20.12.2008

TitelDer gemeinsame Vater

Juden, Christen und Muslime nehmen ihn in ihre Gebete auf, jede der drei Religionen reklamiert ihn für sich. Wer war dieser Abraham, den Gott zu seinem ersten Jünger erkor - und der jetzt im Streit der Kulturen als biblische Figur der Versöhnung dienen soll?
Der jüdische Kalender zeigte den Monat Ijar des Jahres 5727 an, als im Heiligen Land ein Feldzug geführt wurde, den die Sieger später Sechs-Tage-Krieg nannten. In jener Woche, die der weltliche Kalender als den 5. bis 10. Juni 1967 ausweist, fühlte sich Israel an das Sechs-Tage-Wunder der biblischen Schöpfungsgeschichte erinnert.
Am Anfang herrschte ein großes Tohuwabohu. Ägyptens Präsident Gamal Abd al-Nasser hatte sich mit Syrien und Jordanien verbündet und bedrohte den jüdischen Staat. Am Ende der Woche aber, nachdem die israelische Armee ein Territorium erobert hatte, das zweimal so groß war wie das ursprüngliche Staatsgebiet, wähnte sich so mancher Jude an der Schwelle zum Paradies. Von "göttlicher Vorsehung" sprachen fromme Juden und vom Beginn des "messianischen Zeitalters".
Der Messias, der den jüdischen Staat von seinen Existenzängsten erlöste, trug eine Augenklappe und eine Khaki-Uniform, die über dem Bauch etwas spannte: Sein Name war Mosche Dajan. Mit einem Präventivschlag gegen die ägyptische Luftwaffe zwang der General die feindlichen arabischen Heere in die Knie. Er errang einen der spektakulärsten Siege in der an Schlachten nicht armen Geschichte des jüdischen Volkes.
Obwohl Dajan kein gläubiger Jude war, bewegte ihn eine geradezu biblische Mission: "Ich wollte die Vergangenheit, die unter Ruinen und Hügeln verborgen liegt, zum Leben erwecken - das Israel unserer Erzväter, Richter, Könige und Propheten."
So war die Einnahme des Westjordanlands mehr als nur ein strategischer Landgewinn. Für viele Juden kam sie der Rückkehr in ihre biblische Heimat Judäa und Samaria gleich.
Nur wenige Stunden nach der Einnahme Ost-Jerusalems rückten die Panzer 30 Kilometer weiter südlich auf die arabische Ortschaft Hebron vor. An Symbolkraft steht dieser Ort der Heiligen Stadt in nichts nach.
Von der Hügelkette, die sich rings um Hebron zieht, konnte Dajan sein Ziel klar erkennen: einen Monumentalbau, hoch wie ein fünfstöckiges Wohnhaus, der sich über die Fläche eines halben Fußballfelds erstreckt. Mächtige Sandsteinquader leuchten golden im Licht der Sonne. Die meterdicken Blöcke ähneln, nicht zufällig, denen der Klagemauer in Jerusalem. Beide Heiligtümer wurden vom selben Bauherrn in Auftrag gegeben: dem jüdischen König Herodes, der um die Zeitenwende als Vasall Roms Palästina regierte.
Eingebettet in ein Tal mit jahrhundertealten Olivenhainen, setzte Herodes der Große im Herzen Hebrons jenem Mann ein Denkmal, dessen Geschichte die Menschheit bis heute in ihren Bann zieht, dessen Glauben und Denken über alle Epochen hinweg Künstler, Philosophen und Politiker fasziniert. In dessen Namen Kriege geführt und Frieden gesucht wurde.
Hinter Hebrons mächtigen Mauern ruht für viele der biblische Urvater Abraham. Der wohl erste Mensch, der an den Einen Gott glaubte. Der Vorfahr der Propheten Mose, Jesus und Mohammed. Der Stammvater der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. "Gepriesen seist Du, Herr, Schild Abrahams", heißt es im Schacharit, dem Morgengebet der Juden. Das Abendgebet der Christen endet mit dem Dank an Gott für dessen Gnade gegenüber "Abraham und seinen Nachkommen auf ewig". Fünfmal am Tag beten die Muslime für Ibrahim, wie Abraham auf Arabisch heißt: "Oh, Gott, segne Mohammed und seine Nachfolger, wie Du Ibrahim und seine Nachfolger gesegnet hast."
Drei Religionen, ein Urvater. Das konnte nicht gutgehen. Das Grabmal ist getränkt mit dem Blut von Anhängern der monotheistischen Glaubensrichtungen.
Erst wurden die Juden von den Römern verjagt, die Hebron bis auf das Grabmal niederbrannten und das Christentum später zur Staatsreligion erhoben. 638 nahmen dann die Muslime unter Kalif Omar die Stadt ein und errichteten innerhalb der Mauern eine Moschee. 1099 steckte der Kreuzfahrer Gottfried von Bouillon seine Fahne mit dem roten Kreuz auf weißem Grund auf den Herodes-Bau. Zum Zeichen ihrer Verehrung gaben die christlichen Krieger der Stadt den Namen Abraham. Inmitten des Grabmals errichteten sie ein Kirchenschiff, dessen Dach bis heute über die Mauern hinausragt.
Nach der Wiedereroberung Hebrons durch muslimische Sultane war der Ort tabu für Juden und Christen. Demonstrativ setzten die Mamluken vor 700 Jahren dem Herodes-Bau zwei kantige Minarette auf. Von dort rief der Muezzin die Gläubigen zum Gebet in die "Ibrahim-Moschee".
Fromme Juden konnten nicht einmal in der Nähe ihres Stammvaters unbehelligt siedeln: 1929 stürmte ein Mob die Häuser und Synagogen der kleinen jüdischen Gemeinde, die trotz aller Anfeindungen in der Nähe des Grabmals lebte. Aufgestachelt von ihrem geistlichen Führer, metzelten die arabischen Fanatiker 67 Juden nieder.
Auch die Muslime von Hebron haben ihre Märtyrer - bis in die jüngste Zeit: 1994 drang der jüdische Siedler Baruch Goldstein in die Ibrahim-Moschee ein. Mit einem Sturmgewehr mähte er 29 Gläubige nieder, die sich zum Gebet am Schrein Abrahams versammelt hatten. 150 weitere Palästinenser wurden verletzt.
Hebron heute, das ist eine Stadt im permanenten Ausnahmezustand.
Hier leben wenige hundert israelische Siedler unter rund 170 000 Palästinensern. Kaum eine Siedlergruppe im Westjordanland ist radikaler als die der Juden von Hebron. Erst im Dezember kam es zu schweren Ausschreitungen, als ein von ihnen besetztes Gebäude geräumt wurde, das sie angeblich legal erworben hatten. Aus Protest gegen die Evakuierung zündeten Extremisten mehrere palästinensische Häuser und Moscheen an, sprühten "Mohammed ist ein Schwein" auf Häuserwände.
Nicht nur der Nahe Osten, die gesamte Welt ist bis heute geprägt vom Streit der drei monotheistischen Religionen. Al-Qaida führt Abraham sogar als Alibi für den Krieg gegen den Westen an. Ausdrücklich begründete der Anführer bei den Anschlägen vom 11. September 2001, Mohammed Atta, seine Tat mit dessen Erbe. Alle Muslime sollten sich "zu meinem Andenken" verhalten, schrieb der Terrorpilot in sein Testament, und zwar "nach dem Vorbild Abrahams, der seinem Sohn auftrug, als guter Muslim zu sterben".
Ebendiesen Abraham, den "ältesten Streitfall der Glaubensgeschichte", so der Mainzer Religionswissenschaftler Thomas Hieke, entdecken immer mehr Gläubige als neuen Friedensstifter. Ausgerechnet in dieser Konfliktfigur sehen Vordenker unter den mehr als drei Milliarden Juden, Christen und Muslimen die vielleicht größte Chance, den Zusammenprall der Zivilisationen abzuwenden. Selbst eher zurückhaltende Theologen wie der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann schreiben Abraham eine wachsende "politische Bedeutung" zu "für den Frieden in der Welt".
Die neue Heilsbotschaft ist so überzeugend wie revolutionär. Anstatt die Geschichte des Urvaters exklusiv für den eigenen Glauben zu deuten, fordern liberale Juden und Christen, aber auch aufgeschlossene Muslime die Besinnung auf das Verbindende in der Abraham-Geschichte. "Abrahamische Ökumene" heißt für den Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel das Zauberwort. Der Professor, dessen Abraham-Bücher heimliche Bestseller sind, kann es auch plakativer formulieren: "Abraham ist der kostbarste Schatz unserer gemeinsamen Religionsgeschichte."
Als wären sie plötzlich alle Nathan der Weise, erkennen Führer aller drei Religionen, dass sie in Abraham mehr gemeinsam haben, als den meisten Gläubigen im Westen gegenwärtig ist. Heute verweist sogar Papst Benedikt XVI. auf die Chance, die sich den Religionen in der Gestalt des Mannes aus Mesopotamien dar-in bietet, "ihre Abstammung auf Abraham zurückzuführen". Diese "menschliche und geistige Einheit in unseren Ursprüngen und unserer Bestimmung", erklärte das Oberhaupt der katholischen Kirche während eines Türkei-Besuchs vor frommen Muslimen, fordere die Gottgläubigen heraus, "einen gemeinsamen Weg zu suchen". So tagte im November in Rom ein neugegründetes "Katholisch-Muslimisches Forum", um den interreligiösen Dialog zu befördern.
Auch im Judentum wird die Klage laut, dass Abraham als gemeinsamer Vater verlorenging. Juden, Christen und Muslime seien doch alle "Bnei Avraham" - Söhne Abrahams -, sagt der israelische Oberrabbiner Jona Metzger. "Wie jeder Vater würde Abraham erwarten, dass sich seine Söhne an einen Tisch setzen, anstatt sich gegenseitig umzubringen." Wann immer Metzger es schafft, reist er zu interreligiösen Konferenzen.
Unter den sunnitischen Muslimen, die mit mehr als einer Milliarde die Mehrzahl ihrer Religionsgemeinschaft stellen, gehört der jordanische Prinz Hassan Bin Talal zu den einflussreichsten Förderern eines neuen Abraham-Bildes. Auch wenn Hassans Neffe Abdullah II. mit Jordanien nur ein kleines Reich regiert, reicht der Einfluss der Königsfamilie über die Grenzen des Landes hinaus. Ihr Ansehen verdanken die Haschemiten ihrer direkten Abstammung vom Propheten Mohammed. Prinz Hassans "Königliches Institut für interreligiöse Studien" macht es sich zur Aufgabe, "den hässlichen Ballast der Vergangenheit abzuwerfen und uns der gemeinsamen Werte Abrahams zu erinnern".
Sogar in Regionen, die nicht gerade für ihre Aufgeschlossenheit bekannt sind, findet eine Besinnung auf die Gemeinsamkeiten der Religionen Gehör. So erklingen aus dem fundamentalistischen Iran, mit seinen fast 65 Millionen Schiiten mächtiger Wortführer der zweiten großen islamischen Konfession, moderate Töne. Zu den prominentesten Vertretern eines Dialogs im Namen Abrahams gehört der frühere Präsident Mohammed Chatami. Die "abrahamischen Religionen", so der hohe Religionsgelehrte, besäßen "die gleiche Wurzel" und "eine einzige Substanz", die es zu nutzen gelte.
Es ist ja wahr, dass Abraham in allen drei Religionen eine zentrale Rolle spielt. "Avraham Avinu" nennen die Juden den Patriarchen voller Ehrfurcht: "Unser Vater Abraham". Denn ihm gab Gott - nach jüdischer Lesart - ein doppeltes Versprechen, ohne das es weder das "auserwählte Volk" noch den Staat Israel gäbe. "Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkommen", heißt es im 1. Buch Mose, auch Genesis genannt, mit dem die Bibel beginnt.
