24.11.2008

BILDUNG„Aufstand der Zwerge“

Der ehemalige Kultusstaatssekretär Wolfgang Nowak über den sächsischen Siegeszug beim Pisa-Ländervergleich
Nowak, 65, war - obwohl SPD-Mitglied - von 1990 bis 1994 als Staatssekretär im CDU-regierten Sachsen tätig. Der Jurist, zuvor leitender Beamter im nordrheinwestfälischen Kultusministerium, galt als "heimlicher Kultusminister" Sachsens und setzte dort unter anderem das zweigliedrige Schulsystem aus Gymnasium und Mittelschule durch. Derzeit leitet er die Alfred Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank in Berlin.
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SPIEGEL: Herr Nowak, vergangene Woche ging Sachsen als großer Gewinner aus dem neuen Pisa-Bundesländervergleich hervor. Sind Sie als Architekt des sächsischen Schulsystems stolz?
Nowak: Ich freue mich sehr, und ich sage nicht ohne Genugtuung: Der damalige Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat mein Schulsystem damals als "Saustall" bezeichnet. Das nehme ich heute als Ehrbezeugung für mich und meine damaligen Mitarbeiter zur Kenntnis.
SPIEGEL: Die Widerstände waren groß?
Nowak: Es wurde ganz einfach erwartet, dass wir ein westdeutsches Schulsystem übernehmen. Ich war jedoch der Ansicht, dass das eigentlich marode, reformbedürftige Schulsystem des Westens nicht dadurch plötzlich zum besten aller Welt werden konnte, dass es dem Osten übergestülpt wird.
SPIEGEL: Sie haben stattdessen ein Abitur nach zwölf Jahren und ein zweigliedriges Schulsystem mit Gymnasien und Mittelschulen eingeführt.
Nowak: Das war ein Aufstand der Zwerge, den sich die Riesen nicht gefallen lassen wollten. Die westdeutschen Lehrerverbände und Gewerkschaften wollten ja gern alles, was sie im Westen noch nicht erreicht hatten, durch uns vollendet sehen. Uns lag ein Schulentwurf der SPD vor, den die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ihr geschrieben hatte und der Gesamtschulen vorsah. Und natürlich hatte die CDU vom Philologenverband einen Entwurf bekommen, der mit christlichem Humanismus und Hauptschulen gespickt war.
SPIEGEL: Die Besserwessis wollten Ihnen alles vorschreiben?
Nowak: Ja, natürlich. Das Mantra der SPD lautete: Das Heil kommt aus der Gesamtschule; bei der CDU galt: Das Heil kommt aus der Hauptschule. Wenn Sie aber Schulformen als Religionsersatz begreifen, sind Schulen immer schlecht. Schule ist keine Glaubenssache. Wir haben uns befreit von den Bevormundungen und uns für das zweigliedrige Schulsystem ohne Heil, aber mit guten Ergebnissen entschieden. Ideologie konnten wir uns aufgrund der Verhältnisse gar nicht leisten.
SPIEGEL: Wie sind Sie auf die Idee der Zweigliedrigkeit gekommen?
Nowak: Wir haben die Eltern befragt, was sie wollen, und uns vom Bielefelder Professor Hurrelmann beraten lassen. Außerdem haben wir uns in der Schweiz umgesehen. Die Experten des Kantons Zürich haben uns sehr großzügig unterstützt. Meine Leute konnten mit den Schweizern sehr viel leichter zusammenarbeiten und diskutieren als mit jemandem aus dem Westen, der im Zweifelsfall darauf gepocht hat: Bei uns ist das aber so.
SPIEGEL: Heute halten viele ein solches zweigliedriges Schulsystem für ein Zukunftsmodell. Andererseits hat Bayern mit seinem dreigliedrigen Konzept - Gymnasium, Realschule, Hauptschule - beim Pisa-Ländervergleich ebenfalls sehr gut abgeschnitten. Wie wichtig sind solche Strukturen?
