24.11.2008

KUNSTMARKTDer große Höllensturz

In der kommenden Woche startet die „Art Basel Miami Beach“, die siebte Ausgabe der spektakulären Messe. Noch im vergangenen Jahr galt sie als Symbol eines goldenen Zeitalters, nun droht sie zum Auftakt eines weltweiten Galeriensterbens zu werden.
Es war ein jahrelanger Rausch, einer, von dem viele dachten, er könne ewig anhalten. Die Klientel der Galerien und Auktionshäuser akzeptierte jeden Preis, 70, 100, 135 Millionen Dollar. Das einzige Problem bestand darin, genügend Nachschub heranzuschaffen. Wer aber ein Tropfbild von Jackson Pollock auftrieb, durfte sogar 140 Millionen Dollar verlangen.
In den vergangenen Jahren meldeten die Versteigerer regelmäßig neue Rekorde, eröffneten weltweit immer mehr Galerien - in Städten wie Peking fast täglich. Kunst verkaufte sich im neuen Jahrtausend wie von allein.
"Dieser Markt hat sich gerade in den vergangenen zwei Jahren gegen die Schwerkraft der wirtschaftlichen Realitäten gestemmt", sagt Iwan Wirth, 38, der als Europas wichtigster Galerist in London und Zürich ansässig ist. Doch der Kunstmarkt lernt nun, was finanzielle Schwerkraft ist. "Der Markt wird sich durch die Krise der Weltwirtschaft verändern", prophezeit Wirth. Die Ekstase kühlt sich ab, vorbei die schönen Zeiten.
Höhenflug und Hybris bestimmten bisher die Branche, und dafür stand vor allem ein Ereignis: die "Art Basel Miami Beach", die aufregendste Messe für die Kunst der Gegenwart. Es ist die in jeder Hinsicht extrovertierteste Veranstaltung der Kunstwelt: Gier gilt hier als Tugend, nicht als Sünde.
Auf diesem sonnigen, 2002 gegründeten Ableger der Schweizer Kunstmesse "Art Basel" schnappten sich die Sammler, darunter viele Hedgefonds-Profiteure, Jahr für Jahr gegenseitig die teuersten Trophäen weg. Viele Messestände waren schon nach einer Stunde ausverkauft. Diese Art Kampfshopping hatte sich zum Lieblingsspiel der Gesellschaft entwickelt.
Zugleich war die Messe von Anfang an viel mehr als die Summe der ausgestellten Schecks - ein Treffpunkt für Menschen, die sich zugehörig fühlen zur Clique eines ganz spezifischen Jetsets. Das sind Leute, die im Sommer mit ihrer Yacht an der Côte d'Azur ausspannen und im Winter ihr Privatmuseum eröffnen. Vorher deckten sie sich in Miami mit Ware ein.
Am 4. Dezember eröffnet die Messe zum siebten Mal, wie immer sind unter den gut 250 Ausstellern auch viele deutsche Galerien vertreten, wie immer gruppieren sich viele Parallelmessen um dieses wichtigste Gestirn des Marktes - und doch ist plötzlich alles ganz anders. Vielleicht wird die Verkaufsschau nun zum Inbegriff des Scheiterns, zu der Art von Fall, die nach dem Hochmut kommt. Es scheint eine Art Höllensturz bevorzustehen.
In keiner anderen Branche wird so darauf geachtet, Optimismus zu verbreiten. So kommt es fast einem Eingeständnis der Verzweiflung gleich, wenn der Amerikaner Marc Spiegler, einer der beiden Chefs der "Art Basel", ankündigt: "Wahrscheinlich werden die meisten Galerien dieses Jahr keine Rekorde einfahren." Ihm rutschen auch Sätze heraus wie: "Die Preise sind wieder realistisch geworden." Oder: "Die Zeiten für Spekulanten sind vorbei."
Die Käufer aus den sogenannten aufstrebenden Märkten, aus Indien, dem Nahen Osten und China, seien zurzeit verschwunden, sagt Galerist Wirth.
Jetzt, in Zeiten der Finanzkrise, setzt ein Realitätsschock ein, und viele sind auf die schmerzlichen Nebenwirkungen nicht vorbereitet. Schon bei den New Yorker Herbstauktionen Anfang und Mitte November kam es zu größeren Turbulenzen. Und New York gibt stets die Stimmung für Miami vor. Starauktionator Tobias Meyer, wichtigster Mann bei Sotheby's, muss erkennen: "Das fiebrige Kaufen von Kunst ist vorbei" (siehe Interview Seite 176). Das oberste Segment des Marktes existiere zurzeit nicht mehr.
Kein Auktionshaus, kaum ein Künstleridol blieb verschont: Bilder von Roy Lichtenstein (Sotheby's), Francis Bacon (Christie's), Damien Hirst (Phillips) wurden vom Publikum abgelehnt, blieben unversteigert. Edle Ladenhüter. Noch vor kurzem waren das Garanten für Spitzenpreise; noch im September hatte etwa der Brite Hirst bei einer von ihm initiierten und ausschließlich mit seiner Kunst bestückten Auktion in London spektakulär verdient. Die Gebote summierten sich auf knapp 200 Millionen Dollar. Nichts ist sicher: Das eine Bild des deutschen Malerstars Gerhard Richter erzielte einen Rekord, das andere fiel durch (beides bei Christie's).
Der plötzliche Preisverfall auf dem Auktionsmarkt betrug über 30 Prozent, die Champagnerlaune ist verflogen. Simon de Pury, der die Mehrheit der Anteile an seinem Auktionshaus Phillips gerade an einen russischen Investor abgab, muss nun trotz des neuen Partners "die Kosten an die Wirklichkeiten des Marktes" anpassen.
Hässliche Einschnitte auf allen Ebenen: Große US-Museen kündigen Etatkürzungen an. Sponsoren wie die Deutsche Bank bekennen, diverse Förderungen nicht weiterführen zu wollen - wie das prestigeträchtige Engagement für den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig.
Für "Miami", das wichtigste Gipfeltreffen der Kunstsociety, steht das Small-Talk-Thema also fest: die Depression am Kunstmarkt. So wird es wohl schon am Abend vor der Eröffnung sein, wenn die VIPs zu "heißer Musik" und "coolen Drinks" ins Luxushotel Delano geladen werden. Früher waren immer alle ganz aufgedreht.
Ein Galerist, der für den Boom der vergangenen zehn Jahre steht und als Miterfinder der "Neuen Leipziger Schule" eine Berühmtheit wurde, ist Gerd Harry Lybke. Er vertritt Neo Rauch, und damit den Leipziger Maler, dessen Bilder sich gewissermaßen blind verkaufen, auch in schlechten Zeiten - und er, Lybke, kann sich deshalb einen gewissen Realismus erlauben.
"'Miami'", so fürchtet er, "kann für viele ein Debakel werden, wer darauf angewiesen ist, dort Geld zu verdienen, hat ein Problem. Viele würden sich die Kosten lieber sparen, aber eine Absage würde bedeuten, vor sich und seiner Mutter zuzugeben, dass man es nicht geschafft hat."
Die Sammler, gerade die amerikanischen, hielten sich zurzeit nun einmal zurück, und das liege nicht nur daran, dass kein Vermögen mehr vorhanden sei, "es gilt einfach als unschick, in diesen Zeiten groß einzukaufen".
Für viele Anbieter markiert "Miami" womöglich sogar den Anfang vom Ende. Lybke sagt jedenfalls ein großes Galeriensterben voraus. Ein knappes Jahr, so schätzt er, werden viele noch durchhalten, "dann wird es drastisch, es wird harte Einschläge geben, in Deutschland und weltweit". 30 bis 40 Prozent der Galerien werden bald nicht mehr existieren, vermuten auch etliche von Lybkes Kollegen.
Es war zu einfach - in den vergangenen Jahren reichte es, die Abbildungen der Werke auf die Blackberrys der amerikanischen, asiatischen oder russischen Stammkunden zu schicken, und dann musste man nur noch auf die Kaufbestätigung warten. "Diese Deals laufen fürs Erste nicht mehr", glaubt Bruno Brunnet, ein Berliner Erfolgsgalerist, der Stars wie Jonathan Meese und Peter Doig vertritt und mit seiner Galerie CFA in einem edlen, von Stararchitekt David Chipperfield entworfenen sandsteinfarbenen Gebäude mit Blick auf die Museumsinsel residiert.
