29.12.2008

ROBERTO SAVIANOMarkenartikel wider Willen

Manchmal bereut er, das Buch geschrieben zu haben. Aber es gibt kein Zurück mehr. Nicht für ihn, den 29-jährigen Autor aus Neapel, und nicht für Italien. Roberto Saviano hat in klaren Sätzen aufgeschrieben, was alle wussten, aber keiner wahrhaben wollte: die völlige Durchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft durch Camorra-Kriminalität in weiten Teilen Süditaliens mit Fäden bis nach China, Südamerika, Deutschland. Sein Buch "Gomorrha" hat sich allein in Italien über eine Million Mal verkauft und ist bereits in 42 Sprachen übersetzt. Der gleichnamige Film wurde zuletzt beim Festival von Cannes ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Saviano könnte es sich längst leisten, nie wieder zu schreiben. Aber er sehnt sich zurück nach der Zeit, als er sich in seiner Heimat, unbekannt und unverdächtig, in kleinen Web-Medien oder großen Zeitungen zu Wort melden konnte. Er hat das ganze Jahr unter höchster Sicherheitsstufe gelebt, bewacht von Zivilpolizisten, bedroht von seinen Feinden, beargwöhnt von manchen Freunden. Roberto Saviano ist zur Anti-Mafia-Ikone geworden. Er reist um die Welt, sitzt auf Podien, spricht mit Salman Rushdie, Nobelpreisträger wie Günter Grass und Orhan Pamuk solidarisieren sich mit ihm. Er ist Teil des globalen Intellektuellen-Netzwerks, ein Markenartikel wider Willen. Sein Name steht auf Mauern gesprüht, sein Kopf ist zum Logo geworden - und zur Zielscheibe. Ein Kronzeuge hat ausgesagt, der Casalesi-Clan habe einen Sprengstoffanschlag auf Saviano in Auftrag gegeben. Dem Schriftsteller ist von den Behörden nahegelegt worden, für einige Zeit ins Ausland zu gehen, vielleicht nach New York. "Gomorrha" - das ist das System ökonomischer Allmacht des Verbrechens in Süditalien, Savianos Buch hat daran bislang nichts geändert. Aber etwas ist anders: Man weiß nun Bescheid. Die Augen sind geöffnet.

DER SPIEGEL 1/2009
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ROBERTO SAVIANO:
Markenartikel wider Willen

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