21.02.2009

FILMStrafe muss sein

Die Verfilmung des Bestseller-Romans „Der Vorleser“ hat eine erregte Debatte ausgelöst - über den Holocaust und „Nazi-Nippel“.
Eine schöne blonde Frau von Mitte dreißig und ein junger Mann, fast noch ein Kind, sitzen nackt in einer Badewanne. Er hält ein Buch in der Hand und liest ihr vor, eine Sexszene aus "Lady Chatterleys Liebhaber". "Das ist ja widerlich", sagt die Frau, "lies weiter."
Die Frau ist Kate Winslet, der Film heißt "Der Vorleser", und wie inzwischen jeder Kulturbeflissene weiß, geht es darin nicht nur um Sex und Literatur, sondern auch um den Holocaust. Das wiederum finden viele widerlich. "Um Himmels willen", ereiferte sich die Londoner "Sunday Times" mit kritischem Blick auf Winslets Brüste, "dies sind Nazi-Nippel."
Winslet, 33, verkörpert im "Vorleser" eine ehemalige KZ-Wärterin, verantwortlich für furchtbare Verbrechen. "Wenn es jemals einen Film über Auschwitz geben soll, muss er aus der Perspektive der KZ-Wärter gedreht werden", forderte in den fünfziger Jahren der Nouvelle-Vague-Regisseur Jean-Luc Godard. Nun hat sein britischer Kollege Stephen Daldry ("The Hours") mit der Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller "Der Vorleser" genau diesen Tabubruch gewagt - und der Skandal ist da.
In Großbritannien und den USA wird seit Wochen heftig über den "Vorleser" debattiert (SPIEGEL 52/2008), zuletzt - pünktlich zur Oscar-Verleihung - in hysterischem Tonfall. Ist der Film, wie manche Kritiker glauben, "ein Nazi-Porno"?
Mark Weitzman, Chef des Simon-Wiesenthal-Zentrums in New York, sieht darin jedenfalls ein Symptom für "Holocaust-Revisionismus". Der Film, eine amerikanisch-deutsche Co-Produktion, spiele die Verantwortung der Deutschen für den NS-Massenmord an den Juden herunter. Und der US-Autor Ron Rosenbaum ("Explaining Hitler") urteilte vergangene Woche im Online-Magazin "Slate", "Der Vorleser" sei wohl "der schlechteste Holocaust-Film aller Zeiten". Sein Appell: Keine Oscars für dieses Machwerk! "Der Vorleser" - für fünf Academy Awards nominiert, auch in der Kategorie beste Hauptdarstellerin - müsse unbedingt leer ausgehen.
Doch nicht nur der Oscar-Ruhm steht auf dem Spiel, sondern auch viel Geld: Seit der Bekanntgabe der Nominierungen hat "Der Vorleser" sein Einspielergebnis an den US-Kinokassen verdoppelt, auf knapp 20 Millionen Dollar. Ein paar Trophäen würden einen weiteren Schub bedeuten. So ist es nur konsequent, dass "Vorleser"-Produzent Harvey Weinstein, in der Branche bewundert und gefürchtet für seine raffinierten Oscar-Kampagnen, alle Register gezogen hat. Gezielt umgarnte er vor allem jüdische Mitglieder der Academy, welche die Oscars vergibt. Zu einer Sondervorführung des Films lud Weinstein den Nobelpreisträger und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel ein.
Tatsächlich ist "Der Vorleser" kein Film über den Holocaust, sondern eher eine peinliche Studie über das Selbstmitleid eines irregeleiteten Liebhabers.
In Rückblenden erzählt Regisseur Daldry, wie der 15-jährige Schüler Michael Berg (David Kross) einer mehr als doppelt so alten Straßenbahnschaffnerin namens Hanna Schmitz verfällt. Niemand ahnt etwas von ihrer Vergangenheit als KZ-Wärterin; vielleicht - die Geschichte beginnt 1958 in einer westdeutschen Provinzstadt - will es auch niemand so genau wissen. Michael und Hanna werden ein Liebespaar, die Vorlesestunden mit Anfassen gehören zu ihrem festen Ritual. Mit dem Dreh der einschlägigen Szenen musste gewartet werden, bis Michael-Darsteller Kross volljährig wurde.
Plötzlich ist Hanna verschwunden; erst Jahre später sieht Michael, mittlerweile Jurastudent, sie zufällig wieder: im Gerichtssaal. Hanna Schmitz, so erfährt er, war Mitglied der SS und selektierte in Auschwitz Menschen für die Gaskammern.
Während Hanna diese Verbrechen vor Gericht bereitwillig gesteht, behält sie ein anderes Geheimnis für sich. Nur ihr Vorleser Michael ahnt die Wahrheit: Hanna ist Analphabetin.
Literaturverfilmungen haben die unangenehme Eigenschaft, Schwächen der Vorlage gnadenlos bloßzulegen. So auch beim "Vorleser". Im Roman ist Hanna Schmitz Teil einer abstrakten Versuchsanordnung; im Film ist sie Kate Winslet, der Superstar, also per se kein schlechter Mensch. Und während der Autor Schlink sich mit gewundenen Traktaten über Schuld und Sühne durch die zweite Hälfte seines Romans retten kann, muss Regisseur Daldry dafür Bilder finden. Und was zeigt er?
Er zeigt, wie der junge Michael mit zerknirschtem Gesicht durch eine geschmackvoll ausgeleuchtete KZ-Gedenkstätte läuft. Und er zeigt immer wieder in Großaufnahme die Leidensmiene des erwachsenen Michael, verkörpert von Ralph Fiennes - eine besonders perfide Fehlbesetzung angesichts von Fiennes' Glanzleistung als KZ-Kommandant Amon Göth in Steven Spielbergs "Schindlers Liste".
Göth wird am Ende von "Schindlers Liste" hingerichtet; den Nachgeborenen Michael Berg plagt - Strafe muss sein - eine lebenslange Sexualneurose. Michaels Ehe ist gescheitert, erfährt der Zuschauer, und auch eine neue Damenbekanntschaft schickt er gleich nach der ersten Nacht wieder weg. Es reicht nur für ein Frühstücksei. Mit Hanna kann keine mithalten.
Dass es Menschen gegeben haben soll, die schlimmere Erfahrungen mit SS-Leuten machen mussten, als mit ihnen ins Bett zu gehen - diese Erkenntnis vermittelt der Film viel zu spät.
Noch obszöner jedoch wirkt die Heiligsprechung der Hauptfigur selbst. "Am Ende", jubelt die PR-Abteilung des deutschen Verleihs, "wird er sie durch seine nie verlorengegangene Zuneigung erlösen."
Erlösung? Die Frau, eine runzlig geschminkte Kate Winslet, lernt im Gefängnis doch tatsächlich lesen und schreiben - herzlichen Glückwunsch! Die Resozialisierung einer Massenmörderin gilt mit dieser Kulturleistung als abgeschlossen.
Offenbar will "Der Vorleser" dem Publikum tatsächlich weismachen, man müsse den Satz "Arbeit macht frei" über dem Lagertor von Auschwitz entziffern können, um das Ausmaß der NS-Verbrechen zu erkennen. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 9/2009
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