Vor kurzem hat er noch eine weitere Halle angemietet und meint trotzdem: "Wir achten auf die Kosten - schließlich ist da die Verantwortung für 24 Mitarbeiter. Ich persönlich kann sowieso keinen Champagner mehr sehen, es gab zu viel davon in den letzten Jahren." Er betont aber auch: "Die Galerien in unserer Liga werden alle überleben."
Nur, wie lange dauert die Gefahr an? Ein Jahr, zwei Jahre? "Die Leute haben nach wie vor Spaß an der Kunst, und es ist ja bei vielen Sammlern auch noch Geld vorhanden", so Brunnet.
Am härtesten sind die Konsequenzen womöglich für die Künstler. Denn nach jedem Crash werden auch die Ruhmeskarten neu gemischt, nicht alle Stars aus Vorkrisenzeiten schaffen später den Anschluss. Das wiederum könnte den Wert so mancher Privatkollektion stark mindern - wenn der Sammler auf die falschen Künstler gesetzt hat.
Krise hin oder her, eine Gruppe bleibt offenbar ganz lässig - die neuen russischen Kunstliebhaber. Sie sind es auch, die in Miami die wichtigste Tradition der Messe aufrechterhalten und glamouröse Partys ausrichten. Vielleicht ist der schöne Schein nur auf Pump finanziert, aber immerhin lassen sie sich die Laune nicht verderben.
Maria Baibakowa, 23, zum Beispiel lädt nach Florida zu einer Feier für "Freunde aus aller Welt" ein. Die Millionärstochter aus Moskau ist Kunsthistorikerin, kümmert sich um die Kollektion ihres Vaters Oleg Baibakow und eröffnet im Dezember ihre eigene Kunstetage in einer alten Schokoladenfabrik, die den Namen "Roter Oktober" trägt. Es sei, so erwähnt sie, eine auch für Moskauer Verhältnisse große Eröffnung geplant.
Sie verkörpert eine neue Generation russischer Sammler, die das Leben und die Kunst genießen, sich aber nicht mehr zu übereilten Käufen hinreißen lassen. Sie vermute, sagt Baibakowa, dass die Krise am Kunstmarkt der am Kapitalmarkt mit einem Abstand von sechs Monaten folge. "Im Februar könnten die Preise wirklich fallen." Das Einzige, was ihr größere Sorge bereite, sei die Möglichkeit, dass die Qualität des Angebots nachlassen könne.
Es wird Krisengewinnler geben - für die Käufer, die nicht große Teile ihres Vermögens verloren haben, brechen verlockende Zeiten an. Kunst wird erschwinglicher.
Der Galerist Iwan Wirth erinnert sich noch an das Crashjahr 1991, damals war er neu im Geschäft und konnte seine besten Werke erstehen. Nun, 17 Jahre später, bieten sich wieder Gelegenheiten. "Die jetzige Situation auf dem Kunstmarkt eröffnet unglaubliche Chancen. Wir haben auf den New Yorker Herbstauktionen einige Hauptwerke erworben."
Und Miami? "Die Messe in Miami wird der Lackmustest."
"Da aber die Spekulanten wegfallen, wird die Messe ein Traum für die ernsthaften Sammler, und die werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen." Da sei "über Nacht" ein Käufermarkt entstanden.
Doch wenn die Preise sinken, heißt das nicht, dass automatisch die Inhalte und der Idealismus wieder in den Vordergrund rücken - denn viele Sparmaßnahmen werden die Falschen treffen, vielleicht gerade die ambitioniertesten Institutionen, die risikofreudigsten Sponsoren, die wagemutigsten Künstler.
Es steht für viele vieles auf dem Spiel. Und es geht um mehr als um Geld.
ULRIKE KNÖFEL, JOACHIM KRONSBEIN
Von Ulrike Knöfel und Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 48/2008
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