20.12.2008

GesellschaftWir Saurier

Ortstermin: Der Klimawarner Al Gore eröffnet einen Urzeit-Park im Saarland.
Der eine, Al Gore, Nobelpreisträger, Oscar-Gewinner und Ex-Vizepräsident, sitzt bereits auf der Bühne, er sieht glücklich, rosig aus. Sie haben ihn vom Flughafen in Saarbrücken abgeholt, mit einer Energiesparlimousine, jetzt lächelt er das Ehrengastlächeln und fummelt an dem Kopfhörer für die Simultanübersetzung. Gore soll als Letzter reden; zunächst spricht der Geschäftsführer des Urzeit-Parks.
Der andere, David Lazenby, Gestalter von Urwelten, sitzt in der dritten Reihe, unter den Ehrengästen, er sieht unausgeschlafen, nervös aus. Sie haben ihn gefragt, ob er Al Gore nach dessen Rede durch die Ausstellung führen würde, und natürlich hat Lazenby zugesagt - aber was, wenn seine Räume und Exponate dem Ehrengast nicht gefallen? Na gut, im Kreidezeit-Saal wartet eine ganz besondere Überraschung, auf den Tyrannosaurus rex dort ist Lazenby ziemlich stolz.
Er gähnt verstohlen, er ist so erschöpft, dass es weh tut. Es ist halb zwölf vormittags, eine Halle in Landsweiler-Reden, eine halbe Autostunde von Saarbrücken entfernt. Die Halle - oder jedenfalls ihr Inhalt - ist David Lazenbys Werk.
Lazenby, Mitte 40, grauer Bürstenschnitt, freundliche Augen, hat sich schick gemacht für den Tag, so gut es eben ging, schwarzes Hemd, schwarzes Sakko, schwarze Krawatte, leider mit Saucenflecken; vor allem aber betont das Schwarz seine Blässe, als würde er gleich ins Koma fallen, so sieht er aus. Seit Wochen arbeiten sie jeden Tag bis tief in die Nacht, jeden Morgen geht es weiter, sie schuften die Wochenenden hindurch, und die vergangenen drei Nächte haben sie bis fünf Uhr morgens hier gewerkelt - wie lange hält man das durch?
Der Teppich ist nicht geliefert worden, verdammte Teppichfirma. Lieferungen mit Käfern, Schlangen, Skorpionen aus Kunststoff sind verschwunden. Die elektrischen Anschlüsse im Jura funktionieren nicht richtig, und die Mundgeruchsmischung beim T. rex ist zu harmlos, mehr Fäulnis, Verwesung, Blutgeruch muss da rein.
Lazenbys Frau sitzt neben ihm, sie ist eigens angereist aus Yorkshire, England, zu Davids großem Tag - dem bisher wichtigsten Tag seiner Karriere. Das "Praehistorium" ist seine bislang beste Arbeit, acht Stationen auf fast 5000 Quadratmetern, Säle, die die Phasen der Erdgeschichte erzählen, vom Silur vor gut 400 Millionen Jahren bis zur Kreide vor 65 Millionen Jahren. Menschen waren damals nicht in Planung.
Flora und Fauna, vom Winterwald bis zum Riesenfarn, vom T. rex bis zum Käfer, alles ist künstlich, aber irritierend lebensecht, Gerüche und Raumfeuchtigkeit sind eingearbeitet, für Erwachsene vergnüglich, für Kinder großartig. Die künstlichen Bäume kamen aus San Francisco, der T. rex in drei Teilen aus Tokio, 120 Firmen musste Lazenby koordinieren, der T. rex beugt sich schmatzend über das blutige Gedärm aus einem erjagten Triceratops, und dann starrt er drohend den Besucher an; alles zwar nur pneumatisch; aber lebensechter will man's auch gar nicht.
Der Redner ist Davids Chef - der Geschäftsführer der Urzeit-Parks, der Mann, der Investoren, Saurier und 14 Millionen Euro zusammentrieb. Er schlägt jetzt mit der Faust aufs Pult: "Hiermit erkläre ich das Praehistorium für eröffnet!"
Applaus brandet auf. 300 Gäste sind gekommen, Wirtschaft, Politik, Medien, die Saarbrücker Hautevolee, man sitzt unterm riesenhaften Skelett eines Argentinosaurus huinculensis. Unter den Gästen fehlt freilich einer, vielleicht wurde er nicht eingeladen, obwohl er thematisch hergepasst hätte: Oskar Lafontaine, der Velociraptor der Sozialdemokratie, vom Typ her kleiner Raubsaurier mit nunmehr eigener Herde.
Jetzt endlich tritt Gore ans Rednerpult. Er trägt Cowboystiefel und einen altmodischen Anzug, er könnte Statist in einem Sechziger-Jahre-Western sein. Gore, heißt es, nimmt fette Honorare für solche Auftritte; wie viel genau, das ist das bestgehütete Geheimnis an diesem Vormittag.
Nach seiner Wahlniederlage im Jahr 2000 gegen George W. Bush galt Gore als tragischer Verlierer; doch dann entdeckte er die Klimakatastrophe und lizenzierte sie gleichsam. Er machte sich schlau, er machte einen Film. Er gewann einen Oscar, er gewann den Nobelpreis. Seitdem tourt er durch die Welt, fehlt auf keiner Konferenz.
Routiniert wie ein Hollywood-Star fährt Al Gore nun seine Rede ab; die Klima-katastrophe ist unvermeidlich, wir müssen handeln, sofort. Er sagt nichts, was er nicht schon gesagt hätte, aber er sagt es eindringlich. Was vielleicht auch an diesem vormenschlichen Ort liegt.
Gores Rede klingt nirgends so überzeugend wie unter einem Dino-Skelett. Die Mensch- heit beherrscht heute die Welt wie einst die Saurier; von den Sauriern wissen wir, dass sie sich die Erde unterworfen hatten und dennoch untergingen. Und Leute wie Al Gore wollen uns sagen, dass wir untergehen werden, wenn wir uns nicht der Erde unterwerfen. Oder zumindest ihre Regeln respektieren.
Mit jedem seiner Sätze wird dieses Praehistorium aus Kunststoff, Stahl und Farbe zu einem Mahnmal. Sein Schöpfer, Lazenby, sitzt in der dritten Reihe, applaudiert. Er wollte uns die Vergangenheit zeigen und lässt uns in die Zukunft blicken.
Gore spricht eine Stunde lang, am Ende bekommt er Standing Ovations, dann ist die Urzeit-Halle eröffnet. 250 000 zahlende Besucher im Jahr müssen nun kommen, damit sich die Investition amortisiert.
Während die Ehrengäste aufs kalte Buffet zusteuern, verschwindet Gore, abgeschirmt von Polizei und Leibwächtern, im Silur.
Und Lazenby, der ihn führen soll? Kommt nicht hinterher, bleibt an den Sicherheitsleuten hängen, ein schlecht rasierter Mann im zerknitterten Anzug, daran gehindert, dem Retter der Welt die Welt zu erklären. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 52/2008
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