02.02.2009

GesellschaftAufstand der Bräute

Kinderehen, ein Komitee, das über weibliche Tugend wacht - beides ist Wirklichkeit im Jemen. Das Land, äußerlich eine Demokratie, wird von uraltem Stammesdenken erdrückt. Nun, da globales Wissen hinter den Schleier dringt, wagen Frauen den Abschied vom Fundamentalismus. Von Fiona Ehlers
Nudschud sitzt im Riesenrad, in einer Gondel mit bunten Glühlämpchen, der Wind bläst ihr ins Gesicht, zerrt am Schleier, zerzaust ihr Haar. Neben ihr die Schwester, sie juchzen, sie sind Kinder, hier oben geht das, noch eine Runde und noch eine, ein Nachmittag im einzigen Vergnügungspark von Sanaa, der verwunschenen Hauptstadt des Jemen, einer Stadt, die kein Spaß ist für Mädchen.
Nudschud al-Ahdal, gerade mal 1,20 Meter groß, freches Gesicht, zehn Jahre alt, soweit sie weiß. Hier oben, über der drückend heißen Stadt, kann sie jung sein, unbeschwert. Unten wartet das Mittelalter. Im Schatten sitzen Frauen in schwarzen Umhängen, das Gesicht verhüllt bis auf einen schmalen Schlitz für die Augen. Männer stehen abseits, kauen Kat, die Volksdroge, und am Bund ihrer Wickelröcke blitzen Krummdolche. Unten warten Brauchtum und Regeln. Unten wartet Nudschuds Vergangenheit.
Es ist erst ein paar Monate her, da setzte sich Nudschud in ein Taxi, sie fuhr von der Lehmhütte ihrer Eltern auf direktem Weg zum Gericht.
Der West Court in Sanaa war überfüllt wie jeden Tag, Wärter mit Kalaschnikows führten Häftlinge vorbei. Auf dunklen Gängen standen rempelnde, gaffende Männer. Nudschud fürchtete sich vor ihren Stimmen, ihrem Atem. Lange schlich sie über die Gänge, dann fragte die einzige Frau, die ihr begegnete: "Was willst du hier?"
"Die Scheidung", sagte Nudschud.
"Verheiratet?", fragte die Frau. "So jung?"
"Er macht böse Dinge mit mir", sagte Nudschud leise und blickte zu Boden. "Ich hasse ihn, ich will, dass es aufhört."
Nudschud hatte Glück. Die Frau war Anwältin. Sie sprach mit einem Richter, der ließ Nudschuds Vater und den Ehemann festnehmen und brachte das Kind bei der Familie eines Kollegen unter.
Nudschud hatte Mut, unfassbar viel Mut. Aus ihrer Kinderehe hat sie sich selbst befreit. Früher lag das Mindestalter für Bräute im Jemen bei 15 Jahren, 1999 wurde es abgeschafft. Mit dem Vollzug der Ehe soll der Mann warten, bis das Mädchen die Geschlechtsreife erreicht. Nudschuds Mann wartete nicht, er vergewaltigte sie gleich in der ersten Nacht.
Es war eine Tante, die Nudschud auf die Idee brachte; jammere nicht, sagte die Tante, wir können nichts tun, das kann nur ein Gericht. "Wo ist das?", fragte Nudschud, wartete, bis die anderen das Haus verließen, nahm das Geld, von dem sie Fladenbrot kaufen sollte, 200 Rial, 70 Cent, fuhr los, todesmutig, erzählte ihre Geschichte, zum ersten Mal.
Ihre Geschichte klingt abscheulich, sie ist Alltag im Jemen, einem der ärmsten und archaischsten Länder der Welt, scheinbar demokratisch, in Wahrheit aber geprägt von uralter Stammestradition und strikter Geschlechtertrennung. Ein Land, in das die Globalisierung Einzug hält und in dem Männer fremde Sitten fürchten.
Nudschud hockt im Schneidersitz am Fuße des Riesenrads. Sie beißt sich auf die Lippen, nicht weinen, bloß nicht weinen. Sie schickt ihre achtjährige Schwester Limonade holen, die Schwester soll nichts mitbekommen von ihrer Scham.
Nudschud kann nicht genau sagen, wie alt sie ist, zehn wahrscheinlich, jedenfalls nicht acht, wie Medien aus aller Welt schrieben, um ihre Geschichte noch ein wenig spektakulärer zu machen. Ihr Vater, ein Straßenkehrer aus Sanaa, hatte einen Ehemann ausgewählt, der 20 Jahre älter war als Nudschud, und 750 000 Rial als Brautpreis ausgehandelt, 2500 Euro, das ist so viel, wie der Vater in 50 Monaten verdient.
Es gab kein rauschendes Fest, wie es der Vater versprochen hatte. Sie trug ein braunes Kleid, schäbig war es und geliehen. Niemand hatte sie aufgeklärt, niemand hatte ihr gesagt, was Ehemänner dürfen und was nicht. Ihre Menstruation hat sie bis heute nicht, sie weiß gar nicht, was das ist.
Vor dem Schlafengehen, erzählt Nudschud und weint jetzt wirklich, habe seine Mutter gesagt: "Schnapp sie dir, du hast es verdient, sie ist deine Frau." Zwei Monate dauerte ihre Qual, dann, zu Besuch bei ihren Eltern, brach sie aus.
Am 15. April 2008, am Tag, als Nudschud geschieden wurde, als sie aus dem Saal trat und Journalisten aus aller Welt sie bestürmten und jemand fragte, was sie sich jetzt wünsche, sagte Nudschud: "Ich will Schokolade." Eine Zehnjährige, die Kind sein will und es längst nicht mehr ist.
Ihr Vater wurde nicht bestraft, ihr Ehemann bekam sogar eine Art Abfindung, umgerechnet 200 Euro. Die Summe zahlte Nudschuds Anwältin aus eigener Tasche. Nudschud lebt jetzt wieder bei ihrer Familie, mit 14 Geschwistern, ihre Ehe wurde annulliert. Nudschud al-Ahdal hat geschafft, was eigentlich unmöglich ist im Jemen. Sie will weiter zur Schule gehen, Anwältin werden, sie ist berühmt jetzt, das bedeutet auch: Geld. Sie wurde vom amerikanischen Magazin "Glamour" als "Woman of the Year" gefeiert, hat einer französischen Journalistin ihr Leben erzählt, was jetzt als Buch erscheint, in Deutschland wurde es als Vorabdruck an "Bild" verkauft. Viele kennen ihre Geschichte, weltweit und auch im Jemen, sie ist zum Vorbild geworden für andere Kinderbräute.
Kurz nach Nudschud hatte ihr Richter einen weiteren Fall, Rim, 13 Jahre. Vielleicht hat er Druck bekommen, er annullierte ihre Ehe nicht, sondern ordnete ein weiteres Probejahr an. Mohammed al-Kadhi, 41, ist ein sanfter, höflicher Richter mit Dolch am Gewand, er steht in seinem Büro im Gericht, er sagt, Kinderehen stünden nicht im Einklang mit dem Islam. Dass Frauen jetzt kämpfen, sei gut, aber es mache den Männern auch Angst. Er sagt, er habe ganz oben dafür plädiert, dass man das Mindestalter wieder einführt. Er hofft, dass es in zwei, drei Jahren so weit sein wird.
Er lebt in einem Land, in dem Gottesfurcht das Maß aller Dinge ist und nicht wenige daran glauben, man müsse sie mit Gewalt verbreiten. Der Jemen, der 1990 vereinigt wurde, der sozialistische Süden mit dem mächtigen Norden, ist ein zerrissenes Land - einerseits gestützt von den USA, andererseits Rückzugsgebiete der Islamisten von Qaida, die mit Terror gegen Ungläubige vorgehen, gegen US-Amerikaner, gegen Touristen, gegen Frauen, die um Frauenrechte kämpfen. Es ist ein ungeheuerlicher Fortschritt, dass es diese Frauen gibt.
Nur jungfräulich seien Mädchen biegsam, das galt schon früher. Aber heute gilt auch: Männer fürchten westliche Einflüsse, die Frauen widerspenstig machen könnten. "Mit der Ehe wollte ich meine Tochter schützen", sagte Nudschuds Vater. Ihre Rebellion versteht er nicht.
Frauen nehmen sich Freiheiten, sie müssen, sie bekommen nichts geschenkt. Der Jemen hat eine der fortschrittlichsten Verfassungen der arabischen Halbinsel. Anders als in Saudi-Arabien dürfen Frauen selbst entscheiden, ob sie arbeiten, Auto fahren, reisen, sich scheiden lassen. Sie dürfen wählen, ja sogar gewählt werden, und kein Gesetz schreibt ihnen vor, dass sie sich zu verschleiern hätten. Auf dem Papier sind Frauen gleichberechtigt. Im Alltag ist ihr Leben ein Kampf. Denn Tradition und Fundamentalisten sind stärker als Paragrafen. Frauen haben Nachteile bei Scheidung, Erbschaft, Unterhalt, kaum eine besitzt einen Pass. 19 Jahre nach der Vereinigung von Nord- und Südjemen, 19 Jahre seit Einführung der Demokratie kann nur eine von drei Frauen schreiben und lesen. Zwar steigt die Zahl der Wählerinnen, fast jede zweite Frau wählt, aber sie wählt selten eine Frau. Nur eine von 301 Abgeordneten ist weiblich, zwei von 41 Ministern.
Frauen haben Freiheiten - aber nur, solange sie kein fremder Mann dabei sieht. Sie verhüllen sich bis zum Augenlid, huschen wie scheues Wild durch die verwinkelten Altstadtgassen von Sanaa.
Das Land verändert sich, der Fortschritt lässt sich messen am Schicksal der Frauen. Und es gibt Erfolgsgeschichten, sie handeln davon, wie sie die Globalisierung nutzen, den Austausch von Wissen. Es sind keine vom Westen erfundenen Rezepte, sondern eigene, die der Frauen selbst, anders funktioniert es nicht.
Der Blick des Westlers sieht oft nur Armut, Rückstand, Macho-Rituale, er sieht das verschlossene Land, in das sich kaum noch Touristen trauen, aus Angst vor Entführungen und Attentaten. Die Frauen aber sagen: Es ist noch nicht lange her, da waren wir stumm und unsichtbar. Und heute stehen kleine Mädchen vor Gericht und sagen: "Ja, ich will die Scheidung!"
Es waren zwei Frauen, die Nudschud halfen, sich selbst zu befreien, Nudschuds Anwältin Schada Nassir, die für ihre Scheidung kämpfte, und die Journalistin Nadia al-Schakaf, die dafür sorgte, dass Nudschuds Schicksal publik wurde.
Nadia al-Schakaf ist Chefredakteurin der englischsprachigen "Yemen Times", einer der kritischsten Zeitungen des Landes. Sie ist 31, eine schnell denkende, knallhart delegierende Journalistin mit Kleinkind und 60-Stunden-Woche. Sie trägt keinen Schleier, nur ein rosa Kopftuch. Hinter jeder modernen Frau, so heißt es im Jemen, steht ein moderner Vater. Ihrer war modern. Er machte ein regierungskritisches Blatt und wurde auf der Straße überfahren, die genauen Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt. Nadia studierte Informatik in Indien, sie wollte nicht, aber sie musste zurück nach Sanaa, um die Zeitung ihres Vaters zu übernehmen, als Boss von 15 Männern. Sie brachte die Erfahrung mit, dass ein anderes Leben für Frauen möglich ist.
Ein Jahr lang war sie eine Art Praktikantin, "massierte den Männern ihr Ego", wie sie sagt, hörte ihnen zu, lobte ihre Arbeit, ihr Wissen. Dann wurde sie "bossy", bohrte nach, schrieb ihre Artikel um. Entließ die Hälfte der Männer, stellte Frauen ein. Ernannte Männer zu Frauenbeauftragten, sie sollen über Klitorisbeschneidung schreiben, über Kinderbräute und sexuelle Belästigung. Die Frauen schickt sie auf Pressekonferenzen, allein, am Abend, lässt sie über Korruption berichten und den Krieg im Norden. Am Anfang trauten sich die Frauen nicht, sagt sie, "jetzt lieben sie es".
Nadia al-Schakaf sagt, sie sei ein Beispiel für eine erfolgreiche, globalisierte Frau, auch das sei möglich im Jemen, sie verstoße nicht gegen den Koran, auch sie sei tiefgläubig, aber ohne Hass. Die Regierung macht ihr keine Schwierigkeiten. Aber sie bekommt oft Drohbriefe, von islamischen Fundamentalisten. Sie sagt, Drohbriefe spornten sie an.
Eine Verabredung am Nachmittag mit Nadia al-Schakafs Sekretärin, eine Einladung zu einem Hochzeitsfest. Man erkennt die Sekretärin nicht sofort, am Eingang eines Festsaals, wo es nur so wimmelt von schönen, leichtbekleideten Frauen. Bei der ersten Begegnung trug sie Vollschleier.
Zu erleben ist auf dieser Hochzeit, wie zäh der Kampf der Frauen noch immer ist. Hier zeigen sie Dekolleté in orientalischen Gewändern, haben Hennabemalungen an Händen und Fesseln, räkeln sich auf Diwanen, rauchen Schischa, Wasserpfeife, quatschen, kichern, tanzen. Ausgelassen wirkt das, verführerisch - und absurd.
Kein einziger Mann ist da. Die Männer feiern im Saal nebenan. Manchmal dringt Jubel herüber, manchmal dürfen Touristen dabei zusehen, wie der Bräutigam mit gezücktem Dolch zu Trommelklängen tanzt, die eigene Frau darf das nie. Undenkbar. Es darf nicht sein.
Gegen acht Uhr bellt eine Männerstimme über Lautsprecher. "Mariam, zieh dich an, dein Bruder steht an der Tür!" Oder "Arwa, es wird Zeit, dein Vater wartet im Auto." Dann springen sie auf, eine nach der anderen. Stülpen Abajas über Abendkleider. Binden Schleier: ein schwarzes Tuch übers Haar, eins oberhalb der Nase, ein drittes, das mit dem Sehschlitz, übers Gesicht. Dann huschen sie zur Tür, wo der männliche Aufpasser drängelt. Männer wollen, dass sich Frauen unwohl fühlen, allein, auf der Straße. Es gelingt. Vorerst.
Was wäre aus Nudschud geworden, hätte sie sich nicht selbst zu helfen gewusst? Wenn sie Glück gehabt hätte, wäre sie bei Afra Hariri gelandet, einer 32-jährigen ketterauchenden Strafrechtlerin, in einem baufälligen Haus im alten Botschaftsviertel von Aden. 52 Frauen fanden dort bisher Zuflucht, zurzeit sind es 9. Die meisten Frauen holt Hariri aus dem Gefängnis. Dort sitzen sie wegen Ehebruchs, weil sie vor Zwangs- oder Kinderehen geflohen waren, weil sie bettelten oder ihren Körper verkauften. Sie kommen als Wracks, lernen aufrecht gehen, alle besuchen eine Schule.
Afra Hariri ist eine Frau des Südens, der bis Anfang der neunziger Jahre sozialistisch war, bis das Geld der Sowjets versiegte. Frauen des Südens besitzen Fotoalben, sorgsam gehütete Schätze, dort stehen sie in Jeans und halten Plakate auf Frauenrechtsdemos. Auch Afra wird bedroht. Weil sie öffentlich über die steigende Zahl von Prostituierten sprach, zerstach man ihre Autoreifen und hielt Hasspredigten gegen sie in der Moschee.
In Aden, im Süden, ist dennoch ein bisschen mehr möglich als im Norden. Auch an der Universität von Aden, wo Afra Hariri studiert hat. Ein seltsamer Ort, hier sitzen Frauen am Computer und beugen sich über englische Bücher, auf denen "Freedom" steht, "Gender" und "Progress", sie forschen darüber, wie sie in Zukunft mit der Globalisierung klarkommen sollen. Alle sind vollverschleiert. Als müssten sie sich dafür entschuldigen, dass sie wissen wollen. Als müssten sie unsichtbar werden, je gebildeter sie sind. Das ist der Preis, sie zahlen ihn.
Seit zehn Jahren gibt es den "Gender"-Studiengang, erst in einer fensterlosen Gerätekammer, jetzt mit zwei Fluren, einer Bibliothek und rund hundert Studenten, auch ein paar Männern. Es geht, so ist dort zu hören, um Wissenstransfer, es geht darum, Frauen fit zu machen für die Macht. Die Mächtigen aufzuklären über Prostitution, Kinderehen, Unterdrückung der philippinischen Hausmädchen. Sehr gewagt ist das alles. Immer noch, sagt Roksana Ismail, die Gründerin der "gender studies", dächten die meisten Jemeniten, Gender heiße Homosexualität, gehöre also verboten. "Unsere Arbeit wird nicht leichter", sagt auch sie. "Jeder unserer Erfolge wird bestraft mit einer Gegenbewegung."
Die Widersprüche - man sieht sie in einer Hotelbar am Strand beispielsweise, hier trinken saudi-arabische Geschäftsmänner Whisky auf Eis, im Disco-Licht schimmern ihre weißen Gewänder bläulich. Vor ihnen, auf der Bühne, tanzen Huren zu Livemusik. Mit jedem weiteren Song lüpfen sie ihre Abajas ein wenig mehr, zeigen Miniröcke, Strapse, hauchen Luftküsse aus grellgeschminkten Mündern. Und im Publikum sitzen, etwas züchtiger bekleidet, Touristenbräute, es sind jemenitische Mädchen, die auf einen reichen Saudi-Araber hereingefallen sind.
Wohlhabende Touristen aus dem Nachbarland heiraten im Jemen, ein Imam gibt seinen Segen. Und zwei Monate später, wenn die Hitze in Riad oder Mekka wieder auszuhalten ist, kehren sie heim zu ihren Familien. Die Jemenitin wird sitzengelassen, mit ein paar neuen Kleidern vielleicht, manchmal auch mit der Hotelrechnung, entehrt ist sie für immer.
Touristenehen sind ein neues, ein übles Phänomen im Jemen, jeder weiß davon, man spricht nicht darüber. Das, sagen die Studentinnen der Aden-Universität, ist die Doppelmoral der Fundamentalisten: dass sie eine bestimmte Form der Globalisierung fürchten, andere nicht. Nicht diejenige in der Hotelbar am Strand, aber sehr wohl diejenige in Nadia al-Schakafs Zeitung und Afra Hariris Frauenhaus.
Ärgster Feind der jemenitischen Frauen sind jene Islamisten, die im Juli 2008 das "Tugendkomitee" gründeten, eine Art Sittenpolizei gegen unislamisches Verhalten. Das Komitee konfisziert westliche DVDs, holt Frauen vom Fahrrad und unverheiratete Pärchen von der Straße. Und es veröffentlichte eine Fatwa, ein Rechtsgutachten, gegen die 15-prozentige Frauenquote im Parlament, die Staatspräsident Ali Abdallah Salih im vergangenen Jahr vorgeschlagen hat. Die gebildeten Frauen sind entsetzt. Sie bekämpfen das Komitee in ihren Zeitungen, wettern auf Konferenzen, lassen nichts unversucht, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen.
Oberster Tugendwächter ist Scheich Abd al-Madschid al-Sindani, 64, ein Islamist mit hennarot gefärbtem Bart. Er ist ein Weggefährte von Osama Bin Laden, gemeinsam kämpften sie in Afghanistan. Sindani steht als "global terrorist" auf der Liste der US-Regierung, die Vereinigten Staaten verlangen vergebens seine Verhaftung. Er ist Direktor der Al-Imam-Universität, der größten Koranschule im Jemen, und einer der Führer der islamischen Islah-Partei.
Im Frauentrakt seiner Koranschule in Sanaa sitzt eine schwarze Versammlung vor Schiefertafeln. Blickdichte Abajas, lange Handschuhe aus klebrigem Nylon. Kaum ein Laut ist zu hören, kein Flecken Haut zu sehen, murmelnde Mädchen bei der Koran-Exegese, gesichtslos, versunken.
Sidani ist nicht zu sprechen, natürlich nicht, er spricht selten mit Westlern und niemals mit westlichen Frauen. Zu sprechen ist seine älteste Tochter. Auch sie lehrt hier, sie ist eine Scheicha. Sie lehrt Religionswissenschaften, was sonst.
Scheicha Asma Sindani ist eine großgewachsene Frau, sie gleicht ein wenig der Sängerin Maria Callas, mit tiefer, durchdringender Stimme und ausdrucksstarkem Gesicht. Sie empfängt im Haus einer Freundin. Asma Sindani trägt eine goldbestickte Abaja, keinen Schleier, es sind ja nur Frauen da. Sie stellt sich vor: "42 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und, Sie werden es nicht glauben, vierfache Großmutter!" Triumph liegt in ihrer Stimme, Kinder, heißt das, sind Waffen, und Frauen sind Dienerinnen ihrer Herren.
Durch den Vater geschult, gibt sie eine Kostprobe ihres Könnens als Predigerin, es dauert Stunden und ist eine Qual. Auf ihrem silberfarbenen Laptop öffnet sie Dateien mit Koransuren, es geht um die Kinderehe. "Frauen sind zerbrechliche Gefäße", sagt sie. "Sie müssen sich unterordnen, es ist zu ihrem Schutz." Mindestalter sei westlicher Unsinn. Aischa sei neun gewesen, ein Jahr jünger als Nudschud aus Sanaa, "als unser Prophet Mohammed, Friede sei mit ihm, sie zu seiner dritten Frau machte. Sollen Mädchen denn auf der Straße landen, sollen sie etwa abtreiben? Mädchen müssen geheiratet werden, und sie verlieren ihre Weiblichkeit, wenn ihr Haar kurz und ihre Zunge lang wird!" Frauen sollen schweigen, noch Fragen?
Zur Erfrischung reicht die Gastgeberin ein Tablett mit Parfumflakons, schwere orientalische Düfte. Ein Flakon ist darunter, der ist geformt wie ein nackter Frauentorso. "Very Sexy" heißt er, ein Duft von Victoria's Secret.
Die Gäste schmunzeln, die Gastgeberin wird rot, dann wird sie wütend. Ein Geschenk ihres Mannes aus einem Duty-free-Shop, sagt sie, sie habe es sich nie so genau angeschaut, es sei "haram", ruft sie, verboten, und fasst den Flakon mit spitzen Fingern und schleudert ihn in eine Ecke. Sie reicht noch Sahnetorte und Tee, dann kommt der Chauffeur und fährt die Frauen nach Hause. In einer gepanzerten Limousine, hinter blickdichten Scheiben.
Der Jemen als Experiment - auf Fortschritt folgt Rückschritt, so ist es in vielen anderen islamischen Ländern auch, und doch gibt es Irritationen, seltsame Kontrapunkte, Hoffnung vielleicht.
Jeden Morgen um sechs, der Ruf des Muezzins ist gerade verklungen, marschieren Frauen in Springerstiefeln und Tarnhosen, und Männer bellen Befehle. Die Frauen tragen dünne Haarnetze, manche sind geschminkt mit wasserfestem Mascara, sie müssen ja etwas sehen, wenn sie kämpfen.
Diese Frauen haben ihre Häuser längst verlassen, diese Frauen stürmen fremde Häuser - als Soldatinnen der Armee.
Seit gut zwei Jahren gibt es die Eliteeinheit, 14 junge Frauen werden, mit Unterstützung der USA, von Jemeniten ausgebildet, bald sollen es 50 sein. Sie lernen schießen, Selbstverteidigung, Erste Hilfe und Englisch, sie essen mit den Männern, manchmal schlafen sie sogar hier, im Frauentrakt der Kaserne. Der Grund für diese "Counter Terrorism Force" war die Einsicht, dass man Terroristen mit der Hilfe von Frauen erfolgreicher bekämpfen kann. Immer öfter sprengen sich Attentäterinnen in die Luft. Oder Dschihadisten verkleiden sich als Frau und schmuggeln Waffen unter ihrer Abaja. Das Problem: Im Jemen dürfen Männer keine Frauen berühren, um sie nach Waffen zu durchsuchen, das ist "haram", das dürfen nur Frauen. So führt der Fundamentalismus auf seltsame Weise auch zum Fortschritt, sorgt dafür, dass es diese Soldatinnen gibt.
Sie fahren im Bus auf den Truppenübungsplatz. Auf den Hügeln stehen Schafhirten, die fassungslos zusehen, wie diese Frauen ihre Kalaschnikow durchladen und auf Zielscheiben feuern, die aussehen wie Männer, Männer aus Pappe.
"Schießen mit scharfer Munition" mache am meisten Spaß, sagen die Soldatinnen. Sie sind selbstbewusst, durchtrainiert, sie fühlen sich als Pionierinnen. Viele Frauenrechtler halten diese Eliteeinheit jedoch für eine Alibiveranstaltung, für das Aushängeschild eines Präsidenten, der dem Westen beweisen muss, wie fortschrittlich der Jemen sei. Und doch ist es ein Zeichen: Frauen jagen Terroristen, sie bauen an einem sicheren Land. Frauen machen Männerarbeit, und sie machen sie gut.
Es sei so, sagt Suad al-Gadsi, die Leiterin des "Women Forum for Research and Training" in Taiss, einer Großstadt im Südwesten, "dass im Jemen drei Systeme aufeinanderprallen: die Stammestradition, der Islam, die Moderne. Mittendrin steckt die Frau, ohne sie wird sich dieses Land nie entwickeln".
Suad al-Gadsi war Opfer der Tradition, aber sie nahm es als Chance.
Ihr Vater stellte seiner Tochter drei Männer vor, sie nahm den, den er am wenigsten leiden konnte. Er zahlte einen guten Brautpreis, er war 25 Jahre älter. Suad war zwölf. Sie fügte sich, sie wagte noch nicht den Aufstand, damals, vor 30 Jahren. Ihr Mann ging als Gastarbeiter nach Saudi-Arabien, sie zog zwei Söhne groß, machte die Schule fertig, studierte. Aber dann brach der Golfkrieg aus, irakische Truppen besetzten Kuwait, und weil sich der Jemen nicht gegen Saddam Hussein stellte, warf das saudische Königshaus alle jemenitischen Gastarbeiter aus dem Land. Suads Mann kam als strenggläubiger Wahhabit zurück, völlig verwandelt. Alles war "haram" plötzlich, Suad musste sich verschleiern, durfte nicht weiterstudieren, bei jedem Widerwort setzte es Schläge.
Sie kämpfte um die Scheidung, es dauerte Jahre, er bekam die Söhne, sie keinen Unterhalt. Aber "es war wie Aufwachen", sagt Suad. Sie wurde Lehrerin, wurde abgeworben von einer Entwicklungsorganisation, dann gründete sie ihre eigene, eine von 170 Frauenförderorganisationen im Jemen, es ist eine, die nicht nur ausländisches Geld verteilt, sondern tatsächlich etwas bewirkt.
Suad al-Gadsi, 42, unverschleiert, blonde Strähnen im Haar, enge Jeans, hochhackige Schuhe, sitzt im Jeep und rast durch Taiss, lacht viel. Erzählt, wie sie den Koran studierte, weil sie "die Sprache der Männer lernen wollte". Wie sie Imame einlud, in ein Luxushotel in Beirut, ein Sündenbabel im Vergleich zum Jemen. Zuerst zierten sich die Männer, dann interpretierten sie mit weiblichen Islamgelehrten den Koran und schauten Touristinnen beim Baden im Pool zu. "Es sind die jungen Imame, die etwas ändern können", sagt Suad. "Dank unserer Schulung predigen sie heute über Frauenrechte, Kinderehen und Aids."
Sie jagt über eine Schnellstraße nach Qaida. Al-Qaida wie das Terrornetzwerk, ein verschlafenes Dorf nördlich von Taiss. Suad besucht den Imam von Qaida, der als fortschrittlich gilt. Vier Prediger sitzen dort beisammen und sechs engagierte Frauen, sie diskutieren, Suad al-Gadsi vermittelt.
"Warum gibt es keine Predigerinnen?", fragt eine Frau.
"Zu früh", sagt einer der Männer. Aber möglich, eines Tages.
"Was soll dieses Tugendkomitee, seht ihr nicht, wie die uns Frauen zusetzen, im Namen Allahs?"
"Auch wir sind dagegen. Es ist undemokratisch."
"Der Koran", sagt sie, "soll Lösung der Probleme sein, nicht Ursache. Männer und Frauen sprechen eine Sprache, es geht zusammen, wenn wir wollen."
Spätabends sinkt sie aufs Sofa in ihrer leeren Wohnung, stopft sich grüne Kat-Blätter in die Backen wie die Männer.
Denkt sie manchmal daran, den Jemen zu verlassen? "Aber ja", sagt sie. "Oft. Doch hier gehöre ich her, ich wäre schön blöd, wenn ich nicht bliebe."

Planet der Frauen (II) Weltweit durchbricht die Globalisierung kulturelle Grenzen, wandelt das Verhältnis der Geschlechter, rüttelt an archaischen Traditionen - auch in arabischen Ländern, wie die zweite Folge der vierteiligen SPIEGEL-Serie beschreibt. Die erste Folge schilderte, wie sich Frauen aller Schichten global organisieren, um die neuen Chancen zu nutzen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 6/2009
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