15.12.2008

Kultur„Das volle Programm“

Schauspieler Armin Mueller-Stahl, 77, über die „Buddenbrooks“, Nervosität am Set und seine Kollegen in Hollywood
SPIEGEL: Herr Mueller-Stahl, warum muss man heute noch einmal Thomas Manns "Buddenbrooks" verfilmen?
Mueller-Stahl: Warum eigentlich nicht? "Hamlet" wird doch auch dauernd auf irgendeiner Bühne gespielt. Warum soll man nicht gute Literatur mit dem Gestus von heute den Leuten nahebringen? Gute Literatur ist zeitlos.
SPIEGEL: Sie spielen in Heinrich Breloers Neuverfilmung den Konsul Jean Buddenbrook. Thomas Mann schrieb, der habe "tiefliegende, blaue und aufmerksame Augen".
Mueller-Stahl: Wenigstens etwas, das ich mit der Figur gemeinsam habe.
SPIEGEL: Sonst nichts? Sie verkörpern deren großbürgerliche Grandezza, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
Mueller-Stahl: Das mag auch an meinem Elternhaus liegen. Ich bin mit Kunst großgeworden: Meine Mutter malte, mein Vater wäre gern Schauspieler geworden und hat für meine Geschwister und mich oft Sketche aufgeführt.
SPIEGEL: Haben Sie also den Traum Ihres Vaters stellvertretend verwirklicht?
Mueller-Stahl: Als junger Mann wollte ich eigentlich Musiker werden, ich wollte berühmt werden. Ich wollte Anzüge tragen wie Willy Fritsch, der große UFA-Schauspieler, und aussehen wie Johannes Heesters. Fast hätte es geklappt.
SPIEGEL: Sind Sie denn eigentlich Thomas-Mann-Fan?
Mueller-Stahl: Also, unter uns: Ein ganz großer Verehrer war ich nie. Max Frisch liegt mir mehr. "Buddenbrooks" habe ich gelesen, als ich 18 Jahre alt war. Man hatte mir gerade die Mandeln herausgenommen, deshalb hatte ich viel Zeit.
SPIEGEL: Haben Sie den Roman zur Vorbereitung auf den Film noch einmal gelesen?
Mueller-Stahl: Nein, bewusst nicht. Sonst hätte ich vielleicht angefangen, darüber nachzudenken, ob ich überhaupt der Richtige für die Rolle bin. Zumal es auch noch das Angebot gab, mit Tom Cruise in dem Stauffenberg-Film "Operation Walküre" vor der Kamera zu stehen. Sie hatten mir angeboten, den Generaloberst Beck zu spielen. Aber ich habe mich dann doch für "Buddenbrooks" entschieden, weil der Heinrich es so sehr wollte.
SPIEGEL: Für Breloers Fernsehmehrteiler "Die Manns" hatten Sie 2001 ja auch schon den Dichter selbst gespielt. Da lag die Besetzung nahe.
Mueller-Stahl: Das mag eine Rolle gespielt haben in der Vorstellung von Heinrich Breloer. Bei mir weniger, aber ich arbeite sehr gern mit ihm zusammen. Jean Buddenbrook ist zwar eine wichtige Rolle, aber ja nicht die Hauptrolle. Und trotzdem ist man beim Dreh immer noch nervös.
SPIEGEL: Ein Routinier wie Sie ist noch nervös?
Mueller-Stahl: Sicher, das hört nie auf. Herzklopfen, glänzende Augen, das volle Programm. Vor jeder Einstellung merke ich, wie mein Körper verkrampft. Dann sage ich zu mir: "Schultern!", und entspanne mich. Prompt sinken meine Schultern um drei Zentimeter nach unten.
SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen, gerade in den USA, schwören auf die Methode, mit einer Figur quasi zu verschmelzen. Sie auch?
Mueller-Stahl: Von "Method Acting" halte ich gar nichts. Ich gehe gern in eine Rolle rein, bin aber auch sehr gern wieder draußen, sobald die Szene zu Ende ist. Es kommt nicht auf eine Methode an. Viel wichtiger ist: Wenn der Kollege schnell spricht, muss ich langsam sprechen. Das kommt mir entgegen: Ich stamme aus Ostpreußen, ich habe schon immer langsam gesprochen.
SPIEGEL: Wenn man "Buddenbrooks" als Kostümfilm bezeichnet: Verstehen Sie das als Kompliment oder als Beleidigung?
Mueller-Stahl: Weder noch. Aber ein Kostüm verändert einen Menschen. Das geht mit den Schuhen los. Überhaupt waren die Bürger im 19. Jahrhundert viel eleganter gekleidet als heutzutage. Die Gammelmode von heute war damals undenkbar. Privat mag ich sie allerdings ganz gern. Die Hose, die ich gerade trage, hat 75 Dollar gekostet, eine amerikanische Marke. Sehr bequem, vor allem verglichen mit meinem Konsul-Kostüm.
SPIEGEL: Vor einiger Zeit haben Sie Ihren Abschied vom Filmgeschäft angekündigt. Davon merkt man allerdings wenig. Jetzt sind Sie in "Buddenbrooks" zu sehen, im Februar in Tom Tykwers Thriller "The International", mit dem die Berlinale eröffnet wird, und im Mai kommt "Illuminati" heraus, die neue Dan-Brown-Verfilmung, in der Sie mit Tom Hanks spielen.
Mueller-Stahl: Na ja, ich lasse es langsam ausklingen. Ich habe einen Agenten, der nicht lockerlässt, aber für die von Ihnen genannten Projekte stand ich schon vor meiner Ankündigung im Wort.
SPIEGEL: Sind Sie ein Hollywood-Star?
Mueller-Stahl: Nein, ich bin Charakterdarsteller. Auch nicht schlecht. Tom Hanks ist Star und Charakterdarsteller. Weit besser. Mit ihm habe ich mich zum Beispiel über die Schriftstellerin Christa Wolf unterhalten, und ich war überrascht, was er alles von ihr gelesen hat. Er wusste mehr über Christa Wolf als ich.
INTERVIEW: MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 51/2008
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