16.03.2009

FRAUENKeine Angst vor Peinlichkeit

Nach dem Erfolg von Charlotte Roches Schocker „Feuchtgebiete“ beschäftigen sich zwei weitere Romane junger Autorinnen mit der Befindlichkeit ihrer Frauengeneration.
Der erste Satz fiel Sarah Kuttner während einer Autofahrt ein: "Eine Depression ist ein fucking Event!" Gut, man kann einen Roman eleganter beginnen, aber so ein krachender Auftakt lässt keine Missverständnisse aufkommen.
Bekannt wurde Sarah Kuttner, 30, als Fernsehmoderatorin. Bis vor zweieinhalb Jahren hatte sie eine eigene Show bei MTV. Die Startauflage ihres ersten Romans "Mängelexemplar" beträgt 100 000 Exemplare - ein kalkulierter Bestseller*. Denn vergangenes Jahr um diese Zeit erschien "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche, ein ungeheurer Erfolg, der die Verlagsbranche verändert hat.
Kuttner hat sich ein trockneres, ernsthafteres Thema gesucht, doch ein Tabu behandelt auch sie. "Mängelexemplar" erzählt von Depressionen. Heldin des Romans ist die 27-jährige Karo, die erst ihren
Job bei einer Fernsehproduktionsfirma verliert und dann eines Abends ihrem Freund eröffnet, dass sie nicht mit ihm ins Kino, sondern ohne ihn nach Hause gehen werde: "Wir sind nicht gut füreinander." Als der Freund die Trennung sehr bereitwillig hinnimmt, steigt eine Angst in der jungen Frau auf, die sich zu Panikattacken weitet.
Erzählerisch gelingt Kuttner manches, etwa wenn sie die Ängste der Protagonistin schildert, doch die Handlung des Buchs bleibt seicht, die meisten Charaktere sind eher Pappkameraden.
Allerdings kommt es bei einem Buch wie "Mängelexemplar" auch weniger auf die Kunst des Schreibens an. Es war schon ein großes Missverständnis, "Feuchtgebiete" an den Maßstäben gehobener Literatur zu messen. Diese Bücher sind interessant, weil sie eine Öffentlichkeit schaffen für bis dahin eher unterrepräsentierte Themen, die aber eine große Rolle spielen in der Generation der 20- bis 30-Jährigen. "Mängelexemplar", "Feuchtgebiete" und auch ein weiterer aktueller Roman über eine junge Frau in Nöten, "Bitterfotze" von der schwedischen Journalistin Maria Sveland, 34, sind eine neue Art der Befindlichkeitserkundung**.
Offenkundig funktionieren sie wie Ventile, durch die lange aufgestauter Druck abgelassen werden kann. Bei Auftritten von Charlotte Roche kann man beobachten, dass viele Leserinnen der "Feuchtgebiete" laut "Richtig" und "Genau" rufen, wenn Roche von Schönheitsirrsinn und Scheidungstraurigkeit erzählt. Der literarische Wert scheint diese Leserinnen weit weniger zu interessieren als ihre eigene Betroffenheit.
Die Romanform erlaubt es den Autorinnen, ihre Erfahrungen zu verdichten und zuzuspitzen, mit Sprache und Form wollen sie nicht groß experimentieren. Charlotte Roche hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie zuvor kaum eine Zeile geschrieben hatte und ihre Bibliothek zu Hause eher überschaubar ist. So gesehen könnte man diese neuen Frauenromane auch dem Genre der Ratgeberbücher zuordnen.
Bezeichnend ist, dass alle drei Autorinnen für das Fernsehen gearbeitet haben. Sie waren keine Schriftstellerinnen, sondern sind wache Geister, die ihrer Generation die Probleme ablauschen. Sowohl Kuttner als auch Roche wurden jahrelang von Verlagen ermuntert, endlich einmal einen Roman zu schreiben. Den jungen, gutaussehenden Frauen, denen das Fernsehen eine Zielgruppe beschert hatte, traute man zu, dass sie die richtigen Themen finden und Bestseller liefern würden.
Kuttners Thema Depression betrifft vermutlich viel mehr junge Frauen und Männer, als es zunächst den Anschein hat. Sie erzählt von einer Generation, die unter schlechten Jobaussichten leidet, zerrissen zwischen dem Diktat der Coolness von Berlin-Mitte und der Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben.
