufgelöst.
Aafia sammelt für Care International Geld für bosnische Kriegswaisen. Imam Abdullah Faaruuq, ein schwarzer Konvertit mit Kaftan über Bluejeans und Poloshirt, erinnert sich an eine Veranstaltung, bei der sie Schuhe sammelte für bosnische Flüchtlinge und schluchzte: "Wie könnt ihr mehr als ein paar Schuhe haben, wenn unsere Brüder in Bosnien frieren?"
"Schwester Aafia war sehr überzeugend, sehr intelligent, sehr besorgt um das Schicksal der Muslime weltweit, und sie glaubte daran, etwas in der Welt bewegen zu können", sagt Faaruuq. Oft sei sie in die "Mosque for the Praising of Allah" gekommen, ein schäbiges Gebetshaus in Roxbury, einem Arbeiterviertel von Boston. Sie habe palettenweise englischsprachige Koranausgaben und religiöse Literatur bestellt, die Kisten in der Moschee gelagert und später in Gefängnissen verteilt. Hinweise darauf, dass sie sich für den Krieg gegen Ungläubige einsetzte, gibt es nicht.
DIE DIAMANTENSCHMUGGLERIN
Es gibt aber auch schwerwiegende Anschuldigungen, die meisten werden erst nach ihrem Verschwinden bekannt. So wurden über die Kreditkarte des Ehepaars Nachtsichtgeräte und Panzerungen bei einem Online-Militärausrüster bestellt. Danach, es ist im Frühjahr 2002, vernimmt das FBI zum ersten Mal Amjad Khan. Er sagt: Das Gerät sei für die Großwildjagd in Pakistan. Auch Aafia Siddiqui wird befragt. Zufällig, wie ihre Anwältin betont, weil sie gerade zu Hause war.
Es ist das einzige Mal, danach meldet sich das FBI nie wieder bei dem Ehepaar.
Vorgeworfen wird Aafia Siddiqui auch, Ende Dezember 2002 ein Postfach in Maryland eröffnet zu haben, das für Majid Khan gedacht war. Der Pakistaner wird in Guantanamo gefangen gehalten und verdächtigt, im Auftrag von Scheich Mohammed Anschläge auf Tankstellen in der Umgebung von Baltimore geplant zu haben.
Und dann gibt es noch die Geschichte mit den Blutdiamanten, das ist der schwerste Vorwurf, denn er macht aus der muslimischen Missionarin endgültig eine Terroristin: Aafia Siddiqui soll im Juni 2001, wenige Monate vor den Anschlägen in New York, im Auftrag der Qaida-Spitze nach Monrovia gereist sein, in die Hauptstadt Liberias, um dort Diamanten im Wert von 19 Millionen Dollar zu beschaffen, die zur Finanzierung der Qaida dienten.
Alan White, der frühere Uno-Chefermittler, der den Handel mit Blutdiamanten untersuchte, schwört noch heute darauf, dass es Siddiqui war, die am 16. Juni 2001 unter dem Namen "Fahrem" in Monrovia auftauchte. Einer der Zeugen war ihr Fahrer, er hat sie laut White identifiziert.
Die Vorwürfe sind eine Mischung aus Fakten und Zusammengereimtem; einige Aussagen sind nicht überprüfbar oder unter fragwürdigen Umständen zustande gekommen, Zeugen inzwischen abgetaucht. Sicher ist nur, dass keiner dieser Vorwürfe bis heute bestätigt werden konnte, sonst wäre Aafia Siddiqui nun wegen Terrorismus angeklagt. Doch es reichte offenbar, um sich in den Panikjahren nach dem 11. September im Netz der Terroristenjäger zu verfangen.
