23.03.2009

LITERATURDie Grammatik der Liebe

Pulitzer-Preisträger Junot Díaz, als Kind aus Santo Domingo in die USA gekommen, erzählt in seinem ersten Roman von einer Einwandererfamilie und der ewigen Suche nach Sex und Heimat.
Die Weisheiten liegen am Wegesrand, sie sind ganz leicht zu übersehen. "Aber es bringt nichts, das Leben zu bereuen, das man nicht geführt hat", solche Sätze finden sich irgendwo, in Klammern versteckt oder in Fußnoten; und auch dieser scheint im Text herumzulungern: "Glück hat gern Zuschauer, aber das Unglück kommt nicht ohne sie aus."
Also sieht der Leser einer bizarren Familie in den Sekunden ihres Glücks und vor allem in den Jahren des Unglücks zu. Es sind Jahre, in denen der Held Oscar Wao dick und fetter wird, in Science-Fiction-Welten versinkt und hin und wieder zu joggen versucht, weil er so gern ein Mädchen hätte, um endlich einmal das tun zu können, was alle Männer aus seiner Heimat tun. Jedoch: "Muschiflaute."
In jenen Jahren läuft Oscars Schwester Lola, Punkrockerin und Leichtathletin, von zu Hause weg, fort von einer Mutter, die alle warmen Gefühle verschlingt und immer nur Hass zurückgeben kann. Langsam, im Rückblick, wird die Geschichte dieser Mutter entwickelt, bis man ihn tatsächlich verstehen kann, den ganzen Hass.
Auf die Männer, diese Gangster. Auf die Dominikanische Republik. Auf die USA, die eigenen Kinder, das Ende aller Träume.
Und hiervon, vom Ende der Träume, handelt in Wahrheit das ganze Buch: "Alles Glück, das man sich zusammenkratzt, wischt das Leben einfach so weg." Auch dieser Satz liegt einfach da.
"The Brief Wondrous Life of Oscar Wao" von Junot Díaz war mehr als bloß eine Überraschung in den USA, als es 2007 erschien. Es waren elf Jahre vergangen, seit der Autor seinen Erzählungsband "Abtauchen" veröffentlicht hatte, vielgelobt, lange her.
In diesen elf Jahren hatte Díaz weiter geschrieben, langsam, so, wie er immer schreibt: Morgens um sieben stand er auf, setzte sich an den Computer und begann zu
arbeiten, ehe Zeitungen, Mails und Anrufe ihn ablenken konnten. Um sich herum verteilte er Bücher, und jedes Mal, wenn ihm nichts mehr einfiel, las er ein wenig, bis ihm doch wieder etwas einfiel. Und dann strich und löschte er und schrieb von vorn - Junot Díaz ist ein Wegwerfer und Wiederschreiber, so jedenfalls stellt er sich dar, nie glücklich und selten zufrieden. Bis mittags um zwölf ging das, von Montag bis Freitag.
Elf Jahre also für einen Roman. Nicht dick, doch geschliffen und gefeilt ist das Buch und schwer beladen mit Anmerkungen und Geschichte. Es erinnert an Herman Melville, Franz Kafka, "Superman", David Foster Wallace und Homer und ist doch ganz und gar eigenwillig.
Darin kann ja die Kunst des Schreibens bestehen: so penibel, so unerbittlich immer weiter und immer wieder von vorn zu arbeiten, dass das Ergebnis die ganze Quälerei nicht mal mehr erahnen lässt. Diese Geschichte jedenfalls wirkt federleicht, getupft und manchmal auch wie in den Staub von Santo Domingo gerotzt: "Welcher Bruder in mittleren Jahren hat denn nicht schon versucht, sich durch den Zauber einer frischen Muschi zu verjüngen?"
