15.12.2008

INSTITUTIONENEngel im Kasten

In Leipzig rühren Eltern an ein Tabu: Sie kritisieren die Erziehung ihrer Kinder im weltbekannten Thomanerchor als Kasernierung rund um die Uhr.
Mitten in der Leipziger Altstadt drängeln sich die Besucher des Weihnachtsmarkts vor dem Portal der Thomaskirche. Touristen aus aller Welt sind darunter, und sie alle wollen einen guten Platz beim Konzert des Thomanerchors, der Leipziger Touristenattraktion Nummer eins. "Einmal die Engelstimmen hören", schwärmt eine der Wartenden, "und das in der Kirche von Johann Sebastian Bach!"
Der Chor, 1212 unter Otto IV. gegründet, ist der Stolz der Stadt. Vor zwei- bis dreitausend Besuchern singen die 91 Jungen im Alter zwischen 9 und 18 Jahren hier jede Woche in frommer Kulisse. Der Chor ist kein klassischer Kirchenchor. Träger ist die Stadt Leipzig, die Knaben mit ihren zarten Stimmen sind ein wichtiger Werbe- und Wirtschaftsfaktor. Ihre Tourneen führen nach Japan und Amerika.
Das ist die glänzende Seite, doch in die Öffentlichkeit gelangte bislang wenig von dem, was geschieht, wenn die blau uniformierten Kinder nach ihren Auftritten wieder verschwinden: im "Kasten", wie sie selbst ihr Internat nennen. Was sich in dem Bau von anno 1881 dann ohne Zuschauer abspielt, beschreibt eine Initiative von Eltern ehemaliger Thomaner in einem Brief an die Chorleitung als "ein Korsett von Ordnung, Disziplin, Anpassung, Verzicht, Leistung und Unterordnung", bei dem etliche Engelsgesichter auf der Strecke blieben. 17 Betroffene fordern mit ihrer Unterschrift eine "komplette Neufassung der Erziehungsphilosophie".
Wolfgang Jäger, dessen Sohn den "Kasten" erlebte, hat die Kritik seit mehr als drei Jahren intern vorgebracht, mit Briefen oder Petitionen - ohne wesentliche Resonanz. Nun bricht er mit einem Tabu und sucht die Öffentlichkeit: "Manche Kinder verlassen den Chor nach neun Jahren mit dem erleichterten Aufschrei, dass sie froh seien, endlich dieses Gefängnis verlassen zu können."
Im Zentrum der Kritik steht das eigenwillige Erziehungssystem, bei dem die jüngeren Kinder von älteren betreut werden. Kaum eine Handvoll Erzieher ist im Internat beschäftigt. "Mehrere Jahre lang", behauptet Johannes Toaspern, ein Leipziger Pfarrer, dessen Sohn das Internat besucht hat, "sind die 9- bis 14-Jährigen den oft willkürlichen Strafen der Älteren ausgesetzt - und damit einem enormen psychischen Druck." Eltern beklagten, dass sensible Jungs an dieser Praxis zerbrechen. "Nicht Strafe, Angst und Einschüchterung, sondern Lob, Motivation und Förderung" müsse deshalb zukünftig Grundgedanke der Thomaner-Erziehung sein.
Zuständig für Knaben und Internat ist der Leipziger Kulturbürgermeister Georg Girardet, 66. Seit 17 Jahren obliegt ihm diese Aufgabe. Jägers Kritik an den Zuständen im "Kasten" wehrt er kategorisch als "extrem polemisch und unsachlich" ab. Ende Oktober schrieb er Pfarrer Toaspern einen Brief, in dem er jeden zukünftigen Dialog verweigerte: "Eine weitere Kommunikation und Korrespondenz mit Ihrer Initiative ist unsererseits jetzt nicht mehr beabsichtigt."
