16.03.2009

FLUGZEUGBAUBrandsatz aus Nahost

Der Airbus-Großraumflieger A380 leidet offenbar unter erheblichen Mängeln. Sein größter Abnehmer schlägt jetzt Alarm - und fordert vom Konzern Abhilfe.
Manager, die noch halbwegs passable Geschäftszahlen vorweisen können, sind selten geworden in der aktuellen Finanzkrise. Und so verwundert es nicht, dass Louis Gallois, 65, seinen Auftritt in der Flugwerft des Deutschen Museums bei München am Dienstag voriger Woche sichtlich genoss.
Aufgekratzt präsentierte der EADS-Chef Erfolgsmeldungen des Konzerns aus dem vergangenen Jahr. Der Umsatz stieg um elf Prozent und der Gewinn auf rund 1,6 Milliarden Euro. Bei den hauseigenen Sparprogrammen übertraf der größte europäische Luftfahrt- und Verteidigungsriese sogar seine selbstgesteckten Ziele.
Deutlich kleinlauter wurde Gallois, als er auf die kommenden Monate angesprochen wurde. Ob und wie viele Flugzeuge demnächst von Kunden abbestellt würden, könne er beim besten Willen noch nicht sagen. Auch der seit mehr als vier Jahren überfällige Militärtransporter A400M birgt für Airbus und seine Mutter EADS offenbar gewaltiges Bedrohungspotential.
Sollten die Abnehmerländer das Prestigeprojekt kippen, müsse der Konzern fast sechs Milliarden Euro an die Regierungen zurückzahlen, gestand Gallois. Das üppige Finanzpolster von gut neun Milliarden Euro würde gewaltig schrumpfen.
Ein weiteres, drängendes Problem erwähnte der EADS-Chef lieber erst gar nicht. Dabei sorgt es bei seinem wichtigsten Ableger Airbus für helle Aufregung.
Mitte Februar versammelten sich Top-Manager des Konzerns und seines Großkunden Emirates in Toulouse zu einem Krisentreffen über den Megaflieger A380. Die arabische Airline hatte vergangenen Sommer mit rund zweijähriger Verspätung die Erste von 58 georderten Maschinen erhalten. Zurzeit betreibt die Gesellschaft insgesamt vier Jets dieser Baureihe. Neun weitere sind bei Singapore Airlines und der australischen Qantas im Einsatz.
Was die Airbus-Manager von den Emirates-Emissären zu hören und sehen bekamen, kann ihnen nicht gefallen haben. In einem 46-seitigen Foliensatz listeten die Luftfahrtexperten penibel die aus ihrer Sicht gravierenden Kinderkrankheiten des Riesenjets auf. Zur Illustration fügten sie Schnappschüsse von angeschmorten Stromkabeln, teilweise abgerissenen Verkleidungsblechen oder defekten Schubdüsenteilen der Triebwerke ein - als Beleg für die angeblich schlampige Arbeitsmoral bei Airbus und seinen Zulieferern.
Die vertrauliche Herstellerinformation kursiert inzwischen in der Belegschaft - und sorgt auch dort für Alarmstimmung. "Viele gute Leute haben resigniert und versuchen, in andere Projekte zu wechseln", berichtet ein besorgter Insider.
Airbus bemüht sich, die Wogen zu glätten. "Wir nehmen die Kritik unseres Kunden Emirates sehr ernst und unternehmen alles, um auftretende Fehlermeldungen so schnell wie möglich zu beheben", versichert ein Sprecher. Gleichzeitig bestätigt er eine "Reihe von Einzelvorkommnissen, die den Betrieb, nicht aber die Sicherheit der Maschine beeinträchtigt" hätten.
Krisentreffen? Kabelprobleme? Die Schlagworte erinnern an ein unrühmliches Kapitel der jüngeren Firmengeschichte, das die Airbus-Manager und ihr Chef Tom Enders gern aus den Unternehmensannalen streichen würden. Der von Fachleuten und Luftfahrt-Fans gefeierte Megatransporter bescherte seinen Erfindern durch Produktions- und Personalquerelen in den vergangenen Jahren nicht nur massive Mehrarbeit und einen großen Verlust. Einige Führungskräfte werden sogar verdächtigt, sich über Aktiengeschäfte selbst bereichert und außenstehenden Aktionären das wahre Ausmaß des A380-Debakels viel zu lange verschwiegen zu haben.
In einer gewaltigen Kraftanstrengung schaffte es der Konzern im vergangenen Jahr immerhin, 12 Exemplare des Vorzeige-Jets auszuliefern. Weitere 18 Maschinen sollen in diesem Jahr gebaut und an die Kunden übergeben werden.
Die Probleme schienen beseitigt, vor kurzem wurde damit begonnen, die bisherige aufwendige Handfertigung des A380 sukzessive auf die seit längerem geplante kommerzielle Serienfertigung umzustellen.
In diese scheinbar wieder heile Airbus-Welt platzte nun der Brand-Schriftsatz aus dem Nahen Osten. Diplomatische Floskeln sucht man in der Mängelliste vergebens. Stattdessen sparen die Emirates-Manager nicht mit deutlichen Worten.
Auf einer Präsentationsfolie führen die Experten detailliert die Ausfälle des Prestigevogels auf. Allein neunmal, rügen sie, habe die A380 am Boden bleiben müssen und so fast 500 Betriebsstunden verloren. In 23 Fällen, kritisieren die Emirates-Manager, hätten kurzfristig Ersatzmaschinen beschafft werden müssen. Kleinere Pannen, heißt es in der Protestnote weiter, gebe es bei ihrer A380-Flotte im Schnitt alle zwei Tage. Mittelfristig drohe daher ein "Vertrauensverlust gegenüber dem Flugzeug und dem Markenimage des Emirates-A380".
So weit wollen es die Airbus-Manager nicht kommen lassen. Bislang haben sie gerade mal knapp 200 Exemplare ihres Vorzeige-Jets verkauft. Um die Kosten einzuspielen, müssen es nach Branchenschätzungen etwa doppelt so viele werden.
Um den aufgebrachten Kunden zu besänftigen, legen sich Enders und seine Mannen nun mächtig ins Zeug. Jede einzelne Fehlermeldung wird analysiert und simuliert. "Fehler werden bis zur Wurzel verfolgt und beseitigt", erklärt ein Airbus-Sprecher, "in den letzten Wochen haben wir hier schon viel erreicht."
Zusätzlich bunkert der Flugzeugbauer an den Einsatzorten des Riesenvogels weitere Ersatzteile, um bei Defekten schneller aushelfen zu können.
Auch die eigens für die A380-Betreuung abgestellte schnelle Eingreiftruppe soll personell verstärkt werden. Selbst Änderungen an einzelnen Bauteilen werden erwogen.
Hinter vorgehaltener Hand verweisen die Airbus-Manager schon mal darauf, dass der Linieneinsatz auch bei anderen neuen Flugzeugtypen nicht immer reibungslos verläuft. Allein im Kabinenbereich seien 23 000 Einzelteile verbaut, da seien Kinderkrankheiten nicht völlig auszuschließen. Denn erst im Betrieb beweise sich die Zuverlässigkeit aller Teile und Systeme.
Ob solche und andere Erklärungen Emirates überzeugen, bleibt abzuwarten. In ihrem Mängelbericht übt die Firma unter anderem auch heftige Kritik an den Produktionsabläufen bei Airbus. So seien die A380-Modelle vor der Auslieferung an die Kunden viel zu kurz getestet worden.
Fachleute verweisen dagegen darauf, dass kein anderer Jet so ausgiebig geprüft wurde wie der Riesen-Airbus. Dennoch könnten nicht alle denkbaren Szenarien bei sämtlichen Einzelteilen im Rahmen von Trockenübungen simuliert werden.
Zum Beispiel dieses: Emirates hält als bislang einziger A380-Kunde in der ersten Klasse zwei Duschen vor. Eine resolute Dame, die den Brausekopf nicht bedienen konnte, riss kurzerhand die gesamte Armatur aus der Verankerung - und setzte so den edelsten Kabinenteil unter Wasser.
Nach Ansicht der Emirates-Experten sollte Airbus seine Zulieferer sorgfältiger auswählen und ihre Zahl begrenzen. Auch der ständige Transport von Teilen und Mitarbeitern zwischen den Standorten in ganz Europa gefährde die Einhaltung vorgeschriebener Qualitätsstandards, monieren sie. "Unsere Arbeiten sind gut organisiert und kontrolliert", hält ein Airbus-Sprecher dagegen. Außerdem normalisiere sich die A380-Produktion immer mehr.
Wie der Zwist zwischen dem Flugzeugbauer und seinem unzufriedenen Kunden ausgeht, bleibt abzuwarten. In den vergangenen Wochen und Monaten mussten auch die Konkurrenten Singapore Airlines und Qantas ihre A380-Jets mehrfach außer Dienst stellen.
Die Asiaten hatten Schwierigkeiten mit den Treibstoffpumpen oder der Bordelektronik. Bei den Australiern funktionierten die hochsensiblen Messfühler im Tank nicht korrekt. Ob das an den Geräten selbst lag oder an Verunreinigungen des Treibstoffs, ist noch unklar.
Im Gegensatz zu Emirates nehmen die Wettbewerber die Vorfälle gelassener hin. Allerdings haben sie, anders als die Araber, auch nicht knapp fünf Dutzend Exemplare des Riesenvogels bestellt.
Seit Ende vergangener Woche bemüht sich die arabische Airline immerhin, den Konflikt zu entschärfen. "Technische Probleme sind bei einem neuen Flugzeug zu erwarten - speziell bei einem, in dem eine Vielzahl neuer Technologien genutzt werden", beschwichtigt ein Emirates-Sprecher.
Abbestellungen, versichert er, seien nicht geplant. Schließlich sei der A380 ein "hervorragendes Flugzeug". DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 12/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FLUGZEUGBAU:
Brandsatz aus Nahost

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben
  • Klimastreik in New York: Greta Thunberg spricht vor Zehntausenden
  • Aufregender Trip: Kajak-Tour durch leuchtendes Wasser