19.01.2009

BRASILIENDer grüne Tsunami

Brasilien will Autofahrer weltweit mit dem Sprit der Zukunft versorgen: Billiges Ethanol aus Zuckerrohr gilt als Mittel gegen den Klimawandel. Den Preis für den globalen Plan zahlen Hunderttausende Arbeiter auf den Plantagen. Von Clemens Höges
Es ist mitten in der Nacht, und die Plantagen brennen rund um Araçoiaba in der Ethanol-Zone. Jetzt, wenn das Zuckerrohr geerntet wird, sieht es oft aus, als würde Krieg geführt rund um diesen Ort: Der Himmel leuchtet rot im Widerschein der Flammen, der Wind wirbelt Rauch übers Land.
Das Feuer verjagt die Schlangen, tötet die Vogelspinnen, verbrennt die scharfen Blätter des Zuckerrohrs. Wenn dann im Morgengrauen nur noch Glutnester glimmen, rücken die Arbeiter mit ihren Macheten vor, zu Hunderten, zu Zehntausenden, überall hier im Nordosten Brasiliens. Sie schneiden das Zuckerrohr, das die Flammen übersteht und aus dem dann Ethanol destilliert wird - das Benzin der Zukunft.
Stunden vorher versucht Antônio da Silva, von seiner Pritsche aufzustehen. Er braucht keinen Wecker, auch nicht jetzt um zwei Uhr morgens. Der Schmerz weckt ihn. Er schaut zu den beiden anderen Pritschen, auf denen die vier kleinen Mädchen schlafen und die beiden Jungs. Und draußen vor der Hütte sagt er dann, dass er sie wohl nicht mehr lange wird ernähren können.
Seit dem Leistenbruch weiß er, dass er am Ende ist. Seit er also seine Eingeweide nach fast jedem Bücken mit der Hand in den Bauch zurückdrücken musste. Er spürt zwei Arten von Schmerz: den dumpfen, der schon lange in seiner Leiste pochte, und dann den scharfen, der oft kommt, wenn er mit dem Facão zuschlägt, der Machete, die das Zuckerrohr schneidet.
Als die Vorarbeiter mitbekamen, dass er seine Därme mit der Hand festhielt, haben sie ihn von der Plantage gejagt. Sie wollen keine kranken, alten Männer, wo sie doch genug starke, junge haben können. Die Universität São Paulo hat ermittelt, dass Zuckerrohrschneider im Schnitt zwölf Jahre durchhalten, dann sind sie verschlissen und werden ausgetauscht. Da Silva ist 43, ein Greis auf den Plantagen, weit über seiner Zeit.
Im Krankenhaus haben sie ihm die Leiste zwar wieder zugenäht. Der Arzt hat ihm dann aber gesagt, dass er kein Zuckerrohr mehr schneiden dürfe, in den nächsten Monaten auf gar keinen Fall. Sonst könne die Wunde wieder aufbrechen und ihn vielleicht töten.
Nur elf Tage später kämpfte sich da Silva schon wieder durchs Zuckerrohr, auf einer anderen Plantage, weit im Süden von Araçoiaba. Er sieht stark aus mit all den Muskeln am Oberkörper und den kurzgeschorenen Haaren. Sie wissen dort nichts von seinen Schmerzen.
"Was soll ich machen?", fragt da Silva: "Es gibt hier nichts anderes. Wer kein Zuckerrohr schneidet, der verhungert. Und da sind die Kinder." Er packt den Facão, greift den Kanister mit fünf Liter Wasser, die ihn durch die Hitze des Tages bringen sollen, dann geht er zu einem der vielen Busse. Tief in der Nacht kommen sie, um die Männer aus Araçoiaba auf die Plantagen zu verteilen.
Bis Sonnenuntergang muss er dreieinhalb Tonnen Zuckerrohr geerntet haben, das ist sein Tagessoll, genug für rund 300 Liter Biosprit. Dafür wird Antônio da Silva zwischen Asche und Glut, unter sengender Sonne, etwa 3000-mal mit seinem Facão zuschlagen. Wenn der Arzt recht behält, wird einer dieser Hiebe in den nächsten Wochen seine Leiste wieder aufreißen.
Antônio da Silva ist einer von rund einer Million Menschen, die auf den Plantagen und in den Ethanol-Fabriken Brasiliens schuften. Viele leben und leiden wie ihre Vorväter, die Sklaven im Zuckerrohr. Ab und zu befreien staatliche Ermittler ein paar von ihnen, aber die Beamten sind viel zu wenige in einem viel zu großen Land. Dort draußen herrschen die Capangas, die Milizen der Zuckerbarone. Sie schüchtern die Arbeiter ein, vertreiben kleine Bauern mit Bulldozern - all das für eine globale Vision: "Bis 2030 sind wir der größte Treibstofflieferant der Welt", sagt Luiz Inácio Lula da Silva, der Präsident Brasiliens. Ethanol, der Alkohol aus dem Zuckerrohr, soll seinem Land eine große Zukunft bescheren - und auch dem Rest der Welt.
Knapp 26 Milliarden Liter hat Brasilien 2008 produziert, bis 2017 sollen es 53 Milliarden Liter jährlich werden. Abnehmer gibt es genug. Weltweit mischen bereits über 30 Länder Ethanol unters Benzin. Die USA wollen bis 2012 rund 15 Prozent ihres Treibstoffbedarfs mit Biosprit decken, die EU will, dass jedem Liter Benzin bis 2020 10 Prozent Ethanol beigemengt werden.
Weit vorn liegen die Schweden. Im Sommer haben sie einen Vertrag mit brasilianischen Firmen geschlossen, es geht um die Lieferung von 115 Millionen Liter Ethanol. Die Schweden wollen gute Menschen sein, im Vertrag steht, dass auf keinen Fall Sklaven oder Kinder ihren Biosprit produzieren dürfen. Dafür zahlen sie auch fünf bis zehn Prozent mehr.
Lulas Plan reicht aber noch weiter: Der Präsident träumt von einem grünen Gürtel rund um den Globus, in Höhe des Äquators. Dieser Zuckerrohrgürtel soll weite Teile der Dritten Welt verbinden, denn die Pflanze wächst, wo die Tropensonne scheint. Die Armen der Erde könnten mit brasilianischem Know-how Ethanol destillieren. Ihre Regierungen würden sich dann zusammenschließen zu einer Art Opec des Biosprits.
Sie könnten die reichen Länder mit Treibstoff versorgen und dabei selbst reich werden. Sie würden auch helfen, die Welt vor dem Klimakollaps zu retten: Wenn Ethanol verbrennt, entsteht nur so viel Kohlendioxid, wie die Pflanze zuvor aus der Luft gezogen hat. Autos werden also ewig fahren können, die Welt wird brummen, getrieben von den Strahlen der Äquatorsonne und seiner Vision, so denkt sich Lula das.
In seinem Traum führt natürlich Brasilien die Welt in diese "neue Epoche der Menschheit", als das Saudi-Arabien der Zukunft. Wenn alle Autos der Welt nur noch mit Ethanol liefen, könnte Lulas Land allein ein Viertel des globalen Bedarfs decken, das haben Experten berechnet. Im Ethanol-Zeitalter, so prophezeit der Präsident, wird die Welt moderner, grüner und, global gesehen, auch viel gerechter sein als heute. "Wenn wir an Ethanol denken, geht es darum, dass wir den Armen helfen", sagt Lula: "Die Welt muss sauberer werden, die Welt braucht Jobs", predigt er - und dass Biosprit die eine Lösung für beide Probleme sei, eine "historische Chance" also.
Ein solcher Traum hat Kraft: Politiker in aller Welt, Agro-Konzerne wie Cargill, Multis wie Shell und Investoren wie George Soros wünschen sich, dass er wahr wird. 189 Regierungen haben das Kyoto-Protokoll ratifiziert: Sie müssen den Kohlendioxidausstoß senken und werden dafür Ethanol brauchen. Als etwa Angela Merkel im vergangenen Mai Lula in Brasilien besuchte, wurde ein Energievertrag geschlossen - Experten klären nun, wie und unter welchen Bedingungen brasilianisches Ethanol aus deutschen Zapfsäulen fließen könnte.
Denn zum Charme von Lulas Vision trägt bei, dass sich für die Menschen in den Industrieländern nichts ändern würde. Sie müssten nicht verzichten, die Autofirmen müssten nur ein paar andere Dichtungen in ihre Motoren bauen, wie das zum Beispiel VW in Brasilien längst macht. Überdies wäre Ethanol billig: Für ungefähr 20 Cent produzieren Brasiliens Fabriken den Liter. Vor allem aber dürften die Autofahrer mit gutem Gewissen Gas geben, hätten sie doch die Sonne im Tank.
"Bullshit", sagt Pater Tiago: "Das Versprechen von Biosprit ist eine Lüge. Wer Ethanol kauft, kippt sich Blut in den Tank. Ethanol wird von Sklaven gemacht." Der Pater kennt die dunklen Seiten von Lulas Vision: Er kümmert sich um jene Menschen, die der Traum des Präsidenten in einen Alptraum zwingt.
Der Katholik aus Schottland schiebt seine zerschlissene Mütze aus schottischem Harris-Tweed in den Nacken. Er hat eine Hakennase, Furchen im Gesicht, sein Bart ist bald ganz grau. Aber er konnte sich noch nie und kann sich noch immer nicht damit abfinden, dass oft das Glück der einen auf dem Unglück der anderen fußt - und Männer wie Antônio da Silva eben den Preis für billigen Öko-Sprit zahlen.
Nein, der Pater glaubt daran, dass niemand Menschen behandeln darf wie Sklaven, auch nicht die Großgrundbesitzer Brasiliens. Ihre Vorfahren legten die ersten Plantagen an, kurz nachdem Christoph Kolumbus das Zuckerrohr in die Neue Welt gebracht hatte. Zuerst trieben sie Indianer auf die Felder, dann holten sie Schwarze aus Afrika. Mit Zuckerrohr begann das Drama der Sklaverei.
Aber erst jetzt, wo sich nicht mehr nur Zucker verkaufen lässt, sondern Ethanol in weit größerem Stil, rollt ein grüner Tsunami über das Land: Auf mehr als sechs Mil-
lionen Hektar wächst in Brasilien schon Zuckerrohr, ein Hektar ist etwas größer als ein Fußballfeld. Aber das ist erst der Anfang: Bald sollen es zehn Millionen Hektar sein. Und auf den flachen Feldern des Südens können zwar Maschinen die Ernte einfahren, nicht aber im hügeligen Norden.
Pater Tiago fährt die Bundesstraße 101 Richtung Norden hoch. Die 101 ist die Straße des Zuckerrohrs. Zona da Mata, Wald-Zone, heißt die Region am Atlantik. Doch der Urwald ist längst gefällt, die Zona da Mata zur Ethanol-Zone geworden. Die Zuckerbarone leiten Flüsse und Bäche um, sie planieren ganze Dörfer. Nur die Kapellen und Kirchen lassen sie meist stehen, man ist katholisch. Deshalb ragen jetzt hier und da Türmchen über die grüne Flut, zu denen kein Weg mehr führt.
Die Kiltegan Fathers, irische Missionare, schickten ihren Bruder Tiago 1968 nach Brasilien. 1975 gründete die Nationale Bischofskonferenz die Commissão Pastoral da Terra (CPT), die das Leben der Feldarbeiter erleichtern soll - "good religion", sagt Pater Tiago. "Bad religion" ist für ihn jene, die in den Kapellen der Plantagen gepredigt wird und die Menschen immer neu aufs Jenseits vertröstet.
Die CPT gab ihm einen VW Gol, wie die kantigere Version des Golf in Brasilien heißt, für die CPT verbringt er seine Tage auf der 101 und in den Ethanol-Dörfern an ihren Nebenstraßen. Er kennt viele hier, er vermittelt Kontakte, er berät, er tröstet.
Er kümmert sich auch um Araçoiaba, eines dieser elenden Schlafdörfer für Zuckerrohrschneider. Flach und dreckig brüten Hütten und Häuser in der Hitze. Wichtig sind nur die großen Plätze, auf denen die Busse in der Nacht rangieren.
Antônio da Silva kam mit seiner Familie vor fünf Jahren hierher. Sie warfen Plastikplanen über ein paar Äste, das ist nun ihre Hütte. Sie nagelten Stofffetzen an ein Brett, das ist eine Tür. Sie klemmten Bretter um ein Loch in der Plane - das ist das Fenster. Auf der nackten Erde stehen die Pritschen, ein Schrank - das sind die Möbel.
Die Kinder sitzen meistens im Dreck, die Mädchen leiden oft unter Infektionen. In offenen Gräben stinken die Abwässer, und wenn es regnet, versäuft die ganze Plastikplanensiedlung im Morast. Sie war eine Müllhalde, bevor der Ethanol-Boom immer mehr Menschen hierherbrachte. "Araçoiaba Nova" heißt sie jetzt, das klingt nach Zukunft.
Da Silva musste hier landen, er hatte nie eine andere Chance. Lesen und schreiben kann er nicht. Als er sieben Jahre alt war, starb der Vater. Die Mutter war krank, sie musste Antônio den Facão in die Hand drücken, dann schickte sie ihn zum Vorarbeiter auf die Plantage.
Die Machete ist breiter als eine Hand, sieben- oder achtmal am Tag wird sie geschliffen, bis sie scharf ist wie eine Rasierklinge. Am Ende hat sie einen Haken, der schlimme Wunden reißen kann.
Es sind immer zwei Hiebe mit dem Facão: Der erste trennt das Zuckerrohr von der Wurzel, der zweite schneidet die restlichen Blätter vom Halm, während die freie Hand das Büschel dreht. Schnell fließen die Bewegungen, aber der Doppelhieb zehrt Kraft, schon das erste, zweite und dritte Mal. Nach 3000 oder 4000 Hieben am Tag können die Männer abends oft nicht einmal mehr sprechen.
Bevor er richtig schneiden konnte, lernte Antônio die Gesetze des Zuckerrohrs. Das erste ist, dass kein Gesetz gilt außer dem Wort des Feitor, des Vorarbeiters. Der Feitor sagt, was verdient wird, wer gehen soll, wer kommen darf.
Antônio lernte, dass Männer tot zusammenbrechen können, wenn sie zu hart arbeiten müssen in der sengenden Sonne und zu wenig Trinkwasser da ist, wie so oft. Er lernte, dass niemand hilft, wenn er sich mit dem Facão in den Fuß hackt - wer nicht arbeiten kann, muss hungern. Und er lernte, dass schnell die Capangas am Hals hat, wer aufmuckt. Mit Geländemotorrädern und Jeeps streifen sie durch die Plantagen. Sie haben Funkgeräte, viele haben Waffen, offiziell sind sie so etwas wie ein Werkschutz, der die Plantagen bewacht. In Wahrheit umkreisen die Capangas die Arbeiter wie scharfe Hunde eine Herde.
Es gibt auf den Plantagen auch kein Recht, etwas anderes zu essen als Maismehl mit Wasser. Davon leben Zuckerrohrschneider, tagaus, tagein. Zu mehr reicht der Lohn nicht.
Sie arbeiten sechs Tage pro Woche. Da Silva verdient rund 400 Real pro Monat - in den fünf oder sechs Monaten im Jahr, die eine Saison dauert. 400 Real sind etwa 130 Euro. Es gibt für Zuckerrohrschneider im Nordosten keine Arbeit außerhalb der Erntezeit, das ist ein Fluch der Monokultur. Von dem Geld muss die Familie also das ganze Jahr über leben. Das ist viel zu wenig, weil schon ein Kilo Bohnen 5,80 Real - knapp 2 Euro - kostet.
Ohne die fünf Schwestern vom "Heiligen Herzen Christi" könnte da Silva seine Familie schon jetzt nicht ernähren. Einmal im Monat geben sie ihm in ihrem Kinderheim einen Korb mit Reis, Mais, Milchpulver und Seife. Eine seiner Töchter darf auch jeden Tag ins Heim gehen, wie 174 andere Kinder. Die Nonnen geben ihnen zu essen, und sie bringen ihnen Schreiben und Rechnen bei. "Wenn die Kinder kommen, sind sie so mager, dass man jede Rippe sehen kann", sagt die Oberin, Schwester Conceição, 72.
Sie kämpft vor allem um eine Zukunft für die Mädchen. "Viele werden Huren, wenn sie so groß sind", sagt Schwester Conceição und hält die Hand etwa 1,50 Meter über den Boden. Es geht nicht um Geld, "sie geben sich weg für ein Stück Pökelfleisch" - bis sie schwanger werden und versuchen, mit einer Fahrradspeiche abzutreiben. "Manche sterben dabei", sagt die Oberin.
In einer anderen Hütte von Araçoiaba hausen zwei Brüder, 17 und 18 Jahre alt. Vor zehn Jahren haben sie die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern aufgenommen, sie hatten keine Kindheit. Sie haben auch keine Zukunft, sie sehen es bei Antônio da Silva und all den anderen. "Schlimm sind die Hitze, der Dreck, die Wunden", sagt der Ältere von beiden, "aber das Schlimmste ist, dass wir für immer bleiben müssen, weil es nichts anderes gibt."
"Diese Männer werden gehalten wie Sklaven. Sklaverei ist verboten, aber sie sind Sklaven", sagt José Lourenço da Silva. Sehr viele Menschen hier heißen da Silva, Nachfahren früherer Sklaven zumeist, die nur Vornamen hatten. Als die Plantagenbesitzer sie 1888 freilassen mussten, bekamen Tausende denselben Nachnamen.
José Lourenço da Silva ist der Präsident der Landarbeiter-Gewerkschaft STR in Aliança, einem anderen dieser Ethanol-Dörfer. Der Wind weht den Gestank des Elends über den offenen Innenhof des Hauses. Lourenço schaut über eine Lesebrille, er trägt ein gebügeltes Hemd, in seiner Brusttasche steckt ein Kugelschreiber. In der Ethanol-Zone sind das die Insignien eines Intellektuellen, aber Lourenço fühlt sich eher als Kämpfer.
Drei Mordanschläge hat er schon überlebt. Capangas waren das, glaubt er. Beim letzten Versuch kam Lourenço nur knapp davon. Es gab einen Anruf am Telefon, ein Vorwand, der ihn zu einer Plantage lockte. Auf dem Rückweg schlugen dann Kugeln in sein Auto ein.
Im Flur vor seinem Büro stehen weiße Plastikstühle, dort setzen sich die Menschen hin, die auf Lourenço hoffen. "Der Ethanol-Boom ist vielleicht gut für Brasilien, aber verheerend für die Menschen", sagt er, und dass Lulas Traum ein Verhängnis sei. In den sechs Jahren, die der Präsident jetzt in Brasília amtiere, habe sich die Zahl der Hilfesuchenden in seinem Flur in Aliança verdoppelt, sagt Lourenço. Er hat mehr Plastikstühle hingestellt.
Oft geht es um Unfälle, meist um den Lohn. Wie viele Tonnen die Männer an einem Tag geschnitten haben, wird nicht gewogen - der Feitor misst die freigeschlagene Strecke über das Feld mit einem langen Stab, den er in der Hand kreisen lässt wie ein Tambourmajor den Taktstock. Wenn er will, kann er den Stab dabei so durch die Hand gleiten lassen, dass die Strecke kürzer wird, der Lohn geringer. Oft zahlen die Plantagen auch einfach gar nicht oder nur einen Teil.
Dann fährt Lourenço hin. Er schaut in Abrechnungen, misst Strecken nach. Er streitet mit dem Feitor, er kann sehr lästig werden, viel mehr kann er nicht tun.
Fábio Farias hingegen hat Macht, theoretisch jedenfalls. "Wenn wir auf die Zahlen schauen, scheint es auf den Plantagen keine Probleme zu geben. Danach sind wir etwa bei Unfällen besser als die Schweiz", sagt der Prokurator des Arbeitsministeriums in Recife, der Hauptstadt des Bundesstaats Pernambuco. "Das Problem ist, dass unsere Zahlen falsch sind. Wir erfahren einfach nichts." Die Plantagen seien eigene Welten, niemand melde Unfälle, Misshandlungen. Er habe viel zu wenige Leute, um zu kontrollieren - 9 Kontrolleure für 140 000 Arbeiter.
Farias sitzt in einem kleinen Büro, von der Decke fällt der Putz, der Computer ist kaputt, der Beamte erstickt in den Akten. Er trägt Schlips und Anzug, auf seiner Stirn glänzen die Schweißperlen. Dies ist kein Land für Krawatten, Farias aber will trotz allem Würde bewahren.
Er weiß, dass die Arbeit auf den Plantagen sehr viel gefährlicher ist, als sie sein dürfte. "Allein der Verbrauch von Pestiziden ist ungeheuerlich", sagt er, oft würden sie per Hand auf die Felder gestreut. Die Arbeiter trügen weder Masken noch Handschuhe. "Es gibt Spätschäden, Vergiftungen."
Weil Farias so wenig Kontrolleure hat, können die Ermittler nur alle paar Monate eine Plantage oder eine Fabrik durchsuchen und notfalls schließen. Dann leiten sie Verfahren ein - wegen Sklavenhaltung manchmal, wegen Verstößen gegen alle möglichen Vorschriften eigentlich immer.
José Nunes da Silva hat zwölf Jahre lang Zuckerrohr geschlagen, bis er nicht mehr konnte, weil die Arbeit auf den Feldern ihn zermürbt hatte. Jetzt beerdigt er die Toten von Araçoiaba, bei ihm enden die Wege durchs Zuckerrohr.
Er hat schöne Gräber auf seinem Friedhof: Gräber mit Kreuzen darauf, da liegen Capangas und Feitores. Zuckerrohrschneider aber vergräbt er meist nur für zwei Jahre. Danach holt er aus dem Boden, was von den Ethanol-Männern noch übrig ist. Das karrt er dann nach hinten in die Ecke neben der Müllhalde. Knochen ragen dort aus der Asche einer Feuerstelle, Hunde streunen herum.
Der Totengräber schüttet normalerweise ein Petroleum-Gemisch über die leiblichen Reste der Zuckerrohrschneider und zündet sie an. "Wenn sowieso die Plantagen brennen, riecht es niemand", sagt er.
Er muss das tun, denn sonst würden Gebühren für die Grabstelle fällig: 15 Real, etwa 5 Euro, pro Jahr. Zu viel für die Witwen der Zuckerrohrschneider.
* Mit Biosprit-Proben im Entwicklungszentrum des brasilianischen Petrobras-Konzerns im Oktober 2007.
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 4/2009
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