21.02.2009

SEEFAHRTNuklearer Alptraum

Der Crash von zwei strategischen Atom-U-Booten zeigt: Im Atlantik wird noch täglich der Kalte Krieg geführt - mit den mächtigsten Waffen der Welt.
Die Welt ist schön, die Welt ist gut, und am Mull of Kintyre wirkt sie so friedlich, wie Paul McCartney das in seinem Megahit besungen hat: Auf den Hügeln des Kaps im Südwesten Schottlands grasen Schafe, durch die Täler zieht der Duft aus kleinen Destillerien, die den besten Whisky brennen.
Aber am Samstag vorvergangener Woche schleppte sich das britische Atom- U-Boot "Vanguard" am Mull of Kintyre vorbei in seinen Heimathafen Faslane. Da wurde schnell klar, dass es draußen auf dem Meer beinahe zur Atomkatastrophe gekommen wäre. Und dass sie sich jederzeit ereignen kann, weil die Welt in Wahrheit natürlich nicht friedlich ist.
Der Rumpf der "Vanguard" trug Beulen und Schrammen davon. Im Atlantik war sie zusammengestoßen mit dem französischen Atom-U-Boot "Le Triomphant" - ein sehr unwahrscheinlicher Unfall. Aber nicht unwahrscheinlich genug.
Der Crash zeigte, dass der Kalte Krieg in den Tiefen der Meere fortgeführt wird. Und dass sich nicht einmal die Verbündeten England und Frankreich so weit über den Weg trauen, um die Positionen ihrer mächtigsten Waffen auszutauschen. Er zeigte auch, dass Kolosse wie die "Vanguard" mit ihren 16 000 Tonnen Wasserverdrängung sich fast perfekt tarnen können.
"Vanguard" und "Le Triomphant" sind keine normalen Jagd-U-Boote, sie sind strategische Raketenträger, selten, extrem teuer. Die Engländer haben 4 davon, die Franzosen ebenfalls, die Amerikaner 14, die Russen 15 und die Chinesen wohl 3. Allein im Rumpf der "Vanguard" - hoch wie ein vierstöckiges Haus und knapp 150 Meter lang - stehen vor einem Kernreaktor 16 Atomraketen mit Sprengköpfen, die zusammen die Kraft von mehr als 300 Hiroshima-Bomben entfalten können.
"Das ist ein sehr ernsthafter Zwischenfall", sagt Commodore Stephen Saunders, ehemaliger Royal-Navy-Offizier und Herausgeber des Fachbuchs "Jane's Fighting Ships". Einen "nuklearen Alptraum" nennen Experten einer britischen Anti-Atom-Organisation die Havarie.
Wann, wo und wie genau sie passierte, verraten weder Engländer noch Franzosen. Bei geringer Geschwindigkeit soll die "Triomphant" die "Vanguard" gerammt haben. Die Franzosen ramponierten ihre Sonarkuppel an der Spitze des U-Boots. Unter der Kappe sitzt hochentwickeltes Lauschgerät - das aber wohl das Riesenboot direkt voraus nicht einmal wahrnahm.
Strategische U-Boote sind Hightech-Waffen mit einer archaischen Aufgabe: Rache zu üben. Und sie sind gebaut für den Tag des Weltuntergangs: Atommächte können noch so viele Nuklearraketen des Feindes an Land zerstören, dessen strategische U-Boote werden sie kaum erwischen - und die würden so zurückschlagen, dass es keinen Sieger gäbe.
Um die Boote orten und versenken zu können, entwickeln Forscher immer neue Methoden; sie funktionieren nur nicht verlässlich. Spezielle Detektoren können zum Beispiel erkennen, wie ein solcher Stahlklotz Dellen ins Magnetfeld der Erde drückt; die Geräte lassen sich aber von allerhand anderen Einflüssen ablenken.
Infrarot-Empfänger spüren die Wärme eines Atomreaktors auf, halten jedoch auch das aufgewühlte Wasser hinter einem Frachter für ein U-Boot. Laser-Taststrahlen reichen nicht tief genug, Biolumineszenz-Detektoren registrieren zwar das Licht vom Propeller durcheinandergewirbelter Kleinstlebewesen, aber die leuchten auch aus anderen Gründen.
Bleibt das Sonar. Das sogenannte aktive Sonar sendet "Pling"-Geräusche ins Wasser, deren Echo auf Position und Größe eines U-Boots schließen lässt. Geräusche tragen allerdings weit unter Wasser. Und wer sie aussendet, verrät als Erster seine Position. Strategische Atom-U-Boote fahren deshalb mit passivem Sonar. Hochempfindliche Hydrophone sind das, die jedes Geräusch mit Computern in Bilder der lichtlosen Tiefe umsetzen.
Nur: Die U-Boote sind dank spezieller Propeller außen und schallgedämpfter Aggregate innen extrem leise, und die Kommandanten fahren meist Schrittgeschwindigkeit. Die Superwaffen, sagt Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin, machten "weniger Lärm als eine Krabbe".
Kommt noch eine Gefahr hinzu: Für U-Boot-Fahrer ist die See ein strukturiertes Labyrinth. Unterschiedlich salzige Wasserschichten schaffen horizontale Rampen und Böden, weil ihre Trennschichten Schall ablenken. Warme Strömungen bauen auf dieselbe Art vertikale Wände auf. So entstehen mitten im Ozean sichere Nester, in die sich strategische U-Boote gern mal betten, und Schleichwege, auf denen sich dann alle bewegen.
Deshalb sprechen Engländer und Amerikaner die Positionen ihrer U-Boote ab, die Franzosen aber bleiben außen vor. "Frankreich gibt keine Informationen heraus", sagt ein Marinesprecher, "weil das Atomarsenal das absolut entscheidende Element der Verteidigung ist."
Solche Geheimniskrämerei könnte nach dem Crash aufhören. Frankreich will sich ab April wieder voll in die militärische Kommandostruktur der Nato eingliedern.
Bleiben die Russen. Die 173 Meter lange "Dimitrij Donskoj" zum Beispiel ist das größte strategische U-Boot der Welt, mit der zweifachen Wasserverdrängung der im Jahr 2000 gesunkenen "Kursk" - und genug Sprengköpfen an Bord für jede denkbare Katastrophe. Die "Donskoj" könne, so die "Komsomolskaja prawda", "gleichzeitig Dutzende Städte wie New York zerstören oder halb Afghanistan dem Erdboden gleichmachen". CLEMENS HÖGES
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 9/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SEEFAHRT:
Nuklearer Alptraum

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht