24.11.2008

FILMAngriff der Powerfrau

Leiharbeit, Korruption, Migration: Der Globalisierungskrimi „It's a Free World“ von Ken Loach spielt in der legalen Grauzone des Menschenhandels.
Sie heißt Angie, ist ein echtes Londoner Arbeiterkind und nicht auf den Mund gefallen. Sie ist um die dreißig, Single, Mutter eines elfjährigen Jungen, den ihre Eltern großziehen, hat in diversen Bürojobs wohl das gängige Maß an Unterforderung, Auslaugung sowie alltäglichem Sexismus durchgemacht und strahlt doch die gewisse Energie und Siegessicherheit aus, die man sich beim Begriff "Powerfrau" vorstellt.
Von weitem sieht sie ein bisschen wie Pamela Anderson aus. Wenn sie sich auf ihrem Motorrad durch den stockenden Verkehr auf einer Londoner Ausfallstraße schlängelt und ihre weißblonde Mähne unter dem Helm im Wind flattert, hat sie die Aura einer Siegerin.
Das ist noch nicht lange so. In ihrem letzten Job in einer Personalvermittlungsagentur hat man sie gefeuert - obwohl sie wie ein Pferd ackerte -, weil sie sich die eine oder andere Routinedemütigung nicht gefallen ließ. Da hat sie sich gesagt: Was die können, kann ich schon lange, nicht mehr Verteidigung, sondern Angriff, und hat zusammen mit ihrer treuen Freundin Rose, die aus der Karibik stammt, ihre eigene Jobagentur aufgemacht, ein Start-up-Unternehmen mit zwei Handys und dem schicken Motorrad als Startkapital, einer Ecke in ihrem Stamm-Pub als Büro und einem Hinterhof als Marktplatz der Arbeitswilligen, die sie auf Tagesbasis an alle möglichen Betriebe vermittelt.
Angie ist auf imponierende Weise energisch, erfinderisch, impulsiv und egoistisch. In ihrem letzten Job war sie in Osteuropa im Einsatz, um Bereitwillige zu rekrutieren, die für die Gunst bezahlten, dass man sie nach England lockte, um sie dort als Tagelöhner auszubeuten. Daher kennt Angie dieses harte Geschäft, auch die Spielregeln der legalen Grauzone, in der diese Art von Menschenhandel floriert, und sie kennt auch die schönen, geradezu menschenfreundlichen Ausreden, mit denen die Schlepper ihr Treiben bemänteln: Die angeworbenen Migranten, so sagen sie, wären in ihrer Heimat in einer weit elenderen, hoffnungsloseren Lage und bekämen in England die Chance eines Neubeginns.
Angie muss diese Argumente immer mal wieder auftischen, im Gespräch mit ihrem bodenständig proletarischen Vater wie im Streit mit ihrer gutmütigen Business-Partnerin Rose, der die Ware, mit der beide handeln, zu rasch leid tut.
Auch Angie hat ein großes Herz, doch ist sie etwas zu cool und zu clever, um selbst an diese Rechtfertigungen zu glauben. Worauf sie vertraut, das ist die Sicherheit des korrupten Systems, in dem sie fast schwindelerregend rasch hochkommt. "Mach deine Hausaufgaben, aber riskier auch was; wer Gelegenheiten beim Schopfe greift, macht am ehesten sein Glück", scheint ihr Credo zu sein. Ach Angie, wenn das bloß wahr würde.
Autor Paul Laverty und Regisseur Ken Loach, bewährte Arbeitspartner, sind in der Sphäre des Kinos erstaunliche Außenseiter, weil sie sich immer wieder für das Allernormalste interessieren, das unser Sein bestimmt, die tägliche Arbeit, und dabei die erstaunlichsten Geschichten ans Licht fördern: Geschichten, mit denen wir im Kino normalerweise nicht rechnen, die wir eigentlich vielleicht auch gar nicht sehen wollen und von denen wir uns dann doch mitreißen und bewegen lassen, weil Laverty und Loach sie mit so viel Leidenschaft und einem so treffenden Blick für das Exemplarische zu erzählen wissen.
So ist das auch mit Angie, der Powerfrau, die auf eigene Faust eine Jobagentur aufzieht, den dubiosesten Geschäftspartnern in ihrer flotten schwarzen Motorradmontur entgegentritt wie ein Kerl, der sich nie über den Tisch ziehen lässt, und dann doch beinahe aus der Kurve fliegt, weil sie ihrer Schwäche für einen ihrer Leiharbeiter nachgibt.
Laverty und Loach haben in dieser Angie eine Figur gefunden, in deren Aktionsradius sich das weithin ungreifbare Elend der Migration, also des internationalen Arbeitskräftehandels im Zuge des globalen Warenumschlags, in einem sichtbaren, bildhaften, sinnfälligen Zusammenhang schildern lässt. Und daraus wird, weil Loach, inzwischen 72, noch immer mit neugierigem Temperament bei der Sache ist, keine kühle Lektion über zeitgemäße Varianten des Menschenhandels innerhalb der EU, sondern ein heißes Halbweltdrama.
Was den Film zum Erfolg macht, ist die vitale Präsenz der bis dahin auch in England kaum bekannten Schauspielerin Kierston Wareing: Alle Schärfe, alle Lebensgier, alle funkensprühende Energie dieser Angie holt sie aus sich heraus, aber auch, wenn es sein muss, alle Zwielichtigkeit, Skrupellosigkeit, Brutalität. Angie ist ja nur ein kleiner Fisch, der im Schatten zwischen Illegalität und Kriminalität seine Beute sucht und dabei aufpassen muss, nicht den Futterneid der großen Haie zu wecken. Ihr schlimmster Fehler ist, dass sie aus ihren Fehlern nichts lernt, deshalb nützt es am Ende nichts mehr, dass sie mit der schönen Aura einer Siegerin durch London brettert. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 48/2008
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