16.03.2009

ÖSTERREICHBöhmisches Glas

Man kannte ihn als den Grandseigneur mit dem stets modisch wechselnden Fäustling über der linken, von einer Briefbombe verstümmelten Hand, als manchmal heftig grantelnden Wiener Bürgermeister und natürlich als Gatten des Operettenstars Dagmar Koller - ein Status, der ihm zu Dauerpräsenz in der Regenbogenpresse verhalf. Als Helmut Zilk 81-jährig letzten Oktober verstarb, nahm er ein Geheimnis mit ins Grab: nämlich die Antwort darauf, wie sehr er in der Zeit des Kalten Krieges - als Programmdirektor des ORF - mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst StB verbandelt war. Gerüchte darüber waren 1998 aufgetaucht, leider blieb Zilk bei seinen Entgegnungen immer vage. Jetzt hat Tschechiens Tageszeitung "Mladá fronta Dnes" die Akte einsehen können. Demnach habe Zilks Zusammenarbeit mit dem StB 1965 begonnen, sein Deckname sei Holec gewesen. Bis zum Prager Frühling 1968 soll er sich knapp 60-mal mit Geheimdienstlern getroffen und für "politische Informationen aus Österreich" 55 000 Schilling und 13 000 Kronen kassiert haben. Der Fernsehmann reiste oft nach Prag, wo ihn an der Hotelrezeption Geldumschläge erwartet hätten; auch Lüster aus böhmischem Glas habe man für ihn beschafft, so "Mladá fronta Dnes". Bis auf eine habe er alle Quittungen mit erfundenem Namen unterschrieben - was nach Ansicht des tschechischen Historikers Prokop Tomek verdächtig ist: Falls Zilk die Annahme der Gelder für einwandfrei gehalten hätte, hätte er sie nicht verheimlichen müssen. 1968 habe die Liaison geendet, als der tschechische Spion Ladislav Bittman in den Westen geflohen sei - der habe den Amerikanern auch seinen Kontakt zu dem Österreicher offenbart. Dass Zilks Karriere trotzdem weiterging, verblüfft die Experten. Ihre Erklärung: Der Sozialdemokrat habe unter dem Schutz der CIA gestanden, womöglich schon während seiner Pendeleien nach Prag - und somit wohl eher die Tschechen getäuscht. Dazu passen würde, wie Ex-Präsident Václav Havel sich nach Zilks Tod verhielt: Er entschuldigte sich, dass er dem Wiener zu Lebzeiten eine hohe Staatsauszeichnung vorenthielt. "Vielleicht haben wir ihm auch manchmal aus Unkenntnis Unrecht getan" - er habe jetzt mehr Informationen als früher, sprach, etwas sibyllinisch, der Dichterpräsident.

DER SPIEGEL 12/2009
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