Die Anwältin Elaine Whitfield Sharp meint, es sei von Anfang an der Ehemann gewesen, der in Amerika unter Verdacht gestanden habe. "Er hat eine dunkle Rolle gespielt", sagt auch die Mutter Ismet Siddiqui und will nicht ausschließen, dass Khan ihre Tochter verraten hat, um ungeschoren davonzukommen. Man kann Amjad Khan nicht selbst zu den Vorwürfen befragen, denn er ist abgetaucht, seine Familie verweigert jegliche Auskunft; es heißt, er sei in Saudi-Arabien.
Weshalb es dann vor vier Jahren doch Aafia Siddiqui ist, die zur gefährlichsten Frau der Welt erklärt wird, weiß heute niemand mehr so genau. Vermutlich trägt dazu am meisten Chalid Scheich Mohammed bei, der Kronzeuge für die angeblichen terroristischen Aktivitäten Siddiquis.
Und so tritt am 26. Mai 2004 Justizminister John Ashcroft vor riesigen Schwarzweißfotos von sieben gesuchten Terroristen, mittendrin Aafia Siddiqui, ans Mikrofon und warnt davor, dass sich das Gesicht der Qaida geändert habe. Die neue Qaida sei jung, reise mit Familie und sei weiblich. "Sie stellt eine klare und gegenwärtige Gefahr für Amerika dar", sagt er.
Zu diesem Zeitpunkt ist die angeblich gefährlichste Frau der Welt seit mehr als 400 Tagen verschwunden. Erst am Abend des 17. Juli 2008 taucht sie wieder auf.
DIE ATTENTÄTERIN MIT BURKA
Normalerweise wird mit Selbstmordattentätern in Afghanistan kurzer Prozess gemacht, sie werden erschossen, bevor sie sich in die Luft sprengen können. Da es sich aber bei der Verdächtigen, die vor der Moschee in Ghazni auf dem Boden kauert, um eine Frau handelt und weil sich rasch eine Menge Neugieriger versammelt, entscheidet Polizeikommandeur Ghani Khan, sie festzunehmen. Als die Polizisten sie abführen wollen, fängt die Frau an, die Männer zu beschimpfen, erinnert sich Bashir, einer der Polizisten. "Ihr seid Ungläubige, fasst mich nicht an!", ruft sie dreimal in ihrer Muttersprache Urdu.
Niemand versteht, was die Frau sagt, und so eilt der Ladenbesitzer Hekmatullah herbei, er spricht Urdu und übersetzt für die Polizisten. Er berichtet, dass sie einen pakistanischen Ausweis dabei hat, den sie ihm gibt, mit der Bitte, ihn zu vernichten. Außerdem erinnert er sich, dass ihr Mobiltelefon zweimal klingelt - die Anrufe sollen aus Pakistan gekommen sein.
In den beiden Taschen finden die Polizisten keinen Sprengstoff, sondern kleine Plastikflaschen mit Chemikalien, einen Datenträger sowie auf Urdu und Englisch geschriebene Dokumente, in denen es um schmutzige Bomben, biologische Waffen und Rekrutierung von Attentätern geht.
Ihr Auftauchen vor der Moschee erklärt Siddiqui so: Sie habe einen Plan befolgen müssen, die Fahrt nach Ghazni sei die Bedingung für ihre Freilassung gewesen. Ihre Bewacher hätten ihr auch die Dokumente und die Chemikalien mitgegeben.
Ihre Anwältin Elaine Whitfield Sharp spricht von einem abgekarteten Spiel. Möglicherweise hätten die Amerikaner nicht mehr gewusst, wohin mit ihrer Gefangenen - haben sie also geplant, Siddiqui von der Polizei in Ghazni erschießen zu lassen? "Disposal Order", Befehl zum Entsorgen, nennen sie das bei der CIA.
"Es wäre der perfekte Mord gewesen", meint die Anwältin. Siddiqui hätte nicht aussagen können, man hätte sie aber leicht zur Terroristin erklären können, angesichts der so offensichtlich belastenden Dokumente in ihrer Tasche. Denn wozu braucht jemand, der nach Ghazni reist, Pläne von der Brooklyn Bridge und von der Plum Island Forschungsanstalt für Tierseuchen, außerdem Unterlagen, die den Abschuss von Drohnen beschreiben, den Einsatz von Unterwasserbomben und Segelflugzeugen?
