09.02.2009

IRAKDer Sieg des Abu Isra

Neue Allianzen am Tigris: Das überraschende Ergebnis der Provinzwahlen zwingt Gruppen zusammen, die sich noch vor Monaten erbittert bekämpften. Feindschaften werden beerdigt, konfessionelle Gräben zugeschüttet. In 14 der 18 Provinzen wurde gewählt, in 9 davon siegte die Liste von Ministerpräsident Nuri al-Maliki. In vier Provinzen kann seine Liste wohl allein regieren, überall sonst aber wird es zu Koalitionen kommen, die vor dieser Wahl undenkbar schienen. Man wolle "bevorzugt" mit Malikis Leuten regieren, sagt etwa Salah al-Ubaidi, der Sprecher des radikalen Schiitenführers Muktada al-Sadr. Dessen Miliz hatte sich im Mai noch schwere Gefechte mit der Armee geliefert - nun will die Sadr-Gruppe in der Provinz Maisan mit Malikis Daawa-Partei koalieren. Walid al-Hilli wiederum, Chefstratege der Daawa-Partei, sieht "überhaupt kein Problem", mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ijad Alawi zusammenzuarbeiten. Bislang waren Maliki und der säkulare Alawi tief verfeindet - nun wollen sie gemeinsam die ehemalige Unruheprovinz Salahaddin übernehmen. Im frommen Kerbela geht die Daawa-Partei sogar mit einem Politiker zusammen, der die Stadt während des verhassten Saddam-Regimes regierte. Die Neuordnung der politischen Landschaft ist vor allem Malikis Verdienst. Vor drei Jahren als schiitischer Islamist angetreten, hat er sich heute als irakischer Nationalist etabliert, der über den religiösen Parteien steht - ja zum Teil sogar gegen sie: In Bagdad und Basra wird wieder Alkohol verkauft, Bars und Nachtclubs haben aufgemacht. Maliki, der in den Tagen des Bürgerkriegs oft über die Last seines Amtes klagte, kann der Parlamentswahl Ende des Jahres zuversichtlich entgegensehen. Als "Laster-Partei" verhöhnt der Volksmund seine Gegner von der religiösen "Tugend-Partei", als "Rat der Blinden" den "Obersten Rat der Islamischen Revolution im Irak". Für Maliki selbst dagegen hat sich der Name "Abu Isra" durchgesetzt, ein typisch irakischer Ehrentitel. Einen Mann, den man schätzt, spricht man als den Vater seines ältesten Kindes an - auch wenn das, wie in Malikis Fall, eine Tochter ist: Isra.

DER SPIEGEL 7/2009
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