Doch derlei Ignoranz des Verantwortlichen und das Ausbleiben versprochener neuer Erzieher ruft auch andere Kritiker auf den Plan. Jüngst hat sich eine zweite Elterninitiative zu Wort gemeldet, von gut einem Dutzend derzeit im "Kasten" lebenden jüngeren Thomanern: "Wir unterlagen nie dem Irrglauben, unsere Kinder in ein zweites Elternhaus zu geben", schreibt sie. In Bezug auf Erziehung, Fürsorge oder emotionale Zuwendung habe man allerdings "ein bestimmtes Maß erwartet, das zumindest über eine Kindergartenbetreuung hinausgeht".
Der viergeschossige Bau hat ohne Zweifel etwas von einer Kaserne: Flure und Gänge sind weitgehend kahl, bis zu elf Betten stehen in den sonst leeren Schlafräumen. Die Erzieher nutzen Lautsprecher zu Durchsagen an die Kinder, fast jedes Tun wird irgendwie kontrolliert oder überwacht. Ein "Duschwart" etwa treibt zur zügigen Säuberung an, ein "Wochenpräfekt" patrouilliert abends in den Gängen der Schlafetagen. Es gibt Schuhschrankwarte, Fahrradwarte, Flurwarte, den "Klingelultimus", drei ständige "Präfekte" sowie den "Domesticus". Übernommen werden diese Kontrolljobs von den Internatszöglingen selbst, meist von den älteren - woraus ein hierarchisches Machtsystem entsteht.
Mittag- und Abendessen müssen in 15 Minuten eingenommen werden, Störer werden zur Strafe draußen vor die Tür geschickt. Geweckt wird um 6.30 Uhr, der Tag ist vollgestopft mit dem Schulunterricht, der im gegenüberliegenden Thomas-Gymnasium absolviert wird, mit Proben, Übungen, Auftritten und der "strengen Arbeitszeit" für die Hausaufgaben, wie es in der Hausordnung heißt. Der persönliche Raum ist minimal: gut ein Meter Schreibtisch nebst Schrank. Fünf bis sechs Kinder und Jugendliche teilen so ein 20-Quadratmeter-Zimmer. Die Hausordnung muss beim "coetus" (zu deutsch: Versammlung) unterschrieben werden. Die Fassung, auf der die Betriebserlaubnis beruht, hat 22 engbeschriebene Seiten mit Vorschriften zum "Tagesablauf", zum "Orts- und situationsabhängigen Verhalten", zur "Persönlichen Ordnung", zum "Zeitabhängigen Verhalten", zu den "Diensten" und den "Bestrafungen".
Dass sich Kinder einem solchen Regime fügen, lässt sich am ehesten mit ihrer Leidenschaft für den Gesang erklären. "Man gewöhnt sich daran", sagt ein Zwölfjähriger und senkt den Blick: "Wenn ich singe, vergesse ich das aber alles." Andere hingegen erinnern sich noch Jahre nach ihrer Zeit im "Kasten" an die bitteren Lektionen, die sie von den älteren Mitschülern erteilt bekamen. So wurde ein Zehnjähriger von seinen Kameraden in einen Koffer gesperrt. Ein anderer Jungthomaner musste auf dem Fenstersims im ersten Stock so lange still stehen, bis die älteren das Stubenfenster wieder öffneten. "Gerade in solchen Situationen", erinnert sich Mark, ein Ex-Thomaner, "wo man rausging, um in einer stillen Ecke zu heulen, fehlten oft die erwachsenen Erzieher."
Die Folge: Ein Drittel der Kinder hält die neun Jahre nicht durch und verlässt das Internat vorzeitig. Die Gründe scheinen vielfältig. So wurden 2003 sexuelle Übergriffe eines 16-Jährigen auf jüngere Schüler bekannt. Der jüngste Missbrauchsverdacht ist kaum acht Wochen her. Während einer Konzertreise soll es eine zweideutige Szene zwischen einem Knaben und einem erwachsenen Sänger gegeben haben. "Das wurde aber zwischen den Beteiligten einvernehmlich geregelt, da war wohl nichts", beteuert Girardet.
