16.02.2009

BUNDESWEHRUnsichtbare Wunden

Die Probleme traumatisierter Soldaten wurden vom Militär lange ausgeblendet. Der Verteidigungsminister verspricht nun große Taten. Doch viel wird sich wohl nicht tun.
Er hat geschossen und getötet. Militärisch gesehen, war das gut. David H. ist Soldat. Er und seine Kameraden schossen auf einen gelben Lada, weil sie Angst hatten, die Serben in dem Wagen könnten auf dem Marktplatz der Stadt Prizren im Kosovo Amok laufen. David H. hat nur seinen Job gemacht, doch er hat es nicht verkraftet. Die Erinnerungen lassen ihn nicht los.
Seit sechs Jahren ist der Gebirgsjäger in psychologischer Behandlung. Er leidet unter Schlaflosigkeit, Herzrasen, Aggressionen, Depressionen. PTBS - Posttraumatische Belastungsstörung, die psychische Reaktion auf ein Ereignis, das intensive Angst, Entsetzen, Hilflosigkeit oder auch Schuldgefühle ausgelöst hat. Es ist die schwerste aller menschlichen Stressreaktionen, sie verändert den Charakter und führt unbehandelt in vielen Fällen zur Berufsunfähigkeit.
Mit der Zahl der Auslandseinsätze steigt auch die Zahl der betroffenen Soldaten. Die Bundeswehrführung hat das lange verdrängt. Auf die Frage der FDP-Wehrexpertin Elke Hoff, ob die Zahl der Behandlungsplätze ausgebaut werde, antwortete das Verteidigungsministerium noch im Oktober 2007, ein Anstieg der Fallzahlen sei "gegenwärtig nicht erkennbar". "Man hat das Thema systematisch verdrängt und kleingeredet", sagt Reinhold Robbe. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags weist seit 2005 in seinen Jahresberichten auf das Problem hin.
Einstimmig wie selten forderte das Parlament am vergangenen Donnerstag nun vom Verteidigungsminister ein Umdenken, und Franz Josef Jung gelobte Besserung.
245 Soldaten seien im Jahr 2008 wegen PTBS behandelt worden, räumte der Minister ein, also dreimal so viel wie noch vor zwei Jahren. Doch dann machte er das, was das Ministerium bei diesem Thema bislang stets gern machte: Er spielte das Problem herunter. Gerade mal ein Prozent der Soldaten, die im Auslandseinsatz waren, seien betroffen. Damit liege man im internationalen Vergleich "recht gut". Das ist nicht falsch, aber auch nicht richtig, denn aus einem internen Schreiben des Sanitätsdienstes geht hervor, dass 174 weitere Soldaten wegen einsatzbedingter psychischer Störungen behandelt wurden - die man nicht PTBS nennt und damit das Problem elegant reduziert.
Und selbst diese Zahl gibt nicht die hohe Dunkelziffer wieder. Viele Soldaten meiden den Gang zum Psychiater oder Psychologen aus Angst vor einem befürchteten Karriereknick. Zudem macht sich bei Zeitsoldaten und Reservisten das Trauma oft erst bemerkbar, wenn sie aus der Bundeswehr ausgeschieden sind.
"Wir haben eine anonyme Online-Beratung unter www.angriff-auf-die-Seele.de eingerichtet", prahlte Jung im Bundestag mit einer Internet-Seite, die weder er noch die Bundeswehr ins Leben gerufen haben. Die Seite ist eine Erfindung von Frank Eggen, einem Hauptfeldwebel im Militärbischofsamt, der das Projekt in seiner Freizeit entwickelt hat und betreut. Sechs Stunden verbringt Eggen täglich damit, E-Mails zu beantworten und Informationsmaterial zu verschicken - nach Dienstschluss.
Eine bundeswehreigene Internet-Seite mit Hilfsangeboten des Sozialdienstes www.familienbetreuung-bundeswehr.de, auf die Reservisten und ihre Angehörigen noch im Januar schriftlich verwiesen wurden, zeigt lediglich "Error".
Jung kündigte an, es werde in Zukunft ein Kompetenz- und Forschungszentrum geben. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes hat in seinem "Forschungskonzept Psychische Gesundheit" allerdings schon den Rahmen vorgegeben: Mehr als eine kleine Arbeitsgruppe unter dem Dach des Instituts für Medizinischen Arbeits- und Umweltschutz soll nicht entstehen. Ein "Pseudoinstitut" und eine "Mogelpackung" nennt das ein Arzt, der für die Bundeswehr im Kosovo, in Bosnien und in Afghanistan war.
"Die Amerikaner nehmen das Thema ernster", sagt Karl-Heinz Biesold, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, "die sind besser organisiert." In den USA gibt es bereits seit 1989 ein "National Center" für PTBS. Und in den Kommandozentralen sitzt bis ins Pentagon hinauf immer auch ein Psychiater als Berater. In Deutschland ist eine solche Betreuung illusorisch. Von 42 Dienstposten für Bundeswehrpsychiater sind derzeit nur 21 besetzt.
Verantwortlich für die Zustände machen Verteidigungsexperten Kurt-Bernhard Nakath, den Inspekteur des Sanitätsdienstes. "Der Minister muss sich fragen, ob ein solcher Inspekteur noch tragbar ist", sagt Winfried Nachtwei, verteidigungspolitischer Sprecher der Grünen. Und auch die FDP-Expertin Hoff fordert Konsequenzen in der Führung des Sanitätsdienstes. Der gute Ruf der Institution stehe inzwischen auf dem Spiel, mahnt Reinhold Robbe.
Wie weit die Bundeswehr noch davon entfernt ist, die seelischen Verwundungen ihrer Soldaten ernst zu nehmen, offenbart ein Schreiben der Wehrbereichsverwaltung West an einen Stabsunteroffizier, der seit Jahren unter Panikattacken und Herzrasen leidet. Die Beamten lehnten seinen Antrag auf Wehrdienstbeschädigung ab: "Allgemeine Belastungen, unter Beschuss zu stehen (häufig Alarm), kann für einen Soldaten im Auslandseinsatz nicht als außergewöhnlich belastend angesehen werden." ULRIKE DEMMER
Von Ulrike Demmer

DER SPIEGEL 8/2009
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