02.02.2009

ARCHÄOLOGIEGestrandet im Paradies

Vor genau 300 Jahren wurde der echte Robinson Crusoe aus seinem Inselgefängnis befreit. Forscher haben jetzt rekonstruiert, wie der ausgesetzte Seeräuber dort überlebte.
Was war das? Auf der unbewohnten Insel im Südpazifik loderte ein Feuer. Am folgenden Tag schickte der Kapitän des englischen Freibeuters "Duke" einen bewaffneten Trupp los. Als der zurückruderte, hatte er zwei Überraschungen dabei: massenweise Langusten und ein zotteliges Wesen.
Die Gestalt, die am 2. Februar 1709 an Bord kletterte, war offenbar menschlich, doch wild wie ein Tier, barfuß und in Ziegenfell gehüllt. Sie war höchst erregt und stammelte zunächst nur halbe Wörter. Aber die reichten, um unsterblich zu werden.
Dem Insulaner gab Daniel Defoe in seinem Roman von 1719 den Namen "Robinson Crusoe". Der echte Robinson jedoch hieß Alexander Selkirk. Er war Schotte, der siebte Sohn eines Schusters und stammte aus dem Dorf Lower Largo nahe Edinburgh. Vier Jahre und vier Monate hatte er auf der windigen Insel "Más a Tierra" im Juan-Fernández-Archipel zugebracht, 650 Kilometer vor Chile. Er war so allein, wie ein Mensch nur sein kann. Einen "Freitag" wie im Buch hat es für ihn nicht gegeben.
Selkirk war auch nicht schiffbrüchig wie die Romanfigur. Sein Kapitän hatte ihn nach einem Dauerstreit schlicht ausgesetzt. Fassungslos hatte er zusehen müssen, wie sein Schiff den Horizont hinabsegelte. An Zivilisationsgütern war ihm kaum mehr geblieben als Bettzeug, ein Messer, ein Beil, ein Gewehr, Navigationsbesteck, ein Topf, Tabak und eine Bibel.
Zum 300. Jubiläum seiner Wiederaufnahme in die menschliche Gesellschaft können Forscher nun ein klares Bild zeichnen von Selkirks Inseldasein. Sie glauben zu wissen, wo und wie er gehaust hat. Sie haben Gegenstände aufgespürt, die ihm gehörten. Auch sein weiteres Leben lässt sich verfolgen. Das Porträt des wahren Robinson ist nicht immer schmeichelhaft - aber typisch für die Art Mensch, die damals auf den Weltmeeren vagabundierte.
Der Seemann Selkirk war ein Seeräuber, ein Säufer und Schläger mit kurzer Lunte. Geboren in einer Problemfamilie, war er mit kaum 17 Jahren auf See geflohen. Auf Kaperfahrten im Mittelmeer und der Karibik beklaute er Spanier und Franzosen. Dumm war er nicht, er diente sich sogar hoch zum Navigator, aber er war von prekärem Temperament. Unter Menschen war Selkirk offenbar nie gut aufgehoben - vielleicht überstand er eben deshalb die Inseleinzelhaft mit Bravour.
David Caldwell, 57, ist Archäologe am Schottischen Nationalmuseum in Edinburgh. Eigentlich sorgt er sich um die Geschichte Schottlands, und das meist vom Büro aus. Doch als der japanische Robinson-Romantiker Daisuke Takahashi ihn anstachelte, mit ihm zu Grabungen auf das Eiland des Ausgesetzten zu reisen, konnte er nicht widerstehen.
Der Enthusiast Takahashi hatte in den USA mit der National Geographic Society überraschend einen Finanzier für seine Expedition gefunden, jetzt brauchte er einen richtigen Wissenschaftler als Mitstreiter. Caldwell war qualifiziert, denn immerhin hütet sein Museum zwei der besseren Selkirk-Reliquien: ein Trinkgefäß, das sich der Seeräuber selbst geschnitzt haben könnte; dazu eine Seekiste norditalienischen Ursprungs, die er nach Caldwells Ansicht im Mittelmeer erbeutet hat.
Mehr als einen Monat verbrachten die Männer auf der Robinson-Crusoe-Insel, wie sie seit 1966 offiziell heißt. Immer noch ist sie ein ruhiges Fleckchen. Rund 600 Menschen leben inzwischen dort, Langustenfischer zumeist. Es gibt zwei unbefestigte Straßen und kaum zwei Dutzend Fahrzeuge, kein Restaurant, keine Kneipe; ab und zu ankern Kreuzfahrtschiffe auf dem Weg von Galápagos nach Feuerland.