"Wilde Tiere, kein erkennbarer Grund. In mir rennt plötzlich alles auf mich zu. Laut, schnell, enorm bedrohlich." Wie Kuttner von den Gewittern im Kopf, im Körper ihrer Heldin erzählt, gehört zu den überzeugenden Passagen von "Mängelexemplar". Und sie trifft eine Wirklichkeit: Psychische Erkrankungen von 20- bis 30-Jährigen nehmen in Deutschland deutlich zu.
Zur Panik der Heldin, auch das schildert Kuttner glaubhaft, kommt die empfundene Peinlichkeit. Depressionen mit 27? Wie sieht das denn aus? Welchen Freunden kann man davon erzählen? Und vor allem: Wie wird man den Makel möglichst schnell wieder los? Karo rennt zur Therapeutin und zum Psychiater, sie macht autogenes Training und zieht vorübergehend wieder bei ihrer Mutter ein. Sie wird so eine Art Therapie-Streberin, weil ihre dürre Lebenserfahrung sie glauben lässt, der Spruch "Leistung lohnt sich" lasse sich auch auf diese Krankheit anwenden.
Kuttners Verdienst ist es, über Depressionen mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu schreiben, dass man nach der Lektüre das Gefühl hat, über diese Krankheit sogar auf der nächsten Party plaudern zu dürfen.
Maria Svelands Roman "Bitterfotze" spielt dagegen auf einem klassischen politischen Feld - der Gleichberechtigung.
Svelands Protagonistin heißt Sara, ist 30 Jahre alt und auf dem Weg in einen einwöchigen Teneriffa-Urlaub. Zu Hause hat sie ihren Mann und ihren zweijährigen Sohn zurückgelassen. Im Flugzeug bestellt sie erst mal einen Whisky und liest Erica Jongs Feminismus-Klassiker "Angst vorm Fliegen" von 1973. Sie fragt sich, warum die meisten Frauen um sie herum so verkniffen und gestresst, eben so "bitterfotzig" wirken und warum sie selbst auf dem besten Weg dahin ist.
In Gedanken wandert Sara durch ihr Leben, erinnert sich an die einsame Zeit nach der Geburt ihres Sohnes, als ihr Mann in einer anderen Stadt arbeiten musste, sie mit einer Brustentzündung im Krankenhaus lag und ihr Kind vermisste; sie erinnert sich an die unglückliche Ehe ihrer Eltern, an ihre Mutter, von der sie vor allem den Rücken sah, weil es am Herd, an der Spüle, an der Arbeitsplatte stets etwas zu tun gab.
"Bitterfotze" erzählt schnell, wütend, humorvoll; das Buch knüpft mit seinem Verweis auf Erica Jong ausdrücklich an eine heute fast vergessene Tradition an. Auch in den siebziger Jahren erschien eine Fülle von Texten, in denen Autorinnen die Befindlichkeiten ihrer Zeitgenossinnen literarisch verarbeiteten, Bekenntnisse voller Emphase und Gefühl, die ebenfalls Tabuthemen wie die weibliche Sexualität aufgriffen. Auch sie wurden unerwartete Bestseller, Verena Stefans Roman "Häutungen" von 1975 etwa verkaufte sich in den ersten Jahren über 200 000-mal.
Der Ton von Kuttner, Roche und Sveland ist heute ein ganz anderer. Diese Autorinnen wollen unbedingt unterhaltsam sein, weniger pathetisch als rotzig, sie setzen von vornherein auf den Erfolg.
Bei Kuttner etwa sind alle Figuren trotz des düsteren Themas so munter und schlagfertig, als ob dem Leser keine Seite ohne Witz zugemutet werden könnte. Und um den mangelnden Amüsierwert von Depressionen endgültig wettzumachen, muss Karo durch lustige Rendezvous stolpern, bis sie am Ende auf einer Wiese im Park neben ihrem Mr. Right liegt.
Doch wie bei ihren feministischen Vorgängern vor rund 30 Jahren liegt der Reiz dieser Werke in ihrer Botschaft. Sie geben ein Statement ab, und wenn der Leidensdruck der Leserinnen wegfällt, das Gefühl, auf jeder Seite zustimmend mit dem Kopf nicken zu wollen, fällt auch jeder Grund weg, diese Bücher zu verschlingen.
CLAUDIA VOIGT
* Sarah Kuttner: "Mängelexemplar". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 272 Seiten; 14,95 Euro.
** Maria Sveland: "Bitterfotze". Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 264 Seiten; 8,95 Euro.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 12/2009
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