Sexueller Missbrauch im "Kasten", urteilt ein Psychologe der Jugendhilfe Leipzig, sei nicht die individuelle Schuld Einzelner, sondern "ein Symptom, in dem sich das ganze System ausdrückt". Missbrauch geschehe aus dem berechtigten Bedürfnis nach Zuwendung heraus - und nähre sich schlicht "aus dem Machtunterschied, der in den Altersgruppen der Stuben angelegt ist". Der Psychologe kennt die Lage im Internat aus Gesprächen mit Eltern und Kindern, die Hilfe suchen.
Er findet die Gesamtsituation "seit Jahren psychologisch prekär". Es herrsche ein
doppelt so hoher Leistungsdruck wie bei normalen Schülern, für die schon Pubertät und Gymnasium genug Stress bedeuten. "Wer schlecht singt, dem drohen zusätzliche Konsequenzen. Wer die vielen Regeln nicht einhält oder sie als nicht mehr zeitgemäß kritisiert, dem droht nicht nur Bestrafung, sondern Ausgrenzung."
Ein langjähriger Internatsmitarbeiter, der ungenannt bleiben möchte, beklagt, für die Ängste der jüngeren Kinder nicht wirklich Zeit gefunden zu haben: "Wir haben am Rande des Wahnsinns gearbeitet." Girardet bestreitet solche Vorwürfe strikt: "Unser Hochleistungschor setzt eben eine gewisse Robustheit voraus, der ist nichts für Sensibelchen."
Unbestritten ist die musikalische Ausbildung der Thomaner erstklassig; die Frage ist nur, welchen Preis sie hat. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Manfred Kappeler, 68, erkennt in Leipzig eine "menschenverachtende Ignoranz gegenüber den Entwicklungsanforderungen von Jugendlichen in der Pubertät". Nach seiner Ansicht müsse die Betriebserlaubnis überprüft und gegebenenfalls ohne Scheu entzogen werden. Eine solche Betriebserlaubnis gibt es für das Internat erst seit 2003. Nach dem Bach-Jahr 2000 hatten sich Eltern wegen der Häufung von Konzertterminen bei der Gewerbeaufsicht beschwert. Das Amt, das nicht der Stadt Leipzig, sondern dem Land Sachsen untersteht, schritt wegen Kinderarbeit regulierend ein.
Aufgeschreckt von der breiten Kritik sieht sich die Thomaner-Führung zu Änderungen genötigt. Internatsleiter Thoralf Schulze und Geschäftsführer Stefan Altner verweisen auf eine Überarbeitung der Hausordnung und das Bauprojekt "forum thomanum". Eine Sporthalle, neue Proberäume und eine musikalisch orientierte Kindertagesstätte sollen entstehen. Bis 2012, zum 800. Geburtstag des Chores, sind zudem mehr Personal, die Erweiterung sowie Renovierung des Internats versprochen.
Aber ob mit einem neuen Anstrich der alte pädagogische Geist verschwindet? Die Elterninitiativen sind skeptisch, zu enttäuschend verliefen Gespräche und Korrespondenz. Kritiker Jäger hat eine einfache Reformidee: "Was die Thomaner an frommen Liedern singen, brauchen sie doch bloß auf sich selbst anzuwenden", schlägt er vor, "dass Menschen kaputtgehen, kann weder im Sinne Bachs noch zum Ruhme Gottes sein."
So bekommt Johann Sebastian Bachs Kantate aus dem 18. Jahrhundert für die Stadt Leipzig wieder Aktualität: "Was könnt uns Gott wohl Bessres schenken/ Als dass er unsrer Obrigkeit/Den Geist der Weisheit gibet ..." PETER WENSIERSKI
* Georg Christoph Biller bei Dreharbeiten für einen TV-Film über das Leben Johann Sebastian Bachs, 2004.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 51/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INSTITUTIONEN:
Engel im Kasten

  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"