24.11.2008

HAUPTSTADTKleister aus Alt und Neu

Die wieder entflammte Debatte um Aussehen und Inhalt des Berliner Stadtschlosses zeigt vor allem eins: das Fehlen eines schlüssigen Konzepts.
Die Bauherren vom Bund hatten es sich so einfach vorgestellt. Möglichst reibungslos sollte die brisante Angelegenheit über die Bühne gehen. Aber daraus wurde nichts.
Nachdem im SPIEGEL vergangene Woche drei Architekten - allesamt Mitglieder der Wettbewerbs-Jury - die engen Vorgaben des Bundes für einen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses kritisiert hatten, trat ein, was unbedingt hatte verhindert werden sollen: eine neue hitzige Debatte über Deutschlands wichtigstes Projekt im Herzen Berlins.
Drei der vier Fassaden, so hatte es 2002 der Bundestag beschlossen, müssen als Kopien der ursprünglichen Barock-Architektur nachgebaut werden. In dem Humboldt-Forum genannten Bau sollen dann die außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen eine Bleibe finden.
Das abweichlerische Architektentrio hatte laut darüber nachgedacht, ob nicht prinzipiell auch ein moderner Bau an dieser Stelle möglich sein könnte. Die Baumeister hatten im Kern - so kommentierte die "Berliner Zeitung" die kritischen Äußerungen - "Gewissensfreiheit" für ihre Jury-Entscheidung gefordert. Doch schon das war offenbar zu viel.
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee besteht nun erst recht darauf, den Beschluss des Bundestages unverändert "umzusetzen", Berlins Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann legt gar Jury-Chef Vittorio Lampugnani, der im SPIEGEL am deutlichsten wurde, den Rücktritt nahe.
Und am vergangenen Freitag, genau eine Woche vor der Entscheidung der Jury, befand André Schmitz, Berlins Kulturstaatssekretär und Mitglied der Jury: "Allzu viel reflexives Verharren verträgt das Projekt nicht. Zauderei bedeutet Stillstand." Befürwortern der Moderne erteilte der Politiker eine harsche Abfuhr: "Moderne Architektur hatte an diesem symbolischen Ort nie eine ernsthafte Chance."
Jury-Vorsitzender Lampugnani will sich die Freiheit des Denkens aber nicht verbieten lassen: "Als Juror akzeptiert man selbstverständlich die Bedingungen der Auslobung, auch wenn man anderer Meinung ist. Dewegen hört man aber nicht auf zu denken." Der Architekt fürchtet: "Wenn Gedankenfreiheit nicht mehr erlaubt ist, wenn Mitglieder der Jury keine eigene Meinung haben dürfen, dann sollte man Architekturwettbewerbe gleich von subalternen Funktionären entscheiden lassen."
Unterstützung bekommt Lampugnani von fachlicher Seite. Der Berliner Architekturhistoriker Johannes Cramer argumentiert mit der Geschichte des Schlosses, dessen Kriegsruine 1950 von der DDR-Führung gesprengt wurde. Die Rekonstruktion von nicht mehr Vorhandenem sei "immer eine Interpretation". Die Barockfassaden könnten nur mit Hilfe alter Fotos realisiert werden.
Es werde jedoch etwas "als ganze Wahrheit verkauft, was nicht einmal die halbe ist". Man könne "auch mit der modernsten Technologie nicht wirklich exakt vom Zweidimensionalen auf das Dreidimensionale schließen".
So ähnlich warnt auch Peter Zlonicky, der in der Schloss-Jury sitzt: Er halte "einen größeren architektonischen Spielraum als bisher beabsichtigt für angemessen" - schließlich sei "ein originalgetreuer Nachbau ohnehin nicht möglich". Es sei "ärgerlich, wenn jemand den Eindruck erwecken" wolle, man könne einfach so "an etwas anknüpfen, das vor fast 60 Jahren zerstört wurde, und eine Identität herstellen, die es heute nicht mehr gibt".
Mindestens genauso heftig wie um die Fassaden wird nun auch noch über das Nutzungskonzept gestritten.
Denn es ist unklar, was im Humboldt-Forum genau geschehen soll. Hermann Parzinger, Direktor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der wichtigste künftige Nutzer des Baus, hatte Anfang des Monats im Kanzleramt Angela Merkel und Kulturstaatsminister Bernd Neumann zu erklären, was es denn mit diesem Forum auf sich habe.
Neumann stellte in letzter Zeit öfters die Frage, ob ein Museum für außereuropäische Kultur mit Kanus, Wigwams und Stammesmasken das Richtige für den zentralen Platz der deutschen Hauptstadt sei. Selbst Barockbewunderer André Schmitz will nun "ein Konzept, das den hochsymbolischen Ansprüchen an das Humboldt-Forum gerecht wird".
