24.11.2008

KulturSunny Sonny

Nahaufnahme: Vor 50 Jahren veröffentlichte Sonny Rollins die „Freedom Suite“. Obamas Wahl ist für ihn ein später Triumph.
Wer sagt eigentlich, dass große Künstler immer in großen Metropolen leben müssen? Warum nicht mal solch eine Anfahrtsbeschreibung: "Von Manhattan brauchen Sie zweieinhalb Stunden. Nehmen Sie die Route 87, dann die Kingston Rhinecliff Bridge über den Hudson River, links zur Landstraße 9G, in Germantown ist es das weiße Haus mit dem blauen Geländer."
Sonny Rollins wartet schon. Ein adretter älterer Herr von 78 Jahren in beigefarbenem Pullover, grauer Flanellhose und braunen Budapester Schuhen. Er steht hinter der Tür und bürstet sich noch den schlohweißen Bart. "Lassen Sie uns rüber ins Studio gehen. Hier im Haus sieht es seit dem Tod meiner Frau etwas unordentlich aus", sagt er entschuldigend.
Das Studio ist sein Refugium. In der Mitte steht ein altes Fender-Rhodes-Piano, am Boden türmen sich Berge von CDs, die meisten noch original verschweißt, von Plattenfirmen und jungen Nachwuchsmusikern zugeschickt, die sich ein Urteil vom Altmeister erhoffen. Die meisten werden enttäuscht. "Ich höre keine Konservenmusik. Ich will diese ganze Informationsflut nicht mehr verarbeiten müssen."
Da sitzt er nun, versunken im wuchtigen Sofa mit zartem Blümchenmuster, und lutscht Ricola-Hustenbonbons. Er fühlt sich etwas angeschlagen und will die Tournee durch Deutschland nicht gefährden, die am Mittwoch dieser Woche in Frankfurts Alter Oper beginnt.
Er ist der große alte Mann der Jazzmusik. Ein Erzähler melancholischer Geschichten oder lustiger, auch rauer, manchmal unergründlicher Geschichten. Er, der Vielseitige, der Einfühlsame, Weggefährte und Freund des zornigen und zugleich scheuen Miles Davis, des versonnenen John Coltrane, des eigenwilligen Thelonius Monk. Vielen Musikern seiner Generation blieb im Laufe ihrer Karriere so manche Bühne verwehrt, so manches Hotelzimmer versperrt, so manches Taxi verschlossen, weil ihre Hautfarbe schwarz war.
Viele sind tot, er hat jetzt die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten der USA miterlebt. Es war ein Triumph. "Es ist ein gutes Zeichen für den Rest der Welt, dass jemand gewählt wurde, der einer Minderheit angehört. Es zeigt, dass es möglich ist, Rassismus zu überwinden."
50 Jahre ist es her, da druckte er auf die LP "Freedom Suite" sein Glaubensbekenntnis: "Amerika ist tief in der Kultur der Schwarzen verwurzelt: in ihren Redewendungen, ihrem Humor, ihrer Musik. Wie ironisch also, dass der Schwarze, der mehr als jeder andere Amerikas Kultur für sich beanspruchen kann, verfolgt und unterdrückt wird; dass der Schwarze, der schon durch sein Dasein ein Beispiel für Menschlichkeit gegeben hat, dafür Unmenschlichkeit zurückbekommt."
Dieses Album, so schrieb die "New York Times", sei dafür mitverantwortlich, dass der "Jazz aus der Intellektuellenecke in eine neue Sphäre der Ernsthaftigkeit wuchs, weil er im öffentlichen Bewusstsein mit der Bürgerrechtsbewegung verbunden wurde".
Rollins schrieb die Suite zu einer Zeit, "wo ich erstmals eine Menge Öffentlichkeit bekam und alle mich priesen und sagten, wie großartig ich sei". Als er aber nach einer guten Wohnung suchte, wurde er doch wieder "mit diesem ganzen alten Mist konfrontiert", da sei er bloß wieder der "Nigger" gewesen.
Im legendären Apollo Theater kam Rollins zum ersten Mal mit jener Kultur in Berührung, von der er später sagen wird, sie sei für ihn die anspruchsvollste Kunst, die es gibt: improvisierter Jazz. "Es ist, als würde man vor Publikum malen. Man kann nicht am nächsten Morgen hingehen und dann die Farben des Gemäldes än-
dern. Wir müssen, bevor wir die Bühne betreten, schon wissen, welche Farben wir wo und wie verwenden."
Trotz allem haderte der Ausnahmesaxofonist zeitlebens mit seinem Dasein als Musiker. "Ich bin nicht gut genug, um mein ganzes Leben immer das Gleiche zu spielen. Ich muss mich verändern, meinen Stil verbessern." Ihm machten alle äußeren Umstände eines Jazzer-Lebens zu schaffen: die Verfügbarkeit von Drogen, die Ansprüche der Plattenfirmen, Freundschaften, die erbitterte Konkurrenz aushalten mussten, die Einsamkeit in Hotelzimmern. So schien es nur konsequent, dass sich der "Saxophone Colossus" - wie er seit den Duellen mit John Coltrane genannt wird - gleich zweimal in seinem Leben komplett aus der Szene verabschiedete. Sein Publikum schienen die Metamorphosen nicht zu stören. 1973 wählten ihn Leser des "Downbeat" in die "Hall of Fame". 1978 gastierte er gar für Jimmy Carter im Weißen Haus und ein Jahr später in der populären "Tonight Show" des Senders NBC.
Als Musiker war Rollins eher nicht benachteiligt oder geknechtet. Er stand überwiegend auf der Sonnenseite des Lebens: Sunny Sonny. Seine Tourneen sind ausverkauft, seine Platten preisgekrönt. 2007 erhielt er von der Königlich-Schwedischen Musikakademie den Polar Music Prize, eine Art Nobelpreis für Musik. 2004 wurde er mit einem Ehren-Grammy für sein Lebenswerk geehrt, und ein Jahr später bekam er für sein Solo bei "Why Was I Born?" auf dem Album "Without a Song - The 9/11 Concert" einen weiteren Grammy.
Vor über 30 Jahren erzählte Rollins dem Jazz-Chronisten und Schlagzeuger Art Taylor, er glaube nicht mehr daran, dass es jemals gelinge, alle Menschen zusammenzubringen, die Kluft zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Religionen und Geschlechtern zu überwinden. "Ich musste die Idee aufgeben, weil sie wirklich nicht funktioniert." Es sei vergebens, als Schwarzer Veränderung anzustreben, weil der Weiße immer denke, man mache das nur, um sich Vorteile zu verschaffen.
Vielleicht hat er sich geirrt. Vielleicht wird er bald eines Besseren belehrt. Von seinem nächsten Präsidenten. JANKO TIETZ
* Oben: 1957 in Hackensack, New Jersey.
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 48/2008
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