30.03.2009

ERMITTLERSpur im Koffer

Der Glaube an die Unfehlbarkeit von DNA-Tests hat Hunderte Polizisten jahrelang nach einer Mörderin suchen lassen, die nur in der Phantasie der Fahnder existierte.
Es ist ein billiges Wegwerfprodukt aus dünnem Holz und etwas Baumwolle, 2000 Stück gibt es für knapp 56 Euro. Der 3-Cent-Artikel liegt massenhaft in Arztpraxen und Laboren herum, für Abstriche und Speichelproben. Und bis vor kurzem lag er auch in den Einsatzkoffern vieler Spurensicherungsbeamter im Südwesten Deutschlands und in Österreich.
Diese schlichten Wattestäbchen der österreichischen Firma Greiner Bio-One sind offensichtlich die Ursache für eine der größten Blamagen der deutschen Polizeigeschichte. Sie sind zum Symbol dafür geworden, wie der unkritische Einsatz einer zwar außerordentlich erfolgreichen, aber eben nicht immer hundertprozentig verlässlichen Methode ein Großaufgebot an Polizisten, Staatsanwälten und Kriminaltechnikern jahrelang in die Irre führen kann.
Quer durch Europa jagte ein halbes Dutzend Sonderkommissionen eine vermeintlich vielfache Mörderin, Einbrecherin und Autoknackerin, die sich Ende vergangener Woche als reines Kunstprodukt von Polizei-Profilern erwiesen hat: Entstanden aus der unglücklichen Kombination von naivem Glauben an die Unfehlbarkeit hochsensibler Analysegeräte und den versprengten Haar- oder Körperzellen einer Frau, die während der Arbeit in der oberfränkischen Verpackungsfirma Böhm Plastics wohl versehentlich Spuren ihres Erbguts auf eine Reihe vor ihr liegender Greiner-Wattestäbchen nieste oder schüttelte.
Ohne es zu wissen, hatten Ermittler seit 2001 die Zellen dieser Frau mindestens 40-mal im Gepäck, als sie in Deutschland, Österreich und Frankreich ausrückten, um Tatort-Spuren zu sichern. Sie holten wie üblich eines der Plastikröhrchen aus ihrem Koffer, das zuvor bei Böhm verpackt worden war. Sie zogen einen bis zu 15 Zentimeter langen Wattestab aus dem Röhrchen, feuchteten den weißen Baumwollkopf leicht an und strichen damit über Türklinken, Lichtschalter, Getränkedosen und in einem Fall sogar über eine Patrone, die in einer Wand gesteckt hatte. Dann schoben sie das Stäbchen wieder in das Röhrchen, das Röhrchen in eine Plastiktüte - und brachten die Probe in ein Labor.
Dort wurde die Watte in eine Pufferlösung getunkt, die herausgelösten Zellen der Böhm-Arbeiterin wurden aufgeknackt, ihre DNA isoliert und analysiert. Und dann zogen Polizeicomputer mit kühler Präzision die irrwitzige Verbindung zwischen all diesen angeblichen Spuren und ihren Fundorten: Die unbekannte Frau schien für Morde in Freiburg und Idar-Oberstein verantwortlich zu sein, für die brutale Hinrichtung einer Polizistin in Heilbronn, für zahlreiche Gartenhaus- und Autoaufbrüche; sie musste in Schulen, Geschäfte, ein Hallenbad und einen Wohnwagen eingestiegen sein, und sie war wohl ein Junkie, weil sich ihr Erbgut scheinbar an einer Drogenspritze fand.
Vor allem in Baden-Württemberg, wo die Ermittlungsfäden nach dem Heilbronner Polizistinnenmord zusammenliefen, hielten Staatsanwaltschaft und eine Sonderkommission aus bis zu 30 Beamten trotz Warnungen so lange an dem Konstrukt der durch Europa streunenden, drogenabhängigen Multikriminellen fest, bis es auch beim besten Willen nicht mehr ging: Die DNA des weiblichen Phantoms fand sich Mitte März sogar in einer Probe, die einem alten Fingerabdruck eines 2002 verschwundenen männlichen Asylbewerbers entnommen worden war.
"Ich kann mir das nur psychologisch erklären", kommentiert Lutz Roewer vom Institut für Rechtsmedizin an der Berliner Charité das Verhalten der Ermittler, die monatelang alle Warnungen, unter anderem ihrer Kollegen aus Österreich, ignoriert hatten. Die hohe Erfolgsquote der DNA-Analyse bei der Aufklärung von Straftaten habe die Verantwortlichen womöglich blind gemacht für die Unwägbarkeiten des hochsensiblen Verfahrens, vermutet Roewer. Dabei wisse jeder Experte, dass man vor Verunreinigungen durch fremde DNA nie geschützt sei.