Díaz gewann den Pulitzer-Preis für dieses Werk, das von Santo Domingo und den USA erzählt, von Migranten, die mit zwei Heimaten leben und daher ohne Heimat. Von Macht und ihrem Missbrauch erzählt es auch, denn in der Dominikanischen Republik herrschte der Diktator Trujillo, genannt "Fickfresse", es war die Zeit der Folterknechte, eines Zwerges zum Beispiel, der die Hoden der Gefangenen mit den Zähnen zerquetscht haben soll.
Nun ist der erschütternd lustige und ebenso erschütternd traurige Roman in Deutschland erschienen, und was nicht so einfach schien, nämlich die wüste Englisch-Spanisch-Mischung in ein deutsch-spanisches Abenteuer zu verwandeln, das hat die Übersetzerin Eva Kemper ähnlich exakt und lässig hinbekommen wie Díaz das Original*.
Junot Díaz, 40, verbringt die Hälfte des Jahres in Boston, weil er sechs Monate lang am Massachusetts Institute of Technology kreatives Schreiben lehrt. Während der anderen sechs Monate lebt er in New York. Er hat keine eigene Wohnung dort, Gäste empfängt er im Apartment seiner Freundin in East Harlem, 119. Straße, fünfte Etage. Oder die Freundin, Elizabeth, empfängt, denn Junot Díaz ist gerade von einer Lesereise aus dem Mittleren Westen zurückgekehrt, er duscht noch. Es ist eine helle Wohnung mit offener Küche, hellblauen Wänden und rötlich schimmerndem Parkett, mit Pflanzen und einem Regal voller "Oscar Wao"-Ausgaben.
Der Autor tritt auf und sinkt auf die grüne Couch. Breitbeinig, breitschultrig, er war mal Ringer, man sieht das noch.
Díaz erzählt, dass ihn die ganze Aufregung um sein Buch verwirre. "Stellen Sie sich vor, Toni Morrison wäre mit ihrem ersten Buch als weltbeste Schriftstellerin gefeiert worden - sie hätte aufgehört zu experimentieren, sie hätte sich niemals so entwickeln können, wie sie sich entwickelt hat." Er sagt, dass Aufmerksamkeit oder Ruhm so etwas wie Magnetkräfte seien, die "von links und rechts an deiner Kompassnadel ziehen, deshalb musst du sehr aufmerksam deinen inneren Künstler justieren. Auf Kurs bleiben".
Es klingt ein bisschen eitel, sicher, aber auch wahr. Dann sagt Díaz: "Die Gefahr ist, dass man abgelenkt wird. Die Gefahr ist auch, dass man aufhört, Neues zu erschaffen, falls man überhaupt jemals Neues erschaffen hat." Er schreibe jetzt jedenfalls noch langsamer als vor dem Ruhm, "ich erfahre gerade den kompletten Kollaps aller Disziplin".
Junot Díaz trägt Jeans, weißes T-Shirt, Sweatshirt, eine eckige Brille mit schwarzem Rand. Die Haare auf dem Kopf sind sehr kurz rasiert, die am Kinn ein bisschen weniger kurz. Er zuckt mit den Beinen wie ein Fußballtrainer, dessen Jungs wieder das Tor nicht treffen. Er sagt: "Auf der Universität versuche ich vor allem die absolute Bedeutung des kritischen Geistes zu vermitteln. Aufmerksamkeit für Sprache. Jede Erzählung, jede Präsidentschaftskampagne, das, was deine Geliebte dir im Bett erzählt, das Buch, das du liest, der Film, den du siehst, die Liebe und all diese Dinge haben eine Grammatik. Wer die Grammatik in allem sieht und versteht, der entdeckt eine neue Welt. Die Literatur."
Díaz wird nicht nur gefeiert in Amerika, manche hassen ihn auch. Weil er schreibt und spricht, wie Migranten eben sprechen. Das Wort "Nigger" taucht ständig auf. "Es existiert ein eigenartiges Verständnis von sprachlicher Korrektheit in der amerikanischen Kultur", sagt er, "mir wird hier unterstellt, dass ich den Begriff Nigger für angebracht hielte, wenn eine meiner Figuren ihn verwendet. Ich schreibe aber doch auch über Massenmord und Kindesvergewaltigung, was sagt denn das über mich?"
