24.11.2008

ARCHÄOLOGIEAuf der Straße ins Jenseits

Hat ein Archäologe die Unterwelt der Maya entdeckt? Mit einem Tauchteam stieß er auf ein gruseliges Höhlensystem, das teilweise unter Wasser liegt.
Finstere Gestalten hausten in der Unterwelt der Maya. Ihre Namen waren Programm: "Eins-Tod" trieb dort ebenso sein Unwesen wie sein grimmiger Kollege "Sieben-Tod". Zu den zwölf dunklen Herren gehörten laut dem Popol Vuh, dem heiligen Buch, auch "Hervorbringer des Eiters", "Knochenstab" und "Blut ist seine Klaue".
Wer starb, musste an diesen "Ort der Angst" ("Xibalba") hinabsteigen. Dort wurde er so lange von den Herren der Unterwelt gedemütigt und geprüft, bis es diesen gefiel, ihn wieder freizulassen. Nur Selbstmörder, Geopferte und Frauen, die das Kindbett nicht überlebten, hatten Glück: Sie durften direkt zu den Göttern reisen. Alle anderen mussten nach ihrem Ableben dem Totenhund folgen, der sie den langen, gefährlichen Weg in die Tiefen von Xibalba führte.
Hat der Archäologe Guillermo de Anda von der Universität Yucatán den Eingang zur Hölle wiedergefunden? Als einer der ersten Lebenden seit vielen Jahrhunderten ist der Ausgräber in die Höhlen der Unterwelt Yucatáns vorgestoßen und hat dort jetzt genau solche gruseligen Schreckenskammern entdeckt, wie sie im Popol Vuh detailliert beschrieben sind.
Wo normalen Menschen das Blut in den Adern gefrieren würde, lebt Anda so richtig auf. Er ist Inhaber des weltweit einzigen Lehrstuhls für Archäologie mit dem Schwerpunkt Höhlentauchen. Die Unterwelt Yucatáns ist gleichsam sein Heimatrevier: Die Halbinsel ist durchsetzt mit sogenannten Cenoten, schachtartigen Einsturzlöchern in den Decken von Kalksteinhöhlen. Manche der Höhlen reichen hinab bis zum Grundwasserspiegel, oder sie füllen sich durch die Öffnung mit Regenwasser. Da Yucatán kaum von nennenswerten Flüssen durchzogen ist, waren die Cenoten zu Zeiten der Maya überlebenswichtig.
Doch sie schöpften aus den Cenoten nicht nur Trinkwasser. Sie warfen in diese tiefen Löcher zugleich die Opfergaben für ihre Götter: Tote - aber auch Lebende. Über 120 menschliche Skelette wurden allein in der größten Cenote der Stadt Chichén Itzá gefunden. "Etwa 80 Prozent davon waren die Überreste von Kindern, die das zwölfte Lebensjahr noch nicht erreicht hatten", sagt Anda.
Den Einstieg nach Xibalba hat der Forscher nun in den Tiefen Yucatáns gefunden, nahe dem Dorf Tahtzibichen. Auf einem Areal von etwa 35 Quadratkilometern stieß er auf eine Reihe von Höhlen, die haargenau den Beschreibungen aus dem Popol Vuh entsprechen. Ein Haus, heißt es in dem Mythenbuch, sei mit scharfen Klingen gefüllt, die von allein mit unberechenbaren Schwüngen durch die Luft sausen.
Nun berichtet Anda: "Wir tauchten in einer Höhle, deren Boden mit spitzen Stalagmiten übersät war." Kaum einen Fuß konnte man zwischen die steinernen Messer setzen, ohne sich zu verletzen. "Und diese ohnehin schon gefährlichen Hindernisse waren noch zusätzlich angeschärft - von Menschenhand."
In einer weiteren Höhle stieß der Forschungstaucher auf die Überreste einer noch schlimmeren Bedrohung für Leib und Leben: die Knochen eines Jaguars. Diese Kammer ist ebenfalls im Popol Vuh beschrieben: als ein Haus voller hungriger Raubkatzen.
Auch ein "Haus der Kälte" wird dort ausgemalt, in dem einem die Knochen gefrieren und der eiskalte Hagel ins Gesicht schlägt. Tatsächlich entdeckten Anda und sein Team eine Höhle, in der ein kalter Luftzug dafür sorgt, dass die Kälte einen trotz Neoprenanzug zittern lässt. Nicht weniger ungemütlich war es in einer anderen Höhle, die dem "Haus des Feuers" entspricht: In ihr ist es durch aufsteigende Erdwärme so heiß, dass den Forschern schon bei der kleinsten Bewegung der Schweiß ausbrach. In der nächsten Höhle schließlich schreckten Anda und seine Leute Tausende Fledermäuse auf, die ihnen aufgeregt um die Köpfe flatterten - genau so wie in einer Textstelle des Popol Vuh beschrieben.