Über ihre Funde haben die Forscher kürzlich in der Fachzeitschrift "Post-Medieval Archaeology" Bericht erstattet. Sie gruben dort, wo Takahashi von früheren Reisen her Selkirks Lager vermutete, an einer gutgeschützten Lichtung auf dem Vulkanhang, fast 300 Meter hoch, umgeben von Dornengestrüpp. Selkirk hatte nicht am Strand gewohnt, das war zu riskant. Er musste zwar keine Menschenfresser fürchten wie der Roman-Robinson, wohl aber die Spanier. Die hätten ihn kurzerhand getötet oder zum Minensklaven gemacht.
Die Forscher stießen bald auf Reste einer spanischen Munitionskammer. 1750 hatten die Spanier die Insel neu besetzt, um zu verhindern, dass ihre Gegner hier weiterhin Unterschlupf fanden. Unter der Kammer aber fand Caldwell zwei ältere Feuerstellen - und darin verkohlte Knochenreste.
Drum herum spürten die Forscher Erdlöcher auf, in denen offenbar einst Pfosten standen. Vielleicht hatte Selkirk hier eine Hütte errichtet. Als Caldwell die ausgehobene Erde siebte, entdeckte er den stärksten Beweis für Selkirks Anwesenheit: ein kantiges, spitz zulaufendes Stück Bronze, 1,6 Zentimeter lang. Zunächst maß er dem Fund keine Bedeutung bei. Doch dann durchfuhr es ihn: Das Metall hatte die gleiche Form wie der Unterschenkel eines Stechzirkels, der bekanntermaßen zu Selkirks Navigationsbesteck gehörte.
Der Gestrandete, so glaubt Caldwell, hatte seinen Zirkel für Basteleien zweckentfremdet und ihn dabei beschädigt. Ein metallurgischer Test ergab, dass das Metall aus Cornwall stammen könnte. "Dies", sagt der Forscher, "ist ein Beleg, wie man ihn in der Archäologie selten besser bekommt."
Vom Lagerplatz aus hatte Selkirk immer noch einen steilen Aufstieg von weiteren 300 Höhenmetern bis zum Bergkamm, seinem Beobachtungsposten. Wohl jeden Tag lauerte er hier stundenlang. Erblickte er ein Segel, musste er entscheiden: Freund oder Feind? Signalfeuer zünden oder unsichtbar bleiben? Er sichtete einige Schiffe, zwei landeten sogar auf der Insel, beide spanisch. Knapp entwischte er ihnen.
Die ersten acht Monate tat sich Selkirk schwer. Der Pirat, so begierig auf Gold und Abenteuer, verfiel in Depressionen. Doch irgendwann begann er, sich einzurichten.
Tatsächlich hatte er von allen Inseln gerade die erwischt, die für seine Art der Existenz wie geschaffen war. Bald erging es ihm besser als vielleicht je zuvor und danach. Er war gefangen - und frei wie nie.
Das Klima war fast ganzjährig mild und meist trocken, giftiges oder gefährliches Getier gab es nicht, Süßwasser floss in Strömen. Fette Robben lungerten am Strand, Langusten und vielerlei Fisch bevölkerten die Lagune, und an Land gediehen wilde Beeren, Kräuter wie etwa Brunnenkresse, eine Art Pfeffer und ein Gewächs, das wie Kohl schmeckte. Nur Salz fehlte ihm, wie er gegenüber seinen Rettern klagte.
Selkirk war nicht der erste Mensch, der hier hauste. Im Jahr 1574 hatten die spanischen Entdecker Ziegen angesiedelt, weitere Schiffe brachten Katzen und Ratten, auch Rettich und Pastinaken. Die Tiere vermehrten sich, anders als die Menschen, die hier nur sporadisch lebten. Selkirk zähmte sich Katzen, damit sie ihn verteidigten gegen die Ratten, die gern in der Nacht an seinen Füßen knabberten. Den größten Spaß aber hatte er mit seiner wilden Ziegenherde.
Die Ziegenjagd wurde sein Sport, er lernte, schneller als sie zu rennen und sie im Galopp zu Boden zu werfen. Viele ließ er wieder frei, aber wie er seinen Rettern berichtete, tötete er 500 von ihnen für Fleisch und Fell; über jede einzelne führte er sogar Buch.
Sexuell lebte er wohl von eigener Hand, allerdings köchelt ein Expertenstreit über die Frage, ob er sich da nicht auch der Ziegen bemächtigte. Für seine kommunikativen Bedürfnisse las Selkirk die Bibel, er betete, meditierte und sang Psalmen. Seinen Erlösern vertraute er an, dass er noch nie ein so guter Christ war wie hier - dass er aber zweifele, ob er es je wieder sein werde.
Gesundheitlich war der Inselmann mit Anfang 30 in viel besserem Zustand als die Seefahrer, die ihn auflasen. Die Hälfte der Mannschaft litt nach elender Überfahrt von England an Skorbut. Selkirk aber bewegte sich mit Leichtigkeit. Seine Fußsohlen hatten so viel Hornhaut angesetzt, dass er schneller als der Schiffshund im schroffen Terrain seiner Vulkaninsel umherspringen konnte. Schuhe vertrug er zunächst nicht, sowenig wie Rum.
Fast drei Jahre segelte Selkirk mit den Freibeutern, die ihn gerettet hatten, um die Welt. Sie kämpften, raubten und erpressten; all dies mit dem Segen der Krone, da ihre Opfer Feinde des Vaterlandes waren. Ende 1711 kehrte der Insulaner mit stattlichem Vermögen nach England zurück. Sogleich war er eine Berühmtheit und tauschte seine Geschichten in den Pubs gegen Speis und Trank. Womöglich, so spekuliert Archäologe Caldwell, lernte auch Daniel Defoe ihn so kennen.
Doch die Menschenwelt behagte Selkirk nicht. Ihn packte die Wehmut nach seiner Insel. Ein Journalist zitierte ihn so: "Ich habe jetzt 800 Pfund, aber nie wieder werde ich so glücklich sein wie damals, als ich keinen Viertelpenny besaß." Er soff und prügelte und führte zwei Ehen gleichzeitig, dann floh er zurück auf See, diesmal als Leutnant der Navy.
45-jährig endete er dann jäh im Seemannsgrab. Am 12. Dezember 1721 raffte ihn das Gelbfieber vor Westafrika hin. "Robinson Crusoe" war da bereits ein epochaler Bucherfolg. Heute noch wird Defoes Werk gefeiert als erster Roman englischer Sprache.
Ein Selkirk-Rätsel indes ist nach wie vor ungelöst. Aus den Reiseberichten geht hervor, dass der Ausgesetzte eine Art Tagebuch führte auf "Más a Tierra". Auch ein Brief einer seiner Witwen bestätigt dies. Doch wo sind die Notizen geblieben?
Archäologe Caldwell hat dazu eine Ahnung. Bald nach Selkirks Tod gerieten seine Schriften in den Besitz des Duke of Hamilton, des reichsten Edelmannes Schottlands. Als seine Nachfahren im 19. Jahrhundert Geld brauchten, versteigerten sie Gemälde und Sammlungen bei Christie's in London. Bei dieser Auktion trat das junge deutsche Kaiserreich als Großeinkäufer hervor.
Wenn es noch existiert, könnte das Tagebuch des wahren Robinson demnach mitten in Berlin liegen. "Ich", sagt Caldwell, "würde es am ehesten vermuten auf einem vergessenen Regal in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz." MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 6/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 01:54

Helmkameravideo Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"

  • Video "Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: Es wirkt lächerlich" Video 02:32
    Republikaner-Strategie bei Impeachment-Anhörung: "Es wirkt lächerlich"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Es war unangebracht, es war unangemessen" Video 03:21
    Impeachment-Anhörung: "Es war unangebracht, es war unangemessen"
  • Video "TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum" Video 02:16
    TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • Video "DFB-Sieg gegen Nordirland: Der Eindruck bleibt bestehen" Video 02:31
    DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Video "Trump über Impeachment-Verfahren: Ich habe noch nie von Vindman gehört" Video 00:56
    Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Video "Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität" Video 02:02
    Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Video "Pompeo zu israelischen Siedlungen: Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf" Video 01:38
    Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Video "Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt" Video 00:55
    Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Video "Nach Pokal-Aus in Peru: Fans und Spieler greifen Schiedsrichter an" Video 01:00
    Nach Pokal-Aus in Peru: Fans und Spieler greifen Schiedsrichter an
  • Video "Smoggeplagtes Neu-Delhi: Zuflucht in der Sauerstoffbar" Video 01:38
    Smoggeplagtes Neu-Delhi: Zuflucht in der Sauerstoffbar
  • Video "Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine" Video 00:58
    Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine
  • Video "Prinz Andrews BBC-Interview zu Epstein: Der peinliche Prinz" Video 01:16
    Prinz Andrews BBC-Interview zu Epstein: Der peinliche Prinz
  • Video "Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße" Video 00:49
    Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße
  • Video "Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder" Video 05:18
    Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder
  • Video "Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem Abstieg" Video 01:54
    Helmkameravideo: Klettertour mit spektakulärem "Abstieg"