Neumann ist nicht der einzige Politiker, der Zweifel hegt. Auch der grüne Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland stellt die Frage, "ob melanesische Einbäume" hier das Passende seien. Das Publikum, meint Wieland, erwarte an diesem Ort eher Ausstellungen zur deutschen Geschichte oder zur Teilung Deutschlands. "Wir machen kein Multikulti-Tamtam", hält Parzinger dagegen. Die Kolonialgeschichte müsse im Humboldt-Forum aufgegriffen werden. "Wir wollen die Gleichberechtigung der Kulturen zeigen."
Der Vater der Humboldt-Idee war Klaus-Dieter Lehmann, Parzingers Vorgänger an der Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er hatte vor acht Jahren eine Eingebung. Museen wie das Ethnologische Museum, das Ostasiatische und das Indische waren schon damals in einem maroden Gebäudekomplex untergebracht und zogen kaum Besucher an.
Der Umzug der Museen - später wurden noch die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin an Bord geholt - war der rettende Einfall.
Schwer vorstellbar ist nach wie vor, wie der ästhetisch problematische Nachbau der barocken Fassaden sich mit einem modernen Museumsbau im Innern verbinden lässt. Die Berliner Architektin Franziska Eichstädt-Bohlig, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, fürchtet "einen Zwitter, bei dem Alt und Modern verkleistert werden". Ohne einen "überzeugenden Entwurf" solle die Jury keinen Preis vergeben, und der Bundestag müsse dann neu beschließen.
Ursprünglich sollten die Museen mehr als doppelt so viel Fläche bekommen wie die nun geplanten 24 000 Quadratmeter. Doch um den Schlossbau akzeptabler zu machen, reduzierte Tiefensee ihn auf eine Sparvariante - nun ist bereits klar, dass der Platz nicht reicht. Immerhin kann sich der Minister jetzt über eine "Berliner Schloss/Humboldt-Forum Stiftung" freuen, für deren Gründung der Haushaltsausschuss des Bundestags vergangene Woche 1,5 Millionen Euro bewilligte. In ihr sollen sich Bauherren und Nutzer zusammentun. Außerdem, so hofft Tiefensee, könne eine solche Stiftung auch "eigene Spendenakquisition" betreiben.
Denn bislang hat nur der Unternehmer Wihelm von Boddien, Mitinitiator der Schlossrekonstruktion, gesammelt. Potentielle Großspender aber wollen bisher seinem Förderverein nichts zukommen lassen, obwohl sich die Staatsanwaltschaft mit dem Vorwurf der Untreue, der gegen Boddien erhoben worden war, mangels Anfangsverdachts nicht mehr beschäftigt.
Die künftigen Betreiber des Humboldt-Forums wollen im Juli ihr Konzept auf der Museumsinsel präsentieren. Parzinger durfte die Vorstellung des "Schaufensters des Weltwissens", wie Minister Tiefensee das Forum pries, bereits üben. Bei seinem Besuch im Kanzleramt bekam er die Hausaufgabe, das Konzept für das Humboldt-Forum wenigstens einmal aufzuschreiben.
ULRIKE KNÖFEL, JOACHIM KRONSBEIN,
MICHAEL SONTHEIMER
Von Ulrike Knöfel, Joachim Kronsbein und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HAUPTSTADT:
Kleister aus Alt und Neu

Video 00:45

Warschau Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt

  • Video "Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab" Video 01:16
    Jungfernflug in Kanada: Erstes E-Verkehrsflugzeug hebt ab
  • Video "Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat" Video 02:56
    Dartford bei London: Der Wahlkreis, der immer recht hat
  • Video "Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt" Video 01:30
    Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Video "Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa" Video 00:38
    Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Video "Frust vor Großbritannien-Wahl: Keiner von denen sagt die Wahrheit" Video 01:24
    Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Video "Greta Thunberg beim Klimagipfel: Man rennt sofort los und rettet das Kind" Video 01:52
    Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • Video "Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: Ich war ein Idiot" Video 01:25
    Klopps Entschuldigung beim Dolmetscher: "Ich war ein Idiot"
  • Video "Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung" Video 01:26
    Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Video "Vertikale Stadt: Öko-Wohnzylinder fürs Emirat" Video 02:00
    "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video "Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug" Video 00:50
    Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Video "Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?" Video 02:06
    Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt" Video 00:45
    Warschau: Riesige Dampfwolke legt sich über die Stadt