Immer wieder finde sich in den Proben zum Beispiel versehentlich hineingeratenes Erbmaterial von Ermittlern oder Labormitarbeitern, sagt Roewer. Im Laborversuch reiche es mitunter, wiederholt auf ein zehn Zentimeter vom Mund entferntes Papiertaschentuch zu atmen, um dort eine nachweisbare Menge seiner DNA unterzubringen. Der münstersche Rechtsmediziner Bernd Brinkmann hatte die badenwürttembergischen Phantom-Sucher schon im Dezember gemahnt, auch an die Möglichkeit eines solchen Fehlers zu denken.
Man habe in den vergangenen Monaten Hunderte von Wattestäbchen auf Verunreinigungen untersucht, aber nie etwas gefunden, verteidigen sich die Fahnder. Und ihr Chef, der Stuttgarter Innenminister Heribert Rech, hat sich bei der Suche nach den Schuldigen schon weit nach vorn gewagt: Man werde prüfen, ob der Wattestäbchen-Hersteller Greiner nicht zu Schadensersatz herangezogen werden könne.
Doch der Befreiungsversuch könnte nach hinten losgehen. Die Firma Greiner Bio-One wehrte sich am Freitag mit dem Hinweis, ihre Wattestäbchen seien für DNA-Analysen ohnehin "nicht vorgesehen". Geliefert habe man, wie den Polizeibehörden bekannt sei, lediglich "sterile" Produkte. Das heißt: Die Wattestäbchen werden, nachdem sie zu einem kompletten "Abstrichbesteck" in Plastikröhrchen gesteckt wurden, vom Hersteller noch einmal einer ionisierenden Strahlung ausgesetzt, die Keime abtötet. DNA-Reste werden dadurch aber nicht entfernt.
Dass es einen Unterschied zwischen steril und DNA-frei gibt, ist vielen Polizeiverantwortlichen offenbar erst jetzt aufgegangen. Auch in Hessen, bestätigte ein LKA-Sprecher dem SPIEGEL, werde von den Lieferanten bislang lediglich "steriles Einwegmaterial" verlangt. Und auf der Liste von Firmen, bei denen sich hessische Polizeipräsidien mit Wattestäbchen eindecken können, finde sich auch Greiner Bio-One. "Aber das wird sich jetzt sicher ändern", meint ein LKA-Mann.
Fachleute wie der Genetiker Roewer sind allerdings skeptisch, ob ein Hersteller garantieren kann, dass seine Produkte absolut DNA-frei sind. Denn die Erbsubstanz ist zäh: Jüngere Untersuchungen hätten gezeigt, dass DNA-Moleküle sogar die hohen Temperaturen bei der Herstellung der Plastikröhrchen für die Abstrichsets überstehen. Selbst in Mammuthaaren, Neandertalerknochen und im Ötzi-Darm wurde noch Erbsubstanz gefunden.
Diese Haltbarkeit macht andererseits den großen Erfolg der DNA-Analyse aus. Schon das Erbmaterial aus einer geringen Anzahl von 15 bis 20 Zellen, im Einzelfall sogar noch weniger, reicht für die Untersuchung. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei zufällig ausgewählte Personen dieselbe DNA-Formel aufweisen, beträgt etwa 1 zu 60 Milliarden.
Die Genauigkeit der Methode lässt die Begehrlichkeiten der Ermittler immer weiter wachsen. Auf der zentralen DNA-Datei, die 1998 beim Bundeskriminalamt (BKA) eingerichtet wurde, waren Mitte März mehr als 770 000 Datensätze gespeichert. Seit 2005 können neben Schwerverbrechern auch Tätern, die mehrfach Diebstähle oder Betrügereien begangen haben, DNA-Proben abgenommen werden. Dadurch stieg die Zahl der jährlich beim BKA neu erfassten Datensätze noch einmal stark an: von 106 157 im Jahr 2006 auf 130 651 im vorigen Jahr.
Die DNA-Untersuchungslabors sind von der Entwicklung förmlich überrollt worden. In seinem Labor habe sich die Zahl der Analysen seit 1998 etwa verzehnfacht, sagt der Berliner Genetiker Roewer: auf rund 3000 pro Monat. Eine Folge dieser "Massenabfertigung" sei leider auch, dass der ehemals enge Kontakt zwischen Fahndern und Laborleuten fast abgebrochen sei. "Früher", sagt Roewer, "haben wir gerade bei Kapitalverbrechen die Analyseergebnisse detailliert mit den Ermittlern durchgesprochen und sehr kritisch auf ihre Plausibilität geprüft."
So viel Zeit bleibe heute oft nicht mehr. Auch deshalb, sagt der Laborchef, könne kein Mensch garantieren, dass Fälle wie die peinliche Phantom-Suche in Baden-Württemberg nie wieder passierten.
MATTHIAS BARTSCH, VERONIKA HACKENBROCH,
CAROLINE SCHMIDT, ANDREAS ULRICH
Von Matthias Bartsch, Veronika Hackenbroch, Caroline Schmidt und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 14/2009
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