Merkwürdig ist vieles rund um diese Festnahme, beispielsweise dass sich zwei Tage vorher eine anonyme Anruferin bei Abdul Rahim Dessiwal meldet, dem Staatsanwalt des nahen Andar-Distrikts, und sagt, eine Selbstmordattentäterin mit einem Jungen werde nach Ghazni kommen.
Merkwürdig ist auch, dass Aafia Siddiqui später in der Polizeistation den Jungen ihren Stiefsohn nennt, er heiße Ali Hassan, sei Waise, sie habe ihn adoptiert. Es gibt ein verwackeltes Video, denn die Polizisten in Ghazni haben, stolz auf ihren großen Fang, zur Pressekonferenz geladen. Im Video sagt Siddiqui, sie heiße Saliha und komme aus Multan in Pakistan.
Sie hat ein schwarzes Tuch über Kopf und Gesicht gezogen, offenbar aus Angst, erkannt zu werden. Einmal stupst sie den Jungen an, es scheint, als ermahne sie ihn, sein Gesicht zu verbergen; er schiebt sich den Ärmel vors Gesicht, man sieht nur ein Büschel Haare. Wenig später stellt ein DNA-Test fest, dass er Ahmed ist, Aafia Siddiquis leiblicher Sohn.
Heute lebt Ahmed bei Fauzia Siddiqui in Karatschi; er ist psychisch schwer gestört, hat Alpträume und erzählt wirre Geschichten, wo er die vergangenen Jahre war.
Am Tag nach der Festnahme trifft eine Anti-Terror-Einheit aus Kabul in Ghazni ein, um den Fall zu untersuchen, dabei sind zehn bis zwölf Amerikaner. Sie kommen in den Raum, der etwa 15 Quadratmeter groß ist und durch einen Vorhang geteilt wird, es gibt nur eine Tür. Siddiqui sitzt oder steht hinter dem Vorhang. Ein Afghane, der anonym bleiben will, sagt, dass einer der Amerikaner sofort zu ihr gegangen sei, wenige Sekunden darauf seien Schüsse gefallen.
Aafia Siddiqui erzählt, sie sei ohnmächtig geworden. Die Angeschossene wird in die Krankenstation der US-Basis Bagram gebracht und operiert, sie überlebt knapp.
DIE ANGEKLAGTE
Was genau in diesen Sekunden passiert, ist deshalb wichtig, weil die Anklage der New Yorker Staatsanwaltschaft eine Version der Vorgänge schildert, die erheblich von der Siddiquis abweicht. Sie habe sich das M4-Sturmgewehr eines US-Soldaten gegriffen, es entsichert und mehrere Schüsse abgefeuert, allerdings ohne zu treffen, heißt es da, alles innerhalb von Sekunden. In Notwehr habe sie einer der Soldaten angeschossen.
Dabei muss man eine M4 schon kennen, um überhaupt zu wissen, wie man sie entsichert. Und würde ein US-Soldat seine Waffe neben sich stellen, wenn nebenan eine gesuchte Qaida-Terroristin sitzt?
Dem Richter in New York liegt seit Anfang November das psychologische Gutachten über Siddiqui vor. Darin heißt es, sie sei nicht verhandlungsfähig. Kommt es dennoch zum Prozess und übernimmt das Gericht die Version der Anklage, dann blieben die angeblichen terroristischen Verstrickungen unerwähnt, sie müssten nicht bewiesen werden.
Warum Aafia Siddiqui, die hochbegabte Wissenschaftlerin, einmal die gefährlichste Frau der Welt gewesen sein soll, bliebe dann für immer ein Rätsel.
JULIANE VON MITTELSTAEDT
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TERRORISMUS:
„Die gefährlichste Frau der Welt“

  • Folgen des Brexit: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • 73-jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße