27.01.1969

RECHT UND BILLIG

Der schwäbische Publizist Klaus Harpprecht, von 1948 bis 1954 Redakteur der von Eugen Gerstenmaier mit herausgegebenen Wochenzeitung „Christ und Welt“ und seit Jahren seinem Landsmann freundschaftlich verbunden, ist einer der wenigen, die „Ruhm und Ruf“ des zurückgetretenen Bundestagspräsidenten gegen die „publizistischen Pächter öffentlicher Moral“ zu verteidigen suchen:
Die politische Laufbahn Eugen Gerstenmaiers ist beendet. Schuld und Unschuld, Ambition und Mißgeschick haben sich auf dem Weg des Bundestagspräsidenten in fataler Weise verschränkt. Die Fortüne gab ihm, spätestens seit der Stuttgarter Grundstücks-Affäre, den Abschied. Ranküne bemächtigte sich einer angeborenen und standhaft behaupteten Naivität, die ihm die Einsicht verwehrte, daß "recht" und "billig", anders als in der mathematischen Formel von den Parallelen, sich nicht im Unendlichen schneiden.
Er war im Recht, und er machte es sich zu billig. Jeder Buchstabe des Gesetzes genügt den Forderungen, die er verfocht. Kein Pfennig seines Professoren-Gehaltes gäbe einem Finanzinspektor Anlaß zu einer Rüge. Kein Steuerbeamter könnte ihm wegen der Stuttgarter Spekulation an den Karren fahren.
Schwein müßte man haben. Das Stichwort katapultiert uns mitten in die deutsche Realität. Es wäre einer strengen psychologischen Prüfung wert, welche Beziehungen jene Redensart aus dem teutonischen Hinterhof zu unserem kollektiven Verhalten beweist. Mit Fortüne läßt es sich in der Tat nicht übersetzen. Schlüsse von einiger Doppeldeutigkeit sind erlaubt. Der eine hat Schwein. Der andere hat Glück. Der nächste hat Unglück. Und das mag ihn am Ende auszeichnen.
Eugen Gerstenmaier wählte das Unglück, und er ist von dieser Verfehlung nicht freizusprechen. Seine Anwälte hätten ihn besser beraten können. Niemand, auch nicht der SPIEGEL, hätte einen Finger gekrümmt - das Bild ist kein Zufall, denn man schießt nicht nur in der deutschen Publizistik, man schießt ab -, wenn er seinen Professoren-Anspruch unter der präzisen Prämisse verfochten hätte, daß der materielle Gewinn für einen Fonds von öffentlichem Nutzen bestimmt sei, gleichviel ob für das "Hilfswerk 20. Juli" oder für die Aktion "Brot für die Welt".
Er hat es versäumt, vermutlich aus Nachlässigkeit, aus Vertrauen zu seinen Advokaten, vielleicht, das soll eingeräumt sein, auch aus einer allzu schwäbischen Regung von Besitz-Instinkt, die ihn nicht bedenken ließ, daß nicht-beamtete, nicht-professorale Bürger dieses Landes für den Aufenthalt in Dachau mit einer Entschädigung von DM 50,- pro Monat Haft, für einen Tag in Auschwitz mit zwei oder drei Mark abgefunden wurden. "Abgespeist" wäre schon zuviel.
Dieser Einwand ändert nichts an der sogenannten Rechtslage. Gerstenmaier (das Gewicht seines Namens mag den Fortgang des Verfahrens beschleunigt haben) nahm keinen Buchstaben des Gesetzes in Anspruch, der nicht den Regeln gemäß ist. Im Gegenteil, er kämpfte für seine Sache mit einer Entschlossenheit, die anderen zugute kommen könnte.
Doch hier wenden sich sein Mangel an Geschick, sein Verzicht auf Taktik und seine Neigung zu Aventüren des Temperaments ins Unheil. Sich selber hat er mit dem starren Beharren auf dem "Anspruch" keinen Dienst geleistet.
Aber umgekehrt: Ist mit den Attacken gegen den Bundestagspräsidenten der Kredit des deutschen Widerstandes nicht mit einer Brutalität disqualifiziert worden, die niemand hinnehmen darf, der diesen Staat als den seinen erkennen will?
Die Verantwortlichen hätten allen Anlaß, darüber nachzudenken, ob es recht und ob es klug ist, den Ruhm und Ruf dieses Mannes zu verschleißen. Unsere Gesellschaft braucht ihn mehr, als sie es heute zur Kenntnis nehmen will. Ich sähe ihn lieber im Palais Schaumburg als einen verblaßten Metternich. Die Erfahrung des Widerstandes wäre ein genauer Maßstab für die Qualität einer Koalition gewesen, die unseren Bürgern und unseren Nachbarn bezeugt hätte, daß die Resistance von innen - Gerstenmaier - und die Resistance von außen - Brandt - einen Konsensus ergeben könnten, der das rechte, das besonnene, ja das geläuterte Deutschland repräsentiert.
Zu spät. Gerstenmaier hat sich jeder Konkurrenz und allen Chancen entzogen, vermutlich aus einem eingewurzelten protestantischen Mißtrauen gegen die Macht; aus einer Furcht, die seinen bismarckischen Idealen widerspricht und zugleich den Neurosen seines Helden auf eine merkwürdige Weise gemäß ist.
Eben jene protestantisch-pietistischen Gravuren seines Charakters haben ihm den Entschluß zur radikalen Rebellion gegen den Nazismus, den Weg von Kreisau zum Grafen Stauffenberg so mühsam werden lassen. Gewissen macht Umstände - eine Einsicht, die gelegentlich ans schwarze oder rote Brett der Bonner-Operateure und der publizistischen Pächter öffentlicher Moral geschrieben gehört.
Gerstenmaier - nach Kompromissen der Tarnung, der Zweifel, des Zögerns - hat widerstanden. Er hat das äußerste Risiko gewählt, für seinen Glauben und für den Anstand dieses Volkes, den er in den jüngsten Jahren mit einem nationalen Pathos proklamierte, das mein Fall nicht ist. Doch es bleibt: er bot sein Leben für seine Sache. Wer, die Hand aufs Herz, hätte in gleicher Lage den gleichen Mut, die gleiche Kraft bewiesen? Wer hätte die Genossen der Verschwörung auf dem Weg zum Schafott und zu den Fleischhaken durch die alten Choräle, durch Gebete begleitet? Wer hätte die Torturen, die Prügel ausgehalten? Wer hätte, nach der Befreiung, nicht ein bequemes Refugium draußen gewählt?
Gerstenmaier zog es vor, gegen die Renitenz der korrumpierten kirchlichen Bürokratie und das Mißtrauen der Besatzung, ein Hilfswerk zu organisieren, das einigen hunderttausend deutschen Bürgern die nackte Existenz garantierte - womöglich manchem, der heute auch ihm gegenüber den neuen "deutschen Gruß" übt, mit ausgestrecktem Zeigefinger. Signal der Anklage, Ausweis einer permanenten Stimmung des Beleidigtseins, des Zu-Kurz-Gekommenen, des Rechthabers, einer Gesellschaft, die das Außerordentliche nicht erträgt und darum zu einer zuverlässigen Ordnung nicht fähig ist. Gerstenmaier hat Kopf und Kragen durch süddeutsche Schlauheit und eine private Intervention zu retten vermocht.
Um Kopf und Kragen mag er sich, in jener Presse-Konferenz, geredet haben, als er dem Staat aufsagte, für den er steht; für den wir stehen sollten. Den Kragen ist er nun los, aber wir verlieren den Kopf. Man sagt einem der geistreichsten Protagonisten der Bonner Szene adieu. Er scheiterte an sich selbst und an den Konformismen von rechts und links.
Übrig bleibt die Phalanx der Händereiber, der Schlauen, der Gewitzten, der Angepaßten, der Anwälte des ewig mittleren Weges, der nur in rosigen Zeiten ein goldener ist. Übrig bleibt das Mittelmaß. Bleibt eine Selbstgerechtigkeit, die uns in Stunden der Krise keine Gewähr für die entschlossene Verteidigung dieses zweiten deutschen Experimentes einer selbstbewußten Republik bietet. Jeder, dem es damit ernst ist, schaue in seinen Spiegel.
Harpprecht

DER SPIEGEL 5/1969
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