20.12.2008

KAUKASUSDie Last des Friedens

Seit Moskaus Sieg im Fünf-Tage-Krieg ist Südossetien de facto russisches Protektorat. Aber der Kreml steht vor einer Blamage: Hilfsgelder verschwinden, der Präsident gilt als korrupt, soziale Unruhen drohen.
Über den Dächern von Zchinwali hängen dicke Schwaden, als hätte Nebel die Häuser eingehüllt. Aber es ist der Rauch, der aus den Öfen der 27 000 Einwohner kommt. Zentrale Gasversorgung gibt es in Südossetiens Hauptstadt nicht, eine Leitun wird erst kommendes Jahr verlegt.
Schnee und Kälte haben Einzug gehalten in die kleine Kaukasus-Stadt, und so müssen Walentina Tadtajewa und ihre Familie wieder einmal umziehen. "Schon das dritte Mal seit dem Krieg", schimpft die schmale grauhaarige Frau.
In der Nacht zum 8. August, als die Georgier überraschend Südossetien angriffen, die abtrünnige Provinz nordwestlich von Tiflis, rissen drei Artilleriegeschosse das Dach und eine Wand ihres Hauses weg. Walentina, 59, und ihr Mann Pawel, 62, saßen im Keller, dazu die beiden Söhne Alan, 27, und Oleg, 26, sowie Schwiegertochter Asa, 21. "Wir fürchteten um unser Leben", sagt Walentina.
Drei Tage dauerte für die Tadtajews der Krieg. Als die Russen Zchinwali befreiten, zog die Familie zur Schwiegermutter des jüngsten Sohnes um, 14 Menschen hausten in zwei engen Zimmern. Vier Wochen später stellten ihnen die Militärs ein armeegrünes Zelt in den Hof, und die Stadtverwaltung versprach, das beschädigte Haus innerhalb weniger Wochen wieder instand zu setzen. "Bis heute ist jedoch nichts geschehen", klagt Walentina, die Familie muss zu den Verwandten zurück: "Man hat uns vergessen, jetzt wird auch der Frieden zur Last."
Vier Monate ist es her, dass Russland und Georgien Krieg führten um den Zwergstaat, der nur wenig größer ist als Luxemburg und um die 70 000 Einwohner hat; sie lösten damit ein geopolitisches Erdbeben aus. Moskau kam den Südosseten zu Hilfe; mit geballter Militärkraft schlug es die Truppen aus Tiflis zurück und lehrte die Welt, dass Georgien zu seiner Einflusszone gehört. So wurde aus dem Konflikt zwischen Georgiern und Russen einer zwischen Russland und dem Westen.
Was aber hat dieser Sieg Südossetien gebracht, dem bergigen Landstrich, der sich nach der Schlacht für unabhängig erklärte? Dessen Schicksal damals angeblich des Kreml größte Sorge war? Und für den Moskau noch heute über seine Botschaften im Ausland Spenden einsammeln lässt - gedacht für die "Opfer der humanitären Katastrophe in Südossetien"?
Neben Russland hat bislang allein Nicaragua die Separatistenrepublik anerkannt. Ausländische Journalisten dürfen den Sprengel nur in Begleitung von Beamten des Moskauer Außenministeriums bereisen. Selbst der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und der Europäischen Union, die den Waffenstillstand zwischen Russland und Georgien vermittelte, verwehren die Südosseten und ihre Vormacht Russland den Zutritt. Verlässliche Nachrichten dringen deshalb nur spärlich nach draußen.
Umso überraschender war, was dieser Tage bis in russische Zeitungen drang: dass die Republik zu Winterbeginn vor sozialen Unruhen stehe, weil die russische Wiederaufbauhilfe durch die Regierung veruntreut werde, wie der ehemalige südossetische Verteidigungsminister und Chef des Sicherheitsrats, ein russischer Generalleutnant, erklärte; dass Südosseten-Präsident Eduard Kokoity während des Krieges feige geflohen sei; dass Millionen Rubel in den Safes der Nationalbank von Zchinwali fehlten und russische Unternehmer sich weigerten, in Südossetien zu investieren, solange der bullige Separatistenchef dort an der Macht bleibe.
Kokoity, der früher Freistilringer war, sitzt im "Präsidialamt", einem sechsstöckigen Betonklotz aus der Sowjetzeit, er nennt die Kritik in den russischen Zeitungen "bestellt". Bestimmte progeorgische Kräfte in Russland würden versuchen, "Südossetien und dessen Führung in den Augen der Russen zu diskreditieren". Ja, es sei jetzt kalt in Zchinwali, aber "einstweilen wärmt uns die Freude über den Sieg und die Unabhängigkeit", belehrt er seine frierenden Landsleute - in seinem Amtssitz allerdings wurden nach dem Krieg Thermofenster aus der Türkei eingesetzt.
Draußen in der Stadt sind inzwischen zehn Schulen, Kindergärten und das Krankenhaus wieder aufgebaut. In vielen Häusern aber ersetzen noch immer Plastikfolien und Decken die Fensterscheiben. "Wir haben so viel Glas nach Zchinwali gebracht, dass wir die Stadt eigentlich dreimal mit Fenstern ausstatten könnten", zürnte der russische Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu.
Wo Glas und andere Baumaterialien geblieben sind, weiß keiner so genau. Allem Anschein nach gilt das auch für große Teile der russischen Wiederaufbaugelder in Höhe von umgerechnet 350 Millionen Euro. Zwar hat Moskau sicherheitshalber zwei eigene Leute als Premier und Finanzminister nach Zchinwali geschickt. Das schon vor dem Krieg fast ausschließlich mit russischen Haushaltsmitteln gefüllte Budget aber hat Präsident Kokoity zum Staatsgeheimnis erklärt. Er habe sich inzwischen allein mit Vertrauten aus den russischen Regionen Samara und Uljanowsk umgeben und betreibe mit zwielichtigen Firmen "Geldwäsche", wirft ihm sein ehemaliger Sicherheitsberater vor.
Jurij Morosow, der frühere Premier, der nach dem Krieg - angeblich freiwillig - zurückgetreten ist, beklagt Ähnliches: Er rechnet vor, dass unmittelbar vor dem Konflikt 100 Millionen Rubel an Gehaltszahlungen für den Öffentlichen Dienst veruntreut worden seien, rund 2,7 Millionen Euro. Das Geld war vor allem für Südossetiens bewaffnete Milizen bestimmt.
Für Russland ist die Lage fatal: Während in Restgeorgien Kriegsflüchtlinge mit Hilfsgeldern vor allem der EU und der USA in Höhe von 3,4 Milliarden Euro ein neues Dach über dem Kopf bekommen, droht beim Wiederaufbau Südossetiens eine Blamage. Damit würden Russlands Bemühungen Schaden nehmen, sich vor den Völkern des Kaukasus und der Welt als Ordnungsmacht zu präsentieren.
Wenigstens an einer Stelle sieht Zchinwali schon so aus, wie Moskau es gern hätte. In der Stalinstraße 27, gegenüber von Kokoitys Regierungssitz, hat der russische Mobilfunkanbieter Jewroset einen Laden eröffnet. Adrett gekleidete Verkäuferinnen rechnen an Computerkassen ab, zumindest solange der Strom nicht ausfällt. Hier ist es warm, hier glänzen Nokia-Handys und Canon-Fotoapparate in Glasvitrinen: eine Insel der Moderne inmitten einer Stadt, in der die Narben des Krieges an jeder Straßenecke zu sehen sind.
Tag für Tag strömen rund tausend Besucher in den Laden, das wäre auch für ein Geschäft im Moskauer Stadtzentrum ein Erfolg. Nur Handys und Fotoapparate kauft so gut wie niemand. "Die Menschen kommen, weil sie normales Leben sehen wollen", sagt Verkäuferin Irma Alborowa.
Normales Leben? Das von den Russen so umworbene Südossetien hat schon seit den frühen neunziger Jahren keinen guten Ruf, es gilt als Kriminalitäts- und Schmuggel-Hochburg. In einem blutigen Krieg lehnte es sich damals gegen die georgische Zentralmacht auf, es verarmte und war isoliert. Viele Einwohner lebten vom Handel mit unverzolltem Wodka.
Kokoity hatte sich als "Handelsvertreter" der Region in Moskau einen Namen gemacht und dann mit Rückendeckung des Kreml den Sprung an die Spitze der Rebellenrepublik geschafft. Jetzt aber wachsen selbst in Moskau Zweifel, ob er der richtige Mann für die Bergrepublik ist.
Stürzt Südossetien ins Chaos, könnte Russland der ganze instabile und mehrheitlich muslimische Kaukasus entgleiten. In den russischen Teilrepubliken Dagestan und Inguschien kommt es nahezu täglich zu Gefechten mit Untergrundkämpfern. Selbst im christlichen Nordossetien, bisher eine Säule des russischen Imperiums, bemühen sich Gotteskrieger, die muslimische Minderheit gegen die "russischen Okkupanten" zu mobilisieren.
Kokoity regiert sein Revier wie ein Pate. Kritikern lässt er von seinen Sicherheitsleuten die Ausreise nahelegen, Familienangehörige dagegen versorgt er mit Posten im Verwaltungsapparat. Seinen Bruder Robert, in Zchinwali als Pistolero gefürchtet, machte er zum Botschafter im sonnigen Abchasien am Schwarzen Meer.
Sicher, die Osseten sind Russland dankbar, dass es im August den Vormarsch von Präsident Micheil Saakaschwili stoppte und die Wiedereinverleibung der Provinz in den georgischen Staatsverband verhinderte. Kokoitys Regime stehen sie allerdings mit wachsender Skepsis gegenüber.
Der Ossetenführer, der zur Feier des Sieges öffentlich einen Krug mit drei Liter Wein leerte, will seinem Regime jetzt einen zivilisierten Anstrich geben und in Moskau um gut Wetter bitten: Die Stalinstraße, die einzige dieses Namens in einer Landeshauptstadt, soll in "Medwedew-Straße" umbenannt werden.
Aber auch der russische Präsident Dmitrij Medwedew weiß, dass in Südossetien "bei weitem nicht alles glücklich läuft", wie er kürzlich öffentlich einräumte. Um sich international nicht vollends zu isolieren, verzichtete Russland darauf, die eroberte Bergprovinz formal zu annektieren. Die Kehrseite ist: Der Kreml kann Kokoity deswegen nicht mit einem Federstrich entlassen wie jeden anderen Gouverneur. Stattdessen muss er den Kleinstadt-Caudillo wie ein ausländisches Staatsoberhaupt hofieren. Und das, obwohl sich Kokoitys Milizen jüngst sogar Schießereien mit russischen Militärs geliefert haben sollen. In Moskau dämmert vielen, dass Russland Krieg um ein Gebiet geführt hat, das im Grunde nicht nur bedeutungslos ist, sondern auch noch eine Führung besitzt, die so unberechenbar ist wie Saakaschwili.
In Zchinwali packen Walentina Tadtajewa und ihre Söhne die Habseligkeiten, die ihnen geblieben sind: Bettdecken, einen Teekessel, Besteck, Familienfotos. Auch ein Korb mit Äpfeln wird mit zu den Verwandten umziehen. Sie stammen aus Kechwi, einem der georgischen Dörfer, die es bis zum Krieg auf südossetischem Gebiet gab, die dann aber "plattgemacht" wurden (Kokoity) und heute verlassen und niedergebrannt sind. "Wir haben die Äpfel nach dem Krieg gepflückt, wir hatten ja sonst nicht viel", erklärt Walentina.
Sie erinnert sich an die Zeit, als noch Georgier auf dem Markt von Zchinwali standen und ihr Obst verkauften. "Das ist irgendwie schon lange her", sagt sie, "auch der Markt ist jetzt zerbombt."
UWE KLUSSMANN, WLADIMIR PYLJOW,
MATTHIAS SCHEPP
Von Uwe Klussmann, Wladimir Pyljow und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 52/2008
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