09.02.2009

SRI LANKATrauriges Paradies

Die Tamilen-Tiger sind am Ende, Präsident Rajapaksa fordert ihre „bedingungslose Kapitulation“. Vor allem die Zivilbevölkerung leidet unter den Folgen des Bürgerkriegs.
Auf dem Luftwaffenstützpunkt Palali an der Nordspitze Sri Lankas erwartet ein Trupp Soldaten eine Antonow-Maschine aus Colombo. Alle Verkehrsverbindungen in die Hauptstadt waren jahrelang gekappt, nun dürfen die ersten Journalisten das von der Armee befreite Gebiet besuchen. Denn die bislang dort herrschende Separatistenbewegung der "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE) ist nach gut einem Vierteljahrhundert Bürgerkrieg vertrieben, jedenfalls aus ihren Hochburgen.
Jetzt sind wieder Augenzeugen erwünscht, die den Triumph bescheinigen, aber auch aus einem anderen Grund wird nach der Antonow sehnlichst Ausschau gehalten: Sie hat Hilfsgüter und ärztliches Personal an Bord.
Beides wird dringend benötigt, eine Antonow allein reicht da bei weitem nicht. Doch viele Militärmaschinen stehen derzeit in Colombo, wo sie bei der Parade am Unabhängigkeitstag zum Einsatz kommen sollen. Andere unterstützen, 100 Kilometer südöstlich von Palali, aus der Luft den finalen Schlag gegen die LTTE.
In Mullaittivu und Umgebung leisten die letzten Tamilen-Tiger Widerstand, angeblich tausend Mann, seit Wochen sind sie eingekesselt. Und Zehntausende Zivilisten irren verängstigt umher. Die Zahlen getöteter Rebellen veröffentlicht Colombo täglich, nicht aber die der eigenen Opfer, geschweige denn, dass die ins Räderwerk geratene Bevölkerung beziffert wird. Sporadisch erreichen Uno- und Rotkreuz-Konvois die Leidenszone, ihre Fracht verteilt die Armee aber lieber selbst. Vorläufig bleibt der Norden eine No-go-Area.
Auf dem holprigen Flugfeld von Palali liegen reihenweise Soldaten auf blutbefleckten Tragen, die Verletzten müssten dringend nach Colombo ausgeflogen werden. Doch die Antonow verspätet sich, und dann fliegt sie auch noch sicherheitshalber einen weiten Bogen über das Meer, schwenkt erst ganz am Schluss über den kürzlich eroberten Elefanten-Pass, eine ehedem strategische LTTE-Stellung, und landet schließlich in einer gespenstischen Tropenszenerie: zwischen zerstörten und schon mit Unkraut überwachsenen Häusern, dachlosen Kirchen mit riesigen Bombenkratern und zerfetzten Palmen. Still ist es, als die Motoren ausgeschaltet sind, kein Mensch zu sehen außer den Soldaten. Magere Hunde streunen umher.
Die LTTE wollte hier im Norden und im Osten einen neuen Staat formen - für alle Tamilen, die sich von der Singhalesen-Mehrheit diskriminiert fühlen.
Schon 1956, kaum ein Jahrzehnt nach der Unabhängigkeit, gab es ersten Widerstand, als das Singhalesische zur alleinigen offiziellen Landessprache aufgewertet wurde. Zwei Jahre später kam es erneut zu Unruhen und sogar zu Pogromen, Hunderte Tamilen wurden vertrieben oder ermordet. 1976 gründete der Beamtensohn Velupillai Prabhakaran die LTTE. Nach einem Anschlag seiner Tiger auf srilankische Truppen 1983 und einem zweiten Massaker an Tamilen als Vergeltung brach der Bürgerkrieg endgültig aus.
Seither fielen ihm über 70 000 Menschen zum Opfer, auch mancher Politiker wurde ermordet. Präsident Ranasinghe Premadasa etwa oder Indiens Ex-Premier Rajiv Gandhi - wegen seiner anfänglichen Unterstützung und des späteren angeblichen Verrats an der LTTE. Zuletzt noch ein srilankischer Außenminister.
Alle Friedensbemühungen liefen ins Leere. Der letzte, mit norwegischer Hilfe ausgehandelte Waffenstillstand 2002 hielt am längsten und ermöglichte es den Tigern, gut 17 000 Quadratkilometer zu kontrollieren. Zwei Jahre später jedoch spaltete sich die Rebellenbewegung, von der Armee geschürte Flügelkämpfe brachen im Osten aus. Beobachter zählten 1616 von der LTTE angezettelte Kampfhandlungen und 162 seitens der Armee.
Im Januar 2008 kündigte Präsident Mahinda Rajapaksa offiziell die Waffenruhe auf. Nach einer Modernisierung der Armee durch China und Pakistan fühlte er sich stark genug, die Tiger zu vernichten. Deren Verwaltungszentrale Kilinochchi fiel Anfang Januar, dann der Elefanten-Pass. Jetzt verteidigen sie noch 200 Quadratkilometer Dschungel bei Mullaittivu.
Die Stadt Jaffna an der Nordspitze ist nun wieder auf dem Landweg zu erreichen, ein mittlerweile trostloser Ort. Früher hätte es beispielsweise am Schalter des Sridhar-Kinos ein Gedrängel um Eintrittskarten gegeben, heute fehlt sogar die Leinwand, und die Wände des Vorführraumes tragen die Narben des Krieges. Am 1. Februar diente er einem ehemaligen, von der Fatah ausgebildeten Separatisten namens Douglas Devananda als Bühne.
Devananda ist Sri Lankas Minister für Soziale Dienste, zur Belohnung für seinen Gesinnungswandel; er stellt im Kinosaal eine Petition vor, die sich unter anderem an Indien richtet. Der große Nachbar soll Druck auf die Tiger ausüben, die letzten Zivilisten in der Gegend um Mullaittivu nicht länger als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Ideologisch stand Devananda einst LTTE-Chef Prabhakaran nahe, jetzt spekuliert er auf den Posten des Chefministers in seiner befreiten heimatlichen Nordprovinz.
Draußen warten Demonstranten mit Plakaten. "Die LTTE ist nur an Menschenopfern interessiert!", steht darauf zu lesen, oder: "Lasst unsere Leute frei!" Sie marschieren, nachdem Devananda im Kino fertig ist, durch die engen Straßen Jaffnas. Es sind über 20 000 Tamilen, manche blieben allerdings zu Hause.
"Mein Bruder ist noch im Tiger-Gebiet", sagt die 28-jährige Hausfrau Darshika und schaukelt ihr Baby. "Ich habe keine Nachricht von ihm und große Angst."
Mehr als 250 000 Flüchtlinge sollen sich noch zwischen den letzten Fronten aufhalten. Unlängst starben 300 in einer von der Regierung eigens errichteten "Sicherheitszone", angeblich durch die Armee. Die indes lässt wissen, die Rebellen schössen absichtlich in solche Zonen, außerdem sei es ein alter Tiger-Trick, Artillerie in der Nähe von Zivilisten zu postieren. Die LTTE wiederum beteuert via Internet: "Die Menschen bleiben freiwillig bei uns, weil sie die brutale Armee fürchten."
Uno-Sprecher Gordon Weiss kann da nur den Kopf schütteln: "Wer würde freiwillig sein Leben und das seiner Kinder riskieren? Wir fordern beide Seiten auf, die Zivilisten freizulassen."
Für Ärger sorgen auch die barschen Methoden der Armee, mit denen sie abgetauchte LTTE-Leute unter den Zivilisten herauszufiltern versucht. Doch wer ist wer? Jeder Tamile, ob hinterhältig oder brav, trage einen Sarong, gibt das Militär zu bedenken, und nachdem man Ende voriger Woche auch den letzten Marinestützpunkt der Rebellen eingenommen habe, die Chalai-Basis, komme es entscheidend darauf an, die Tiger am erneuten Kräftesammeln zu hindern.
Während die Tamilen in Jaffna Parolen gegen die LTTE skandieren, spielen sich in der Hauptstadt am vergangenen Mittwoch, dem 61. Unabhängigkeitstag der leidgeprüften Nation, ganz andere Szenen ab. Auch wenn das legendäre Galle Face Hotel einem Hochsicherheitstrakt gleicht, so findet doch auf seinem Gelände eine Freilicht-Modenschau statt. Models staksen über den Laufsteg. Gegenüber stretchen sich indische Cricket-Stars gut gelaunt für ihr nächstes Spiel gegen das Gastgeberland.
Präsident Rajapaksa hält eine schwungvolle Siegesrede, teils in fließendem Tamil, er verspricht den Landsleuten im Norden den schnellen Wiederaufbau. Panzer rollen an der Ehrentribüne vorbei, zackige Regimenter marschieren die breite Hauptstraße entlang, während die Luftwaffe über dem Indischen Ozean Kunststücke zeigt.
Politischer Wille und Einigkeit, sogar gemeinsam mit der Opposition, hätten die militärische Entscheidung herbeigeführt, glauben ausländische Diplomaten in Colombo, vor allem aber "die vernünftige Entscheidung, den Krieg den Generälen und nicht den Politikern zu überlassen".
"Während die LTTE inzwischen den konventionellen Krieg bevorzugt, haben wir selbst Guerilla-Taktiken eingesetzt", sagt ein Brigadegeneral in Jaffna voller Stolz. Spezialeinheiten hätten die Tiger in Gefechte an mehreren Fronten verwickelt und nachhaltig geschwächt. Gegen weit mehr als 100 000 Mann Bodentruppen standen sie auf verlorenem Posten.
Rajapaksa, der historischen Stunde bewusst, gab ihnen am Donnerstag noch 48 Stunden, um ihr letztes Faustpfand, die Zivilisten, freizulassen, und er forderte die "bedingungslose Kapitulation". Milder gab er sich gegenüber dem deutschen Botschafter Jürgen Weerth, der den Tod eines angeblich von staatlichen Auftragskillern ermordeten Journalisten als Verlust einer "der wichtigsten Stimmen der Wahrheit" kritisiert hatte. Weerth wurde die Ausweisung angedroht, nun darf er aber doch im traurigen Tropenparadies bleiben - seine Landsleute sollen ja möglichst zahlreich an den Stränden Urlaub machen.
Die Tiger verübten angesichts ihres Desasters zuletzt angeblich noch Verzweiflungsanschläge auf ein staatliches Krankenhaus bei Mullaittivu. Aber selbst ihr Chef Prabhakaran hat den Traum von einem Tamilen-Staat einstweilen ausgeträumt. Wer aber, wenn nicht er, könnte eine Kapitulation unterzeichnen und gewährleisten, dass sich die LTTE nicht im Untergrund neu formiert?
20 Getreue starben vergangene Woche bei der Verteidigung seiner zweistöckigen Villa in einem Kokospalmenhain zwischen Kilinochchi und Mullaittivu. Ihre Gegner hätten klimatisierte Räume vorgefunden, heißt es, einen schallgedämpften Generator, ein T-Shirt von Marks & Spencer in Prabhakarans Größe 42 1/2, eine volle Flasche Cognac sowie einen ausgestopften Tiger.
Der Leibhaftige aber war aushäusig. Er soll sich noch im Lande aufhalten und mit den Norwegern in Kontakt stehen.
PADMA RAO
Von Padma Rao

DER SPIEGEL 7/2009
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