24.11.2008

SACHBÜCHER„Quälende Liebe zu Dir“

Sie waren zwei kluge Gesellen und hatten einander sehr gern - beinahe allzu sehr: "Ich fühlte in diesen beiden Tagen wieder eine solch quälende Liebe zu Dir, dass es mir jetzt so vorkommt, als könne ich allein gar nicht bestehen", schmachtet der 34-jährige Zeitungsredakteur Siegfried Kracauer 1923 den 19-jährigen Studenten Theodor Wiesengrund an.
Der jetzt endlich erschienene Briefwechsel beider Heroen der Frankfurter Schule zeigt, wie rasch sich die Zuneigung der beiden nervösen Jung-Dialektiker zur intellektuellen Langzeitaffäre wandelte: Über Trennung, Exil-Qualen und manch herben Disput hinweg sollten Wiesengrund, der bald lieber mit "Theodor W. Adorno" zeichnete, und der emsige Kritiker, Erzähler und Filmtheoretiker Kracauer um geistige Wahrheit ringen. "Teddie" Adorno, Avantgardist als Musikfachmann wie als Philosoph, lebte seine Egozentrik in bösen Sprüchen aus; sogar was der gemeinsame Freund Walter Benjamin schrieb, war ihm mitunter "zum Kotzen". Eine Studentin kam Adorno 1962 "wie der wandelnde Geist der Schwere" vor. Kracauer holte den Neunmalklugen immer wieder unbeirrbar auf den Teppich der Normalität zurück. Selbst als Adorno 1938 aus dem vergleichsweise komfortablen US-Exil seinem in Frankreich darbenden Wegbereiter einen großen Essay rabiat zusammenstrich, brach Kracauer nicht mit ihm.
Neue historische Tatsachen hat der Band kaum zu bieten, um so mehr können die mit viel Ballast angedickten Erläuterungen für weniger Eingeweihte zum Hindernislauf werden. Das Entziffererteam vom Adorno-Archiv verschlimmbessert ein geflügeltes Wort des Römers Horaz: Grimme Notwendigkeit ("dira necessitas") mutiert zur harten ("dura"). Nicht genug damit: Der Kommentator übersieht griechische Buchstaben und selbst Zitate aus "Faust" und auch aus der Bibel.
Wolfgang Schopf (Hg.): "Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer, Briefwechsel 1923-1966". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 776 Seiten, 32 Euro.

DER SPIEGEL 48/2008
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