Seine ersten sechs Jahre verbrachte Díaz in der Dominikanischen Republik, dann holte der Vater die Familie nach New Jersey nach. Er habe sich damals alle Variationen von "Nigger" anhören müssen, erzählt Díaz: "Dumpfbackennigger, schmutziger Nigger, verfickter Nigger, trauriger Nigger, heller Nigger, spanischer Nigger. Ich habe als Autor eine Verpflichtung gegenüber diesem Wort, das mich so viele Jahre lang quälte."
Aus der Dominikanischen Republik stammt auch die Familie des Titelhelden Oscar. Und in der dominikanischen Schattenwelt in den USA wächst Oscar dann auf, und er sehnt sich nach Mädchen. Als er zu Besuch in Santo Domingo ist, verliebt er sich, er verliebt sich ja ständig und überall, doch endlich scheint ihn eine Frau zu erhören. "Wie schön! Wie wunderschön!", das sind die letzten Worte des Textes, aber es ist nicht seine letzte Wahrheit.
Oscar, Sonderling und Versager, sei natürlich ein Teil von ihm selbst, sagt Díaz. Sein Körper habe sich damals zwar angepasst an die fremde neue Heimat - Baseball, Football und Ringen wurden seine Welt, eine Jungswelt. "Die Körper von Kindern immigrieren immer schneller als Gedanken und Gefühle", so Díaz. Freundschaften und Mädchen aber, das sei anders, komplizierter; er sei einsam gewesen und in Bibliotheken verschwunden.
So schaffte er es durch die Highschool, und irgendwann habe er beschlossen, sein Leben zu ändern. Nett sein, athletisch sein, klug sein, mehr musste er nicht tun, um Erfolg zu haben im Reich der Pubertieren-
den: "Ich hatte also das Glück, dass es in meinen Möglichkeiten lag, mein Leben tatsächlich zu verändern."
Und auf einmal: "Tonnen von Mädchen. Alles drehte sich. Es waren zwei verschiedene Leben."
Diese zwei Leben sind heute wohl so etwas wie der Schatz des Schriftstellers. Díaz kennt das Leben des Verklemmten und das des Verführers. Er kennt auch das Leben der Dominikaner und das der Nordamerikaner. Junot Díaz glaubt, dass "der Kapitalismus aus der Aorta und den Kopfschlagadern zugleich bluten kann - die Menschen aus der Dritten Welt werden sich trotzdem auf den Weg machen".
Manchmal scheint es, als könnte dieses Buch sich selbst sprengen, ziellos werden oder bersten. Doch dann hält Yunior es zusammen, der große Teile der Geschichte erzählt. Yunior ist Oscars Zimmergenosse und Lolas Ex-Freund, ein Trickser und Frauenbelüger, Hauptsache, er bekommt täglich eine Neue ins Bett. Wird wenigstens Yunior länger als für Sekunden glücklich?
Ein gutes Buch, sagt Junot Díaz, versuche nicht, der Freund des Lesers zu sein, sondern den Leser in tiefe menschliche Verbindungen zu verstricken. Noch so eine Weisheit des Romans ist dann diese: "Es sind nie die Veränderungen, die wir uns wünschen, durch die alles anders wird."
Dieser Satz liegt nicht am Rand. Er ist der Einstieg in einen der vielen Abgründe eines zu kurzen Lebens. KLAUS BRINKBÄUMER
* Junot Díaz: "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao". Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Kemper. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 384 Seiten; 19,95 Euro.
* Im November 1961 mit einer Karikatur des kurz zuvor ermordeten Diktators Rafael Trujillo.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 13/2009
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