Theoretisch könnten die Höhlen natürlich auch zufällig mit den Beschreibungen aus der heiligen Schrift der Maya übereinstimmen. "Wir fanden aber zudem eine unterirdische Straße", berichtet Anda. Ihren Anfang nimmt sie an einer Kreuzung - den "verwirrenden Wegen" der Unterweltlegende. Von dort führt sie schnurgerade nach Westen. "Dies kann kaum ein Zufall sein", ist Anda überzeugt. Denn in der Überlieferung führt der Weg ins Jenseits genau in diese Himmelsrichtung. Die gepflasterte Straße endet erst nach über hundert Metern vor dem Eingang zu einer weiteren überfluteten Höhle.
Ob die vielen unterirdischen Seen auch eine mythologische Bedeutung hatten, ist schwer nachzuweisen. Möglich wäre, dass sie einst die im Popol Vuh beschriebenen Flüsse aus Blut, Eiter oder Skorpionen darstellten. Nester von Skorpionen jedenfalls begegneten Anda und seinem Team bei den Ausflügen in die Unterwelt.
Am Boden eines dieser Pools fand Anda einen Altar. Die Inschriften darauf verrieten, dass er den Herren der Unterwelt gewidmet war. Um all die unterirdischen Anlagen zu errichten, mussten die Baumeister der Maya einiges auf sich nehmen. Nicht nur, dass die Eingänge zu den Höhlen tief im Dschungel lagen, wohin Baumaterial nur unter großem Aufwand zu transportieren war. Noch schwieriger war es, die Steine in die Höhlen hineinzuwuchten. In den meisten Fällen bedeutete es, dass die Arbeiter schwer bepackt längere Strecken tauchen mussten, bevor sie im Innern der Höhle wieder auftauchen konnten.
Bevor Anda das Höhlensystem entdeckte, galt die Gegend archäologisch als weitgehend unerforscht. Niemand hatte dort zuvor nach Ruinen der Maya gesucht. "Wir haben aber auch oberirdische Reste von Tempeln entdeckt", verrät der Archäologe. "Die Höhlen dienten als natürliche unterirdische Fortsetzung."
Den entscheidenden Hinweis auf diese vergessene Ecke Yucatáns fand Anda in 450 Jahre alten Dokumenten - den Protokollen der spanischen Inquisition. Unter Folter verrieten die Maya-Priester damals den spanischen Kirchenmännern die geheimen Orte ihrer "ketzerischen" Rituale.
Doch dann wanderten die Akten in Archive, die Namen der Orte änderten sich, der Dschungel überwucherte die Cenoten. Fünf Jahre lang kämpfte Anda sich durch die alten Pergamente, bis sich Stein für Stein das Puzzle der erfolterten Aussagen wieder zu einem Bild zusammensetzte. Nachdem er einmal die nähere Umgebung eingegrenzt hatte, befragte er die Einheimischen nach verborgenen Höhlen.
Doch was genau geschah in der Unterwelt von Yucatán? Wozu diente das Höhlensystem? "Wir wissen es nicht genau", sagt Anda. "Fest steht nur: Dort unten starben Menschen. Wir haben Skelette in den Höhlen gefunden. Wie die Opfer ums Leben kamen, etwa bei religiösen Handlungen, müssen erst forensische Untersuchungen klären."
Was aber war am Anfang? Wurde in dem heiligen Maya-Buch chronistenhaft festgehalten, was in den real existierenden Horrorhöhlen vor sich ging? Oder bauten die Maya die Kammern exakt so, wie sie sich die Unterwelt nach der mythologischen Vorstellung ausmalten? "Die Maya glaubten wirklich daran, dass hier der Einstieg nach Xibalba lag", meint Anda. "Deshalb bauten sie die Tempel, um den Herren der Unterwelt zu opfern."
Über Keramikscherben vom Grund der Cenoten lässt sich datieren, ab wann die Höhlen benutzt wurden. Die ältesten zertrümmerten Töpfe sind demnach rund 1900 Jahre alt. "Das bedeutet, dass diese Kultorte sehr, sehr alt sind und über einen extrem langen Zeitraum hinweg religiösen Zeremonien dienten", so Anda.
Der Forscher jedenfalls lässt sich weder von scharfen Steinen noch von giftigen Skorpionen von weiteren Tauchgängen nach Xibalba abhalten. "Wir haben noch so viel zu tun", sagt er mit nicht zu überhörender Vorfreude in der Stimme. "Von den rund 2500 Cenoten Yucatáns sind gerade mal 32 halbwegs wissenschaftlich untersucht." ANGELIKA FRANZ
Von Angelika Franz

DER SPIEGEL 48/2008
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