Außer einer großen Zukunft schenkt Gott Abraham auch eine neue Heimat: "Dir und deinen Nachkommen gebe ich ganz Kanaan." Jair Zakovitch, Bibelwissenschaftler an der Hebräischen Universität in Jerusalem, sieht in Abraham daher "den ersten Zionisten". Dass viele Juden diese Bibelstelle heute wie eine Eintragung ins Grundbuch Palästinas lesen, ist einer der Gründe für den Dauerkrieg zwischen Israelis und Palästinensern.
Auch die Christen nennen den Mann aus Mesopotamien ihr Eigen: "Dies ist das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams." So beginnt das Neue Testament. Deutlicher lässt sich der Anspruch auf Abraham nicht formulieren. Wie der Evangelist Matthäus in akribischer Genealogie aufführt, ist der Zimmermannssohn Jesus ein vielfacher Abkömmling Abrahams. Ohne die Familiengründung des Urvaters also keine Geburt Jesu. "Ihr Söhne aus dem Geschlecht Abrahams und ihr Gottesfürchtigen", heißt es in der katholischen Weihnachtsliturgie, "uns wurde das Wort dieses Heils gesandt."
Der Prophet Mohammed steht dem Messias der Christen nicht nach. Auch er ist laut seinem Biografen Ibn Ishaq ein direkter Nachfahre des Urvaters. In "Ibrahim" sehen die Anhänger des Islam einen ihrer Stammväter. Im Koran beziehen sich rund 245 Verse in 25 Suren auf ihn. "Millat Ibrahim" sei der Islam, heißt es im heiligen Buch der Muslime: "Religion Abrahams".
Doch was wissen wir eigentlich über diesen Vater der drei Religionen? War er wirklich ein reicher Karawanen-Kaufmann und Eselszüchter, der im zweiten Jahrtausend vor Christus den "fruchtbaren Halbmond" durchzog? So sah ihn William Albright, der im vergangenen Jahrhundert die moderne Bibel-Archäologie begründete. Oder hat es den legendären Urvater vielleicht nie gegeben? "Abraham ist nicht zu beweisen", sagt der Archäologe Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv.
Nach den Angaben der heiligen Schriften war Abraham ein wahrer Supermann. Mehr als tausend Kilometer brachte er hinter sich. Wenn er Glück hatte, saß er auf einem Kamel, meistens war er zu Fuß unterwegs und vollbrachte dabei Taten, die reif wären für ein biblisches Guinness-Buch. So war Abraham ein großer Erfinder, dem die damalige Landwirtschaft die Sämaschine zu verdanken hat; als Architekt von Gottes Gnaden erbaute er die Kaaba in Mekka; als berühmter Astrologe konnte er am Stand der Sterne ablesen, wann der nächste Regen fallen würde. Weil er die Götzenbilder zerstörte, von deren Verkauf sein Vater lebte, sollte er den Feuertod sterben - doch die Flammen konnten ihm nichts anhaben.
"Keine andere Figur in den drei monotheistischen Religionen", sagt der Experte Kuschel, "muss so viele Prüfungen bestehen und wird hin- und hergerissen zwischen unglaublichen Verheißungen und bittersten Enttäuschungen." Die Story vom Abraham-Clan enthält alles, was heute im Fernsehen einen Quotenhit auszeichnet: Sex und Gewalt, Lug und Trug, Neid und Eifersucht.
Dabei fing sein Leben erst mit 75 Jahren richtig an. 800 Kilometer hatte der Alte da schon hinter sich gebracht, er war aus seiner Heimatstadt Ur im Süden des heutigen Irak nach Haran im Südosten der Türkei gezogen und dort hängengeblieben, bis Gott ihm Beine machte: "Zieh weg aus deinem Land von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde." Zur Belohnung sollte es endlich mit dem Nachwuchs klappen, den Abraham und seine Frau Sara längst abgeschrieben hatten.
Weil Gott sich mit der Einlösung seines Versprechens Zeit lässt, setzt das Paar auf die Leihmutterschaft, ein schon zu biblischen Zeiten praktiziertes Verfahren. Die Ägypterin Hagar, Saras Dienerin, schenkt Abraham den Sohn Ismael ("Gott hört"), und damit geht der Ärger los.
Denn dass Gott dem Kleinen eine steile Karriere verspricht ("Ich mache ihn zu einem großen Volk"), steigt Hagar zu Kopf und treibt Sara auf die Palme. Um seine Ehe zu retten, soll Abraham die Nebenfrau samt Sprössling in die Wüste schicken - und damit in den so gut wie sicheren Tod. Abraham findet sich damit ab, hat er doch endlich mit seiner Frau Sara, auch schon 90, den ersehnten Sohn bekommen. "Gott ließ mich lachen", freut sich die späte Mutter und nennt ihren Sohn Isaak, hebräisch Jizchak, in Anlehnung an das Wort "lachen".
Aber ausgerechnet dem schwergeprüften Abraham, auch er bereits weit über hundert Jahre alt, verlangt Gott die härteste Glaubensprüfung ab. Er soll seinen Sohn Isaak als Brandopfer darbringen.
Gehorsam zieht Abraham los, den Berg Morija hinauf, den Juden, Christen und Muslime in der heutigen Jerusalemer Altstadt verorten. Die Spitze des Felsens, auf dem er seinen Isaak töten soll, wurde laut Bibel später zum Standort des ersten jüdischen Tempels. Hier, so heißt es, fesselte Abraham seinen Sohn auf das Feuerholz, "streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten". Erst in letzter Sekunde stoppt ihn "der Engel des Herrn".
Der Opfergang war nur ein Test. Solche Gläubigen braucht das Land, mag Gott gedacht haben und erneuerte sein Versprechen: "dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand". "In Abraham hat Gottergebenheit ein Gesicht bekommen", sagt der Alttestamentler Hermann Spieckermann aus Hannover.
Ist das vorbildlich? Immanuel Kant verurteilte Abrahams Gott, der mit der Opferung des Sohnes etwas zutiefst Unanständiges verlange. Auch Gott, so Kant, müsse den Maßstäben der Sittlichkeit entsprechen. Der Däne Søren Kierkegaard wiederum kritisierte dafür den deutschen Aufklärer: Der habe nicht verstanden, so schrieb er in seinem Werk "Furcht und Zittern", dass Gott nicht auf menschlich-moralische Kategorien beschränkt werden dürfe.
Ob die Story eigentlich historisch stimmte, interessierte weder Kant noch Kierkegaard. Doch was ist wahr an der Geschichte des Abraham, wie weit können wir den heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime überhaupt Glauben schenken?
Manche Experten behaupten, es ganz genau zu wissen. Mit Hilfe der Altersangaben der Bibel und den Regierungszeiten berühmter Könige datieren sie Abrahams Geburt auf 2166 vor Christus. Ausgangspunkt für die Rechnung ist der Feldzug des Pharaos Schischak, der im fünften Regierungsjahr des Königs Rehabeam von Juda aus gegen Jerusalem zog. Dieser Krieg im Jahr 926 sei, sagt der Bamberger Alttestamentler Klaus Bieberstein, das "früheste innerbiblisch und außerbiblisch zugleich sicher datierbare Ereignis der Geschichte Israels".
Der Rest ist reines Rückwärtsrechnen: 480 Jahre vor dem Beginn des salomonischen Tempelbaus (966) endete die Sklavenzeit der Juden in Ägypten. Das Exil
im Pharaonenland dauerte 430 Jahre und begann mit Jakob, dem Enkel, und Josef, dem Urenkel Abrahams. Weil die Bibel Abrahams Stammbaum mit genauen Altersangaben versieht, landet man schließlich im Jahr 2166 vor Christus.
Diese Angaben füllen noch immer ungezählte Bücher. Daran glauben aber heute nur noch jüdische Traditionalisten und christliche Evangelikale, die auch davon überzeugt sind, dass Abraham tatsächlich erst im hohen Alter von "hundertfünfundsiebzig Jahren" starb, "betagt und lebenssatt", wie es im 1. Buch Mose, Kapitel 25, heißt. Die moderne Forschung indes erklärt die enormen Lebensspannen von Abraham & Co. mit einem Kunstgriff. Das "biblische" Alter soll die Bedeutung des Erzvaters unterstreichen.
Den Beleg für eine historisch verbürgte Existenz Abrahams glaubten die italienischen Professoren Paolo Matthiae und Giovanni Pettinato in den siebziger Jahren gefunden zu haben. Bei der Freilegung des "Tall Mardich", eines Hügels im Norden Syriens, stießen sie auf eine vollständig erhaltene Bibliothek mit über 14 000 Tontafeln.
Nach ersten Übersetzungen wurde klar, dass es sich bei dem Ort um das sagenumwobene Ebla handelt, das zwischen 2400 und 1600 vor Christus florierte. In einer bislang unbekannten semitischen Sprache war zum Beispiel die Rede von "Ischmail". Ein Beweis für die Existenz Ismaels? Einen König "Ebrum" wollten die italienischen Forscher als "Eber", den Ururururgroßvater Abrahams, identifiziert haben.
Zumindest jüdische und christliche Fundamentalisten jubelten. In den Funden sahen sie den Beweis, dass die Bibel kein Buch der Geschichten, sondern ein Geschichtsbuch ist. Und manche sehen es bis heute so - obgleich die Wissenschaft die Theorie inzwischen mit Distanz betrachtet.
Denn die Personennamen waren seinerzeit ziemlich weit verbreitet. Ähnlichkeiten zu Figuren aus dem biblischen Umfeld des Urvaters hielten einer genauen Überprüfung nicht stand. Aus akkadischen Keilschriften des 19. Jahrhunderts vor Christus mit der Zeichenfolge "A-ba-am-ra-ma" oder "A-ba-ra-ma" den Namen Abraham und dessen Existenz herzuleiten, hält der Theologe Hieke für "höchst problematisch".
Atheisten haben dennoch keinen Grund zur Schadenfreude. Aus dem Grenzbereich zwischen Theologie und Archäologie, zwischen Glauben und Wissen, schimmert durchaus die Existenz eines Abraham auf. Seriöse Bibel-Archäologen wie Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft in Jerusalem, glauben allerdings, der Urvater gehöre in eine jüngere Epoche: Die in der Bibel geschilderten Verhältnisse seien typisch für die Zeit um 1100 vor Christus. Vieweger: "So wie Abraham umherzieht als Nomade, um dann sesshaft zu werden, haben tatsächlich zu jener Zeit Kleinviehnomaden gelebt. Sie wurden zwischen 1200 und 1000 im Bergland westlich des Jordans in kleinen Siedlungen sesshaft."
Darauf deuten nicht nur Viewegers eigene Grabungen in "Tall Zeraa" nahe der israelisch-jordanischen Grenze hin. In Nuzi, einem Dorf am Ufer des Tigris im Nord-irak, fanden Altertumsforscher rund 20 000 Tontafeln in Keilschrift. Die Scherben aus der Zeit um 1400 vor Christus offenbaren eine Lebensweise, wie sie die Bibel auch Abraham zuschreibt. Die gefundenen Verträge und Urkunden belegen etwa, dass Männer ein Kind mit ihrer Magd zeugen konnten, wenn die eigene Ehefrau nicht schwanger wurde. Die Menage à trois Abrahams mit Sara und Hagar ist demnach kein Phantasieprodukt. Der Urvater ist, sagt nicht nur Vieweger, eine "durchaus historische Gestalt, nicht erfunden, aber im Laufe der Zeit sehr ausgeschmückt".
Während der halbe Nahe Osten auf der Suche nach Abraham umgegraben wurde, blieb das Grabmal des Urvaters von der Wissenschaft nahezu unberührt. Auch der Hobby-Archäologe Mosche Dajan konnte das Geheimnis der "Machpela" nicht lüften. Die "Doppel"-Höhle in Hebron, so die Übersetzung, wird im Alten Testament viermal erwähnt. Seite an Seite mit dem Patriarchen ruhen hier laut Bibel dessen Frau Sara, der gemeinsame Sohn Isaak mit seiner Frau Rebekka sowie Abrahams Enkel Jakob mit seiner Frau Lea.
Die Höhle liegt unter einem schweren Steinboden. Die einzige Verbindung nach unten befindet sich an der nördlichen Seite der zentralen "Isaak"-Halle: ein kreisrundes Loch von 28 Zentimeter Durchmesser, eingefasst von einem achteckigen Sandstein, gerade groß genug, um eine Lampe in den Raum darunter hängen zu lassen, wie es die Muslime seit Jahrhunderten zu tun pflegten. Viel zu klein, als dass sich ein Erwachsener hätte hindurchzwängen können.
Getrieben von brennender Neugier nimmt Dajan einen befreundeten Offizier in die Pflicht - und dessen Tochter Michal, gerade 13 Jahre alt, erlebt das größte Abenteuer ihres Lebens. In der Nacht auf den 10. Oktober 1968 wird das schlanke Mädchen mit den langen schwarzen Haaren in eine Decke gewickelt und heimlich in die Gebetshalle getragen. Mit einem dünnen Seil um den Bauch schlängelt sie sich durch die kleine Öffnung, wird langsam in die Tiefe hinabgelassen.
"Es war sehr eng, selbst für mich", sagt Michal Arbel heute, "ich hatte Angst zu ersticken." Sie sitzt im Wohnzimmer ihres Stadthauses im schicken Norden von Tel Aviv, serviert Cappuccino und erinnert sich an die Nacht vor 40 Jahren.
Ausgerüstet mit Kladde, Bleistift und einer Kamera, schwebt die junge Michal etwa fünf Meter nach unten, dann steht sie auf dem Boden einer Kammer. An der einen Wand entdeckt sie drei Grabsteine. Auf der anderen Seite befindet sich eine kleine viereckige Öffnung. Michal kriecht hindurch und krabbelt durch einen niedrigen Gang, der zu einer Steintreppe führt. 15 Stufen zählt sie, dann versperren ihr Steine den Weg. Sie klopft an die Decke und hört, wie die Männer ihr antworten. Dann krabbelt sie zurück zur Öffnung und wird nach oben gezogen.
Michals Vater ist froh, seine Tochter wieder in die Arme schließen zu können. Dajan aber ist enttäuscht, dass dieses Mädchen nicht mehr findet als ein paar Zettel und Münzen, die Gläubige irgendwann durch die Öffnung geworfen haben. Trotzdem sei er sicher, schreibt Dajan später in seinem Buch "Leben mit der Bibel", dass Michals Aktion "einmal mit Stolz in den Chroniken Israels verzeichnet wird".
Einen zweiten Eingang in den Untergrund findet 1981 ein Trupp jüdischer Siedler. Im Monat vor dem jüdischen Neujahrsfest versammeln sie sich wie gewöhnlich zum Mitternachtsgottesdienst. Während ein Teil der Gruppe religiöse Gesänge anstimmt, um die muslimischen Wächter abzulenken, schieben die anderen am südlichen Ende der Halle die islamischen Gebetsteppiche zur Seite. Aufgrund der Aufzeichnungen von Michal Arbel vermuten sie, dass darunter ein verschlossener Zugang zum Grab verborgen ist. Und tatsächlich kommt ein großer Steinquader zum Vorschein, eingefasst von alten Metallbügeln. Mit einem Stemmeisen heben sie die Platte hoch. Sie gibt den Blick frei auf die Steintreppe.
Gebückt gehen die Israelis durch den Korridor in den Raum mit der kleinen Öffnung in der Decke, durch die Michal hinabgelassen worden war. Von irgendwoher spüren sie einen leichten Luftzug, aber er kommt nicht von dem Loch oben, sondern aus dem Boden. Tatsächlich, die Steine lassen sich anheben. Die Siedler steigen durch die Öffnung, hocken nun in einem Raum mit nackten Felswänden. Daneben entdecken sie eine zweite, kleinere Höhle.
Die Männer hatten die Doppelhöhle von Machpela gefunden, über der Herodes einst das Heiligtum erbauen ließ. "Wir konnten unseren Herzschlag hören", erzählt Noam Arnon, 46, der heute als jüdischer Siedler in Hebron lebt. Es gab in seinem Leben keinen bewegenderen Augenblick: "Für ein paar Momente waren wir vereint wie Söhne mit ihrem Vater."
Die heimliche Operation blieb den Muslimen nicht lange verborgen, auch die israelische Antikenbehörde schreckte auf. Ihr Chef, Seev Jevin, reiste nach Hebron. Ein letztes Mal wurden die Gebetsteppiche beiseitegeräumt, für eine staatliche Inspektion. Dann versiegelten die Israelis den Abgang. Nicht schlimm, sagt der 82-jährige Jevin heute, denn "es gibt keinerlei Beweise, dass Abraham dort begraben wurde".
Wie aber konnte ein lokaler Nomadenführer so sehr im Gedächtnis der Menschheit bleiben? Wer die Entstehung des Mythos Abraham verstehen will, muss tief in die Historie des Volkes Israel eintauchen. Denn die Abraham-Vita ist zugleich die Geschichte des jüdischen Volkes. Als König David um das Jahr 1000 vor Christus die hebräischen Stämme einte und Jerusalem zum Regierungs- und Kultzentrum aufstieg, gab es die Heilige Schrift noch nicht. Die Beziehung zu Gott bedurfte nicht des Umwegs über alte Geschichten. Es gab schließlich einen Ort, wo Gott geehrt wurde: den Tempel, den Davids Sohn Salomo in Jerusalem bauen ließ.
Es war dann ein Unglück, das Abraham zur Kultfigur erhob. Im Jahr 587 vor Christus fiel König Nebukadnezar II. über Jerusalem her und zerstörte den Tempel. Etwa 20 000 Judäer marschierten nach Babylon ins Exil. In der Fremde, ihres Heiligtums beraubt, stürzte so mancher in eine tiefe Glaubenskrise. Wie konnten sie ohne ihren Tempel gute Juden sein? Wie sollten sie Gott nahekommen ohne Kultstätte?
Um den Abfall von Gott zu verhindern, diktierten die Jerusalemer Tempelpriester eine Kulturrevolution von oben: Sie lösten die Beziehung zwischen Gott und Mensch von der Bindung an einen festen Ort. Wer fortan ein guter Gläubiger sein wollte, der brauchte, statt des Tempels, Gesetzestreue und Glaubensstärke. Um die neue Theologie ihren Anhängern nahezubringen, griffen die Priester auf Geschichten zurück, die teilweise schon aufgeschrieben waren und Helden hatten.
Mose war der eine große Held. Ihn ließen die jüdischen Dramaturgen auf den Berg Sinai steigen, um von Gott die Zehn Gebote in Empfang zu nehmen. Abraham war der andere Held. Ihn machten sie zum Symbol für bedingungsloses Gottvertrauen - durch eine der dramatischsten Szenen der ganzen Bibel, der Beinahe-Opferung des eigenen Sohnes.
Die Bibelautoren beschreiben mit seinem Schicksal auch, welche Zukunft sie sich für ihr gepeinigtes Volk wünschen: die Rückkehr in die alte Heimat Kanaan, die dann unverbrüchlich ihr Eigen sein wird. Wie ließe sich das besser dokumentieren, als Abraham vom Nomaden zum Grundbesitzer aufsteigen zu lassen?
Um den immerwährenden Anspruch auf das Land festzuschreiben, erwirbt Abraham von dem Hetiter Efron in Hebron die Höhle von Machpela zum Preis von "vierhundert Silberstücken". Hier will Abraham seine Sara bestatten, hier will er später selbst ruhen. Das ist die Botschaft der Bibelverfasser an ihr Volk im Exil: So, wie die Frau des Patriarchen in Hebron ihre letzte Ruhe findet, sollen die Juden im Land Kanaan sesshaft werden. "Die Verstaatlichung einer Familiengeschichte" nennt das der Göttinger Alttestamentler Reinhard Kratz.
Um Abraham historische Größe zu geben, schrieben sie ihm nicht nur allerlei Heldentaten zu, sondern verlegten ihn auch weit in die Vergangenheit. In einer Zeit, in der ein Leben zumeist wenige Jahrzehnte währte, in der viele Kinder kaum je ihre Großeltern kennenlernten, schrieben die jüdischen Religionsführer ihrem Abraham einen unvorstellbar großen Stammbaum zu - damit sich auch wirklich jeder Jude auf ihn berufen konnte. So wurde aus einem Clan-Führer der Urvater.
Beim Entwurf der Heldengeschichte Abrahams machten die frommen Schreiber allerdings so manchen Fehler. So tauchen in Abrahams Leben Dinge, Orte und Völker auf, die es in der ihm zugeschriebenen Urzeit noch gar nicht gab.
Ein Klassiker ist die Sache mit den Kamelen, auf denen er angeblich ritt. Für die heutige Forschung ist klar, dass die Höckertiere erst um 1000 vor Christus domestiziert waren und als Lastenträger erst weit danach benutzt wurden. Den Bruch erklärt die Wissenschaft heute so schlicht wie überzeugend: Für die Autoren der Abraham-Geschichte waren Kamele als Nutztiere selbstverständlich. Einen Alltag ohne die Lastentiere konnten sie sich bei aller Phantasie nicht vorstellen.
Das Copyright auf Abraham steht allerdings nicht allein den Priestern im Babylonischen Exil zu, sie gaben der Story nur die politische Bedeutung. Viele Teile, sogar ganze Kapitel, lagen bereits vor, zusammengetragen über Jahrhunderte. Wenn ein Werk die Auszeichnung als erster Fortsetzungsroman der Literaturgeschichte verdient, dann sind es die fünf Bücher Mose.
Der Erste, der den Kompositionscode der Bibel knackte, war ein Theologe, der unter Magengeschwüren litt und - wie zunächst auch Abraham - kinderlos blieb. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zog sich der Deutsche Julius Wellhausen den Zorn des frommen Kirchenvolks zu, weil er mit den Methoden der Textkritik die Heilige Schrift sezierte - als wäre sie irgendein Roman. Mit Hilfe von Wortanalysen und Stilvergleichen identifizierte der protestantische Theologe verschiedene Schreibschulen, die zu unterschiedlichen Zeiten und Orten an dem Gesamtwerk gearbeitet hatten.
Die beiden ältesten Schulen stammen aus der Zeit, als die hebräischen Stämme noch in zwei Reichen lebten, nördlich und südlich von Jerusalem. Das Nordreich nannte sich Israel, das Südreich Juda. In beiden Gebieten beteten die Gläubigen zu dem Einen Gott. Nur: Die im Norden nannten ihn "Elohim" - was schlicht "Gott" heißt. Daher wird das Werk der nördlichen Bibelautoren "Elohist" genannt. Im Süden waren sie einen Schritt weiter. Dort gaben die Gläubigen Gott bereits einen Eigennamen. Sie beteten zu "Jahwe", zu Deutsch: Ich bin, der ich bin. "Jahwist" heißen daher die Schriftstücke der Autoren aus diesem Gebiet.
Erst als die Israeliten aus dem Norden Ende des 8. Jahrhunderts vor Christus, nach der Zerstörung ihres Reichs durch die Assyrer, in Scharen nach Jerusalem flohen, verschmolzen auch die Texte beider Schulen. Eine dritte Schule waren schließlich die Priester des Babylonischen Exils. Sie polierten das Ganze kräftig auf und verpassten den Büchern den großen Spannungsbogen. Etwa ein halbes Jahrtausend verging zwischen den ältesten und den jüngsten Texten.
Die dramaturgische Grundfunktion Abrahams ist bei allen Bibelautoren gleich: Der Alte aus Ur glaubt als erster Mensch an nur einen Gott. Ob spätes Vaterglück oder Opferszene: Abrahams Schicksal soll den Gläubigen erklären, dass dieser Gott ihnen am Ende immer zu Hilfe eilt - auch wenn es manchmal etwas länger dauert.
Wem allerdings Gottes Segen versprochen wird, hängt sehr von den Interessen der jeweiligen Autoren ab. In den frühen Texten, als das Volk Israels unter David und Salomo zu voller Blüte kommt, kümmert sich Gott durch Abraham großzügig um die gesamte Menschheit: "Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen."
Doch nach der Zerstörung des Tempels und dem Marsch ins Babylonische Exil igeln sich die Tora-Texter ein. Isaak wird zum Begründer des auserwählten Volkes. Zum Zeichen dieses Bundes ließ Gott Abraham bluten: "Abraham war neunundneunzig Jahre alt, als er am Fleisch seiner Vorhaut beschnitten wurde."
Für die jüdischen Geschichtenschreiber stand außer Frage, dass Abraham, als er laut Bibel in Sichem und Bet-El "dem Herrn einen Altar" baute, Jude war. Was sonst? Christentum und Islam sollten ihnen erst viele Jahrhunderte später Konkurrenz machen. Wie sich deren Propheten Jesus und Mohammed des Alten aus Ur bemächtigten, ist von beispielloser Raffinesse.
Bei den Christen ist es der Apostel Paulus, der Großtheologe und wohl erfolgreichste Missionar der Zeitenwende, der Abraham für die neue Religion reklamiert. Geschickt beruft er sich auf jene Stellen im 1. Buch Mose, in denen der "Segen Abrahams" noch ein Universalversprechen ist. Hatte Abraham selbst nicht lange vor seiner Beschneidung zu dem Einen Gott gebetet? "Also", folgert Paulus im Brief an die Römer, "ist er der Vater aller, die als Unbeschnittene glauben" - und damit auch der Christen. Voilà.
Dank Paulus hatten die Juden ihr Monopol auf Abraham verloren.
Der Islam und sein Prophet Mohammed halten sich mit der Exegese der Mose-Bücher gar nicht erst auf. Der Koran offenbart einen Abraham wie maßgeschneidert für die jüngste der drei Religionen. Allerdings tendiert auch der Koran dazu, Abraham im Laufe der 20 Jahre währenden Offenbarung mehr und mehr für sich zu reklamieren. Anfangs betont der Koran noch die Gemeinsamkeiten mit Juden und Christen. "Siehe, wahrlich, dies stand in den alten Büchern, den Büchern von Abraham und Mose", heißt es in Sure 87.
Die Toleranz gegenüber Juden und Christen hat einen einfachen Grund: Mohammed bekämpft in erster Linie die Anhänger der Vielgötterei - wie laut Koran auch Abraham als junger Mann. "Strategisch klug", sagt der international renommierte Göttinger Mohammed-Biograf Tilman Nagel, stilisiert der Prophet den Urvater "zu seinem frühzeitlichen Alter Ego".
Später jedoch, als die Juden in Medina Mohammed nicht als Propheten anerkennen, wird der Ton schärfer. Von der Wiederherstellung der "Religion Abrahams" spricht der Koran. Juden und Christen - so die bis heute dominierende islamische Auffassung - hätten den Glauben verfremdet. "Ihr Leute der Schrift", heißt es in einer jüngeren Sure, "warum streitet ihr über Abraham, wo die Tora und das Evangelium erst nach ihm herabgesandt worden sind?" Abraham sei weder Jude noch Christ gewesen, so der Koran, sondern ein "Gottergebener", soll heißen: ein "Muslim".
Und so, wie die Muslime den Urvater zu einem der Ihren machen, so bemächtigen sie sich auch der Opferszene. Zwar wird im Koran nur von einem "braven Jungen" erzählt, den Abraham "schlachten" wollte. Für die Muslime ist dies Ismael, der mit der Ägypterin Hagar gezeugte erste Sohn, und nicht Isaak. Dass dies ein "dramaturgischer Kniff" des Propheten Mohammed ist, wie der Tübinger Kuschel sagt, um Ismael zum "bevorzugten Sohn" zu erklären, weisen gläubige Muslime empört zurück. Für sie ist der Koran das Wort Gottes und ihr Ismael der Auserwählte. Dessen Gottergebenheit ("Vater, tu, was dir befohlen wird") gedenken die Muslime seit weit über tausend Jahren am Ende der Pilgerfahrt mit dem Opferfest "Id al-Adha".
Auch den Ort der Handlung hat der Koran vom Berg Morija in Jerusalem an die heiligste Stätte des Islam verlegt, nach Mekka. Hier soll Abraham mit Ismael die Kaaba gebaut haben, den mit Gold bestickten Tüchern umhüllten heiligen Kubus, den die Pilger siebenmal umrunden. Auch vor dem Grab Ismaels wird Andacht gehalten. Und im Hof der Großen Moschee verehren sie einen Stein mit einer Vertiefung, angeblich ist es Abrahams Fußabdruck.
Wie viel Hoffnung aber darf die Welt in einen Abraham setzen, der über Jahrtausende der Spielball der Religionen war? Kann ein so Vereinnahmter überhaupt zur Galionsfigur einer neuen Ökumene werden?
"Nein, Abraham taugt nicht zum Trialog", meint der in Tel Aviv geborene deutsche Historiker Michael Wolffsohn. Juden, Christen und Muslime hätten nicht mehr gemeinsam als den Glauben an den Einen Gott - das sei zu wenig.
Ja, die Abraham-Brücke habe Schwachstellen, aber "sie bietet sich an wie keine andere", glaubt hingegen Hans Küng, 80, einer der Ideenspender der abrahamischen Ökumene. "Abraham mag nicht unbedingt der ideale Mittler sein", sagt der Mann mit dem milden Blick und dem festen Händedruck, "aber er ist ein sehr realer." Der langjährige Tübinger Theologieprofessor war vor vielen Jahrzehnten der erste katholische Theologe, der öffentlich die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellte. Dafür wurde ihm von der katholischen Kirche die Lehrerlaubnis entzogen - für viele Gläubige zu Unrecht. Heute glaubt Küng wieder, nicht falschzuliegen, sondern allenfalls seiner Zeit voraus zu sein. In Sachen Abraham ist Küng ein gefragter Mann. Mal spricht er zu den Volksvertretern im Londoner Unterhaus, mal zu Hunderten Honoratioren in der syrischen Assad-Bibliothek. Auch in Saudi-Arabien ist er gern gesehen, und aus Kairo kommt er ebenso wie aus Damaskus voller Zuversicht zurück: "Es gibt einen Öffnungsprozess, auch auf muslimischer Seite."
Überall auf der Welt entstehen Initiativen, die dem "Kampf der Kulturen" einen "Dialog der Religionen" entgegensetzen, im Namen Abrahams als gemeinsamem Vater von Juden, Christen und Muslimen. Die versöhnliche Botschaft geht von der spanischen Metropole Madrid ebenso aus wie vom Ruhrgebietsstädtchen Marl. Bereits zum achten Mal feierten die Bürger an der Lippe in diesem Herbst ihr großes "Abrahamsfest". "Mindestens drei Dutzend weitere Friedensfestivals", glaubt der Geschäftsführer der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Thomas Lemmen, werden allein in Deutschland jährlich im Namen des Patriarchen gefeiert.
Als "Brückenbauer zwischen den Religionen", so Lemmen, sei Abraham auch bei der "Weltkonferenz für den Dialog" in Madrid "immer wieder angeklungen". Eingeladen hatte den Deutschen und 300 weitere Gläubige aller Konfessionen ausge-
rechnet das saudische Königshaus, Vertreter einer besonders strengen Glaubensrichtung des Islam. Ganz im Sinne der neuen Abraham-Bewegung appellierte König Abdullah persönlich an seine Gäste: "Lasst unseren Dialog einen Triumph werden des Friedens über Konflikte und Kriege, der Brüderlichkeit über den Rassismus."
Auch von höchster jüdischer Stelle kommt ein Vorstoß, so etwas wie die Fortsetzung des Glaubens mit anderen Mitteln. Parallel zu den Vereinten Nationen sollte eine Organisation der "Vereinten Religionen" gegründet werden, schlägt der israelische Oberrabbiner Metzger vor. Wenn man sich die vielen Kriege ansehe, argumentiert der Gelehrte, müsse man zu dem Schluss kommen, dass Diplomaten und Politiker keinen Frieden zustande brächten. Die Grundlage für eine Aussöhnung könnte ein Weltparlament der Religionsvertreter schaffen, in dem auch nichtabrahamitische Gläubige wie Hindus und Buddhisten ihren Platz hätten. Metzger: "Wir Frommen sprechen dieselbe Sprache."
Im Nahen Osten, wo die Religionen immer wieder zu politischen Zwecken missbraucht werden, wird im Namen des gemeinsamen Urvaters bereits gehandelt. 2007 wurde der "Abraham-Weg" eröffnet, eine jüdisch-christlich-muslimische Nichtregierungsorganisation, die den biblischen Wanderweg des Propheten nachzeichnet. Nach und nach werden die Etappen dieses ersten ökumenischen Pilgerwegs eingeweiht, am Ende geht die Strecke über 1200 Kilometer von Haran bis Hebron. In Israel versucht die "Abraham-Stiftung", das friedliche Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen zu fördern. Im palästinensischen Betlehem lädt die "Abraham-Herberge" Pilger der drei Religionen zum Kennenlernen ein.
Sogar in Hebron, einem Epizentrum des Nahost-Konflikts, gelang eine erste Annäherung zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern. Trotz Stacheldraht und Straßensperren trafen sich der Siedler-Sprecher Noam Arnon und Scheich Abu Chadir, das Oberhaupt der einflussreichen Hebroner Dschabari-Familie. "Die meisten Juden und Araber in Hebron wollen Seite an Seite in Frieden leben", erklärte der Siedler anschließend. Und der Scheich prophezeit: "Wenn der Frieden kommt, wird er von Hebron ausgehen."
Noch allerdings siegt beinahe täglich die Gewalt über die Vernunft, wie zuletzt bei den Ausschreitungen Anfang Dezember. Noch gehen der Jude Arnon und der Muslim Dschabari getrennten Weges zum Grabmal Abrahams. Von Westen her, über die großen Stufen, nähert sich Arnon seiner Synagoge, wickelt die Gebetsriemen um Arm und Kopf. Dann wippt er mit dem Oberkörper vor und zurück und spricht das jüdische Glaubensbekenntnis Schma Israel ("Höre, Israel"). Nur wenige Meter entfernt sammelt sich der fromme Muslim Dschabari zum Gebet in seiner Moschee, rafft sein Gewand und fällt auf die Knie. Er flüstert das Mittagsgebet, in dem Abraham zwölfmal gepriesen wird.
Juden und Muslime trennt ein Raum, der genau über der Höhle von Machpela liegt. Hier errichtete Herodes dem Urvater ein Scheingrab, ein Kenotaph. Es ist mit einem reichverzierten grünen Stoff bedeckt. Durch vergitterte Fenster können Arnon und Dschabari auf das Abraham-Denkmal schauen, jeder von seiner Seite. Die einzige Verbindung zwischen Synagoge und Moschee, eine schwere Eisentür, wird von Soldaten bewacht.
Noam Arnon und Abu Chadir Dschabari glauben fest daran, dass sich die Tür eines Tages öffnen wird. Und dass sie, der Jude und der Muslim, es den beiden Söhnen Abrahams gleichtun werden. Denn trotz allen Neids und Streits - so endet die Geschichte des Patriarchen - fanden die Brüder Isaak und Ismael in Hebron wieder zusammen. Beim Begräbnis ihres Vaters. DIETER BEDNARZ, CHRISTOPH SCHULT

1. Buch Mose, Kapitel 17, Vers 7 "Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkommen."

Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 4, Vers 11
"Also ist es der Vater aller, die als Unbeschnittene glauben."

Koran, Sure 3, Vers 67 "Abraham war weder Jude noch Christ, sondern ein aus innerstem Wesen Gläubiger."

1. Buch Mose, Kapitel 25, Vers 8
"Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint."
* Oben: Malerei aus Persien, um 1600; unten: aus Palästina, 19. Jahrhundert.
* Papst Benedikt XVI. (M.) beim Türkei-Besuch im November 2006 in Istanbul.
Von Dieter Bednarz und Christoph Schult

DER SPIEGEL 52/2008
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