20.12.2008

LITERATURDer Killer von Oslo

Jo Nesbø hat sich als erfolgreichster Krimi-Autor Norwegens etabliert. Sein neuer Roman „Schneemann“ ist sein Meisterstück.
Unter den Hauptstädten Europas ist Oslo eine der kleineren und beschaulicheren. Eine nordische Idylle, nur manchmal tröpfelt etwas trauriger Tratsch aus dem Königshaus in die Welt hinaus, und im Winter sorgen die Skisprung-Wettbewerbe auf dem Holmenkollen, dem Hausberg der Stadt, für Abwechslung.
Ungefähr 550 000 Menschen leben in Norwegens Metropole, und es kam 2007 zu gerade mal zehn Tötungsdelikten. Deren Motive unterscheiden sich wohl nicht von denen an anderen Orten: Habgier, Eifersucht, verschmähte Liebe, und manchmal bringt ein Schwerverbrecher einen anderen um. Alles ganz normal.
Dem norwegischen Autor Jo Nesbø reicht das offenbar nicht. Er hat sich vorgenommen, seinen Wohnort wenigstens literarisch in einen Hort des Grauens zu verwandeln.
Mit diesem Programm ist Nesbø, 48, Norwegens erfolgreichster Krimi-Autor geworden. Und auch im Rest der Welt weiß man inzwischen seine absonderliche Phantasie zu schätzen.
Auf Deutsch ist gerade Nesbøs siebtes Killer-Opus erschienen; es heißt - irreführend harmlos - "Schneemann" und beschert seiner dankbaren Fangemeinde einen Serienmörder mit abgefeimter Tötungstechnik*.
Der benutzt ein Gerät aus der Veterinärmedizin, das mit einer unter Strom stehenden Drahtschlinge arbeitet. Und dieser Unhold, der nur in der Kälte zuschlägt, wird mal wieder von Nesbøs wunderlichem Kommissar Harry Hole gejagt.
Junge Frauen, immer Mütter, verschwinden spurlos aus ihren Familien. Einen offensichtlichen Grund gibt es nicht, ihr Familienleben wirkt nach außen intakt, ihre Kontostände bewegen sich im Normbereich zwischen Soll und Haben, und ihr Bekanntenkreis ist, oberflächlich betrachtet, von sozialverträglicher Ausgeglichenheit.
Nur das Liebesleben der verschwundenen Norwegerinnen präsentiert sich bei genauerer Betrachtung in aufgewühlter Verfassung: Sie alle haben oder hatten heimlich einen Liebhaber. Und offenbar ist dieser Mann der Vater eines ihrer Kinder. Und alle diese Kinder leiden an der gleichen seltenen Erbkrankheit.
Die Frauen verschwinden immer im Winter, bei frischem Schneefall, und in ihren Vorgärten in Oslo und Umgebung steht plötzlich ein harmloser Schneemann, der mit seinem Gesicht zum Haus schaut - direkt in Richtung des Zimmers, in dem die Frauen die Ehe gebrochen haben.
Bis aber der Ermittler Hole dieses komplizierte Muster herausgefunden hat, sind natürlich schon einige Frauen vermisst gemeldet worden. Was aber haben sie sonst noch gemeinsam? Mit wem hatten sie zuletzt Kontakt?
Quälend langsam und für den Leser umso aufregender
schält sich ein Täterprofil heraus. Für einige der verschwundenen Frauen ist es da allerdings schon zu spät.
Als Krimi-Autor ist Nesbø ein Spätberufener. Er studierte Betriebswirtschaft, war Finanzanalytiker und arbeitete für Norwegens größten Bösenmakler. Auf einem Flug nach Australien entwarf er seinen ersten Krimi. Wieder zu Hause in Norwegen, kündigte er seinen Job, ohne dass er schon einen Verlag für das Manuskript gefunden hatte. Er habe, sagt er, einfach eine Auszeit gebraucht. Von allem. Nachdem sein Erstling erschienen war, blieb Nesbø freier Autor. Da war er 37.
Schon für den ersten Roman erfand er Harry Hole. Sein Kommissar ist ein Säufer mit intaktem kriminalistischem Gespür und kaputtem Privatleben, ein melancholischer Macho, aber auch ein Unglücksmensch, der weder seinen Alkoholkonsum noch seine Gefühle im Griff hat: ein harter Hund mit weichem Herzen.
Jo Nesbø, der auch in einer norwegischen Band spielt, ist keiner dieser Krimi-Autoren, die nur einen Effekt auf den nächsten türmen. Obwohl seine Romane brutal und gewalttätig sind, gelingt ihm etwas erstaunlich Feines: Er liefert die versteckte Beschreibung eines Gemeinwesens. Immer sind seine Plots auch Vehikel, um aufzuzeigen, was faul ist im Staate Norwegen - die Reste faschistischer Gesinnung etwa in "Rotkehlchen" oder die grauen Schlacken religiösen Wahns in "Der Erlöser".
Nesbøs Lupe ist die Überzeichnung. Er schaut genau hin, und dann vergrößert und vergröbert er, was er sieht, bis es deutlicher wird als im Alltag, härter, kälter, grausamer - aber nicht weniger wahr. Ihn interessiere, so beschreibt der Autor seine Lust am Abgrund, "die nachtdunkle Seite" im Menschen, "die normalerweise niemand zu sehen bekommt". In seinen Büchern entwickelt die Logik des Bösen ihre unausweichliche Eigendynamik: Ein Mord zieht immer den nächsten nach sich.
So auch in "Schneemann", der in einem furiosen Finale auf der Sprungschanze am Holmenkollen sein bedrückendes Ende findet. Der Täter, ein hochintelligenter, sympathisch wirkender und im Berufsleben hilfsbereiter Mann, hat sich nie helfen lassen. Er hilft sich auf grausame Weise lieber selbst, indem er das schlimmste Erlebnis seines Lebens immer wieder nachstellt.
Und jedes Mal muss er vorher einen neuen blütenweißen Schneemann bauen, der für die dunkle Qual steht, die er als Junge erlitt - und die ihn nie mehr verlassen hat.
JOACHIM KRONSBEIN
* Jo Nesbø: "Schneemann". Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein Verlag, Berlin; 496 Seiten; 19,90 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 52/2008
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