Nowak: Ob nun drei-, vier- oder achtgliedrig - das ist nicht das Wichtigste. In Deutschland wird durch Strukturreformen viel Geld und Kraft verschwendet. Es gibt gute Hauptschulen in Bayern - und gerade für eher praktisch begabte Jungen sollte es die auch immer geben -, und es gibt gute Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen. Es sind vielleicht nur zu wenig gute. Man sollte deshalb mehr Wert darauf legen, innerhalb der gewachsenen Systeme Verbesserungen zu erreichen. Es gibt kein schlechtes Schulsystem; aber es gibt schlechte Schulleiter, schlechte Lehrer und vor allem eine schlechte Schulverwaltung.
SPIEGEL: Wo würden Sie mit Änderungen beginnen?
Nowak: Entscheidend ist der richtige Schulleiter. Wir haben in Sachsen, zum Entsetzen aller, immer verkündet: Unsere Schulleiter werden nicht nach Parteibuch, sondern nach Leistung ausgewählt.
SPIEGEL: Das behauptet jede Landesregierung.
Nowak: In vielen Bundesländern ist es aber nicht so. Da werden Schulleiter und Schulverwaltung nach politischer Zuverlässigkeit ausgesucht, da wird Mitläufertum gefördert und das Buckeln zum obersten Gebot. So bekommen Sie nie die qualifiziertesten Personen in die Leitungsebene.
SPIEGEL: Was also ist Ihrer Meinung nach zu tun?
Nowak: Wenn Sie den Schulleiter wirklich zum Vorgesetzten machen, dann schaffen Sie Verantwortung. Gerade in den sozialdemokratischen Ländern ist - sozusagen als einziges bestehendes Ergebnis der 68er-Revolution - der entmachtete Schulleiter geblieben, der sein Kollegium um Erlaubnis bitten muss, wenn er eine Freistunde geben möchte.
SPIEGEL: Aber das allein wird die deutsche Bildungsmisere nicht heilen.
Nowak: Nein, Sie sind natürlich auch auf engagierte Lehrer angewiesen. Wir haben in Sachsen viele Lehrer entlassen müssen, die der SED sehr nahestanden. Übrig blieben meist jüngere Lehrer und Lehrerinnen, denen wir teils unsägliche Bedingungen zumuteten. Sie mussten die Schule wechseln, die Arbeitszeiten wurden erhöht, sie wurden umgeschult, arbeiteten in Teilzeit. Manchmal war ich fast beschämt, wenn ich sah, welche Belastungen ich den Lehrern aufbürdete. Trotzdem gab es eine schwungvolle Stimmung, und ich glaube, dass etwas von dem Schwung geblieben ist.
SPIEGEL: Auf solche Sondereffekte kann Deutschland heute nicht mehr bauen.
Nowak: Wir sollten alle Lehrer nach der Schwierigkeit ihrer Aufgaben bezahlen, nicht mehr nach ihrem Abschluss. Wer als Hauptschullehrer etwa im Ruhrgebiet oder in Berlin-Kreuzberg seinen Mann steht, sollte mehr Geld bekommen.
SPIEGEL: Was müsste sonst noch getan werden?
Nowak: Wir brauchen eine pädagogische Forschung, die ihren Namen verdient. Da herrscht bisher viel Liebedienerei gegenüber Parteien und Verbänden. In der Kultusministerkonferenz finden Sie für jede dumme Idee einen Wissenschaftler, der sie Ihnen bestätigt, auch heute noch.
SPIEGEL: Immer mehr Eltern reagieren auf die Misere, indem sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Können Sie das verstehen?
Nowak: Ich finde, dass es die Pflicht des Staates ist, gute Schulen anzubieten - statt Privatschulen zu finanzieren, weil er selbst keine guten Schulen anbietet. Aber natürlich kann ich die Eltern in Ländern wie Berlin, Hamburg oder Bremen, die bei Pisa schlecht abgeschnitten haben, verstehen. Sie wollen, dass auch ihre Kinder Chancen haben, gebildet zu werden. Die Eltern handeln in Notwehr.
