24.11.2008

Kultur„Das Fiebrige ist vorbei“

Auktionator Tobias Meyer über die Krise am Kunstmarkt
Meyer, 45, leitet bei Sotheby's die Abteilung für zeitgenössische Kunst. 2004 versteigerte der gebürtige Hesse Picassos "Junge mit Pfeife" für 104 Millionen Dollar - bis heute der höchste Preis, der je für ein Gemälde bei einer Auktion gezahlt wurde.
-----------------------------------
SPIEGEL: Herr Meyer, ist die Kunstblase geplatzt?
Meyer: Nein, aber der Markt hat sich reguliert. Bei den letzten Auktionen für die Impressionisten und die zeitgenössische Kunst, die ich geleitet habe, hätte es passieren können, dass niemand mehr etwas kauft und der Markt einfriert. Aber es hat sich in New York und London zum Glück gezeigt, dass der Markt weiterhin existiert.
SPIEGEL: Wo steht er denn jetzt?
Meyer: Auf dem Niveau von 2005, 2006. Zwischen 1998, als wir die "Orange Marilyn" von Andy Warhol für 17,3 Millionen Dollar verkauften, und 2007 lag der Höchstpreis für zeitgenössische Kunst immer so um die 20 Millionen Dollar. Im Mai 2007 brachten das große Papst-Bild von Francis Bacon und das Bild von Mark Rothko aus der Rockefeller-Sammlung dann 53 und 73 Millionen Dollar. Das war der Durchbruch zum Super-Markt. Da floss plötzlich Kapital aus den neuen Ökonomien wie Russland, Indien, China und dem Nahen Osten. Dieser Super-Markt existiert momentan nicht mehr.
SPIEGEL: Und wer kauft jetzt?
Meyer: Die klassischen Sammler für zeitgenössische Kunst aus Amerika und Europa. Das hat selbst mich überrascht. Viele der Sammler, die in den vergangenen Jahren nichts von Qualität kaufen konnten, weil alles zu teuer war, bieten jetzt wieder. Das hat mich sehr erleichtert. Ich war auf eine Katastrophe vorbereitet. Aber die blieb aus. Ich hatte es wieder mit kenntnisreichen Sammlern zu tun und nicht mit Leuten, die erst seit ein paar Monaten dabei sind.
SPIEGEL: Sind diese Herrschaften, denen Kunst nicht eine reine Herzensangelegenheit ist, für immer verschreckt?
Meyer: Das glaube ich nicht. Die machen eine Pause. Man darf diese neuen Käufer nicht abschreiben. Die haben immer nur das Beste gekauft und sich gar nicht erst mit Mittelmaß abgegeben. Die Jagd auf Trophäen wird es wieder geben.
SPIEGEL: Ärgerlich für jene, die viel bezahlt haben und jetzt billiger kaufen könnten.
Meyer: Jetzt ist Spitzenware gar nicht auf dem Markt. Die Anbieter warten, bis das Preisniveau wieder auf dem alten Stand ist.
SPIEGEL: Womit bestücken Sie nun den Markt?
Meyer: Ganz traditionell: death and divorce. Sammler sterben oder lassen sich scheiden. Die Finanzkrise hat für ein Auktionshaus auch ein Gutes. Es gibt jetzt wenigstens ein paar Leute, die lieber ihre Kunst verkaufen - obwohl sie weniger wert ist als zuvor -, als ihr Haus aufgeben.
SPIEGEL: Das Schlimmste ist noch nicht vorüber, die Kunstkrise hinkt der Finanzkrise doch nur hinterher.
Meyer: Ich denke, der Kunstmarkt hat sich schon konsolidiert. Ich erwarte fürs Frühjahr Auktionen mit stark reduzierten Umsätzen. Das fiebrige Kaufen von Kunst ist vorbei. Aber: Nichts ist verführerischer als das Nichtverfügbare.
SPIEGEL: Kann die Krise der zeitgenössischen Kunst nicht die Preise der Alten Meister beflügeln?
Meyer: Möglich ist es. Das ist ein Segment, das zuletzt ja nicht so sehr im Wert gewachsen ist. Nur, Sammler der Moderne sammeln meist nicht Alte Meister. Ich kenne nur einen Fall, wo sich ein Sammler von einem Zeitgenossen getrennt hat, um einen Frans Hals zu erwerben. Das war intelligent.
SPIEGEL: Als Sie in London Mitte September die große Auktion mit Werken von Damien Hirst hatten, stürzte zeitgleich in New York das Bankhaus Lehman Brothers in die Pleite. Wie haben Sie das erlebt?
Meyer: Komischerweise war ich nicht sehr besorgt. Ich merkte, dass der Appetit auf diese Kunst noch nicht vergangen war. Ich hatte zu viele Leute, die hungrig waren, durch die Vorbesichtigung gehen sehen. Und dann ist Damien natürlich ein Marketinggenie. Er hatte hart daran gearbeitet, alle relevanten Sammler zur Auktion zu bekommen.
SPIEGEL: Es standen so viele Hirst-Werke zum Verkauf wie nie zuvor. War das nicht riskant?
Meyer: Das haben viele gedacht. Aber die Fülle war der Vorteil. Das war der Knalleffekt. Das war für Sammler wie ein Besuch im Candystore.
SPIEGEL: Wann wird es denn je wieder so ein Schlaraffenland geben?
Meyer: Ich bin kein Wahrsager. Es muss sich einiges einrenken. Wenn ein Alan Greenspan den Finanzmarkt nicht begreifen kann, wieso dann ich?
SPIEGEL: Welche Lehren ziehen Sie?
Meyer: Mein Job ist es, dem Markt Ikonen der Kunst zur Verfügung zu stellen. Das mache ich, so gut ich kann. Um Moral geht es da nicht. Jetzt müssen wir Kunst finden, die Qualität hat, und ihr einen vernünftigen Schätzpreis geben.
SPIEGEL: Zeit zum Zuschlagen?
Meyer: Wer Geld hat und weiß, was Kunst ist, sollte jetzt kaufen.

DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kultur:
„Das Fiebrige ist vorbei“

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben
  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur