02.02.2009

ASTRONOMIERätsel aus der Renaissance

Who is who auf dem berühmten Wandbild „Die Schule von Athen“? Ein Forscher aus Ulm hat eine verblüffende Neudeutung vorgelegt.
Kaum 27 Jahre war Raffael alt, als er sich anschickte, die Privatzimmer des Stellvertreters Christi in Rom mit einem leuchtenden Bildnis zu verschönern. Der Papst wollte Gelehrsames. Also malte ihm der Künstler eine Parade der Superhirne.
Insgesamt 58 Personen sind auf dem Fresko "Die Schule von Athen" zu sehen - fast alles maßgebliche Philosophen und Wissenschaftler von der Antike bis zur Zeit Raffaels. Einige halten Zirkel oder Globus in der Hand, andere Bücher.
Nur: Wer ist da wer?
Seit über 400 Jahren wird versucht, die Figuren zu enttarnen. Euklid und Zarathustra sollen der seltsamen Versammlung angehören. Der Typ im weißen Gewand gilt manchen als Jesus, der Turbanträger daneben als der arabische Überbringer der Ziffer Null. Eindeutig identifiziert sind aber nur sieben Personen, darunter Platon, der sein Traktat "Timaios" unterm Arm hält, sowie - auf den Stufen hingelümmelt - der antike Denker der Bedürfnislosigkeit, Diogenes, der in einer Tonne lebte.
Vor allem die rechte Ecke des Freskos steckt voller Geheimnisse. Kaum eine Gestalt ließ sich dort bislang zweifelsfrei identifizieren.
Nun endlich liegt eine Zuordnung vor. Frank Keim, ein Mitarbeiter der Universität Ulm, deutet die rätselhafte Szene als Ausdruck eines "astronomischen Streits", der einst in der Renaissance tobte: "Gezeigt wird der Kampf zwischen dem geozentrischen und dem heliozentrischen Weltbild."
Richtig ist, dass kurz vor der Entstehung des Freskos das Werk des antiken Astronomen Aristarchos von Samos erstmals wieder gedruckt wurde. Dieser Gelehrte hatte bereits um 250 vor Christus vermutet, dass die Erde nicht fest steht, sondern wie ein Raumschiff um den solaren Feuerball kreist.
Im Altertum galt der Mann als Frevler, man bedrohte ihn mit dem Tod. Anhänger hatte er fast keine.
Kaum waren seine ketzerischen Gedanken wiederbelebt, weckten sie erneut Ärger und Verwirrung. Nikolaus Kopernikus (der von 1496 an rund acht Jahre lang in Italien lebte) griff die Idee mit der Sonne im Mittelpunkt als Erster auf und unterfütterte sie mit schlagkräftigen Hinweisen. Seine heliozentrische Pionierschrift entstand nach 1500 - wurde allerdings von vielen bezweifelt.
Martin Luther hielt den Ansatz für Stuss. Die Päpste dagegen verhielten sich anfangs neutral. Erst nach 1520 gingen sie zunehmend brutaler gegen die Vertreter des neuen Weltbilds vor. Galileo Galilei ("Und sie bewegt sich doch!") landete später im Kerker. Giordano Bruno starb den Feuertod.
Vor diesem historischen Hintergrund versucht Keim, das farbenprächtige Rätsel von Raffael zu lösen. "Der alte Mann rechts oben im Bild mit dem dunklen Purpurgewand ist Aristarchos", erklärt er. Er beruft sich dabei auf ein anderes Renaissance-Gemälde, das den antiken Solar-Gelehrten ebenfalls mit Purpurmantel und Graubart zeigt.
Der Greis daneben im grünen Rock mit dem Prügelstock soll Kleanthes von Assos sein. Der leitete im 3. Jahrhundert in Athen eine Philosophenschule und schwärzte Aristarchos wegen "Gottlosigkeit" vor Gericht an. Die Häscher forderten dessen Hinrichtung.
Auch die anderen Personen auf der rechten Seite deutet Keim als Streiter um die Planetenbahnen und den Aufbau des Universums. "Die Figur mit dem Himmelsglobus wurde wegen der orientalischen Mütze oft als Zarathustra gedeutet", erklärt er, "doch das ist Unfug."
Sein Vorschlag ("Ich sehe darin Seleukos von Babylon") mutet in der Tat schlüssiger an. Dieser im Morgenland lebende Gelehrte war der einzige antike Sternengucker, der den Heliozentrismus vehement verteidigte.
Ihm gegenüber - das ist unstrittig - steht Claudius Ptolemäus (100 bis 175 nach Christus), der mit seinen Schriften den Irrtum, dass sich die Sonne um die Erde dreht, zur Lehrmeinung erhob. Auf dem Bildnis ist er in einen Goldmantel gehüllt, in seinem Haar steckt eine Krone.
Steif stehen sich die beiden Männer gegenüber. Sie blicken zu einem Herrn in Weiß hinüber, als wäre er der Schiedsrichter im Astrozwist. Niemand hatte bislang eine gute Idee, wer dieser Mister X am äußersten rechten Bildrand sein könnte.
Keim hat jetzt eine erstaunliche Antwort parat: "Das ist Kopernikus selbst", meint er. Sowohl das Alter als auch die Haartracht und die Gesichtszüge der gemalten Figur würden auf den Welterschüt-terer von jenseits der Alpen passen. "Mit dem Weiß seiner Kleider wollte Raffael den geistigen Neuanfang des Astronomen symbolisieren", glaubt der Bildentschlüssler aus Ulm.
Hat der Maler auf seinem Riesenfresko (Länge: 6,7 Meter) mithin das aus Thorn an der Weichsel gebürtige deutsche Sternengenie verewigt? Auch andere Fachleute halten die Spur für interessant.
Der Grund: Kopernikus machte während seiner langen Reise in den Süden großen Eindruck auf die Künstler, Gelehrten und Kirchenleute Italiens. Im Jahr 1500 hielt er sogar kosmologische Vorträge im Vatikan und begeisterte dabei auch den Papst.
Dessen Nachfolger bestellte das Fresko.
MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 6/2009
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