SPIEGEL: Aber verstärken Privatschulen nicht die soziale Ungerechtigkeit? In Brandenburg etwa, aber auch in ganz Deutschland haben Kinder weniger gebildeter Eltern deutlich schlechtere Chancen.
Nowak: Da brauchen wir Angebote wie gute Ganztagsschulen mit intensiver Betreuung, die solchen Trends entgegenwirken. Aber ich warne davor, die Schule als Sanitäterin der Gesellschaft zu begreifen. Ich halte gar nichts davon, wenn etwa die Grünen eine Kampagne gegen das Gymnasium als Ersatz-Klassenkampf führen. Es nützt nichts, die Akademiker zu bekämpfen, indem man ihnen das Gymnasium nimmt.
SPIEGEL: In der aktuellen Pisa-Studie schneiden neben Sachsen andere ostdeutsche Bundesländer sehr gut ab. Warum?
Nowak: Ein Teil der Erklärung ist sicherlich, dass es in Ostdeutschland keine Generation von Erben gibt. Alle wissen, dass sie nur durch Leistung etwas werden können. Diesen Willen habe ich in Sachsen selbst beobachten können. Die Eltern hatten ein großes Interesse an der Bildung ihrer Kinder, weil sie an sich selbst erlebten, wie man wegen der in der DDR erworbenen Abschlüsse zu Wiedervereinigungsverlierern werden kann. Die Jungen haben gewusst, dass sie Wiedervereinigungsgewinner werden können, wenn sie sich anstrengen.
SPIEGEL: Fehlt dieser Leistungswille in vielen westdeutschen Schulen?
Nowak: Jedenfalls können wir uns in einer globalisierten Welt, in der die Unternehmen um die Besten kämpfen, sanfte Schulen mit sanften Abschlüssen und sanften Lehrern nicht mehr leisten. Sächsische Schüler konkurrieren nicht mit Schülern in Nordrhein-Westfalen, sie konkurrieren mit Schülern in den USA, in England, Japan, China und Indien.
SPIEGEL: In der Diskussion der Pisa-Ergebnisse sagen manche: Sachsen ist nur so gut, weil es dort wenige Migranten gibt. Ist das so?
Nowak: Man kann den Sachsen nicht vorwerfen, dass sich dieses Problem nicht stellte. Wenn jetzt ein Kultusminister sagt, dass sein Land nur wegen des höheren Migrantenanteils so schlecht abgeschnitten habe, ist das eine Bankrotterklärung, auch an den Steuerzahler. Andere Staaten werden auch damit fertig. Man kann große Probleme nicht dadurch lösen, dass man sagt, sie sind zu groß. Hätten wir Migranten gehabt, hätten wir Lösungen gesucht: speziellen Deutschunterricht zu Beginn der Grundschule; zweisprachige Schulen für Türken bis zur Klasse 10; Förderschulen für Schulversager, mit denen ein, zwei Jahre konzentriert gearbeitet wird, bevor sie an ihre ursprüngliche Schule zurückkehren. Da ist Kreativität gefragt - aber das geht natürlich nicht mit den Denkverboten der Lehrergewerkschaft.
SPIEGEL: Nach dem ersten Pisa-Schock vor einigen Jahren schien sich vorige Woche die Haltung unter den Kultusministern durchzusetzen: So schlecht sind wir gar nicht. Jeder interpretierte sein Landesergebnis positiv.
Nowak: Das ist ja eine der großen Lebensweisheiten in Deutschland: alles gar nicht so schlimm. Und viele Länder haben sich ja anfangs gegen die Pisa-Studie gewehrt. Dabei führt uns auch die aktuelle Auswertung vor: Für seinen Status und seine Notwendigkeiten hat Deutschland nach wie vor zu viele schlechte Schulen.
INTERVIEW: MARKUS VERBEET, ALFRED WEINZIERL
Von Markus Verbeet und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 48/2008
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